Nord bei Nordwest – Blindgänger

Hinnerk Schönemann, Jana Klinge, Marleen Lohse, Mariann Kaiser. Warten ... auf die Entschärfung einer Bombe

31.12.2025 10:00 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
05.02.2026 20:15 ARD TV-Premiere
Foto: NDR / Gordon Timpen
Foto Rainer Tittelbach

Wegen des Funds eines Blindgängers muss die Bevölkerung von Schwanitz evakuiert werden. Außerdem sind zwei Killer im Begriff, im Ort ihr Unwesen zu treiben. Doch ein ansässiges, unbescholtenes Duo kommt ihnen zuvor: Mutter und Sohn; sie hofft bis heute auf die Wende von der Wende, er verkauft Waffen im Darknet. „Blindgänger“, die 29. Episode des ARD-Donnerstagskrimis „Nord bei Nordwest“ (NDR / triple pictures), besitzt auf den ersten Blick alles, was die erfolgreiche Reihe auszeichnet. Über 90 Minuten aber hält dieser wie gewohnt etwas andere Krimi nicht den hohen dramaturgischen Standard der Reihe. Obwohl es an skurrilen Szenen und schrägen Momenten nicht mangelt, fehlt es der Narration an Dichte und Raffinesse – worunter der Erzählfluss etwas leidet. Dafür beweist Hinnerk Schönemann, zum dritten Mal Regisseur der Reihe, mit inszenatorischen Gags sein Gespür für die „Nord bei Nordwest“-DNA.

Der Fund eines Blindgängers zwingt Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann), Hannah Wagner (Jana Klinge) und „Hilfssheriff“ Mehmet Ösker (Cem Ali Gültekin), die Bevölkerung von Schwanitz zu evakuieren. Bei einem der Hausbesuche findet Jacobs im Vorgarten eine Waffe. Was er trotz Blutspuren und eines fehlenden Teppichs ahnt, aber noch nicht weiß: Ein Killer, der auf Jürgen Thorgard (Pit Bukowski) angesetzt wurde, findet seine letzte Ruhe in der Ostsee, jedenfalls vorübergehend. Jetzt muss Andrej Soroka (Max Hoppe), ein Kollege aus derselben Branche, den Auftrag übernehmen. Anfangs mit mäßigem Erfolg. Thorgard ist zwar kein Profi-Krimineller im Vergleich mit jenem Handlanger der Waffenmafia, aber ein helleres Köpfchen, und er hat „Mutti“ (Gitta Schweighöfer) an seiner Seite. Die ist politisch zwar ein bisschen verpeilt, weiß aber, was sie tun muss, wenn es drauf ankommt. Von alldem wissen Jacobs & Co lange nichts; zu sehr behindert der Blindgänger die Ermittlungen. Und für Hannah und Jule gibt es weitere Gründe, neben der Spur zu sein. Der Kampfmittel-Spezialist, der den Blindgänger entschärfen soll, ist Hannahs Bruder (Mike Hoffmann), zu dem sie aus gutem Grund seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Jule (Marleen Lohse) indes macht sich Sorgen um eine Heimausreißerin (Eilin Aliza) mit Hund, die sie in der Praxis verschreckt haben könnte und die nichts von der Evakuierung mitbekommen hat.

Nord bei Nordwest – BlindgängerFoto: NDR / Gordon Timpen
Wer verursacht mehr Unheil in Schwanitz? Mareike Thorgard (Gitta Schweighöfer) und ihr Sohn Jürgen (Pit Bukowski) oder die Killer der Waffenhändler-Mafia (Robin Bongarts und Max Hopp)? Für Lacher und gute Unterhaltung sorgen jedenfalls alle vier!

„Blindgänger“, Episode 29 des ARD-Donnerstagskrimis „Nord bei Nordwest“, besitzt auf dem Papier und auf den ersten Blick alles, was die erfolgreiche Reihe auszeichnet. Es gibt zwei Auftragskiller, die mit der Fähre auf Schwanitz ankommen und bei denen man nur schwer sagen kann, wer der dümmere von beiden ist. Die Gegenspieler sind auch nicht von schlechten Eltern. Mareike Thorgard sitzt noch auf einem Waffenarsenal aus DDR-Zeiten und hofft bis heute auf die Wende von der Wende. Ihr Sohn hat mehr fürs Darknet übrig – und belächelt seine Mutter: von wegen „Kapital allein macht nicht glücklich“. Nicht nur für diese beiden hat sich Drehbuchautorin Mariann Kaiser, „Nord bei Nordwest“-Novizin, ein paar hübsche Sätze ausgedacht („Du glaubst ernsthaft, der Sozialismus kommt und klingelt bei dir?“). Auch Töteberg und seine Kollegin Frau Bleckmann dürfen Launiges von sich geben. Er: „Das Leben ist Warten. Warten auf, auf“ (Pause) Sie: „Worauf auch immer.“ Er: „Wie lang dauert es.“ Sie: „Ungewiss“. Klingt auf dem Papier möglicherweise weniger witzig, als es im Film, trocken gespielt von Stephan A. Tölle und Regine Hentschel, rüberkommt. Und die Situation hat ohnehin komödiantisches Potenzial: Diese beiden Bestatter mit Leib und Seele haben die Nacht in ihrem Leichenwagen verbracht, Blick auf die Ostsee, beseelt von der Ruhe, „unsa(r)glos glücklich“, bis die Leiche des besagten Killers vorbeischwimmt. Originell und passend auch der Satz des geschäftstüchtigen Bestatters: „Jeder Vollidiot ist auch ein potenzieller Kunde.“ Das ist „Nord bei Nordwest“, wie es Fans der Reihe mögen.

