Das kommt in den besten Beziehungen vor: Irgendwann erlischt die Leidenschaft. An Ratschlägen, wie sich das Feuer wieder entfachen lässt, herrscht wahrlich kein Mangel. Das Spektrum reicht von ausgefallenen Accessoires über Rollenspiele bis zu Seitensprung oder Partnertausch. Als sich vier Paare, alle circa Mitte dreißig, zum gemeinsamen Abend treffen, schlägt eine der Frauen ein entsprechendes Spiel vor: Die Herren deponieren ihre Schlüssel in einer Schüssel, die Damen dürfen sich bedienen. Da die Männer ausnahmslos ganz ansehnlich sind, gibt es keine Nieten, dafür aber klare Regeln. Nur Ja heißt Ja, kein Sex außerhalb des Spiels, und vor allem: Verlieben verboten. Die verheißungsvolle Nacht entwickelt sich allerdings gänzlich anders als erwartet, obwohl die meisten Beteiligten mit großem Engagement zur Tat schreiten wollen. Eine Begegnung im Luxushotel beginnt mit Austern und Champagner, entpuppt sich jedoch als tote Hose. Ein Abenteuer auf einer Baustelle in luftiger Höhe endet mit Verhaftung wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.
Foto: Amazon Prime Video / Ufa Fiction
Das klingt nach Comedy, und tatsächlich ist zumindest der Auftakt der kurzweiligen Prime-Serie „Friends Sex & Games“ vorwiegend heiter. Die von Amazon angekündigte „explosive Mischung aus Sinnlichkeit, Emotion und Humor“ samt „heißem Sex“ ist dagegen ein typisches PR-Versprechen: Sex spielt in der Tat eine erhebliche Rolle, doch abgesehen von der orgiastischen letzten Folge in einem „Palast der Lüste“ ist die Serie größtenteils jugendfrei; die Bilder sind nicht anzüglicher als ein Prospekt für Reizwäsche. Die Bezeichnung „Erotik-Dramedy“ ist zwar kein Etikettenschwindel, wird dem Anspruch der jeweils nur knapp dreißig Minuten langen Episoden aber nicht gerecht. Die auf der mexikanischen Serie „El juego de las llaves“ (Das Spiel mit den Schlüsseln) basierenden Drehbücher des Teams rund um die Chefautorinnen Vivien Hoppe und Antonia Rothe-Liermann behandeln durchaus anspruchsvolle Themen; es geht unter anderem um verdrängte Homosexualität und unerfüllten Kinderwunsch.
Soundtrack: Two Feet („I Feel Like I’m Drowning“), Mariah Cary („Fantasy“), David Guetta & Sia („Titanium“), Françoise Hardy („Comment te dire adieu“), Hundreds („Flume“), Anna Mvze („Dance Moves“), Altitude Music („In Lieu Of You“), Marsden („Take Me Where Your Heart Is“), The Clash („Rock The Casbah“), Dr. Mel Ona („Anthem“), Joe Goddard („Taking Over“), Kelsey Lu („I’m Not In Love“), Elliott Smith („Angeles“), Spectral Sun („Good Feeling“), Phosphorescent („Song For Zula“), JNR Williams („What A Difference“)
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Anna (Paula Kalenberg) und Paul (Fridolin Sandmeyer) sind das zentrale Paar der Serie. Sie hätte gern mehr Würze im Bett, er ist mit dem bisherigen Blümchensex eigentlich ganz zufrieden. Als sie zufällig ihren Schwarm aus der Teenagerzeit trifft, kommt Schwung in die Handlung. Samu (Eric Cordes) ist damals mitten im Schuljahr verschwunden; noch bei der Abifeier hat Anna gehofft, er würde genauso plötzlich wieder auftauchen. Während der Rest der einstigen Clique in der Heimat geblieben ist, tourt Samu als international gefragter DJ durch die ganze Welt – bis ihn eines Tages die Sehnsucht nach seinen Wurzeln überkam. Gemeinsam mit Freundin Siena (Lilja van der Zwaag) lädt er die anderen in sein großzügiges Domizil. Als Siena nach einigen Shots das Schlüsselspiel vorschlägt, erfüllt sich Annas Traum: Endlich kann sie nachholen, was sie damals verpasst hat, doch die einzigen, die ein auch in positiver Hinsicht unvergessliches Erlebnis haben, sind ausgerechnet Paul und die sexuell vernachlässigte Julie (Salka Weber); dabei wollten sie eigentlich bloß Scrabble spielen.
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Im Gegensatz zum Publikum ahnen weder Julie noch irgendwer sonst, dass ihr Mann Valentin (Martin Bruchmann) schwul ist. Das ist zwar schwer zu glauben, führt aber immerhin zu einer weiteren Romanze, als er eine Einladung in eine Queer-Bar annimmt und sich umgehend verliebt. Danny Lee ist nur eine von vielen überaus gelungenen Besetzungsideen, gerade bei den Nebenrollen, zumal der äußerst sympathische Sebastian im weiteren Verlauf der Geschichte noch einen ziemlich überraschenden Auftritt hat. Ohnehin bekommen die zunächst recht klischeehaft anmutenden zentralen Figuren nach und nach deutlich mehr Tiefe, selbst wenn Annas beste Freundin Bella (Mona Pirzad) durchgehend beim bloßen Gedanken an Sex ganz „horny“ wird. Die beiden betreiben eine Hochzeitsagentur („Annabella“) und erhoffen sich von einer aufwendigen Promi-Feierlichkeit den Aufstieg in die erste Liga der „Weddingplanner“. Paul macht Werbung, Julie ist Künstlerin, Bellas Lebensgefährte Leo (Pascal Houdus) zeichnet politische Karikaturen und pflegt eine antikapitalistische Attitüde, die in krassem Gegensatz zum aufwendigen Lebensstil nicht nur dieses Paares steht: Alle sind offenkundig sehr vermögend, wohnen traumhaft und fahren teure Autos.
Foto: Amazon Prime Video / UFA Fiction
Auch wenn sich der Tonfall wandelt: Witzige Einfälle verhindern, dass die Serie zum Drama wird. Dafür sorgen schon allein die Kinder von Bella und Leo, ein Duo wie Nitro und Glycerin, das seine Babysitter regelmäßig in den Wahnsinn treibt. Sehr lustig sind auch die Auftritte von Teresa Harder als Leos Mutter, die mehrfach im ungünstigsten Moment in die traute Zweisamkeit platzt. Weitere Heiterkeiten bescheren die Kurzauftritte von Christoph M. Ohrt, Susanna Simon und vor allem Stephan Grossmann als Standesbeamter, der die Promi-Hochzeit platzen lässt. Das umfangreiche Ensemble ist ohnehin ausnahmslos sehenswert (Regie: Barbara Kronenberg, Sinje Köhler), zumal die Serie vor allem von den Dialogen lebt. Mona Pirzad hat in dieser Hinsicht mit ihren erfrischenden, expliziten Einwürfen die besten Zeilen, dicht gefolgt von Eva Hirschburger als 15‑jährige Tochter von Anna und Paul; die junge Schauspielerin macht ihre Sache ebenfalls prima. Dass fast jeder Szenenwechsel von einem Popsong begleitet wird, klingt auf Dauer einfallslos, aber kleine Einfälle wie etwa die Hommage an den berühmten Kuss aus „Spider-Man“ (2002) sind ein großes Vergnügen.

