Fast perfekte Frauen

Silke Bodenbender, Roemeth, Schleiff, Amali, Gabriela Zerhau. „Weil es ein Leben lang zu viel war“

Foto: ZDF / Sandra Hoever
Foto Rainer Tittelbach

Sechs Frauen suchen an der Nordsee Ruhe und neue Perspektiven. Nur eine von ihnen hat offenbar nicht aus gesundheitlichen, sondern rein berufsbezogenen Gründen in der Kurklinik eingecheckt. „Alles ist schwer, bevor es leicht wird“ – Diese Affirmation, die den Frauen während ihres Psycho-Coachings weiterhilft, hat sich auch die Dramaturgie des gut inszenierten ZDF-Fernsehfilms „Fast perfekte Frauen“ (Network Movie) zunutze gemacht. Erst gehen die Sechs freundlich auf Distanz, schließlich finden sie zueinander, machen wichtige Gruppenerfahrungen. Silke Bodenbender ist das Gesicht des Films, weil sie die narrativ dichteste Figur spielt und weil sie die Spannung zwischen äußerer Fassade und innerer Verunsicherung am markantesten zum Ausdruck bringt. Aber auch die anderen Schauspielerinnen beleben die – nur auf den ersten Blick – etwas stereotyp geratene Typenschau. Indem der Film (fast) völlig auf Männer verzichtet, verfolgt er konsequent das, was die Geschichte einfordert: das Recht der Frauen, sich um sich selbst zu kümmern, ja, die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden.

Sie hängen alle sechs mächtig in den Seilen: die alleinerziehende Journalistin und Verdrängungskünstlerin Suse (Silke Bodenbender), Christine (Anne Roemeth), das schwäbische Arbeitstier, die vorlaute Nörgeltante Doris (Tanja Schleiff), die stille, ausgebrannte Krankenschwester Leisha (Sabrina Amali), die ständig von ihrer Mutter bevormundete Jennifer (Malene Becker) und die wesentlich ältere, vereinsamte „Frau Brandner aus München“ (Ilse Neubauer). Sie alle suchen in einer Kurklinik an der Nordsee Ruhe und neue Perspektiven für ein in die Sackgasse geratenes Leben. Helfen werden ihnen dabei therapeutische Gespräche, viel Bewegung in der Natur, Schwimmen, Körperübungen; vor allem aber machen die sehr unterschiedlichen Frauen heilsame Gruppenerfahrungen. Erst einmal sind alle angespannt, die Gegensätze scheinen größer zu sein als die Gemeinsamkeiten. Doch irgendwann verstehen die Frauen einander besser, erkennen, dass sie in dieser Klinik am Meer und besonders auch in dieser Gruppe gut aufgehoben sind. Allein Suse aus Hamburg verfolgt ihre eigene Agenda. Sie hat offenbar nicht aus gesundheitlichen, sondern rein berufsbezogenen Gründen in der Kurklinik eingecheckt. Für einen populären Podcaster soll sie Material zum Thema Burnout & Reha sammeln. Dass er die Ergebnisse ihrer Recherche als „Reha Undercover – Urlaub auf Rezept“ skandalisieren möchte, ist jedoch nicht in ihrem Sinne, zumal auch sie sich hier immer wohler fühlt. Denn auch sie hat ein Päckchen zu tragen – obgleich sie es lange vor den anderen zu verbergen weiß.

Fast perfekte FrauenFoto: ZDF / Sandra Hoever
Doris (Tanja Schleiff) ist übersensibel, reagiert auf Lärm allergisch, sorgt jedoch mit ihrem inneren Stress für Unruhe in der Gruppe.

„Alles ist schwer, bevor es leicht wird.“ Diese Affirmation, die den Frauen während ihres Psycho-Coachings weiterhilft, hat sich auch die Dramaturgie des ZDF-Fernsehfilms „Fast perfekte Frauen“ zunutze gemacht. Erst gehen sie mehr oder weniger freundlich auf Distanz zueinander, die unsichere Frau aus dem Ländle, weil sie es nicht anders kennt, oder die Krankenschwester, weil sie einfach nur ihre Ruhe haben will. Die umtriebige Berlinerin und die von ihr als Journalistin geoutete Suse setzen auf komplexere Überlebensstrategien: Um nicht zu tief in die eigenen Abgründe zu blicken, hat die eine zu allem und jedem etwas zu sagen, während die andere lieber schweigt – und lächelt. Silke Bodenbender ist das Gesicht des Films, weil sie die narrativ dichteste Figur spielt und weil sie die Spannung zwischen äußerer Fassade und innerer Verunsicherung am markantesten zum Ausdruck bringt. In ihrem Belächeln der Heilmethoden („Was wünscht sich Ihr inneres Kind?“) und der anderen Frauen („so seltsame Gestalten“) verkörpert sie ein Stück weit den gesunden Menschenverstand. Doch dieser Menschenverstand erweist sich bei ihr weder als gesund noch der eigenen Heilung förderlich. Ja, auch diese Strahlefrau steckt in einer Krise. „Job weg, Mann weg, Brust weg“, bringt sie es auf ihre Art auf den Punkt. In einem Zweiergespräch: Suse und Christine, die Frau, die immer nachgibt, ihren drei Kindern und vor allem ihrem depressiven Mann („zusammengewachsen mit seinem Sofa“), sind sich nähergekommen. Der Voice Recorder läuft zwar, doch dass die Journalistin auch von sich erzählt, ihrer anorektischen Tochter, dass sie Christines Missbrauchsandeutungen geschockt aufnimmt und sie mit ihr in die „Schmerzens“-Zeile aus dem „Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ einstimmt, offenbart noch vor der Halbzeit des Films ihre Wandlung. Als Identifikationsfigur funktioniert Suse perfekt: erst Psychokram-skeptisch wie viele ZuschauerInnen, dann bereit, sich zu öffnen. Und so fühlt sich das Schwere plötzlich eben sehr viel leichter an.

