Wake Up

Luna Jordan, Aybi Era, von Rittberg, Steinhorst, Ljubek, Nosbusch. Bewusstseins-Reisen in fremde Körper

23.10.2026 10:00 ZDF-Stream alle 6 Folgen Streaming-Premiere
27.10.2026 21:45 ZDFneo Folgen 1+2 TV-Premiere
03.11.2026 21:45 ZDFneo Folgen 3+4 TV-Premiere
10.11.2026 21:45 ZDFneo Folgen 5+6 TV-Premiere
Foto: ZDF /( Janine Sametzky / Serviceplan
Foto Rainer Tittelbach

Ein unbedachter Schubser auf einer Skipiste – und für zwei Schwestern ist nichts mehr, wie es war. Die eine liegt seit zwei Jahren im Koma, die andere bekommt ihr Leben nicht mehr auf die Reihe. Ermöglicht ein Forschungsprogramm mit Nanobots die Wiedervereinigung der beiden Schwestern? Die ZDF-Serie „Wake Up“ (U5 Filmproduktion) verknüpft zwei sehr unterschiedliche Genres miteinander: Der emotionale Kern ist ein tragisches Schwestern-Drama, das sich zu einem Familiendrama auswächst. Der rationale Kern, das Near-Future-Szenario, liefert dabei mehr als nur einen spannenden Erzählrahmen für zahlreiche, von Ängsten begleitete Beziehungen. Beide Ebenen entwickeln ihren eigenen Reiz. Ohne es als Thema auszustellen, fragt die Serie gleichermaßen nach der ethischen Verantwortung von Wissenschaft/Forschung und nach den Grenzen lebenserhaltender Technologien. Sind Abschiednehmen und Loslassen (von Lebensträumen) manchmal die weiseren Strategien? „Wake Up“ ist Fiktion. Ungleich tragischer ist der Tod von Hauptdarstellerin Luna Jordan im Mai dieses Jahres. In der stark besetzten Serie beweist sie noch einmal ihr großes Talent, ihr Gespür für schwierige Charaktere.

Ein unbedachter Schubser auf einer Skipiste – und für zwei Schwestern ist nichts mehr, wie es war. Die eine, Clara (Alicia von Rittberg), liegt seit zwei Jahren im Koma, die andere, Emilia (Luna Jordan), bekommt ihr Leben nicht mehr auf die Reihe. Sie fühlt sich schuldig, war sie es doch, die ihrer Schwester diesen neckisch gemeinten Schubser gab. Sie lebt zurückgezogen auf einem Hausboot, hat den Kontakt zu ihrem Vater Jakob (Carlo Ljubek) abgebrochen, und ihr schlechtes Gewissen hält sie sogar davon ab, ihre Schwester regelmäßig zu besuchen. Weil sie Geld braucht, stellt sie sich als Probandin für ein Forschungsprojekt zur Trauma-Behandlung zur Verfügung. Hevi Abdel (Aybi Era) und Marit Berger (Malaya Stern Takeda) wollen mit Hilfe von Nanobots chronische Angststörungen therapieren. Emilias Angstzentrum lässt sich allerdings nicht wie geplant neu programmieren. Stattdessen wandert Hevis Bewusstsein für wenige Minuten in Emilias Körper und ihres springt zurück zum Unfall auf der Skipiste. Danach ist Emilia völlig durcheinander und lehnt eine weitere Mitarbeit als Testperson ab. Ihre heftige Reaktion hängt vor allem damit zusammen, dass es in der Erinnerung ihr Körper war, der auf der Skipiste im Schnee lag. So verstörend das auch sein mag, ergeben sich dadurch ungeahnte Chancen für die komatöse Clara: Emilia könnte ihre Schwester in ihren Körper reisen lassen. Gerade jetzt, wo sich ihr Zustand verschlechtert, ist dies für Emilia eine tröstliche Vorstellung. Aber selbst, wenn es gelingen würde, was hieße das für Clara? Ständig unterwegs in fremden Körpern? Nanobots-Programmierer Robin (Simon Steinhorst) ist skeptisch, besonders was die Nebenwirkungen für Emilia angeht. Die aber hätte noch eine andere Idee.

Wake UpFoto: ZDF / Frank Dicks
„Das ist ein Umbruch in der Menschheitsgeschichte.“ Josephine (Désirée Nosbusch) ist fasziniert von den Möglichkeiten des Travelns. Jetzt gelingen diese Reisen sogar ohne Emilia. Marit (Malaya Stern Takeda) lässt ihre Chefin in ihren Körper wandern.

