Die Düsteren

Lisa-Marie Koroll, Max Riemelt, Simina, Kortlang, Nolting, Scharf, Lea Becker. Wenn Albträume wahr werden

03.10.2026 10:00 ZDF-Stream alle 6 Folgen Streaming-Premiere
21.10.2026 21:45 ZDFneo alle 6 Folgen TV-Premiere
Foto: ZDF / Maximilian König /[ M]
Foto Rainer Tittelbach

Auf einer Nordseeinsel kommt eine junge Frau dem Geheimnis ihrer Geburt auf die Spur – und schließlich gefährlich nah. Sie gerät zwischen zwei Welten – und plötzlich schlüpfen vor ihren Augen Doppelgänger der Insulaner aus dem Watt. Wer soll ihr diese abstruse Wiedergänger-Story glauben? Und was hat sie selbst mit dieser Invasion zu tun? „Die Düsteren“ (ZDF / Network Movie, Studio Zentral) ist keines jener episch angelegten, raunenden Serien-Monster. Diese Mystery-Thriller-Serie, die die genreüblichen philosophischen Light-Subtexte mitliefert („Wer bin ich und wieviele?“), ist über ihre 270 Minuten vor allem eines: spannend. Dafür gibt es viele Gründe. Die Serie hat die richtige Länge. Die Narration ist straff, klar strukturiert, es gibt keine überflüssigen Nebenplots. Nie tappt man zu lange im Dunkeln, Rückblenden verdichten die Handlung der Gegenwart und charakterisieren gleichsam Original und Doppelgänger. Die Insel als Schauplatz ist ebenfalls ideal. Überraschend gut funktioniert auch der Wechsel zwischen Realitätsnähe und Mystery-Anmutung. Hinzu kommt eine stimmungsvoll-atmosphärische Inszenierung. Und schließlich Lisa-Marie Koroll, die zeigt, dass sie nicht nur Alltagscodes junger Leute bedienen, sondern auch eine komplexe Mystery-Serie als Identifikationsfigur tragen kann.

Mit dieser Soma (Lisa-Marie Koroll) ist nicht gut Kirschenessen. Sie hat ihren eigenen Kopf, wirkt manchmal geradezu renitent – und steht sich dadurch selbst im Weg. Es gibt tief liegende Gründe dafür. Seit Jahren sucht sie verzweifelt nach ihren Eltern, Albträume plagen sie, zuletzt hat sie sogar eine Detektei beauftragt. Ihre Freunde und Mitbewohner, Flynt (Ivo Kortlang) und vor allem Paula (Melodie Simina), haben schon einiges mit ihr mitgemacht. Ahnungslos begleiten sie sie auf die Nordseeinsel Kaltenoog. Sie wissen nicht, dass Soma einer heißen Spur folgt, die sie alsbald zu einer sonderbaren alten Frau führt, Amke Lund (Corinna Kirchhoff), die ihr und den Insulanern Schlimmstes prophezeit, würde sie nicht sofort die Insel verlassen. „Sonst kommen SIE. Sonst sind wir alle verloren.“ Was diese Einsiedlerin damit meint, davon bekommt Soma wenig später eine erste Ahnung. Eine riesige Wolke türmt sich vor ihr auf, eine Nebelwand kommt auf sie zu. Minuten später irrt sie verloren durchs Watt. Sie glaubt, sie träume, als sich ein Mann aus dem Schlick herauswindet, der dazu noch aussieht wie Ben Sandmann (Max Riemelt), der freundliche Mann, der mit seiner Frau Kathrin (Mona Pirzad) den Campingplatz betreibt. Doch als die Flut kommt und sie um ein Haar ertrunken wäre, erkennt sie: Das, was sie hier gesehen hat und was sie so ähnlich aus ihren Albträumen kennt, ist Realität. Wer aber soll einem so etwas Irres glauben? Dorfoberbulle Ahrens (Karsten Antonio Mielke) etwa, der die vorbestrafte Soma ohnehin schon auf dem Kieker hat?! Hilfssheriff Till (Ludger Bökelmann) würde zwar gerne helfen, ebenso Paul und Flynt, aber diese abstruse Wiedergänger-Story klingt eher so, als bräuchte Soma professionelle Hilfe.

Die DüsterenFoto: ZDF / Sofie Gheysens
„Du musst weg von hier, sonst sind wir alle verloren.“ Noch versteht Soma (Lisa-Marie Koroll) die alte Frau (Corinna Kirchhoff) nicht.

