Starke Frau hilft psychisch angeknackstem Mann, sein Trauma zu überwinden, aber es gibt eine verheimlichte Wahrheit, an der die Liebe schließlich zu scheitern droht: „Drive – The Pretenders“ setzt auf gleich zwei bewährte Romanzenmuster. Außerdem gibt’s Anleihen bei „Greencard“, „Tage des Donners“ und „Top Gun“. Vorlage für die Liebesgeschichte aus dem Racing-Milieu war jedoch das gleichnamige eBook der Amerikanerin Tamara Lush (2015). Amazon gibt dem Film das Etikett „Young Adult“ mit auf den Weg, was nicht verwundert, schließlich hat der Streamingdienst mit „Maxton Hall“ enorme internationale Erfolge gefeiert. Selbst wenn die Zutaten – mondäne Schauplätze, große Gefühle, eine fiese Intrige – ähnlich sein mögen: Anders als die Serie ist „Drive“ Kino fürs Fernsehen, und das ist durchaus erstaunlich: Schauspieler Sergej Moya hat abgesehen von Werbefilmen und Musikvideos bislang nur einige Kurzfilme gedreht. Ähnlich beeindruckend wie die Regieleistung ist der männliche Hauptdarsteller: Amin Baahmed, gebürtiger Niedersachse, besitzt kaum Kamera-Erfahrung, spielt hier erstmals eine Hauptfigur und versieht seine betont maskuline Rolle mit einer reizvollen Mischung aus Melancholie und grimmiger Entschlossenheit.
Soundtrack: The Temper Trap („Sweet Disposition“), Gesaffelstein & The Weeknd („Lost In The Fire“), Chris Stonny („Dark Red“), „Berlin („Take My Breath Away“), Giant Rooks („Morning Blue“, „The Big Night“), Sixpence None The Richer („Kiss Me“), Dave Matthews Band („Crash Into Me“), A$AP Rocky („L$D“), M83 („Outro“), Charlotte Gainsbourg („Deadly Valentine“), Pino D’Angiò („Ma quale Idea“), Kygo & Haux („Only Us“), The Weeknd („Scared To Live“)
Foto: Prime Video
Die vielen Szenen, in denen die Kamera angesichts von Baahmeds Oberkörper geradezu in Verzückung gerät, legt die Vermutung nahe, der Film richte sich in erster Linie an ein weibliches Publikum, zumal die Geschichte aus der Perspektive einer Frau erzählt wird; dabei führt Moya bloß vor Augen, wie sexistisch der früher ganz normale männliche Blick („male gaze“) auf Schauspielerinnen war. In „Drive“ sind nicht nur die Duschszenen dem Hauptdarsteller vorbehalten; sein schweißtreibendes Training absolviert er ebenfalls halbnackt. Die Handlung (Buch: Christoph Silber, Malina Nwabuonwor) ist allerdings unisex: Sarah Jenkins (Lisa-Marie Koroll) war als Juniorin Kart-Champion, hat einen Bachelor in Motorsport-Engineering, träumt von einer Karriere als Rennfahrerin und heuert als als Mechanikerin bei einem deutschen Rennstall an. Star von Eagle Racing ist der frühere Formel-1-Fahrer Dante Annunziata (Baahmed), den der Unfalltod seiner Schwester jedoch komplett aus der Bahn geworfen hat. Seither kosten ihn posttraumatische Flashbacks im falschen Moment regelmäßig den Sieg. Schlagzeilen produziert er nicht mehr auf der Rennstrecke, sondern mit seinen Eskapaden, weshalb dem Rennstall der Verlust des wichtigsten Sponsors (Philippe Brenninkmeyer) droht.
Als im Internet ein Foto von Sarah und Dante in scheinbar intimer Nähe auftaucht, sorgt Eagle-PR-Frau Tanya (Lucie Heinze) mit einem cleveren „Spindoctoring“ dafür, dass sich das mediale Rauschen in eine völlig neue Richtung entwickelt: Die beiden sollen so tun (daher der Titelzusatz „The Pretenders“), als seien sie ein Liebespaar. Sarah, die Dante für einen Schnösel hält, ist zunächst wenig begeistert, aber der Eagle-Chef (Mišel Matičević) macht ihr ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann. Sarahs verstorbener Vater hat eine enorme Summe in ihre Rennkarriere investiert. Eagle würde die Schulden begleichen, doch der entscheidende Punkt ist ein anderer: Findet Dante zurück in die Erfolgsspur, wird er wieder Formel 1 fahren; und wenn nicht, verliert er seinen Platz im Cockpit des Mercedes-AMG. So oder so soll Sarah ihn ersetzen, was er aber nicht wissen darf. Also mimt sie tagsüber die schwer verliebte Frau an seiner Seite, dreht abends unter der Aufsicht des Renningenieurs (Frederic Linkemann) heimlich ihre Runden und knackt prompt Dantes Streckenrekord.
Foto: Prime Video
Wie in einer romantischen Komödie lassen Baahmed und Koroll anfangs die Giftpfeile nur so fliegen. Erwartungsgemäß wird aus den vorgetäuschten Gefühlen jedoch alsbald wahre Liebe; spätestens beim vertraglich vereinbarten Kuss auf dem roten Teppich einer Sportgala in Monte Carlo ist es um Sarah geschehen. Dass schließlich rauskommt, womit sie geködert wurde, ist ebenfalls keine Überraschung, zumal eine weitere Person nach Kräften gegen das Paar intrigiert. Für einen Rennsportfilm gibt es zwar vergleichsweise wenig Racing (die Rennbilder sind unter anderem auf dem Hockenheimring entstanden), aber die entsprechenden Szenen sind angemessen fesselnd umgesetzt. Die hochwertige Optik ist auch dank mondäner Schauplätze – das Paar gönnt sich einen Kurzurlaub in Italien und braust im Mercedes-Cabrio die Amalfi-Küste entlang – ohnehin ein weiteres großes Plus.
Dass „Drive“ aller Vorhersehbarkeit zum Trotz viel Vergnügen bereitet, liegt nicht zuletzt am Zusammenspiel von Baahmed und Koroll, die zusammen mit ihrer Rolle in der ZDFneo-Mystery-Serie „Die Düsteren“ (seit 3. Oktober im ZDF-Streaming) nun endgültig ihr „Bibi & Tina“-Image hinter sich lässt. Beide vermitteln das Wechselbad der Gefühle ihrer Rollen jederzeit überzeugend. Natürlich ist der Film purer Zeitvertreib, aber auf hohem handwerklichen und darstellerischen Niveau, zumal die Nebenfiguren mit unter anderem Inka Friedrich und Jeanette Hain als Mütter des zentralen Duos namhaft besetzt sind. Auch Lucie Heinze hat sichtlich Spaß an ihrer Rolle als gewiefte PR-Managerin („manipulieren, zerstreuen, zerstören“), deren Visionen von der „Liebe auf der Überholspur“ Moya und Kameramann Armin Franzen mit viel Weichzeichner im Stil einer Fotoserie von David Hamilton inszenieren. Die Musik (Ina Meredi Arakelian) setzt nicht erst zum spannenden Finale starke Akzente. Für die Vielzahl aktueller Popsongs gibt es Abzüge, aber das wird der Zielgruppe erfahrungsgemäß egal sein.

