Es gibt gute Gründe, Karneval aus tiefstem Herzen abzulehnen: verordneter Frohsinn, plumpe Witze, außerdem ein exzessiver Alkoholgenuss, der zur Folge hat, dass alle möglichen Hemmungen fallen. Mit der ursprünglichen Ausrichtung, dem symbolischen Aufbegehren gegen die Obrigkeit, haben die Festivitäten kaum noch etwas gemein, wie Karl-Friedrich Boerne mit Bedauern feststellt. Frank Thiel kann dem ganzen Gedöns als Norddeutscher ohnehin nichts abgewinnen. Dass sich seine Aversion im Verlauf der Handlung gar zur Aggression steigert, ist eine der komischen Komponenten von „Narrentanz“.
Regine Bielefeldt hat inklusive diesem vier der letzten sieben Krimis aus Münster geschrieben, alle waren mindestens sehenswert. Fall Nummer 49 für den Hauptkommissar und seinen Rechtsmediziner (Axel Prahl, Jan Josef Liefers) ist nicht so herausragend wie „Unter Gärtnern“ (2024) und nicht so vergnüglich wie „MagicMom“ (2023), aber gewohnt unterhaltsam, selbst wenn der Film mit einem Exitus beginnt. Allerdings könnte es sich beim Tod von Gardetanztrainer Herrmann (Falk Rockstroh) auch um einen Zufallsmord handeln. Der Mann ist mit Bonbons vergiftet worden. Die Süßigkeiten stammen aus einem lokalen Unternehmen, das sogenannte „Wurfware“ herstellt; womöglich ist die gesamte Produktion mit dem Gift der Tollkirsche versetzt worden. Ein Bekennerinnenschreiben lenkt die Ermittlungen jedoch auf die Feministische Front Münster, die den Gardetanz für frauenfeindlich hält; tatsächlich zeigt der männliche Kamerablick zu Beginn ziemlich viele weibliche Beine.
Foto: WDR / Bavaria Fiction / Martin Valentin Menke
Die von der FFM-Sprecherin vorgetragenen Argumente sind nachvollziehbar. Groß, dünn, sportlich: Das vermittle jungen Frauen ein falsches Bild und treibe sie in die Essstörung, kritisiert Feministin Babs Borger (Katrin Wichmann). Später wird sich Thiel ergänzend über das auf digitalen Plattformen proklamierte „permanente Streben nach Perfektion“ mokieren. Da Borger die Tat gesteht, scheint der Fall gelöst, aber der Polizist ahnt, dass mehr dahintersteckt. Dem krimiversierten Publikum ist ohnehin klar, dass Victoria Trauttmansdorff und Johannes Allmayer nicht bloß kurz vorbeigeschaut haben: Das Ehepaar Kamphus besitzt ein überaus prosperierendes Unternehmen, das „Longevity“-Produkte herstellt, Erzeugnisse also, die Langlebigkeit versprechen und angeblich sogar die Uhr des Lebens zurückdrehen. Ingo Kamphus ist für Forschung und Entwicklung zuständig, Gattin Charlotte für Vertrieb und Verkauf. Darüber hinaus ist sie die Präsidentin des Karnevalsvereins, der nun einen neuen Tanztrainer braucht, doch das ist nur die vordergründige Verbindung zwischen diesen beiden Ebenen. Wie sie auch hintergründig miteinander verknüpft sind, ist eine echte Überraschung, als schließlich ein Hauch von „Jurassic Park“ durch den Krimi weht und sich der Kommissar in der flottesten, aber nicht nur deshalb verblüffendsten Szene des Films vorübergehend in „Super-Thiel“ verwandelt und an besagtem Menschheitstraum schnuppern darf.
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Regie führte der Krimi-Routinier Nils Willbrandt. Er hat gemeinsam mit Bielefeldt eine gute Balance gefunden; es gab auch schon Episoden aus Münster, in denen die Wortgefechte zwischen Prahl und Liefers wichtiger waren als die Geschichte. Auch wenn der konfettibunte Vorspann etwas anderes verspricht: Abgesehen vom mit Fähnchen und Luftschlangen geschmückten Revier lässt „Narrentanz“ den Karneval im zweiten Akt hinter sich. Tanztrainer Herrmann war begeisterter Segelflieger und ist vor seinem Tod mehrfach eine ganz bestimmte Strecke geflogen; sie führte über das Firmengelände des Ehepaars Kamphus, und nun schlägt das Drehbuch eine völlig neue Richtung ein. Zunächst wird es allerdings erst mal unappetitlich. Natürlich zeigt Willbrandt das Ergebnis eines von Boerne als eine „maximale Zerstörung“ eingestuften zweiten Mordes nicht, aber das Kopfkino lässt sich nicht abstellen.
Mitunter ist die Bildgestaltung unnötig dynamisch, als hätten Willbrandt und Kameramann Hannes Hubach dem Film einen Reportage-Touch geben wollen; zum Ausgleich erfreuen sie immer wieder durch kleine optische Einfälle. Originell ist auch die Idee, die drei Akte durch Karnevalstrommler einläuten zu lassen. Die Musik (Lara Frank) ist ohnehin schlagwerkbetont. Natürlich erfüllt „Narrentanz“ auch die obligaten Heiterkeitserwartungen; sehr witzig ist etwa ein Segelflug mit Boerne, bei dem Thiel reichlich blümerant wird. Als ähnlich unerfreulich empfindet er die neue Staatsanwältin, die ihm mit ihrer forschen Art gehörig auf die Nerven geht. Mit Nicole König (Lou Strenger), einer Art Mensch gewordenen KI, wird das Duo, das in sein 25. gemeinsames Jahr geht, garantiert noch viel Freude haben.
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