Die Parallelen sind nicht zu übersehen: Hier wie dort führt ein Tabubruch dazu, dass ein familiäres Treffen in Zank und Streit endet. In Sönke Wortmanns Kinokomödie „Der Vorname“ (2018) provoziert ein werdender Vater Schwester und Schwager mit der Ankündigung, dass er sein Kind Adolf nennen wolle. Prompt steigern sich die Gespräche zum verbalen Gemetzel, in dessen Verlauf alte Rechnungen und Ressentiments auf den Tisch kommen. Der Netflix-Film „Das Geschenk“ funktioniert ganz ähnlich: Banker Timo (Edin Hasanović), dank cleverer Währungsgeschäfte stinkreich, neigt zu einer gewissen Großkotzigkeit, ist ansonsten aber ein Onkel, wie ihn sich ein achtjähriger Junge nur wünschen kann. Kürzlich hat er sich ein parkartiges Grundstück samt schmucker Villa mit Pool vor den Toren Berlins zugelegt. Als Theo neun wird, darf Timos alleinerziehende Schwester Marlene (Jeanne Goursaud) hier den Kindergeburtstag ausrichten. Die Handlung beginnt nicht mit der Feier, sondern am Morgen des nächsten Tages: Das Anwesen sieht aus wie ein Schlachtfeld, das Fest ist offenkundig komplett aus dem Ruder gelaufen. Zum Höhepunkt des Prologs kommt eine Frau nackt aus dem Haus gelaufen und knallt gegen einen Baum.
Foto: Netflix
In der 18 Stunden zuvor beginnenden langen Rückblende erzählen Ben Brooks (Buch) und Vanessa Jopp (Regie), wie eine vermeintlich kleine Ursache eine derart zerstörerische Wirkung entfalten konnte. Timo, Typ Kaschmirproll, aber irgendwie trotzdem cool, ist mit seinem protzigen Porsche auf dem Heimweg, als ihm auffällt, dass er mit leeren Händen kommt. Natürlich soll sein Geschenk möglichst ausgefallen sein, weshalb er in dem Geschäft mit den pädagogisch wertvollen Brettspielen und dem handgefertigten Holzspielzeug im völlig falschen Laden ist – bis sein Blick auf eine ganz bestimmte Kiste fällt. Theo ist begeistert, Marlene ist schockiert: Ihr Bruder hat seinem Neffen ein Spielzeuggewehr geschenkt. Schon zuvor haben diverse Giftpfeile zielsicher wunde Punkte getroffen, aber jetzt folgt ein verbales Scharmützel, in dessen Verlauf die Geschwister unter anderem ihre unerfreuliche Kindheit aufarbeiten. Deshalb gerät Opa Hans (Heiner Lauterbach), als verwitweter alter weißer Mann mit seinen bissigen Kommentaren zunächst nur eine Art teilnehmender Beobachter, zunehmend ins Zentrum der Ereignisse.
Ein derartiges Szenario lebt in erster Linie von den Dialogen und daher vom Ensemble, zu dem als leicht überzeichnete, aber perfekt getroffene Zaungäste auch ein mit Marlene befreundetes Pärchen gehört. Die beiden repräsentieren eine progressive Haltung, die mit Timos Weltbild nicht mal ansatzweise kompatibel ist; umso erstaunlicher, dass es ihm gelingen konnte, eine liebenswerte Frau wie Sofia (Sogol Faghani) von seinen inneren Werten zu überzeugen. Im Verlauf des Festes offenbart Timo jedoch eine Seite, die seine sanftmütige Freundin bislang nicht kannte. Als er dann auch noch einen Jungen schubst, der ihm schon den ganzen Tag auf die Nerven geht, kann er den Antrag, den er Sofia am Abend machen wollte, vergessen.
Foto: Netflix / Anika Molnar
Schon allein Edin Hasanović ist als Onkel mit Peter-Pan-Syndrom eine Freude. Brooks, der zuletzt zum Drehbuchteam der Prime-Serie „Friends Sex and Games“ (2026) gehörte, hatte garantiert großen Spaß an den Wortgefechten, die sich der etwas schlicht gestrickte Timo und seine pazifistische Schwester liefern: Timo wollte, dass sein Neffe Old Shatterhand spielen kann; Marlene hält den Karl-May-Helden jedoch für einen „gewalttätigen Kolonisator mit indigenem Sexsklaven“. Jeanne Goursaud ist als Mutter, die sich nach Kräften um Contenance bemüht („Ich umarme die Ruhe“), nach Ansicht ihres Vaters jedoch viel zu sehr um Theo „herumpropellert“, nicht minder sehenswert. Die besten Dialoge haben allerdings die vorzüglich geführten Kinder, allen voran Levin Wopp als Theo und Paul Henrich als Terrorzelle Arthur. Wie es Brooks gelingt, Timo zu rehabilitieren, als der Film im letzten Akt eine bewegende Wendung nimmt, ist große Komödienkunst. Das gilt auch für eine Rolle, die Berit Künnecke mit heiligem Ernst verkörpert: Die Frau, die sich als „Simons Mutter“ vorstellt und bis zum Schluss namenlos bleibt, ist ein Prototyp an Verkniffenheit – bis sie die mit Schokolade überzogenen „Magic Mushrooms“ von Hans entdeckt. Jopp hat für Netflix bereits die romantische Komödie „Faraway“ (2023) und zuletzt für Paramount+ „Parallel Me“ (2025) gedreht. In der Serie erhält eine junge Frau die Gelegenheit, parallele Realitäten auszuprobieren. Etwas Vergleichbares widerfährt auch Marlene, allerdings im Hier und Jetzt, als es nicht ganz unerwartet zur Versöhnung von Gegenwart und Vergangenheit kommt.

