Gearbeitet wird wenig im Bürgeramt Berlin-Tiergarten-Mitte-West. Die meisten der sechs Kolleginnen und der zwei männlichen Beamten sind am liebsten mit sich selbst beschäftigt und haben hinlänglich damit zu tun, ihr Versagen ins rechte Licht zu rücken. Da ist Sachbearbeiterin Dilara (Roxana Samadi), die nicht nur von Abteilungsliebling Orkan (Yasin El Harrouk) angehimmelt wird, sondern auf die offensichtlich auch Big Boss Schulenberg (Jan Henrik Stahl) ein Auge geworfen hat. Da ist die zuverlässige Conny (Lisa Hrdina), die offenbar kein Privatleben hat und sich deshalb umso intensiver ins Team einbringt. Das Gegenteil dieses Engagements zeigt sich bei der kränklichen Doris (Kathrin Angerer), die nichts mehr liebt als ihr Raucher-Päuschen, und bei Gisela (Petra Hartung), der Personalrätin, die keinen Handgriff und kein Wort mehr macht als vertraglich festgelegt. Ob dies möglicherweise auch für Jan Simon (Fridolin Sandmeyer) gilt, ist schwer zu sagen, versteckt der sich doch die meiste Zeit hinter seinem Monitor. Ganz anders: Melissa (Anna Herrmann). Die genießt es, wenn alle Blicke auf sie gerichtet sind. Schon blöd, dass nur zwei Männer in dieser Abteilung arbeiten. Schließlich die neue Chefin Ronja Keller (Friederike Kempter): Sie kommt aus der freien Wirtschaft und will entsprechend dem Amtsschimmel mit frischem Wind beikommen. Ein Meeting jagt das nächste. Dumm nur, dass ihr keiner richtig zuhört. Das liegt mehr noch als an der fehlenden Motivation ihrer Mitarbeitenden an ihr selbst: Wer nichts kann, wird Chefin.
Foto: ZDF / Sofia Velasquez
Nachdem „Stromberg“ den ersten Schritt gegangen ist weg von der traditionellen Pointen-Comedy, die noch mit der gängigen Dialogwitz-komm-raus-Methode gearbeitet hat, macht „Nine to Five – Das Amt“ da weiter, wo „Jerks“ und vor allem „Die Discounter“ aufgehört haben. Trotz Titelähnlichkeit und obgleich die Beamtenmentalität gleichsam aufs Korn genommen wird, hat die neue ZDF-Comedy nur sehr wenig mit der RTL-Serie „Das Amt“ (1997–2003) zu tun. Stattdessen dient das von „The Office“ bzw. „Stromberg“ übernommene Subgenre der Mockumentary mit seiner fingierten dokumentarischen Perspektive dazu, dem komischen Spiel eine weitere Ebene zu geben. Man sieht, wie die Figuren die Kamera mitdenken oder im Augenwinkel haben. Jeder möchte ein gutes Bild abgeben. Beispielsweise in Folge 1 die Chefin, die sich rechtfertigt, dass sie Conny im Glauben gelassen habe, die neue Fachbereichsleiterin zu werden: „Ja, wer bin ich denn, Ihr diesen Traum zu zerstören? Sie hat sich dann ja auch gefreut“, sagt sie in Richtung Kamera. Das Falsche mit verbalen Saltos zum Richtigen machen, darin war schon Christoph Maria Herbsts Comedy-Prototype unschlagbar. Der Unterschied aber zu der neuen Pyjama-Pictures-Serie ist der für diese Produktionsfirma typische Impro-Charakter, den man von „Die Discounter“, „Player of Ibiza“ oder „Gerry Star“ kennt. Ein Handlungs- und Szenengerüst ist in den acht Folgen à 25 Minuten durchaus auszumachen, die Dialoge, die Gespräche aber sind nicht geschrieben. Das ist nur selten klassisch witzig, lebt dafür von einer Interaktionsdynamik, die mal im Detail, vor allem aber auf Strecke ihren Reiz hat. Je mehr man sich heimisch fühlt in diesem leicht muffigen Mikrokosmos, je länger man das Verhalten der Charaktere beobachtet hat, umso mehr kann man den Situationen abgewinnen, die nie schreiend komisch sind, in denen sich aber auch Fremdschämen à la „Jerks“ in Grenzen hält. Das könnte mit der Vielzahl der gleichwertigen Figuren zusammenhängen (bei „Gerry Star“ war das anders). Ein Reiz der Mockumentary ist auch das Mehrwissen des Zuschauers; egal, ob die Figuren bei den Interviews ehrlich sind, flunkern oder lügen, alles sind Meta-Infos über das Wesen und die Kommunikationstechniken eines Charakters.
