Helen Dorn – Verdammte Familie

Anna Loos, Tristan Seith, Liane Forestieri, Maya Lauterbach, Friedemann Fromm. Schwarz und weiß

Foto: ZDF / Georges Pauly
Foto Tilmann P. Gangloff

Der inhaltlich, handwerklich und emotional fesselnde 25. Film aus der ohnehin stets mehr als sehenswerten ZDF-Reihe mit Anna Loos setzt die Geschichte aus der Episode „Der deutsche Sizilianer“ fort: Nach einem Mordversuch an Horns inhaftierter Halbschwester ist auch deren Tochter in Gefahr, weshalb sich die schroffe LKA-Kommissarin als „Halbtante“ plötzlich an eine völlig ungewohnte Rolle gewöhnen muss. Die Krimi-Ebene von „Verdammte Familie“ (Network Movie) dreht sich um das mafiöse Vermächtnis ihres Erzeugers: Es geht um ein riesiges Bauprojekt und 17 Millionen Euro auf einem versteckten Konto.

„Maledetta“ klingt natürlich viel eindrucksvoller als „verdammt“. Familie kann man sich nicht aussuchen, und manchmal ist sie maledetta: verteufelt, verflucht oder eben verdammt. Andererseits bringt Familie natürlich gewisse moralische Verpflichtungen mit sich. Möglicherweise hatte Friedemann Fromm diese Fortsetzung bereits im Sinn, als er die „Helen Dorn“-Episode „Der deutsche Sizilianer“ (2024) verfasst hat, aber letztlich spielt das keine Rolle. Davon abgesehen erweist es sich zum wiederholten Mal als Glücksfall, dass der mehrfache Grimme-Preisträger seit einigen Jahren sämtliche Filme der ZDF-Reihe nicht nur inszeniert, sondern auch schreibt. Damals hatte die Hamburger LKA-Kommissarin (Anna Loos) herausgefunden, dass Richard Dorn (Ernst Stötzner) nicht ihr leiblicher Vater ist. Auf die neue Verwandtschaft hätte sie allerdings gut und gern verzichten können: Der Erzeuger, Toni Vizzante, entpuppte sich als Mafia-Boss. Ihre Halbschwester sorgte dafür, dass die Wiedersehensfreude nur kurz währte. Seither sitzt Luisa (Liane Forestieri), die auch den italienischen Titelfluch ausspricht, wegen Mordes im Gefängnis.

Helen Dorn – Verdammte FamilieFoto: ZDF / Georges Pauly
„Maldetta!“ Luisa Vizzante (Liane Forestieri) sitzt wegen Mordes im Gefängnis. Wird sie Helen Dorn wichtige Hinweise geben?

All’ das ist jedoch nur die Vorgeschichte zu „Verdammte Familie“, denn Fromm konfrontiert seine Heldin in ihrem 25. Fall mit einer gänzlich neuen Herausforderung, die unter der Prämisse „Plötzlich Tante“ sogar ein gewisses Comedy-Potenzial birgt. Die Handlung beginnt mit einem Mordversuch in der JVA. Luisa kann den Angriff zwar abwehren, wird aber schwer verletzt und bittet nun ausgerechnet ihre verhasste Halbschwester um Hilfe: Sie glaubt, dass Tochter Tamara (Maya Lauterbach) ebenfalls in Gefahr ist; Dorn soll sich um das Mädchen kümmern. Im Gegenzug hofft die Kommissarin auf Informationen: Luisa weiß nicht nur, wer die Nachfolge ihres Vaters angetreten hat, sondern kennt auch die Namen der Personen, die er in der Verwaltung schmiert. Es geht unter anderem um ein viele Millionen schweres Bauprojekt. Der Filmtitel bezieht sich allerdings nicht allein auf Dorns verwandtschaftliche Verhältnisse: Auch Tamara hat einen Erzeuger, von dem sie bislang nichts wusste.

Schon allein die Idee, die dreiköpfige WG vor den Toren Hamburgs und somit das Kern-Ensemble – Vater und Tochter Dorn sowie Kriminaltechniker Weyer (Tristan Seith) – um einen Teenager zu ergänzen, sorgt für jede Menge Trubel; es wäre schön, wenn sich die Mitwirkung Maya Lauterbachs, die längst mehr ist als „die Tochter von“, nicht bloß auf ein einmaliges Gastspiel beschränken würde. Weil sich die Polizistin erwartungsgemäß weigert, die Ersatzmutter zu spielen, kümmern sich Weyer und Richard um das Mädchen, was den Film um einige witzige Momente bereichert. Damit ist es schlagartig vorbei, als die bockige Tamara in der Nacht verschwindet. In der Kombination dieser unterschiedlichen Tonfälle liegt ein besonderer Reiz, dabei hätte Fromm den Film auch durchgängig als Thriller inszenieren können. Tatsächlich ist „Verdammte Familie“ den kleinen Heiterkeiten zum Trotz durchgängig spannend. Das hat auch viel mit dem Gegenspieler zu tun: Steven Scharf verkörpert Vizzantes Nachfolger als freundlichen Geschäftsmann, dessen sanftes Auftreten keineswegs bloß Fassade ist; über Leichen geht er dennoch.

