Sie hängen alle sechs mächtig in den Seilen: die alleinerziehende Journalistin und Verdrängungskünstlerin Suse (Silke Bodenbender), Christine (Anne Roemeth), das schwäbische Arbeitstier, die vorlaute Nörgeltante Doris (Tanja Schleiff), die stille, ausgebrannte Krankenschwester Leisha (Sabrina Amali), die ständig von ihrer Mutter bevormundete Jennifer (Malene Becker) und die wesentlich ältere, vereinsamte „Frau Brandner aus München“ (Ilse Neubauer). Sie alle suchen in einer Kurklinik an der Nordsee Ruhe und neue Perspektiven für ein in die Sackgasse geratenes Leben. Helfen werden ihnen dabei therapeutische Gespräche, viel Bewegung in der Natur, Schwimmen, Körperübungen; vor allem aber machen die sehr unterschiedlichen Frauen heilsame Gruppenerfahrungen. Erst einmal sind alle angespannt, die Gegensätze scheinen größer zu sein als die Gemeinsamkeiten. Doch irgendwann verstehen die Frauen einander besser, erkennen, dass sie in dieser Klinik am Meer und besonders auch in dieser Gruppe gut aufgehoben sind. Allein Suse aus Hamburg verfolgt ihre eigene Agenda. Sie hat offenbar nicht aus gesundheitlichen, sondern rein berufsbezogenen Gründen in der Kurklinik eingecheckt. Für einen populären Podcaster soll sie Material zum Thema Burnout & Reha sammeln. Dass er die Ergebnisse ihrer Recherche als „Reha Undercover – Urlaub auf Rezept“ skandalisieren möchte, ist jedoch nicht in ihrem Sinne, zumal auch sie sich hier immer wohler fühlt. Denn auch sie hat ein Päckchen zu tragen – obgleich sie es lange vor den anderen zu verbergen weiß.
Foto: ZDF / Sandra Hoever
„Alles ist schwer, bevor es leicht wird.“ Diese Affirmation, die den Frauen während ihres Psycho-Coachings weiterhilft, hat sich auch die Dramaturgie des ZDF-Fernsehfilms „Fast perfekte Frauen“ zunutze gemacht. Erst gehen sie mehr oder weniger freundlich auf Distanz zueinander, die unsichere Frau aus dem Ländle, weil sie es nicht anders kennt, oder die Krankenschwester, weil sie einfach nur ihre Ruhe haben will. Die umtriebige Berlinerin und die von ihr als Journalistin geoutete Suse setzen auf komplexere Überlebensstrategien: Um nicht zu tief in die eigenen Abgründe zu blicken, hat die eine zu allem und jedem etwas zu sagen, während die andere lieber schweigt – und lächelt. Silke Bodenbender ist das Gesicht des Films, weil sie die narrativ dichteste Figur spielt und weil sie die Spannung zwischen äußerer Fassade und innerer Verunsicherung am markantesten zum Ausdruck bringt. In ihrem Belächeln der Heilmethoden („Was wünscht sich Ihr inneres Kind?“) und der anderen Frauen („so seltsame Gestalten“) verkörpert sie ein Stück weit den gesunden Menschenverstand. Doch dieser Menschenverstand erweist sich bei ihr weder als gesund noch der eigenen Heilung förderlich. Ja, auch diese Strahlefrau steckt in einer Krise. „Job weg, Mann weg, Brust weg“, bringt sie es auf ihre Art auf den Punkt. In einem Zweiergespräch: Suse und Christine, die Frau, die immer nachgibt, ihren drei Kindern und vor allem ihrem depressiven Mann („zusammengewachsen mit seinem Sofa“), sind sich nähergekommen. Der Voice Recorder läuft zwar, doch dass die Journalistin auch von sich erzählt, ihrer anorektischen Tochter, dass sie Christines Missbrauchsandeutungen geschockt aufnimmt und sie mit ihr in die „Schmerzens“-Zeile aus dem „Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ einstimmt, offenbart noch vor der Halbzeit des Films ihre Wandlung. Als Identifikationsfigur funktioniert Suse perfekt: erst Psychokram-skeptisch wie viele ZuschauerInnen, dann bereit, sich zu öffnen. Und so fühlt sich das Schwere plötzlich eben sehr viel leichter an.
