In der Nähe des Berliner Teufelsbergs sichtet Hundebesitzerin Edda Odin (Catherine Stoyan) einen Wolf. Doch erst als sie Tage später die übel zugerichtete Leiche eines Obdachlosen findet, wird ihre Meldung wirklich ernst genommen. Das Gelände wird nun von den Behörden zum Gefahrengebiet erklärt, auch bei Susanne Bonard (Corinna Harfouch) und Robert Karow (Mark Waschke) schlägt die Warn-App am Tatort Alarm. Das Ermittler-Duo ist angesichts der allgemeinen Wolf-Panik gereizter Stimmung. Dazu steht in wenigen Tagen die Verabschiedung von Bonard an, was die Kommissarin zu überfordern und ihre Kollegen zu verunsichern scheint. „Ich gehe Ende der Woche. Das ist der Lauf der Dinge, dem ist nichts hinzuzufügen“, fertigt Bonard auch Karow unwirsch ab, mit dem sie sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren zunehmend besser verstanden hat.
Noch irritierender: Als die beiden in der Nähe des Tatorts der Wildnislehrerin Dara Kimmerer (Anne Ratte-Polle) und ihrem Kunden Noah Farrell (Nils Kahnwald) über den Weg laufen, lässt Bonard spontan ihren Kollegen stehen und übergibt ihm auch ihre Waffe, um sich ebenfalls der Grenzerfahrung eines Überlebenstrainings auszusetzen. „Sekt und Schnittchen, das ist nichts für mich“, erklärt sie dem aufgebrachten Karow. Die gewagte Prämisse für „Gefahrengebiet“, die letzte Episode mit Corinna Harfouch, muss man erst mal schlucken. Dass Bonard kurz vor dem Ruhestand den Blues bekommt, weil sie immer nur gearbeitet und dabei die Familie vernachlässigt habe, kommt eher aus heiterem Himmel. Ihr Ehemann Kaya Kaymaz (Ercan Karacayli), der in diesem Film ab und zu als besorgt nachfragender Gatte in Erscheinung tritt, war im Frühjahr 2023 bei Bonards Einführung in der Doppelfolge „Nichts als die Wahrheit“ durchaus präsent. In den folgenden drei Episoden mit dem Duo Harfouch/Waschke spielte Bonards Familienleben dagegen keine Rolle mehr, und die Kommissarin entwickelte sich zu einer Figur, die souverän, klug und ganz bei sich zu sein schien.
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Die persönliche Krise, in die Drehbuch-Autorin Mira Thiel die Kommissarin unverhofft stürzt, nutzt Regisseurin Mira Thiel jedoch zu einem etwas sperrigen, aber auch faszinierenden Drama über das aktuelle Lebensgefühl latenter Bedrohung und den Wunsch, sich gegen drohende Katastrophen zu wappnen. Dass die von Anne Ratte-Polle abgeklärt gespielte Wildnislehrerin die Kommissarin ohne Ausrüstung mitnimmt, ist zwar nicht unbedingt glaubwürdig, aber Harfouch meistert die ungewöhnliche Herausforderung von Dreharbeiten zwischen Ende Oktober und Ende November im herbstlichen Wald mit Bravour. Man leidet und fröstelt förmlich mit, wenn Bonard zappelnd in einem mit Laub gefüllten Müllsack um Schlaf ringt oder sich frühmorgens ins kalte Wasser eines Sees stürzt. Während sich Kimmerers Begleiter Noah Farrell angesichts der herumstreunenden „Wölf:in“ (Karow) lieber vom Kommissar zurück in die Stadt bringen lässt, baut sich zwischen beiden Frauen eine besondere Spannung auf. Bonard ist einerseits mit ihren persönlichen Zweifeln beschäftigt und andererseits mit dem Fall des getöteten Obdachlosen, zumal sie bei Kimmerers Sachen ein Beil mit Blutspuren findet. Das Publikum erfährt überdies, dass eine solche Waffe genau zu der Kopfwunde des Opfers passen würde.
