Ist ein Urteil nicht anfechtbar, darf es zu keinem weiteren Prozess kommen: ein beliebter Krimistoff; auch in diesem Film fällt der lateinische Rechtsgrundsatz „Ne bis in idem”, nicht zweimal in derselben Sache. Natalie Zoghbi hat sich für ihr erstes „Usedom“-Drehbuch allerdings eine reizvolle Variante ausgedacht: Kann eine Person für ein und dasselbe Verbrechen zweimal angeklagt und bestraft werden? Was nach Stoff für ein juristisches Seminar klingt, entpuppt sich als Krimi, der selbst innerhalb der stets sehenswerten Reihe eine besondere Stellung einnimmt, und das liegt neben der vorzüglichen Kamera- und Lichtarbeit (Jana Marsik) sowie der ohnehin stets preiswürdigen Musik von Colin Towns zuvorderst an den beiden Hauptdarstellerinnen.
Soundtrack: Heart („Barracuda“), Jefferson Airplane („Somebody To Love“), Izzie Yardley („On The Tide“, Abspannlied)

Zwischenzeitlich spielte der Auftakt der Reihe, „Mörderhus“ (2014), fast keine Rolle mehr: Damals ist die ehemalige Staatsanwältin Karin Lossow (Katrin Sass) nach einem längeren Gefängnisaufenthalt in ihr Haus auf Usedom zurückgekehrt; sie hatte im Affekt ihren untreuen Mann erschossen. Nun kehrt ihre Vergangenheit zurück, allerdings nicht wie sonst als Dämon, sondern freudig begrüßt: In der Haft hat sie sich mit einer Frau angefreundet, die gleichfalls als Gattenmörderin verurteilt worden war. Anja Wiesznewski (Steffi Kühnert) hatte allerdings stets ihre Unschuld beteuert; sie ist damals allein aufgrund von Indizien verurteilt worden, eine Leiche gab es nicht. Nach 15 Jahren Haft ist sie wieder frei. Im Gefängnis galten die beiden Frauen als „Schwarze Witwen“. Jetzt feiern sie ihr Wiedersehen, doch die Freude währt nur kurz: Nach dem Fund einer männlichen Leiche stellt sich zur Verblüffung aller Beteiligten heraus, dass das Opfer zum zweiten Mal ermordet worden ist; und natürlich ist völlig klar, wer als Hauptverdächtige gilt.
Rund um diese zwar interessante, aber auch überschaubare Gemengelage hat Zoghbi, die abgesehen von einer „Traumschiff“-Episode bislang fast ausschließlich Drehbücher für Serien geschrieben hat, eine zunehmend komplexe Handlung gestrickt, zumal lange offen bleibt, welche Rolle die verschiedenen Nebenfiguren spielen. Das gilt allen voran neben einem offenbar hoch verschuldeten Paar, das demnächst Eltern wird (Roxana Safarabadi, Nico Ehrenteit), sowie der neuen Lebensgefährtin (Sandrine Mittelstädt) des Mordopfers vor allem für Rada Krol (Annett Sawallisch). Einst war sie die beste Freundin von Lossows Tochter Julia, nun führt sie die von ihrer Großmutter gegründete Kneipe „Abendrot“. Ihre Verwicklung in den Fall ist nur eine von vielen überraschenden Wendungen dieser Geschichte, in deren letztem Akt Glücksspielsucht zum beherrschenden Thema wird.
Foto: NDR / Degeto Film / Oliver Feist
Joana Vogdt hat aus dem Drehbuch einen Krimi gemacht, der in ausnahmslos jeder Hinsicht überzeugt. Auch für sie ist „Doppelmord“ die „Usedom“-Premiere, allerdings hat sie zuvor nach ihrem sehenswerten tragikomischen Regiedebüt mit dem ARD-Freitagsfilm „Ostsee für Sturköppe“ (2024, gleichfalls mit Kamerafrau Jana Marsik) zuletzt bereits die gute „Nord bei Nordwest“-Episode „Pechmarie“ (2026) gedreht; die Donnerstagsreihe entsteht ebenso wie die „Usedom-Krimis“ im Auftrag von NDR und der ARD-Tochter Degeto. Jenseits des hohen handwerklichen Niveaus sind es dennoch die darstellerischen Darbietungen, die den Film aus dem TV-Alltag herausragen lassen, und das gilt keineswegs nur für Sass und Kühnert, die hier zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera standen.
Natürlich hat auch die Gegensätzlichkeit der beiden Figuren – die eine eher introvertiert, die andere nicht zuletzt wegen ihres Nachholbedarfs fast euphorisch – ihren Reiz, aber inhaltlich ist ein anderer Punkt spannender: Lossow hat der Knastkumpanin die beteuerte Unschuld nie geglaubt. Diesen Fehler will sie nicht noch mal machen, was automatisch zu einem Loyalitätskonflikt führt: Ellen Norgaard (Rikke Lylloff) ist ebenfalls eine enge Freundin, doch die Kommissarin hat keinen Zweifel daran, dass Anja in der Überzeugung, die Strafe bereits verbüßt zu haben, ihren Mann ermordet hat. Die Qualität des Drehbuchs zeigt sich aber auch in den kleinen Szenen, die sich Zoghbi für die weiteren Ensemble-Mitglieder ausgedacht hat. Till Firit zum Beispiel darf beim ausgelassenen Spiel mit Ellens Sohn eine neue Seite seiner Rolle zeigen und beweist in einer witzigen Slapstick-Szene viel Körpergefühl. Rainer Sellien und Jana Julia Roth machen als uniformiertes Duo gleichfalls das Beste aus ihren vermeintlich kleinen Rollen.
Foto: NDR / Degeto / Oliver Feist