Die ZDF-Serie „Wake Up“ verknüpft, ja verschweißt geradezu, zwei sehr unterschiedliche Genres miteinander. Der emotionale Kern ist ein tragisches Schwestern-Drama, das sich zu einem Familiendrama auswächst, erzählt aus der Perspektive einer perspektivlosen, zu Depressionen neigenden jungen Frau, der durch ein Forschungsprojekt neuer Lebensmut gegeben wird. Der rationale Kern, das Near-Future-SciFi-Szenario, liefert dabei mehr als nur einen spannenden Erzählrahmen für eine Reihe intensiver, von Ängsten begleiteter Beziehungen. Denn auch innerhalb der Forschungsfirma und im Labor gibt es komplexe, schwierige Konstellationen. Hevi ist mit Lars (Robert Stadlober) verheiratet, dem Sohn der Firmenchefin (Désirée Nosbusch), die gern manipuliert und schon mal ihre Schwiegertochter hintergeht. Lars steht zwischen den beiden Frauen, unterstützt zunehmend Hevi, was diese nicht zu schätzen weiß. Und dann sind da noch Mitarbeiterin Marit und Assistent Robin, der Nanobots-Programmierer. Er ist der Idealist, dem es nicht um seine Karriere geht, sondern um eine ethisch korrekte Forschung. Immer wieder verweist er auf die Gefahren beim sogenannten Traveln, die für den Wirt entstehen können. Davon will Hevi nichts wissen. Sie ist zwar angetreten, um eine Angsttherapie für ihre geistig und seelisch kränkelnde Mutter zu finden, hat bald aber nur noch ihren Erfolg als Wissenschaftlerin im Sinn.

Wake UpFoto: ZDF / Sabine Panossian
Der frühe Tod der Mutter führte zu einer sehr engen Beziehung der Schwestern. Ohne Clara (Alicia von Rittberg) hätte Emilia (Luna Jordan) ihre Kindheit und Jugend nicht gut überstanden. Seit Clara im Koma liegt, fehlt Emilia, die sich zudem schuldig fühlt, das Korrektiv gegen ihre depressive Disposition. Luna Jordan und Alicia von Rittberg sind die perfekte Besetzung.

Die Frage nach der Verantwortung von Wissenschaft und Forschung wird in der Serie immer wieder gestellt. „Lass die Ethikkommission mal meine Sorge sein“, sagt die Chefin des Nanobots-Unternehmens zu ihrem Sohn, der es fragwürdig findet, die komatöse Carla in Emilias Körper reisen zu lassen, noch dazu ohne Einwilligung des Vaters. Obwohl die Serie für jede Haltung (einen) Stellvertreter hat, wird das Thema unprätentiös angeschnitten, bevor es auf der Zielgeraden zu klaren Positionierungen kommt: hier die Faszination des Machbaren, dort die späte Erkenntnis, dass die vermeintlich revolutionäre Technologie nicht im Ansatz von der Forschung verstanden werde, geschweige denn deren Gefahren erkannt würden. Trotz des permanenten Travelns, bei dem es immer wieder Probleme und neue Erkenntnisse gibt, kann man der Geschichte gut folgen, versteht auch ohne umständliche Erklärungen, wer sich gerade in wessen Körper befindet und welches Bewusstsein auf Trauma-Reise geht. Auf albernes Wissenschafts- oder IT-Latein wird verzichtet. Stattdessen setzen die sechs Autor*innen auf anschauliche Begrifflichkeiten: Da werden „neuronale Muster aktiviert“ oder befindet sich „ein Gehirn im Ausnahmezustand“. Es werden klare Bilder gesucht: „Clara war in mir“, heißt es beispielsweise, oder: „Ist ja alles nur in meinem Kopf“, wird das Chaos, von dem der Zuschauer Augenzeuge wurde, nachträglich sortiert. „Die Möglichkeiten sind endlos“, heißt es; das bezieht sich auf das Reisen des Bewusstseins in fremde Körper. Gleiches gilt aber auch für die narrativen Möglichkeiten dieser Serie. So wie man beim Krimi rätselt und kombiniert, so fragt man sich bei „Wake Up“ ständig, in welche möglichen Richtungen sich der Plot entwickeln könnte. Dabei kommt einem auch eine sehr extreme Option für die Schwestern in den Sinn.

Wake UpFoto: ZDF / Frank Dicks
Clara begegnet in der Gestalt von Robin (Simon Steinhorst) ihrem Vater (Carlo Ljubek), dem man die Tragödie um seine Töchter in jeder Pore, jedem Gesichtsausdruck ansieht. Immer wieder gibt es durch das Traveln für den Zuschauer diese Art von V-Effekt.