Foto: ZDF / Sandra Hoever
Die Entwicklung von Bodenbenders Charakter mag dramaturgisch clever sein, psychologisch ist sie jedoch ähnlich durchschaubar wie die gesamte narrative Konzeption. 90 Filmminuten sind für einen Ensemblefilm immer eine Herausforderung, ohne Stereotype kommt man da nicht aus. Weil sich Gabriela Zerhau und Ko-Autorin Maya Duftschmid zu Recht auf ein Konfliktpärchen konzentrieren, werden die anderen mehr oder weniger zu Erfüllungsgehilfinnen im kollektiven Heilungsprozess. Sie erweitern allerdings die Palette des Ausgebrannt-Seins. Da ist die Frau ohne Mann, dafür mit einem pflegebedürftigen Sohn, der das Jugendamt im Nacken sitzt. Da ist die Witwe in den Achtzigern, der nach der Musikkarriere nun auch noch ihr Mann fehlt. Da ist die Krankenschwester, an der auch alle privaten Krankheitsfälle hängen bleiben. Außerdem kommt das für Töchter unangenehme mütterliche Kontrollverhalten gleich doppelt ins Spiel. Die Schauspieler erfüllen und beleben die Figuren und aktivieren dadurch die Kritikerfloskel, in jedem Klischee stecke stets auch ein Funken Wahrheit. Der hoffnungsvolle Ausgang scheint in diesem Genre von vornherein eingepreist zu sein; die Zielgruppe für „Fast perfekte Frauen“ erwartet jedoch auch nichts anderes. Und eine Erkenntnis, die die Frauen im Film und viele Zuschauerinnen nur unterstreichen können: Die sechs sind nicht wegen temporärer Erschöpfungszustände auf Kur, sondern, „weil es ein Leben lang zu viel war“. So eine Erholung kann vor der Heilung wehtun, weil man erfährt, was man versäumt hat.
Es gibt nur zwei Mainstream-Filme, in denen kein einziger Mann auftritt, George Cukors „Die Frauen“ (1939) und das Remake aus dem Jahre 2008. Zerhaus durchweg stimmig besetzter Fernsehfilm kommt diesem produktionstechnischen Sonderfall so nahe wie keine andere deutsche TV-Fiction-Produktion. Der unangenehme Podcaster sondert nur kurz auf dem Smartphone-Display seinen intellektuellen Müll ab, selbst ein Pfleger ist – außer seiner Rolle als freundlicher Helfer für die Frauen – mit seinen Sekunden-Auftritten kaum der Rede wert. Damit verfolgt auch die Narration das konsequent, was sie in der Geschichte einfordert: das Recht der Frauen, sich um sich selbst zu kümmern, ja, die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden. Egal, ob sie Sirtaki tanzen, beschwipst Cocktails trinken oder nackt baden gehen. In diesen Momenten der Zweier-Beziehung zwischen Suse und Christine gewinnt der Film zunehmend an (Beziehungs-)Tiefe. Alles im Rahmen des 21.15-Karfreitag-Sendetermins, versteht sich. Auch inszenatorisch überzeugen diese Szenen, in denen die Nähe der Frauen kontrastiert wird mit der rauen Naturlandschaft, den menschenleeren Strandtotalen. Zweisamkeit statt Einsamkeit. Aufgeklärten Geistern mögen im Zeitalter des Individualismus diese kleinen Schritte in Richtung persönliche Freiheit und die erfüllte Sehnsucht nach Gemeinschaft banal erscheinen. Für die mag dieser Film nicht gemacht sein. Oder gerade doch?
Foto: ZDF / Sandra Hoever

