Sarah Kohr – Bis auf den Grund

Lisa Maria Potthoff, Ullmann, Erikson, Knaup, Berndt, Theede. Trau’ ihm, er ist ein Cop

Foto: ZDF / Christine Schroeder
Foto Tilmann P. Gangloff

Im insgesamt 13. Krimi aus der immer guten ZDF-Reihe mit Lisa Maria Potthoff, „Bis auf den Grund“ (die film GmbH), entdeckt die Hamburger Kommissarin eine Mauschelei mit Todesfolge: Bei seinem Vorhaben, das Tiefwasser anzuzapfen, hat sich ein Konzern mit finsteren Mächten verbündet, die für ihren Profit offenbar über Leichen gehen. Der überaus fesselnd inszenierte Film wird zum Thriller, als die Kommissarin erkennt, dass die Feinde in den eigenen Reihen lauern.

„Na los doch, make my day“: So wörtlich wollte Timo Berndt den legendären Spruch von Harry Callahan dann wohl doch nicht zitieren, aber der Schlusssatz dieses „Sarah Kohr“-Krimis – „Ja, tu mir den Gefallen“ – erinnert kräftig an die vergleichbare Szene aus „Dirty Harry kommt zurück“ (1983). Dann folgt allerdings ein Epilog, mit dem die Kommissarin eine sehr empathische Seite offenbart; anders als der Kinobulle aus San Francisco ist sie keine Zynikerin.

Von diesem zu Tränen rührenden Moment abgesehen ist „Bis auf den Grund“ ein durchgehend fesselnder und von Christian Theede auf handwerklich hohem Niveau inszenierter Thriller: In einem Dorf vor den Toren Hamburgs will ein Konzern das Tiefwasser anzapfen. Die Einheimischen haben sich zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen, weil völlig unklar ist, welche Folgen es haben wird, wenn wie geplant in 200 Metern Tiefe 400 Millionen Liter Wasser pro Jahr entnommen werden. Bei einer eskalierten Demonstration ist ein alter Mann gestorben. Die Aufnahmen einer polizeilichen Bodycam zeigen einen gezielten Schlag gegen seine Kehle. Seither sitzt eine junge Beamtin im Gefängnis. Ihre Blutwerte wiesen einen Mix aus Aufputsch- und Beruhigungsmitteln auf; sie selbst kann sich an nichts mehr erinnern. Kohr kennt die Kollegin und ist überzeugt, dass sie als Sündenbock benutzt worden ist, auch wenn die Videobilder ihre Schuld zweifelsfrei zu beweisen scheinen.

Sarah Kohr – Bis auf den GrundFoto: ZDF / Christine Schroeder
„Robbie“ Lichtenberg (Michelangelo Fortuzzi) & Nina Glanz (Bineta Hansen) attackieren die Polizei und filmen die Konfliktsituation.

Zunächst beginnt Berndt, der seit dem eigentlichen Start der Reihe im Jahr 2018 alle Drehbücher geschrieben hat, die Geschichte jedoch mit einem friedlichen Protest. Der Eindruck täuscht, ahnt der Zugführer der Bereitschaftstruppe, und tatsächlich stürmen kurz drauf vermummte Gestalten die Demonstration. Sie werfen Rauchbomben und Böller, doch dabei bleibt es nicht: Eine junge Frau schießt mit Stahlkugeln auf die Polizisten, dann haut sie ab, Kohr verfolgt sie, es kommt zu einer Prügelei in einer Scheune, aber die Frau und ihr Partner können fliehen. Später werden auch noch Molotow-Cocktails entdeckt. Kohr kriegt einen Rüffel vom Zugführer, eigentlich war sie nur als Beobachterin zugegen, aber ein Kollege ist froh, dass sie eingegriffen und Schlimmeres verhindert hat.

Natürlich kommt die schlagkräftige Kommissarin auch ganz gut alleine klar, aber dieser Kollege (Jalil Berkholz) wird sich gegen Ende revanchieren und so entscheidend dazu beitragen, dass sie zwar nicht mit heiler Haut, aber im Großen und Ganzen unversehrt aus der Sache rauskommt. Zunächst muss sie sich allerdings durch ein Dickicht aus Korruption und Loyalität kämpfen. „Bis auf den Grund“ knüpft an die im Gegensatz zum US-Krimi hierzulande nicht sonderlich ausgeprägte Tradition jener Polizeifilme an, bei denen die Feinde in den eigenen Reihen lauern. Kohrs Gegenspieler treibt’s zwar nicht ganz so skrupellos wie die Schurken aus diversen modernen Hollywood-Klassikern, allen voran „Internal Affairs“ (1990), aber über Leichen geht offenbar auch er.