Helen Dorn – Verdammte FamilieFoto: ZDF / Georges Pauly
Die familiären Verwicklungen erhöhen die Spannung. Maya Lauterbach und Ernst Stötzner in „Helen Dorn – Verdammte Familie“

Vermutlich wäre die Geschichte auch ohne die familiären Verwicklungen fesselnd, weil Fromms Drehbuch nicht zuletzt durch seine Komplexität beeindruckt. Es geht unter anderem um Korruption in der für das Bauprojekt zuständigen Behörde; allein die Falle, die Dorn und Weyer den Beteiligten gegen Ende stellen, ist höchst raffiniert eingefädelt. Der Rest ist bestes Handwerk. Schon der Auftakt ist dank des Stimmungskontrasts eine reizvolle Parallelmontage: hier die rasant geschnittenen Ereignisse im Gefängnis, wo Luisa um ihr Leben kämpft, dort Dorn, die zunächst in aller Ruhe ihre Dienstwaffe reinigt, dann jedoch ein bisschen aus der Haut fährt, weil ihre beiden Mitbewohner das Abendmahl anbrennen lassen. Der Film enthält einige durchaus bewegende Szenen, allen voran zwischen Vater Dorn und Tamara, und natürlich ist es lustig, wenn das Mädchen und Weyers Ex-Freundin (Nagmeh Alaei) das „Essen tanzen“, aber die Atmosphäre ist aufgrund der konsequent entfärbten und daher stellenweise mitunter fast grauweißen Bildgestaltung (Heinz Wehsling) durchgehend unterkühlt. Das gilt auch für die beiden weiblichen Hauptfiguren. Fromm hat Liane Forestieri betont finster inszeniert, doch der Gegenentwurf zur blonden Dorn ist rein optischer Natur: Wäre ihre Tante nicht Polizistin geworden, stellt Tamara fest, dann garantiert Gangster.

tittelbach.tv ist mir was wert

Mit Ihrem Beitrag sorgen Sie dafür, dass tittelbach.tv kostenfrei bleibt!

1 Antwort

  1. Absolut unglaubwürdige Story! Vor allem die Rolle der Tamara ist ein Drehbuchautoren-Desaster. Die fast erwachsene Tochter einer Schwerkriminellen benimmt sich wie eine verzogene High-Society-Göre, noch dazu altersmäßig eher wie eine Dreizehnjährige und bringt damit nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen in Gefahr, verschuldet letztendlich durch ihre Dummheit auch den Tod der eigenen, ja so heißgeliebten Mutter, die anscheinend vom eigenen Vater ermordet wird, der zugleich der mafiöse Bösewicht ist. Praktisch für’s Drehbuch aber völlig unrealistisch.

    Die Darsteller machen ihren Job gut, aber so eine schlechte Story vermögen sie leider auch nicht zu retten. Außerdem sind diverse, übersteigerte berufliche und private Überschneidungen und Verstrickungen in Krimis und Thrillern inzwischen dermaßen inflationär geworden, dass – ich zumindest – inzwischen froh bin, wenn Ermittler ihren Job professionell machen und ihr – ohnehin meistens katastrophales Privatleben, siehe hier – keinen was angeht.

    Eine überzogenen Klischeeorgie auf Daily Soap Niveau bestenfalls.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Reihe

ZDF

Mit Anna Loos, Tristan Seith, Liane Forestieri, Maya Lauterbach, Stipe Erceg, Ernst Stötzner, Steven Scharf, Nagmeh Alaei, Patrick Heyn

Kamera: Heinz Wehsling

Szenenbild: Kay Kulke

Kostüm: Monika Hinz

Schnitt: Richard Krause

Musik: Ina Meredi Arakelian

Soundtrack: Harry Nilsson („One“), Meghan Trainor („Me Too“), Moby („When It’s Cold I’d Like To Die“)

Redaktion: Daniel Blum

Produktionsfirma: Network Movie

Produktion: Bernd von Fehrn, Moritz Mihm

Drehbuch: Friedemann Fromm

Regie: Friedemann Fromm

Quote: 4,73 Mio. Zuschauer (21,5% MA)

EA: 04.04.2026 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 11.04.2026 20:15 Uhr | ZDF

tittelbach.tv ist mir was wert

Sie lesen die Seite regelmäßig?

Damit t.tv so bleibt, wie Sie die preisgekrönte Fernsehkritik-Website kennen, also weiterhin unabhängig & frei zugänglich, wäre eine (regelmäßige) Unterstützung hilfreich, gern auch von denen, die die Seite beruflich nutzen und denen sie persönlich zugutekommt, den Kreativen, den Redakteuren, den Journalisten …