Vorzüglich ist auch die visuelle Umsetzung. Mia Maariel Meyer und Tim Trachte und ihre Gewerke setzen auf eine zeitgemäße Filmsprache, hochwertig, aber ohne Hochglanz. Nie erstickt die Ästhetik in sterilem Klinik- oder Labor-Kammerspiel-Ambiente. Dafür sorgt schon die Geschichte: Es gibt diese Reisen zurück in den Schnee, zum Unfall, bei der Hass und Liebe in sinnlich und emotional aufregenden Montagen aufeinanderprallen, Stippvisiten in die Kindheit oder Claras Ausflüge in einem fremden Körper zu ihren Liebsten. Als sie beispielsweise mit Emilias Äußerem ihren (einstigen) Freund besucht, wird die Autofahrt dorthin auffällig gedehnt, und man erkennt als Zuschauer, wie sie es scheinbar genießt, endlich wieder dieses Leben da draußen zu sehen, diesen Fahrtwind zu spüren. Das passt zwar nicht ganz zu der anderen Erfahrung, dass für die Aktiv-Lebenden zwei Jahre vergangen seien, während Claras Bewusstsein da wieder einsetzt, wo es nach dem Unfall ausgesetzt hat, schön ist es trotzdem. Beeindruckend inszeniert sind auch die Partyszenen zu Beginn des Films, erst euphorisch, mit Emilia, schon hier als Spaßbremse, später dann nach Begegnung mit ihrem Vater in der Klinik ihren Frust wegtanzend. Für Abwechslung und Atmosphäre sorgen auch Schauplätze und Szenenbild. Markantestes Beispiel: das heruntergekommene Hausboot, das wunderbar Emilias Seelenzustand spiegelt. Hinzu kommen die Pflanzen, die ähnlich verwildert sind wie ihre Besitzerin. Gelungen ist in „Wake Up“ auch die Politik der Gefühle. Besonders das Familiendrama besitzt in den letzten beiden Folgen sehr viele bewegende Momente, deren hohe Qualität darin besteht, wie sie erzielt wird: ohne dramaturgische oder filmische Tricks, ohne Tränendrüsen-Augenblicke. Im Gegenteil: Die Serie setzt eher auf eine distanzierte Erzählweise und auf Charaktere, die keine Umarmungsreflexe beim Zuschauer auslösen. Die Figur, deren Schauspielerin dafür noch am ehesten prädestiniert wäre, liegt im Koma – und in den Szenen, in denen sie zu leben scheint, verströmt sie nur selten diesen Alicia-von-Rittberg-Touch. Die drei männlichen tragenden Nebenfiguren, der Vater, der Programmierer und Hevis‘ Ehemann, sowie Désirée Nosbusch als Firmenchef sind relativ eindimensional gezeichnet, ohne bloße Funktionsträger für die Hauptcharaktere zu sein. Emilia und Hevi sind indes ziemlich ambivalent: Wenn ihr egoistischer Antrieb dominiert, sind sie hart, rigide, aber wenn ihre Gefühle zum Vorschein kommen, können sie in Szenen mit der komatösen Schwester oder der kranken Mutter plötzlich weich sein.

„Wake Up“ erzählt von einer Familientragödie. Das ist Fiktion. Ungleich tragischer ist der Tod von Hauptdarstellerin Luna Jordan im Mai dieses Jahres. Diese so talentierte, junge Schauspielerin spielte sich nach diversen Kinder- und Teenager-Nebenrollen zuletzt in der RTL-Serie „Euphorie“, im „Polizeiruf 110 – Your Body My Choice“ sowie den Coming-of-Age-Debütfilmen „Smalltown Girl“ und „Run Me Wild“ mit schwierigen Charakteren nachhaltig ins Gedächtnis nicht nur der Kritiker. Auch in „Wake Up“, ihrer letzten Serie, ist sie noch einmal in ihrem Element: ihre Gesichtszüge von der Familienkrise gezeichnet, ein ungepflegter Vokuhila, ihr Verhalten zwischen ruhe- und antriebslos; „wild, frei, kreativ“ bezeichnet Clara Emilias Lebensstil. (Wer nichts über das Finale des Dramas und des Forschungsprojekts erfahren möchte, sollte nicht weiterlesen.) Am Ende besinnt sich die Figur auf ihre besagte weiche, verständnisvolle Seite, hält eine empfindsame Trauerrede und kann nach einem letzten Zusammentreffen mit Clara, ein inniges Abschiednehmen, endlich loslassen. Um ein Loslassen anderer Art geht es im Übrigen auch für die forschende Hevi.

Wake UpFoto: ZDF / Oliver Oppitz
Eine Technologie, die Träume wahr werden lässt? Zurück auf der Skipiste: Emilia (Luna Jordan) und Clara (Alicia von Rittberg)

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Mit Luna Jordan, Aybi Era, Simon Steinhorst, Alicia von Rittberg, Carlo Ljubek, Désirée Nosbusch, Robert Stadlober, Anna Bardavelidze, Malaya Stern Takeda

Kamera: Sabine Panossian, Jakob Berger

Szenenbild: Manfred Döring

Kostüm: Christian Roehrs

Schnitt: Kai Eiermann, Valesca Peters, Ana de Mier y Ortuño

Musik: Dascha Dauenhauer, Marcus Sander

Redaktion: Solveig Cornelisen, Anja Helmling-Grob

Produktionsfirma: U5 Filmproduktion

Produktion: Katrin Haase, Oliver Arnold, Alexander Ferwer

Headautor*in: Arpana Aischa Berndt, Raquel Dukpa

Drehbuch: Mar B. Alves, Dominik Hochwald, Christoph Mathieu, Arpana Aischa Berndt, Raquel Dukpa, Paulina Lorenz

Regie: Mia Maariel Meyer, Tim Trachte

EA: 23.10.2026 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 28.10.2026 21:45 Uhr | ZDFneo

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