Wer Filme dreht oder Romane schreibt, will eine Geschichte erzählen; und zumeist geht es dabei um Menschen. Das ist in Volker Schlöndorffs Verfilmung von Jenny Erpenbecks Buch „Heimsuchung“ zwar nicht anders, doch das Zentrum der Handlung bildet ein Grundstück: Die Menschen kommen und gehen, die Kamera bleibt. Er habe, sagt Schlöndorff, „immer davon geträumt, einen Film zu machen, der sich nicht einer Story unterwirft, sondern sich den Augenblicken und Menschen widmet, um einfach nur Leben einzufangen.“ Das klingt bescheiden, dabei erzählt „Heimsuchung“ laut Titelzusatz nicht weniger als eine „Jahrhundertgeschichte“. Dieser Ansatz erinnert an Heinrich Breloers mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten ARD-Mehrteiler „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ (2001), und tatsächlich ist die Assoziation nicht verkehrt.
Foto: Ziegler Film / Volksfilm
Der Film beginnt vor gut hundert Jahren mit einem Prolog: Ein verwitweter Bauer (Detlev Buck) will ein unbebautes Grundstück am brandenburgischen Scharmützelsee seiner jüngsten Tochter vererben, aber als das Mädchen gegen Anstand und Moral verstößt, verkauft er das Land. Ein Architekt (Lars Eidinger) erwirbt die eine Hälfte, offizielle Käuferin ist allerdings seine Frau (Susanne Wolff), ein jüdischer Tuchfabrikant (Ulrich Matthes) die andere. Der Architekt entwirft ein Eigenheim im Bauhaus-Stil, der Unternehmer lässt ein Strandhaus errichten.
Auf Einblendungen, die die Handlung in einen historischen Rahmen betten, hat Schlöndorff verzichtet, sie sind auch nicht nötig; beiläufige Hinweise und kurze dokumentarische Einschübe genügen völlig. Der Architekt will an Albert Speers Vision der „Welthauptstadt Germania“ mitwirken, wird aber abgelehnt, was sich nach dem Krieg, der bei der Bombardierung Berlins als Wetterleuchten am Horizont stattfindet, als Glücksfall erweist. Der Fabrikant und seine Frau werden aufgefordert, sich mit leichtem Gepäck an einer Sammelstelle einzufinden. Die berührendste Figur der ersten Filmhälfte ist eine der wenigen, die auch namentlich genannt werden: Enkelin Doris schreibt ihren Großeltern bewegende Briefe. Erpenbeck hat sie in ihren Roman integriert, das Buch ist Doris Kaplan gewidmet.
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Die Erzählerin der Geschichte wird diese „Sonntagsbriefe“ später zufällig entdecken. Sie tritt erst in der zweiten Hälfte auf, auch sie ist eine Enkelin. Marijas Großmutter (Martina Gedeck), eine bekannte ostdeutsche Schriftstellerin, war als Kommunistin eine Verfolgte des NS‑Regimes. Sie nutzt das Strandhaus wie schon zuvor der Architekt, der einst vom Fabrikanten für einen Spottpreis auch die zweite Grundstückshälfte erworben hat, als Arbeitsstätte. Viele Szenen sind in Caputh rund um das Sommerhaus von Albert Einstein entstanden, auch in seinem Arbeitszimmer; das Detail belegt, wie wichtig Schlöndorff die Authentizität seines Films war. Erneut gehen die Jahre ins Land: Anfangs sieht die Schriftstellerin die DDR auf dem richtigen Weg. Am Ende stellt sie fest, man könne den Leuten nicht vorschreiben, was sie wollen sollen, und begrüßt die Pläne Gorbatschows. Was die meisten Menschen für Schicksal halten, sagt Schlöndorff, Flucht, Vertreibung und Deportation zum Beispiel, sei in Wirklichkeit meist das Ergebnis von „Politik, Krieg und Kampf um Macht“. Zwischendurch schlägt allerdings auch das Schicksal zu, wenn etwa der Mann (Michael Maertens) der Schriftstellerin unerwartet stirbt.
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Der Regisseur, dessen Werke inklusive eines „Oscars“ („Die Blechtrommel“, 1980) mit so gut wie allen wichtigen nationalen und internationalen Filmpreisen ausgezeichnet worden sind, bezeichnet den Roman als „Autofiktion“, weil die Autorin ihre eigenen Kindheitserinnerungen mit einem guten Dutzend zum Teil fiktiven Lebenswegen verknüpft hat. Er hat in Absprache mit Erpenbeck einige Figuren miteinander verschmolzen und die Handlung verdichtet. „Heimsuchung“ wirkt daher gerade in der ersten Stunde, wenn der Film wie im Zeitraffer Momentaufnahmen aneinanderreiht, stellenweise sehr episodisch, andererseits aber gerade deshalb realitätsnah: Auch Lebensläufe sind selten gradlinig, sondern vielmehr eine Sammlung von Augenblicken. Einzige Konstante dieser Jahrhundertgeschichte ist der alterlose Gärtner (Wigand Witting), der gleichmütig jahrein, jahraus seine Arbeit verrichtet.
Schlöndorff und Kameramann Axel Schneppat haben „Heimsuchung“ – natürlich mit Unterbrechungen – ein Jahr lang am Originalschauplatz des Buchs und im klassischen Leica-Format 3 zu 2 gedreht. Ähnlich bedeutsam wie die zumeist sommerlichen Naturbilder ist die sehr präsente und oft bloß aus einem summenden Chor bestehende Musik von Annette Focks. Der Regisseur ist mittlerweile Ende achtzig, aber davon zeugt allein die ruhige Erzählweise: Der Film ist ähnlich geduldig wie der schweigsame Gärtner. Im Epilog, als sich der beim Abriss aufgewirbelte Staub lichtet, versammeln sich alle einträchtig vor dem Haus, die Lebenden und die Toten.