In der Mystery-Thriller-Serie „Die Düsteren“ müssen erst noch ein paar Doppelgänger mehr aus dem Watt schlüpfen, bis dieser Heldin auf Identitätssuche Glauben geschenkt wird. Ob die Erkenntnis zu spät kommt und die Bewohner der Insel tatsächlich verloren sind, wie die hysterische Alte vorhergesagt hat, und was diese Schauermär, deren unheimlicher Ursprungsort das Meer ist, mit Somas Geburt zu tun hat – das und viele andere Fragen beantworten das Autorenduo Arne Nolting und Jan Martin Scharf den geneigten Zuschauern in sechs packenden Folgen à ca. 45 Minuten. Aber zunächst einmal geht es darum, was diese düsteren Versionen der Kaltenooger Originale treiben: ob sie wie Ben Sandmanns Alter Ego den Platz eines anderen unbedingt hier und jetzt einnehmen wollen oder ob sie – wie Wiebke (Kristin Suckow), die Frau aus der Verwaltung, mit der sich Soma gleich zu Beginn angelegt hat – auf Zeit spielen. Immer ist eine Sehnsucht im Spiel. Die Doppelgänger sind Versionen, die sich in markanten Lebenssituationen anders als das Original verhalten hätten, unmenschlicher, unkultivierter oder einfach nur kopflos, aus dem Affekt heraus; auf jeden Fall aber kommen sie aus einer anderen Realität. Somas Anwesenheit auf der Insel ist der Auslöser für die Invasion der Doppelgänger. Die Protagonistin erschafft sich ihre Antagonisten quasi selbst. Ein cleveres Narrativ, das tiefer berührt und bewegt als eklige Schreckgestalten. Wie viele gute Mystery-Stoffe liefert die Erzählung auch philosophische Subtexte mit. Was wäre, wenn ein Mensch in einer Situation eine andere Entscheidung getroffen hätte? Wenn der Campingplatzbesitzer in der Eingangsszene der Serie den Liebhaber seiner Frau erschlagen hätte oder die junge Mutter mit ihrem Kleinkind liebevoller umgegangen wäre?

Die DüsterenFoto: ZDF / Karl Kürten
Der nackte Mann (Max Riemelt), der aus dem Watt kommt, sieht genauso aus wie der Campingbesitzer, guckt nur finsterer.

„Oderbruch“ (ARD, 2024-26), „1899“ (Netflix, 2022), „Der Greif“ (Prime Video, 2023), „Der Schatten“ (ZDF, 2023), „Hausen“ (Sky, 2020), „Kohlrabenschwarz“ (Paramount+ 2023), „Wäldern“ (ARD, 2025, neue Folgen im November) – mit dem vorübergehenden Serien-Boom kamen auch klassische Mystery-Stoffe auf den Bildschirm. Vorreiter war die Serie „Weinberg“ (TNT, 2015), eine der ersten Streamer-Produktionen, für die sich Nolting & Scharf gleich einen Grimme-Preis abholen durften. Der große Referenzpunkt des deutschen Mystery-Fernsehens wurde allerdings zwei Jahre später „Dark“ (Netflix, 2017-2020; drei Staffeln) von Jantje Friese (Buch) und Baran bo Odar (Regie), eine Serie, die weltweit eine große, umtriebige Fangemeinde hervorbrachte. Reisen durch Zeit und Raum, alternative Welten und Identitätsverknüpfungen gab es auch hier, aber für dieses opulente Epos aus 26 Folgen benötigten Zuschauer ordentlich Sitzfleisch und eine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Diese Serie war faszinierend, sie war aber vor allem Arbeit, ein raunendes Serien-Monster, am Ende ohne ernsthaften Erkenntniswert. Der hält sich trotz der Fragen Marke „Wer bin ich?“, „Wer könnte ich sein?“ oder dieses „Was wäre, wenn“-Szenario bei „Die Düsteren“ zwar auch im überschaubaren intellektuellen Rahmen, aber diese Serie ist 270 Minuten lang vor allem eines: spannend. Ein Schlüssel dafür: eine Hauptfigur, deren motziges Anderssein zur sympathischen Marke wird, verkörpert von einer Schauspielerin, die auf den ersten Blick für sich einnimmt und auf den zweiten die vielfältigen Anforderungen an ihre Rolle(n) bravourös meistert. Lisa-Marie Koroll (28) spielte sich spätestens mit der RTL-Serie „Wir sind jetzt“ (2019-21) und dem TV-Movie „Aus Haut und Knochen“ (2020) aus ihrem „Bibi & Tina“-Image. Nach etlichen Nebenrollen zeigt sie in „Die Düsteren“, dass sie nicht nur Alltagscodes junger Leute bedienen, sondern auch eine komplexe Mystery-Serie als Identifikationsfigur tragen kann.