Foto: ZDF / Sofia Velasquez
Am deutlichsten leidet man wohl gelegentlich mit Conny mit, dieser herzensguten, freundlichen, aber in Liebesdingen reichlich naiven Beamtin, die – wie beschrieben – zunächst von der neuen Chefin gedemütigt wird, und später aufblüht, als ein ehemaliger Schulkamerad (Daniel Zillmann) im Amt auftaucht, den sie immer schon „süß“ fand, der sie natürlich nicht erkennt und der keinerlei Interesse an ihr hat. Der neuen Fachbereichsleiterin, die Friederike Kempter emotional ambivalent und fachlich als absolute Null verkörpert, dürfte dagegen die Antipathie des Zuschauers sicher sein. Ihr Hang zum Dealen („eine Hand wäscht die andere“), ihre Feigheit, die Unfähigkeit, Fehler einzusehen, geschweige denn zuzugeben, sprechen deutlich gegen sie. Die Drehbuch-Vorgaben halten sie mit viel Glück im Spiel. Einmal könnte es ihr an den Kragen gehen, als eine Frau Walter (Klara Lange) von der Human-Relations-Abteilung für alle im Amt ein offenes Ohr hat und sich Keller übergriffig ins Abseits manövriert. Mit dieser Frau als Chefin würde der Laden wohl anders laufen. Dass der Fisch vom Kopf stinkt, das bringt auch Jan Henrik Stahlberg als manipulativer Oberschleimer einmal mehr köstlich auf den Punkt. Ähnlich wie bei Stromberg kollidiert seine Selbstwahrnehmung mit der Realität: „Ich glaube, das hat sich Dilara vorher nicht so vorgestellt: Chefgespräch, aufgeregt, kommt rein und dann sitzt da auf einmal so ein cooler, lockerer Typ wie ich.“ Sein Prinzip: Unangenehmes wird nach unten delegiert, so muss Keller als erste Amtshandlung gleich mal jemanden „abordnen“ – sprich: versetzen. Was dieser Schulenberg kann, das kann die Keller schon lange: Also muss die Conny ran. Spätestens da versteht man dann, weshalb sie kurzzeitig zur „Chefin“ gemacht wurde. Aber auch Conny gibt in ihrer amourösen Verzückung schon mal ein Antragsformular weiter: an die kesse Melissa. Die wiederum muss Jan nicht lange zu bezirzen, der macht’s gern und schnell: rein in den Schredder. „Keine Akte, kein Problem.“
Foto: ZDF / Sofia Velasquez
„Nine to Five – Das Amt“ erzählt auf den ersten Blick von einem Bürgeramt, das auch schon ohne „Bürger“ chaotisch genug ist. Geschmunzelt wird vor allem über die absurden Situationen, die amüsant dysfunktionalen Interaktionen genauso wie über das Behördensystem. Quellen der Heiterkeit sind kleinkarierte Rituale wie die vier Schnitzeltage im Jahr. Die sind der Belegschaft genauso heilig wie die Mittagspause: Jeder darf seinen Satz in die Doku-Kamera sagen, aber Punkt 12 ist Schluss. Dramaturgisch gelungen ist das amüsante Pingpong bei den diversen Konfliktlösungen: Wie kommt die Chefin aus der verfahrenen Betriebsausflug-Nummer? Wie schlägt Conny Hanni aus dem Rennen um den knuffigen Ex-Schulkameraden? Oder wie kann Ronja Keller der schlechten Beurteilung von Frau Walter entkommen? Aus alldem entsteht eine Art narrative Textur, die mehr ist als eine bloße Ansammlung von Charaktertypen und die genregemäß viel mit Tempo – sprich: Timing – zu tun hat, also mit der Montage (Schnitt: Geraldine Sulima). Die zusätzlichen Kamera-Ruckler bräuchte es da gar nicht. Regie führte Leonard Fuchs, nach „Intimate“, „Player of Ibiza“ und „KEKs“ mittlerweile ein Profi in Sachen Impro-Komödie. Ein Merkmal dieser modernen, kommunikationsgetriebenen Comedys: Die Figuren werden durch ihre vielfältigen Interaktionen und die damit verbundenen sozialen Rollenbilder definiert. So ist Ronja Keller etwa Chefin (die sich auf den Papierkorb stellt, um ihre Ansagen zu machen) und Untergebene (die unter ihrem Schreibtisch abtaucht, wenn Schulenberg naht, eine schöne Metapher), eine die Kollegen demütigende und um ihre tote Katze aufrichtig trauernde Person. Die Serien-Charaktere sind im Übrigen inspiriert von Tülin Sezgins „Conny from the Block“, kurzen Social-Media-Videos, in denen die ehemalige Beamtin aus dem Nähkästchen plaudert und dabei in verschiedene Rollen schlüpft. Sezgin selbst spielt in der Serie die Kantinen-Chefin. Die Ausflüge der Beamten in ihr Reich, die Pausen vom Amtsstress, ermöglichen weitere Verhaltensvariationen. Schön absurd, wie der scheißfreundliche Schulenberg vom Küchenmitarbeiter geduzt werden will, der aber lieber beim „Sie“ bleiben möchte. Erst das Switchen in die Chefrolle („Du kannst auch bald bei der Wohlfahrt kochen“) sorgt für Einigkeit. Also auch hier: Hintersinniges Schmunzeln ersetzt den Lacher über die Kracher-Pointe.