Fast perfekte FrauenFoto: ZDF / Sandra Hoever
Suse (Silke Bodenbender) und Christine (Anne Roemeth) beginnen, ihre Träume und Geheimnisse miteinander zu teilen. Erwartungsgemäß kommt es jedoch zu einem Vertrauensbruch. Gut, dass Suses Podcast-Aktivität nicht Gruppenthema wird, sondern dramaturgisch allein für die zentrale Zweier-Beziehung von Belang ist. Das sorgt für eine konzentrierte Narration.

Die Entwicklung von Bodenbenders Charakter mag dramaturgisch clever sein, psychologisch ist sie jedoch ähnlich durchschaubar wie die gesamte narrative Konzeption. 90 Filmminuten sind für einen Ensemblefilm immer eine Herausforderung, ohne Stereotype kommt man da nicht aus. Weil sich Gabriela Zerhau und Ko-Autorin Maya Duftschmid zu Recht auf ein Konfliktpärchen konzentrieren, werden die anderen mehr oder weniger zu Erfüllungsgehilfinnen im kollektiven Heilungsprozess. Sie erweitern allerdings die Palette des Ausgebrannt-Seins. Da ist die Frau ohne Mann, dafür mit einem pflegebedürftigen Sohn, der das Jugendamt im Nacken sitzt. Da ist die Witwe in den Achtzigern, der nach der Musikkarriere nun auch noch ihr Mann fehlt. Da ist die Krankenschwester, an der auch alle privaten Krankheitsfälle hängen bleiben. Außerdem kommt das für Töchter unangenehme mütterliche Kontrollverhalten gleich doppelt ins Spiel. Die Schauspieler erfüllen und beleben die Figuren und aktivieren dadurch die Kritikerfloskel, in jedem Klischee stecke stets auch ein Funken Wahrheit. Der hoffnungsvolle Ausgang scheint in diesem Genre von vornherein eingepreist zu sein; die Zielgruppe für „Fast perfekte Frauen“ erwartet jedoch auch nichts anderes. Und eine Erkenntnis, die die Frauen im Film und viele Zuschauerinnen nur unterstreichen können: Die sechs sind nicht wegen temporärer Erschöpfungszustände auf Kur, sondern, „weil es ein Leben lang zu viel war“. So eine Erholung kann vor der Heilung wehtun, weil man erfährt, was man versäumt hat.

Es gibt nur zwei Mainstream-Filme, in denen kein einziger Mann auftritt, George Cukors „Die Frauen“ (1939) und das Remake aus dem Jahre 2008. Zerhaus durchweg stimmig besetzter Fernsehfilm kommt diesem produktionstechnischen Sonderfall so nahe wie keine andere deutsche TV-Fiction-Produktion. Der unangenehme Podcaster sondert nur kurz auf dem Smartphone-Display seinen intellektuellen Müll ab, selbst ein Pfleger ist – außer seiner Rolle als freundlicher Helfer für die Frauen – mit seinen Sekunden-Auftritten kaum der Rede wert. Damit verfolgt auch die Narration das konsequent, was sie in der Geschichte einfordert: das Recht der Frauen, sich um sich selbst zu kümmern, ja, die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden. Egal, ob sie Sirtaki tanzen, beschwipst Cocktails trinken oder nackt baden gehen. In diesen Momenten der Zweier-Beziehung zwischen Suse und Christine gewinnt der Film zunehmend an (Beziehungs-)Tiefe. Alles im Rahmen des 21.15-Karfreitag-Sendetermins, versteht sich. Auch inszenatorisch überzeugen diese Szenen, in denen die Nähe der Frauen kontrastiert wird mit der rauen Naturlandschaft, den menschenleeren Strandtotalen. Zweisamkeit statt Einsamkeit. Aufgeklärten Geistern mögen im Zeitalter des Individualismus diese kleinen Schritte in Richtung persönliche Freiheit und die erfüllte Sehnsucht nach Gemeinschaft banal erscheinen. Für die mag dieser Film nicht gemacht sein. Oder gerade doch?

Fast perfekte FrauenFoto: ZDF / Sandra Hoever
Sie haben mehr gemeinsam als vermutet, sie öffnen sich und lernen die Gemeinschaft zu schätzen: Suse (Silke Bodenbender), Jennifer (Malene Becker), Frau Brandner (Ilse Neubauer), Leisha (Sabrina Amali), Doris (Tanja Schleiff) & Christine (Anne Roemeth)

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Fernsehfilm

ZDF

Mit Silke Bodenbender, Anne Roemeth, Tanja Schleiff, Sabrina Amali, Malene Becker, Ilse Neubauer, Ewa Patricia Klosowski, Kya-Celina Barucki

Kamera: Dennis Pauls

Szenenbild: Pegah Ghalambor, Jan Mueller von der Haegen

Kostüm: Monika Hinz

Schnitt: Anke Berthold

Musik: Andreas Weidinger, Christoph Zirngibl

Redaktion: Caroline von Senden

Produktionsfirma: Network Movie

Produktion: Silke Pützer, Wolfgang Cimera

Drehbuch: Gabriela Zerhau, Maya Duftschmid

Regie: Gabriela Zerhau

Quote: 2,37 Mio. Zuschauer (11,5% MA)

EA: 08.03.2026 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 03.04.2026 21:15 Uhr | ZDF

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