Geschmackssache sind seit jeher die beruflichen Eskapaden und der Witz von Mehmet Ösker alias Cem Ali Gültekin. Seine kalauernden Albernheiten gehören aber auf jeden Fall auch zur DNA der seit 2014 laufenden NDR-Degeto-Reihe. In „Blindgänger“ bekommt er zu Beginn eine Szene, die die Vergeblichkeit des eigenen Tuns wunderbar in Bilder fasst. Mit seinem Bagger kommt er nicht an gegen dieses metallene Monstrum in der Erde, also versucht es der vermeintliche Handwerker-Profi mit allerlei technischem Gerät, von Hammer und Meißel bis Schlagbohrer. Auf ähnlich verlorenem Posten befindet sich auch jener mutmaßliche eiskalte Andrej Soroka. Die Szene, in der er und sein Opfer das erste Mal aufeinandertreffen, ohne sich wirklich zu begegnen, ist die kunstvollste und komischste des Films. Der Killer geht links mit gezückter Waffe um Thorgards Haus herum, während dieser rechts Sorokas Kompagnon im Teppich durch den Vorgarten schleift. Noch ist die Szene auf Spannung hin inszeniert. Dann wird’s irrwitzig. Soroka fliegt in hohem Bogen durch die Luft, landet unsanft und wird zu allem Übel auch noch von Thorgards Auto überrollt. Es ist die Unverhältnismäßigkeit von Aktion und Reaktion, die diese Sequenz zum Brüllen komisch macht. Die Situation selbst ist ja schon komisch. Dass Thorgard, ganz auf den Abtransport der Leiche fokussiert, aber nichts von seinem Ungeschick merkt, macht die Sache noch komischer und dass Soroka nach dieser Tortur am Telefon so tut, als sei alles in bester Ordnung, setzt dem Witz die Krone auf. Auch fortan ist dieser verkappte Killer, der stoisch und selbstgewiss seinen Weg geht, das Herzstück für Freunde absurder Krimikost.

Nord bei Nordwest – BlindgängerFoto: NDR / Gordon Timpen
Die Bomben-Entschärfungs-Idee und Hannah Wagners Vorgeschichte funktionieren – trotz des finalen Knalls – weniger gut. Und weil tote Tiere in „Nord bei Nordwest“ natürlich gar nicht gehen, muss Hauke Jacobs mal wieder zum Skalpell greifen. Hinnerk Schönemann, Jana Klinge, Marleen Lohse in der 29. Episode der beliebten ARD-Reihe mit dem Titel „Blindgänger“ (NDR, 2026)

Etwas kurz kommt in „Blindgänger“ die Beziehungsebene. Jacobs hat zur Verwunderung der Damenwelt das Duzen aufgegeben. Und zum Flirten bleibt keine Zeit, eine abendliche „Papierfliegerfaltverabredung“ zwischen ihm und Hannah fällt der Bombe zum Opfer. Die private Vorgeschichte der Polizistin, der Zwist mit ihrem Bruder, mag ein Punkt auf der Checkliste der Kreativen gewesen sein, um die Frau, die bisher wenig von sich preisgegeben hat, ein bisschen nahbarer zu machen. Besonders überzeugend ist dieser Backstory-Komplex nicht, und die finale „Familienzusammenführung“ im Angesicht einer Riesenexplosion ist wenig originell, erwartbar ja, aber nicht unbedingt in „Nord bei Nordwest“. Auch sonst hält die Episode nicht den hohen dramaturgischen Standard der Reihe. Obwohl es an skurrilen Szenen und schrägen Momenten, wie gesehen, nicht mangelt, fehlt es der Narration an Dichte, an raffinierten Bezügen, an Doppelbödigkeiten, an ausgeklügelter Informationsvergabe. Die Makrostruktur der Erzählung ist wenig ausgefeilt. Und so hängen die Geschichten, parallel zur Bombenentschärfung, die sich zieht und zieht, im Mittelteil etwas durch. Darunter leidet dann auch der Erzählfluss. Hinnerk Schönemann, der hier zum dritten Mal Regie führt, versucht, dem mit einigen inszenatorischen Gags (der Igel als Begleiter, norddeutsche Sinnsprüche auf den Werbetafeln, skurrile Kamerablicke) beizukommen. Das erhöht den Unterhaltungswert im Moment, macht den Handlungsverlauf aber nicht flüssiger, die Dramaturgie nicht geschmeidiger. Ob das die vielen Fans der Reihe wohl auch so sehen?

