„Manchmal habe ich gedacht, dass ich das alles nie mehr wiedersehen würde.“ Felix (Fabian Hinrichs) hatte einen schweren Unfall, lag tagelang im Koma. Das hat den stinkreichen, knallharten Geschäftsmann nachdenklich gemacht, weicher, demütiger. Seine Frau Anne (Julia Koschitz) und die besten Freunde der beiden, das Ehepaar Irina (Nina Kunzendorf) und Martin (Matthias Matschke) sowie Justine (Aenne Schwarz), nicht minder auf Rosen gebettet, können sich da nur wundern. „Ohne fremde Hilfe wäre ich jetzt tot“ – und deshalb möchte er etwas von seinem Glück an jene Michaela (Lili Epply) zurückgeben, die am Abend seiner Heimkehr vor der Tür steht. Die junge Mutter ist verzweifelt, sucht seit Wochen nach ihrer 15-jährigen Tochter, und sie ist eingeschüchtert von diesem feudalen Anwesen und diesen rätselhaften Menschen, deren Verhalten zwischen Anteilnahme und arrogantem Standesdünkel pendelt. Der Hausherr jedenfalls will helfen, weist Irina, seine Justiziarin, an, tätig zu werden, da die Polizei den Vermisstenfall längst zu den Akten gelegt hat. Denn Michaela wohnt nicht im noblen Waldviertel, sondern auf der anderen Seite der Autobahn, im Hochhausgebiet, und sie arbeitet im Supermarkt. Felix lädt sie ein, zum Essen zu bleiben. Zum Leidwesen von Anne, die gern einen Abend ohne Probleme verbracht hätte. Doch das ist erst der Anfang. Noch vor dem Hauptgang stellt sich heraus, dass es die gleiche Nacht war, die sowohl Felix‘ als auch Michaelas Leben auf den Kopf gestellt hat. Kann das Zufall sein? Kreuzen sich die Wege der beiden erst jetzt? Also Schicksal? Nicht für Michaela. Die hat seit Wochen kaum geschlafen, verteilt in der Stadt Flugblätter – und bohrt weiter. Doch Felix kann sich an nichts erinnern.
Foto: ZDF, Arte / Network Movie / Nik Konietzny
Aus einem Abend unter Freunden, einer Feier des Lebens, werden Stunden eines verstörenden Verdachts, der sowohl die Paarbeziehungen als auch die Freundschaften auf die Probe stellt. Die fremde Frau ist der Katalysator, der „Die kleinen und die großen Lügen“ dieser feinen Gesellschaft ans Licht bringt. Es beginnt mit Gewitzel unter Freunden, rhetorisch raffinierten Einwürfen und kultiviertem Lifestyle. Unter Hummerhäppchen mit Kaviar macht man’s in diesem Haus nicht. Anne hat mal eben – um die schweren Zeiten der Ungewissheit zu überstehen – das ganze Haus umgestylt: „Alles hell, weiß, warm, neu.“ Noch gefällt es dem Heimkehrer. Wenig später ist das Ganze für ihn der Konsumrausch eines Pillen-Junkies. Der Freund des Hauses, nimmt diese Einschätzung schon mal etwas moderater vorweg: „Die einen laufen verzweifelt durch die Stadt und die anderen kaufen obszöne Wohnlandschaften.“ Dieser Martin hat gut reden – noch. Auch ihm wird es an den Kragen gehen, spätestens dann, wenn Felix Klarheit über die Abläufe jener verhängnisvollen Nacht gewinnen will. Was Martins Handy birgt, bringt ihn zwar in Verruf, aber der Schwarze Peter wird postwendend an seine bessere Hälfte weitergereicht. Sex ist dabei ein Thema. Es ist also kein Zufall, dass es Martin war, der Felix gleich zu Beginn des Abends fragt, ob er nicht erst mal „ficken“ wolle, nach neun Wochen Abstinenz. Und dass nicht Felix, sondern Martins Frau Irina antwortet („Vielleicht wusste er sich zu helfen“), passt gut in das Bild, das deren Beziehung auf der Zielgeraden abgibt.
