Ein Amoklauf in einem Magdeburger Gymnasium. Der 17-jährige Jeremy (Mikke Rasch) erschießt den Rektor und seine Stellvertreterin. Die Sekretärin findet die Leichen und verständigt die Polizei. Die Schüsse hat im Schulgebäude kaum einer wahrgenommen. Erst als das SEK anrückt, nimmt die Unruhe in den Klassen zu. Nach der Sondierung der Lage wagt sich Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) ins Gebäude. Eine Schülerin wurde lebensgefährlich angeschossen und muss versorgt werden. Derweil schleicht Jeremy weiter durch die leeren Gänge der Schule. Während sich die Einsatzleitung (Frank Schilcher) um die Evakuierung der Schüler kümmert und Scharfschützen ordert, ein LKA-Beamter (Ulrich Brandhoff) Kontakt mit dem jungen Mann aufzunehmen versucht, holt Brasch Informationen über den Amokläufer ein. Ergebnis: Einzelgänger, keine Freunde, schwache schulische Leistungen, instabiles Elternhaus, die Mutter (Maja Beckmann) an MS erkrankt, anfällig für Verschwörungstheorien. Jeremy, der den Amoklauf live im Internet streamt, hat offensichtlich einen Mittäter oder Mitwisser. „Du kannst es 1000-mal üben. Aber die Realität ist viel krasser. Mir ist schlecht“, teilt er diesem nach den ersten Tötungen mit. Und es stehen noch weitere Kandidaten auf seiner Todesliste. Wird es Brasch & Co gelingen, Jeremys Motiv für seine Taten zu entschlüsseln, ihn zur Aufgabe zu bewegen und weiteres Blutvergießen zu verhindern?
Foto: MDR / Stefan Erhard
Im zehnminütigen Vorlauf, der die Tat spannend antizipiert, wird dem Zuschauer ein Bild des jungen Amokläufers vermittelt. Wie er da während eines Tests in Großaufnahmen unruhig vor sich hin zittert, nervös mit dem Kuli schnippt, statt etwas aufs Papier zu bringen: eine tickende Zeitbombe. Der Satz des Lehrers, „Ich weiß, was du vorhast, gib‘ auf“, und die Sticheleien seiner Mitschüler tragen das Übrige dazu bei, dass dieser Teenager erwartungsgemäß nach zwölf Filmminuten seine Waffe durchlädt und seinen Feldzug beginnt. Etwas aber ist im „Polizeiruf – Sie sind unter uns“ anders als in thematisch vergleichbaren Filmen („Amokläufer – Aus Spiel wird Ernst“, „Die Stille danach“) oder Serien („Am Anschlag – Die Macht der Kränkung“): Rache für die Demütigungen und Kränkungen, bei der die Ohnmacht in Allmachtsphantasien ausgelebt wird, spielt als Motiv nur eine untergeordnete Rolle. Dieser junge Mann scheint vielmehr davon überzeugt zu sein, dass seine Taten dabei helfen, die Menschheit zu retten. Jeremy glaubt an Aliens, sogenannte Reptiloiden, die die menschliche Zivilisation bedrohen. Sie seien schon auf der Erde, so erklärt sich auch der Titel des Films, würden die Gestalt von Menschen annehmen und müssten vernichtet werden, wie er es in einem Abschieds-Bekenner-Video erschreckend formuliert. Für die Polizeipsychologin ist dieser „wilde Mix aus Science-Fiction und rechtsextremen Untergangsphantasien“ nichts Neues. Dieser Jeremy ist nicht der Einzige, der an solchen Humbug glaubt.
Auch dramaturgisch geht der „Polizeiruf“ von Esther Bialas („So laut wie du kannst“) nach dem Drehbuch von Jan Braren („Homevideo“) andere Wege als ein Amoklauf-Thriller. Das Sujet sorgt von vornherein für ein hohes Suspense-Niveau; der Zuschauer weiß lange Zeit mehr als die Polizei. Auch in der zweiten Filmhälfte inklusive Finale bedarf die Geschichte keiner spannungssteigernden Methoden. Das unterscheidet „Sie sind unter uns“ von einem Genrefilm, der es allein auf den Nervenkitzel des Zuschauers abgesehen hat. Dieser Sonntagskrimi macht aus einer typischen Thriller-Situation am Ende ein Drama, das umso länger nachwirkt, nicht zuletzt, weil es über die Psychologie hinaus auch eine gesellschaftspolitische Dimension besitzt. Diese spiegelt sich nicht nur in dem Blutbad, sondern auch in der häuslichen Situation des Jungen: Die störrisch-ignorante Mutter will Jeremys kriminelle Energie nicht wahrgenommen haben und bestreitet die Tötungen ihres Sohns; der Vater, Inhaber einer Sicherheitsfirma, sorgte für die praktischen Voraussetzungen des Amoklaufs, indem er ihn des Öfteren auf den Schießstand mitnahm. Am Ende steht Jeremy allein da. Einen klaren Kopf hat er schon lange nicht mehr an diesem Vormittag. „Ich weiß nichts mehr“, sagt er am Telefon dem LKA-Beamten. Dann meldet sich ein letztes Mal die andere Stimme am Smartphone … Die Zeichen stehen auf der Zielgeraden des Falls deutlich auf Tragödie.