Die DüsterenFoto: ZDF / Karl Kürten
Während Soma das Geheimnis der Düsteren entschlüsselt, verbünden sich die dunklen Kräfte auf der Insel zur finalen Jagd.

Es ist aber auch die Erzählstruktur, die jenen Sog erzielt, von dem alle Macher träumen, der aber immer seltener – vor allem auch in internationalen Produktionen – erreicht wird. „Die Düsteren“ hat für die erzählte(n) Geschichte(n) genau die richtige Länge. Die Narration ist straff, linear, klar strukturiert, es gibt keine überflüssigen Nebenplots. Nie tappt man zu lange im Dunkeln, Rückblenden verdichten die Handlung der Gegenwart und charakterisieren gleichsam Original und Doppelgänger. Und wenn das Phänomen der Doppelgänger für den Zuschauer aufgedeckt ist, dann lässt es sich aufregend unter dem Motto aller Invasion-Thriller „Du kannst dir niemals sicher sein …“ variieren. Die Insel als Schauplatz ist auch ideal, sie setzt eine Grenze, macht Handlung und Personal überschaubar und bietet auch optisch vielfältigere Reize als etwa der im Genre beliebte deutsche Wald. Gut funktioniert auch der Wechsel zwischen Realitätsnähe und Mystery-Anmutung. „Das Fantastische so präzise wie möglich in einer realen Welt zu verankern“, sei für Regisseurin Lea Becker („Love Sucks“) denn auch ein zentrales Anliegen gewesen. Die richtige Dosierung von Action-haltigen Situationen und unheimlichen Szenen im Watt ist ein weiterer dicker Pluspunkt der Serie, die nur selten zu dick aufträgt; dies gilt sogar für den Score, der in diesem Genre für gewöhnlich allzu wuchtig dröhnt (was oftmals albern wirkt). Daraus folgt: Das Zentrum bleibt der Mensch, die Hauptfigur, mit der man mitfiebert.

Die DüsterenFoto: ZDF / Karl Kürten
Für den düsteren Doppelgänger von Ben Sandmann (Riemelt) erfüllt sich mit seiner Frau Kathrin (Mona Pirzad) ein Traum.

Der narrative Sogcharakter gilt im Übrigen auch für die stimmungsvoll-atmosphärische Inszenierung: Dazu gehören ein sinnlicher Flow der Bilder, starke Locations, klare Kamerapositionen, keine 08/15-Szenentrenner, sondern geradezu surreal anmutende Top-Shots des Eilands und des Meeressaums. Aber auch die Spannungsszenen funktionieren, egal, ob das Original oder der Doppelgänger sich in eine brenzlige und für den Zuschauer oft angstlustvolle Situation bringt. Dem kommt entgegen, dass die Drehbuchautoren auf eine Gut-Böse-Dichotomie verzichtet haben. Eine wichtige Regel für gutes Genre-Fernsehen beherzigen sie und die Regisseurin gleichermaßen: Erst kommt das Bild, dann das Wort. So wird man als Zuschauer zunächst Augenzeuge des Übersinnlichen, kann sich selbst ein Bild machen. Mögliche Erklärungen werden verbal nachgereicht, erst hypothetisch (Gonger-Mythos), später konkret, von einem, der das Geheimnis um Soma und die Wiedergänger aus dem Watt kennt. Die Auflösung bleibt im Rahmen üblicher Schauergeschichten. Nichts für Mystery-Skeptiker. Der Schluss ist für eine erste Staffel einer Serie, die keine eindeutige Mini-Serie ist und deshalb immer mit einer zweiten Staffel liebäugelt, Mystery-like, aber keinesfalls unbefriedigend.

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ZDF

Mit Lisa-Marie Koroll, Max Riemelt, Melodie Simina, Ivo Kortlang, Ludger Bökelmann, Mona Pirzad, Karsten Antonio Mielke, Kristin Suckow, Corinna Kirchhoff, Yung Ngo, Rick Okon

Kamera: Karl Kürten

Szenenbild: Jeff Otte

Kostüm: Manu Verschueren

Schnitt: Valesca Peters, Till Ufer

Musik: Karwan Marouf

Redaktion: Johannes Frick-Königsmann, Niklas Cerezo Alarcón

Produktionsfirma: Network Movie , Studio Zentral

Produktion: Andi Wecker, Tobias Ketelhut, Bernd von Fehrn, Lasse Scharpen

Drehbuch: Arne Nolting, Jan Martin Scharf

Regie: Lea Becker

EA: 03.10.2026 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 21.10.2026 21.45 Uhr | ZDFneo

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