Foto: ZDF, Arte / Network Movie / Nik Konietzny
Die Rollenverteilung in dieser bald gar nicht mehr so lockeren Runde ist ständig in Bewegung. Die Unterhaltungen, die Interaktionen, machen es möglich. Das, was man sagt, oder das, was man verschweigt, verändert das Bild, das man als Zuschauer von den Charakteren bekommt. Martin wird vom ironischen Kommentator, der das Auftauchen von Michaela wie ein Bühnenstück zu genießen scheint, zur armen Sau, die beinahe mit dem Fleischklopfer bearbeitet worden wäre. Seine Frau ist und bleibt die kühle, manipulative Juristin, die mehr weiß als alle anderen im Raum, aber eben auch nicht alles. Anne ist die vermeintlich kalte, hartherzige Ehefrau, die endlich „Ruhe und Frieden“ möchte, aber die außer Tabletten und Geld keine anderen Problemlösungsstrategien kennt. Annes beste Freundin Justine, der dramaturgisch eine Mittlerrolle zukommt, findet immer wieder Gelegenheit, sie zu kritisieren und für die unterprivilegierte Michaela Partei zu ergreifen. Steckt Neid dahinter, ein schlechtes Gewissen oder bloß Ideologie? Felix jedenfalls nimmt man seine Läuterung ab, zumindest für diesen einen Abend. „Ich versuche, das Richtige zu tun“, sagt er. Fabian Hinrichs spielt das so, dass man es dem Mann, der davon lebt, dass er obszön reiche Menschen noch reicher macht, glauben möchte. Zwar brüllt auch er im Eifer der allgemeinen Gefechte Michaela an, nennt sie eine „blöde Kuh“, sein Wunsch, die Vorgänge jener tragischen Nacht aufzuklären, wirkt indes glaubhaft.
Foto: ZDF, Arte / Network Movie / Nik Konietzny
„Die kleinen und die großen Lügen“ ist ein elegantes Salon-Drama, das in Beinahe-Echtzeit erzählt wird. Weniger noch als bei dem Weihnachts-Whodunit „Dahlmanns letzte Bescherung“ muss man bei dem neuesten, ganz vorzüglichen Drehbuch von Magnus Vattrodt nicht damit rechnen, dass ein Krimi daraus wird. Zwar fordert der fremde Gast „Rufen Sie die Polizei“, doch die kommt nicht, und dass hier jemand ermordet und in einen kostbaren Teppich gewickelt wird, muss ebenso wenig befürchtet werden. Messerscharf und emotional tödlich sind allenfalls die Dialogspitzen, die sich kurz vor dem Finale zu einem Stakkato gegenseitiger Vorwürfe dramatisch hochschaukeln. Wie so oft bei Vattrodt besitzt auch diese Geschichte einen doppelten Boden. Und so erzählt er eben nicht nur von den Lügen, den Unwahrheiten und der Impertinenz einer Elite (hier ist es nicht wie in „White Lotus“, „Beef 2“ oder „Triangle of Sadness“ die Dekadenz megareicher Egozentriker, hier ist es die Korruption aufgeklärter Klugscheißer), sondern auch davon, wie Menschen sich ihre Welt(sicht) basteln, wie sie sie für sich konstruieren, um (seelisch) weitgehend unbeschadet durchs Leben zu gehen. Dieser Weg ist stets gepflastert mit Vermutungen, Verdächtigungen, Spekulationen. Es sind vor allem Vor-Urteile, die den Weg ebnen. Verdrängte Emotionen und Denkmuster gewinnen gegenüber den Fakten an Wahrheitswert. Das kommt einem bekannt vor. Was der Film erzählt, den Wolfgang Fischer kongenial und fokussiert auf das grandiose Ensemble inszeniert hat, lässt sich auf den Kommunikationsstil in der Gesellschaft übertragen. Nichts Genaues weiß man nicht. Hauptsache, jeder hat (s)eine Meinung.