Aber typische Krimi-Ermittlungsarbeit serviert Mira Thiel, die bereits die ausgezeichnete Berliner „Tatort“-Episode „Am Tag der wandernden Seelen“ geschrieben und inszeniert hat, eher weniger. Stattdessen nimmt sie sich viel Zeit für die Grenzerfahrungen des Ermittler-Duos. Bonards „Krisenbewältigungstour“ im Grunewald wird in der zweiten Hälfte des Films in einer Parallelmontage mit Karows intensivem Stelldichein mit Noah Farrell in dessen „Arche“ kurzgeschlossen. Die fahlen Farben der herbstlichen Natur korrespondieren mit der kalten Künstlichkeit des Bunkers, den sich Noah mitten in der Stadt eingerichtet hat. Der Prepper und der Kommissar haben Sex und debattieren über das Leben und das Überleben – ihre nackten Körper betonen dabei die Verletzlichkeit der Figuren und der Menschen im Allgemeinen. In der kalten Perfektion des fensterlosen Bunkers wirkt die Intimität allerdings auch ein bisschen gespenstisch. Thiel führt den Prepper jedenfalls nicht als durchgeknallten Verschwörungstrottel vor. Und das schroffe Raubein Karow, der zuvor die Hundebesitzerin und „besorgte Bürgerin“ Odin im Verhör förmlich auseinandergenommen hat, erweist sich wieder als sensibler und experimentierfreudiger Zeitgenosse. Die Regisseurin treibt nicht nur Corinna Harfouch, sondern auch Mark Waschke zur Hochform.
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Der Kriminalfall mag eher simpel gestrickt sein und die kühle, bisweilen triste Film-Atmosphäre nicht jedermanns und jederfraus Sache, aber die Episode „Gefahrengebiet“ bietet großartiges Schauspiel bei vollem Körpereinsatz und eine spannende, visuell faszinierend umgesetzte Erzählung über den Umgang mit persönlichen Krisen und das aktuelle Lebensgefühl latenter Bedrohung. Und Berlin? Die Schauplätze liegen fern vom Zentrum und handeln von Menschen auf dem Rückzug. Dass sich Karow in einem Club Frust und Einsamkeit von der Seele tanzt, ist da gar kein Widerspruch. Und auch Hildegard Knefs dunkle, melancholische Stimme passt hier wunderbar – zumal mit diesem Lied: „Der alte Wolf wird langsam grau“, singt sie. Und: „Wolf bleibt Wolf, Schaf bleibt Schaf, Mann bleibt Mann“. Mehr Berlin geht ja nicht.


5 Antworten
Das haben Sie interessant ge- und beschrieben, Herr Gehringer.
Auch Ihr zartes Gendern in „Der Kriminalfall mag eher simpel gestrickt sein und die kühle, bisweilen triste Film-Atmosphäre nicht jedermanns und jederfraus Sache“ gefällt mir. Es ist so eine Prise, die den Text abrundet, in dem das Kommissarsgespann nach Geschlechtern getrennt auf ihre und seine ganz eigene Art ermittelt.
Nun bin ich noch gespannt, wie der Film ist.
Selten so einen schwachsinnigen Film gesehen. Das hat mit Spannung oder Abendunterhaltung nicht das geringste zu tun. Man kann nur hoffen, dass die Produzenten damit den letzten Film für das öffentlich rechtliche Fernsehen herstellen durften. Das ist die absolute Verschwendung von Fernsehgebühren
Gefahrengebiet: Das war ein absoluter Mistfilm.
Nie wieder so einen Schund.
Das hat nichts mehr mit einem Krimi zu tun! Einfach langweilig, spannungslos und kein Wortwitz!
Totaler Mist, schade ums Geld!
Kein Wunder wenn man gegen die Fernsehgebühren ist!
Ohweh. 5 von 6 Sternen für diesen absoluten Müll. Und es wird so weiter gehen. Die Autoren und auch die meisten Kritiker sind wohl der Meinung, dass der gemeine Zuschauer einfach zu dämlich und unreif ist, die Genialität dieser Machwerke zu begreifen.