Sarah Kohr – Bis auf den GrundFoto: ZDF / Christine Schroeder
Geheimnisse. Die gewaltbereite Aktivistin Nina (Bineta Hansen) wird von Dorfpolizistin Lesly (Caroline Erikson) zur Rede gestellt.

Die Besetzung solcher Rollen mit Schauspielern, die gern auch in romantischen Komödien mitwirken, ist immer clever: dort Richard Gere, hier Kostja Ullmann. „Internal Affairs“ ist hierzulande mit dem unnötigen, inhaltlich aber treffenden Titelzusatz „Trau’ ihm, er ist ein Cop“ versehen worden, und das gilt für „Bis auf den Grund“ nicht minder. Damit ist nicht zu viel verraten, denn Berndt und Theede lassen schon früh keinen Zweifel daran, dass Till Rupprecht nicht zu den Guten gehört. Fortan lebt „Bis auf den Grund“ auch von der Frage, welche Agenda der öffentlich belobigte Zugführer verfolgt. Wie Berndt nun weitere Figuren und mit ihnen scheinbar völlig neue Aspekte ins Spiel bringt, ohne den roten Faden auch nur vorübergehend aus dem Blick zu verlieren, ist große Klasse. Kohr vermutet, dass der alte Mann kein Zufallsopfer war, aber es bleibt zunächst völlig unklar, warum der unbescholtene Rentner regelrecht in seine Hinrichtung geschubst worden ist.

Davon abgesehen ist der Film durchgehend spannend, zumal die Kommissarin selbstverständlich schmerzhaft zu spüren bekommt, dass ihre Ermittlungen nicht erwünscht sind. Dass sie dabei ihren maskierten Angreifern nicht einfach in die Beine schießt, sondern gleich mehrfach auf die durch eine Weste geschützte Brust zielt, ist zwar nicht recht nachvollziehbar, hat aber vermutlich dramaturgische Gründe, damit nicht zu früh rauskommt, wer hinter dieser Attacke steckt. Bineta Hansen und Michelangelo Fortuzzi agieren als auf Krawall gebürstetes Demo-Pärchen mitunter etwas übereifrig, aber davon abgesehen ist „Bis auf den Grund“ ein weiterer richtig guter Kohr-Krimi.

Sarah Kohr – Bis auf den GrundFoto: ZDF / Christine Schroeder
Im Dickicht aus Korruption und Loyalität gerät Sarah Kohr (Lisa Maria Potthoff) ins Visier der Feinde – und bleibt unbeeindruckt.

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4 Antworten

  1. Sarah Kohr-Krimi, immer wieder fesselnd, spannend und die Thematik ist oft hoch aktuell. Ich würde mir einen Krimi mit Sarah Kohr wünschen, wie z.B. über die 1. Mai-Demo. Dort wird nachgestellt, wie z.B. „der schwarze Block“ Polizisten, Rettungskräfte und Feuerwehrleute angreift und diese schwer verletzt.
    Neben Krimis gibt es aber „auch noch andere wichtige Themen“ die im Fernsehen in Form von Spielfilmen und Serien sichtbar gemacht werden müssten, wie z.B. eine gesamte Chronik der SARS-CoV-2 Pandemie, speziell auf Deutschland bezogen (ähnlich dem so hervorragenden ZDF-Film „Die Welt steht still“). Doch dieses Mal über alle Phasen der Pandemie: Von Bergamo, über den Tönniesskandal, über die versuchte Erstürmung des Reichstagsgebäudes (wo nur ein einziger Polizist unsere Demokratie gegenüber den Querdenkern verteidigte und das Eindringen in den Reichstag verhinderte), über das Impfen, über die Operation Kleeblatt im Herbst 2021, über das RKI, die Bundesregierung, über „uns alle“ (vom Querdenker, dem Kind bis zum Sennior) und natürlich über Ärzte, über Pflegekräfte und über die COVID-Patienten.
    Wir brauchen auch mehr Filme wie der Film „Aus dem Leben“ (ARD, 2024), also über Krankheiten, die einen plötzlich treffen können und „das Leben durcheinander bringen“ (wie Demenz, wie Krebs, wie Parkinson oder auch wie Long COVID).
    Auch weitere hoch aktuelle Themen müssen im Fernsehen sichtbar gemacht werden, wie „die Silvesternacht“ und damit Angriffe auf Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Über Armut bei uns in Deutschland. Viele Menschen arbeiten hart und viel, doch „es reicht kaum zum Leben“. Über ukrainische Flüchtlinge, hier bei uns in Deutschland, wo Mutter und Tochter hier in Deutschland sind, der Vater und der Bruder an der Front kämpfen usw.