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1 Antwort

  1. Als vor zehn Jahren die damalige Produzentin Claudia Schröder und der Autor Holger Karsten Schmidt eine Nachfolgereihe für die im ZDF abgesetzte „Freestyle“ – Finn Zehender – Reihe (wieder) für Hinnerk Schönemann konzipierten, verdeutlichte für Filmkenner schon der vortrefflich gewählte Titel das, was sie vorhatten bzw. fortsetzen wollten. Der Titel ist natürlich eine Reminiszenz an Hitchcocks „North by Northwest“ (Der unsichtbare Dritte). In diesem Klassiker wird der Protagonist Cary Grant im Verlauf der Handlung von Norden nach Nordwesten von einer unvorhersehbaren dramatischen Szene zur nächsten durch die USA getrieben. Hitchcocks Prinzip der „Unvorhersehbarkeit durch Unterschiedlichkeit“, auch filmgeschichtlich als „North by Northwest – Prinzip“ bekannt, hat er mal so zusammengefasst: „Die nächste Szene wird anders sein- und genau deshalb willst du sie sehen.“ Und genau dieses Prinzip verfolgt die wunderbare Reihe nun schon über fast dreißig Folgen. Denn nur eins ist bei NbNW sicher: Die nächste Folge wird wieder anders sein als die vorherige. Und das ist einer der Gründe für den lange anhaltenden Erfolg der Reihe (nach dem Tatort die erfolgreichste Reihe in der ARD). Der Titel der Reihe spielt somit auf sein gelungenes Erzählprinzip an. Was haben wir in Schwanitz nicht alles schon erlebt…
    Insofern passt die Folge „Blindgänger“ auch wunderbar ins Konzept. Produzent Seth Hollinderbäumer und Hinnerk Schönemann haben genau erkannt, was das vorliegende Script leisten konnte und haben dieses Mal einfach nur einen wunderbar leichten, leicht selbstironischen und wirklich über alle Maßen lockeren Beitrag zur Reihe geschaffen. Man merkt dem Film sichtlich an, welchen Spaß Regisseur Hinnerk Schönemann und sein kongenialer Kameramann Uwe Neumeister beim Dreh hatten. Nicht umsonst waren die „Blindgänger“ die erste Folge der Reihe, die auf einem Filmfestival ihre Premiere vor Publikum gefeiert (24. August 2025, 21. Festival des deutschen Films, Ludwigshafen) und am Wettbewerb um den Rheingold – Publikumspreis teilgenommen hat. Die Festivalmacher in Ludwigshafen haben den Film im August wie folgt beurteilt: „Ein lebensfroh ironischer Film für gute Laune“.
    Und lieber Rainer Tittelbach: Ihre Frage, wie wohl die vielen Fans der Reihe den Film beurteilen werden, kann ich zumindest für eine (vielleicht nicht repräsentative) Stichprobe des Premierenpublikums von ca. 1000 Leuten bereits beantworten (ich war nämlich auch bei der Premiere dabei): Er kam beim Publikum absolut super an, der anwesende Teil von Cast und Crew bekam Standing Ovations. Und beim an die Premiere anschließenden Publikumsgespräch saß das Redaktions-Urgestein Pit Rampelt von der Konkurrenz (ZDF!) mit auf dem Podium. Er outet sich als echter „Nord bei Nordwest – Fan“ und berichtete, dass er den Film auf der Anreise im Zug auf dem Laptop gesehen und vor Lachen hätte schreien müssen und damit sich den Unmut der Mitreisenden hinzugezogen hat. Wenn das kein Kompliment ist…

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Reihe

ARD Degeto

Mit Hinnerk Schönemann, Jana Klinge, Marleen Lohse, Cem Ali Gültekin, Pit Bukowski, Gitta Schweighöfer, Max Hopp, Mike Hoffmann, Stephan A. Tölle, Regine Hentschel, Joshy Peters, Eilin Aliza, Robin Bongarts

Kamera: Uwe Neumeister

Szenenbild: Kay Anthony

Kostüm: Antja Petersen

Schnitt: Tina Freitag

Musik: Stefan Hansen

Redaktion: Donald Kraemer (NDR), Katja Kirchen (Degeto)

Produktionsfirma: triple pictures

Produktion: Seth Hollinderbäumer, Joshua Lantow, Oliver Behrmann

Drehbuch: Mariann Kaiser

Regie: Hinnerk Schönemann

EA: 31.12.2025 10:00 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 05.02.2026 20:15 Uhr | ARD

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