Foto: MDR / Stefan Erhard
Anstatt die durch die Ausgangslage ohnehin schon mehr als ausreichende Spannung noch filmisch zu forcieren, setzt auch die Inszenierung statt auf Dynamik und Montageeffekte mehr auf Stimmungen und die suggestive Kraft der Bilder. Das passt zu dieser Episoden-Hauptfigur, die offenbar einen Plan hatte, dann aber in einem Klassenraum mit ihren Geiseln festsitzt, unentschlossen, verzweifelt, hilflos. Anfangs umkreist die Kamera diesen jungen Mann, dann folgt sie ihm durchs trostlose Halbdunkel seines Zimmers, bevor er durch die ebenso sparsam ausgeleuchtete Schule streift, erst zielstrebig, später mehr und mehr verunsichert. Die Filmsprache (Kamera: Martin Neumeyer) erzählt die Geschichte mit, sie zeigt Jeremys Isolation und ihr Hang zu Unschärfen in vielen Einstellungen deckt sich mit dem Bild des Jungen, dessen Identität und Motivation bis zum Bekennervideo einigermaßen verschwommen bleibt. Das visuell Vage entspricht auch der Verlorenheit des Jungen. Jeremy ist nicht der eiskalte Killer, der Vergeltung will. Auch wenn die Montage selten hektisch ist, so vermitteln sich Unruhe und Panik sehr realistisch innerhalb der Szenen, die immer wieder mit langen Einstellungen, viel Handkamera & markanten Großeinstellungen Bewegung suggerieren. Einmal sieht man Brasch beim Laufen telefonieren, lange von hinten – Dialog und Aktion verschmelzen abwechslungsreich zu einer sinnlichen Einheit. Gerade weil Braren und Bialas auf die konventionell zugespitzte Thriller-Dramaturgie verzichten, nimmt „Sie sind unter uns“ emotional besonders mit.
Ob man den Zweiteiler „Wendemanöver“ (2015) als eine Produktion zählt oder nicht, so oder so steht 2025 ein Jubiläum an: 20 „Polizeiruf“-Episoden aus Magdeburg. Anlass genug für ein RANKING: Die 10 besten Brasch/Michelsen-„Polizeiruf“-Krimis


2 Antworten
Uff … Kann die positive Kritik leider nicht nachvollziehen. Es gibt einen Amoklauf – aber keinen Evakuierungsplan- und platz für die Schüler? Warum muss Brasch alleine durch die Gänge irrlichtern und andernorts das SEK als gefühlte Hundertschaft auftreten? Es kommt zu einer Geiselnahme, und die Geiseln spielen nicht mal die geringste Rolle? Und, was mich am meisten gestört hat, das Reptilienmenschenmotiv des Täters: wenig nachvollziehbar und in seiner Konsequenz die Suche nach Fehlern auf Seiten der Schule, der Mitschüler, der Eltern überflüssig machend. Allein der Täter und Ulrich Brandhoff waren diesmal sehenswert!
…und Brasch irrte auch gleich zu Beginn ohne Schutzweste auf das Schulgelände.
Das Reptilienmenschenmotiv fand ich auch zu plump und am Ende wurde dann noch ein erkennbar „reicher“ Schüler als Aufhetzer für die Amoktat vom Drehbuch präsentiert.
Und „zufällig“ wurde dann auch mindestens ein Kritiker des woken Gendermainstreams vom Amoktäter umgebracht. Wie passend zum aktuellen US-Attentat auf C. Kirk. Dazu war es dann notwendig, das Motiv verschleiernd auf ein irres Reptilienmenschenmotiv zu schieben.
Das Einstreuen des woken Mainstream (= Propaganda-TV) hätte mich fast zum frühzeitigen Abschalten dieses gebührenfinanzierten Machwerkes motiviert, aber die überzeugende Darstellung des Täters – auch mit seinen menschlichen Selbstzweifeln – hat mich Weiterschauen lassen…