  2. Toller Action-Krimi mit guter, zeitgemäßer Story aus D! Beeindruckend ist besonders die attraktive, nun fast 50-jährige LMO immer wieder mit ihrer Fitness.

    5 Sterne

  3. Eine der – für mich – herausragendesten und überzeugendsten deutschen Serien. Tolle, auch immer wieder ungewöhnliche Stories, das Ganze steht und fällt aber mit einer hervorragenden Frau Potthoff, die als Actionheldin so überzeugend ist, dass das Resultat eigentlich Hollywoodlevel hat. Erst recht, weil ihre Rolle hier der völlige Kontrast zu ihren Rollen in zB. Usedom-Krimi oder der Eberhofer Reihe darstellt. Ein weiblicher Underdog, wie sie selbst sagt, eher ein Straßenköter als eine Dame, was genau so passt. Ihr Kontrapunkt und Mentor ist mit Herrn Knaup ebenfalls überzeugend besetzt, aber auch das Gesamtcasting scheint hier immer wieder gut zu funktionieren.

    Die Story diesmal, eine Landpolizistin, die auf Grund ihres nicht erfüllten Kinderwunsches (aus finanzieller Notlage heraus) kriminell wird, bis hin zu Mord, ist mal was ganz Neues, was eine fatale Kombination und Kettenreaktion erzeugt, da ihr Partner dabei der Truppführer eines Einsatzkommandos ist und dahinter geht es um so etwas wie „legalisierten“ Wasserraub auch noch.

    Das Schöne an Frau Kohr ist auch, dass ihre eine Seite die taffe, knallharte Actionheldin ist, die aber auch ermittlungtechnisch auf Draht ist und wenn es drauf ankommt, aber auch durchaus menschlich und empathisch agiert, wie hier auch am Ende des Showdowns und im Finale.

    Ganz großes Kino, jedesmal wieder und hoffentlich noch lange, gut gemacht und überzeugend gespielt.

  4. Sarah Kohr rocks! Schliesse mich voll dem Lob für diese Folge an. Was allerdings schon etwas realistischer aussehen würde, wenn sie nach den fantastisch inszenierten Schlägerein doch mehr als ein paar Schrammen abgekriegt hätte. Auch die Szene in der Scheune, wo die zwei jungen Aktivisten eine Dachluke voll Dreck und Staub auf sie herabregen lassen, führt nicht dazu, dass ihre Uniform von irgendeinem Stäubchen bedeckt ist. Ok es gibt die gute und oft subtile Polizeiarbeit und es gibt die pulp-fiction Kampfszenen. Ich möchte sie nicht missen, aber sie könnten etwas realistischer eingefügt (manchmal tauchte ja die Mutter für erste Hillfe auf, aber jetzt scheint es auch so zu gehen …). Aber was soll’s, gegenüber dem sozialpsychologischen Hinplätzschern der letzten Tatorte ist jede Folge ein echter Hingucker.

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Reihe

ZDF

Mit Lisa Maria Potthoff, Kostja Ullmann, Caroline Erikson, Herbert Knaup, Bineta Hansen, Michelangelo Fortuzzi, Margarita Broich, Banafshe Hourmazdi, Daniel Strässer, Alva Schäfer, Jalil Berkholz

Kamera: Tobias Schmidt

Szenenbild: Zazie Knepper

Kostüm: Christine Zahn

Schnitt: Martin Rahner

Musik: Boris Bojadzhiev

Redaktion: Eva Katharina Klöcker, Christian Cloos

Produktionsfirma: die film gmbh

Produktion: Sophia Aldenhoven, Uli Aselmann

Drehbuch: Timo Berndt

Regie: Christian Theede

Quote: 5,47 Mio. Zuschauer (24,7% MA)

EA: 18.04.2026 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 27.04.2026 20:15 Uhr | ZDF

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