Über 40 Jahre gab es keine Schwerverletzten in Schwanitz. Das bleibt erst mal auch so. Denn beim Einsatz, zu dem Jule (Marleen Lohse) und Herr Töteberg (Stephan A. Tölle) in ihrer vorübergehenden Funktion als ehrenamtliche Rettungssanitäter gerufen werden, gibt es nichts zu retten. Vier Tote: zwei Dealer und zwei Drogenkuriere. Einer der beiden ist aus privater Not ins Milieu geraten. Er und seine Schwester, Marie Hansen (Anne Zander), in Schwanitz nur Pechmarie genannt, weil sie das Unglück förmlich anziehen solle, sind drauf und dran, wegen Zahlungsverzugs eines Kredits ihr (Eltern-)Haus zu verlieren. Glück im Unglück: Der Bruder stirbt als letzter und kann mit dem Geld fliehen; möglicherweise hat er ja einen Weg gefunden, die 500.000 Euro seiner Schwester zuzuschanzen. Auch Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann) und Hannah Wagner (Jana Klinge) scheint nach und nach dieses Szenario plausibel zu sein. Sie sind im Übrigen nicht die Einzigen, die bei der Suche nach dem verschwundenen Geld auf die Schwester des vierten Mannes stoßen: die anderen, ein korruptes Polizeiduo (Patrick von Blume, Mona Pirzad), sind vor allem schneller. Dass die beiden keine Skrupel besitzen und Marie taub ist, erhöht die Gefahrenlage für die junge Frau.
Foto: NDR / Gordon Timpen
Was nach einem typischen Thriller-Plot klingt, entwickelt sich bei Autor Holger Karsten Schmidt dieses Mal überraschenderweise zu einem Landkrimi mit anrührender Drama-Note. „Pechmarie“, die 28. Episode der erfolgreichen Donnerstagskrimi-Reihe „Nord bei Nordwest“, setzt weniger auf Genre-Spannung. Wie es sich für eine Geschichte dieses Autors gehört, gibt es – im wahrsten Sinne des Wortes – ein paar knallige Momente: Dazu gehört der mehrfach tödliche Schusswechsel zu Beginn, fein akzentuiert und angenehm unblutig geschnitten. Nervenaufreibender Höhepunkt ist ein fünfeinhalb minütiger Showdown im Halbdunkel, mit Hammer und Handwaffen, voller flackernder Farbeffekte, während „Paint it black“ der Stones ohrenbetäubend laut durch das Haus der tauben Marie dröhnt und die Perspektiven ständig wechseln. Am Ende gibt es zwei Tote, die es nicht anders verdient haben. Der Kern der Geschichte aber dreht sich – und das ist ungewöhnlich für die Reihe – um ein Thema, das nicht nur von der Erzählung gesetzt wird, sondern auch von den Figuren immer wieder offen angesprochen wird. Dadurch und durch das typische Augenzwinkern dieser Reihe ergibt sich eine andere Wirkung als bei jenen Filmen, in denen alle Beziehungen und Sub-Plots ernsthaft und tief gründelnd miteinander verspiegelt werden. Immer wieder will es Hauke Jacobs wissen: „Was ist eigentlich Glück für Sie?“ Er fragt jede und jeden. „Geliebt zu werden“, sagt Jule und strahlt. Hannah Wagner antwortet typisch für sie – weniger persönlich – mit einem Zitat: „Wer Unglück nicht kennt, kann wahres Glück nicht empfinden.“ Sollte es für die Titelfigur, die nach den Eltern und ihrer Schwester nun auch den Bruder verloren hat und selbst vor Jahren vom Blitz getroffen wurde, die Ursache für ihr Taub-Sein, endlich mal gut ausgehen, müsste sie überglücklich sein.
Glück, Unglück, Schicksal, auch der Tod wird reflektiert. Selbst Herr Töteberg, Bestatter und vorübergehend Rettungssanitäter, zeigt sich ungewohnt nachdenklich. „Es ist anders, wenn man nicht erst kommt, wenn alles vorbei ist“, sagt er zu seiner Kollegin (Regine Hentschel) und sieht das Sterben plötzlich von einer völlig anderen Seite. „Wir verdienen unseren Lebensunterhalt mit dem Leid anderer Menschen. Unser Glück ist nur durch deren Unglück möglich.“ Spricht’s – und das Akkordeon stimmt jene tiefen Töne an, mit denen der Komponist Stefan Hansen seit Jahr und Tag in der Reihe wunderbar melancholisch Stimmung macht. Das Einem-die-letzte-Ehre-Erweisen wird in „Pechmarie“ ernst genommen. Aber die Glücksphilosophie birgt auch heitere Seiten. Wissen Fische, was Glück ist? Freuen sich Süßwasserfische über die Freiheit in Salzwasser? Die Glückslosverkäufe von Mehmet Ösker (Cem Ali Gültekin) wirken zunächst wie der übliche alberne Spaß am Rande. Am Ende sind sie mehr. Was aus dem Duzen zwischen dem Trio wird? Abwarten. „Das hat sich im Affekt ergeben“, spielt es Hauke Jacobs herunter, derweil Jule aus dem Strahlen nicht herauskommt – bis die beiden Tierfreunde bereits in der nächsten Szene ein großes Problem miteinander kriegen: Darf man bei der Pechmarie ein bisschen mit dem Glück nachhelfen, auch wenn es gegen das Gesetz verstößt, aber keinem wehtut? Trotz Drama-Ausrichtung des emotionalen Hauptplots besitzt „Pechmarie“ eine Unmenge an Wohlfühlmomenten, die Fans der Reihe auf ihre Kosten kommen lassen.
Foto: NDR / Gordon Timpen
Das Taub-Sein ist in diesem Krimi-Drama mehr als ein Motiv, um den Thrill zu forcieren. Im Showdown wird nur kurz mit diesem Handicap die Spannung erhöht. Mehr im Kopf des Zuschauers als auf dem Bildschirm. Marie hört zwar nichts, dafür sind ihre anderen Sinne umso geschärfter. Sie riecht, sie spürt jeden Luftzug im Haus, sie sieht mehr als andere. Und sie ist clever: Sie hört die laute Musik nicht, ihre Widersacher aber drehen durch bei dem Krach. Diese Pechmarie will nicht länger Opfer sein. Anne Zander spielt das markant, in einem befreienden Akt der Selbstermächtigung. Dem Krimi schaden ein paar Einblicke in das Seelenleben dieser Frau nicht, die vom Schicksal Gerechtigkeit und von der Gesellschaft eine faire Chance erwartet, und das Drama gewinnt durch ihre klaren Worte an Tiefe. Dieser dramaturgischen Umsicht entspricht auch die besetzungstechnische Sensibilität: Anne Zander, die in dem Ausnahme-Drama „Du sollst hören“ (2022) an der Seite von Claudia Michelsen brillierte, ist gehörlos. Mal eine andere Art, Unterhaltung mit gesellschaftlicher Relevanz zu verbinden.

