München Beats

Jule Hermann, Klaus Steinbacher, Moretti, Münchow, Morreis, Mimi Kezele. Es wummert und ballert in Maßen

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Foto: ZDF / Marc Reimann
Foto Rainer Tittelbach

Die größte Party-Location Europas hatte in den 1990er Jahren nicht Berlin, sondern München: den Kunstpark Ost. „München Beats“ erinnert 30 Jahre später an das Entstehungsjahr jener kulturellen Kultstätte, die vor allem der Techno-Szene ein Zuhause gab. Die Hauptcharaktere sind frei erfunden, das Drumherum setzt auf Zeitgeist und Lokalkolorit. „München Beats“ ist ein Serien-Hybrid, der eine junge Aufbruchsgeschichte mit einem klassischen Familiendrama verbindet. Die Serie ist ein Spagat, der möglicherweise keinen 100%ig glücklich macht. Dennoch wird hier mehr als sehenswert der gemeinsame Nenner bestmöglich ausgelotet: Die Serie begibt sich aus der ZDFneo-Nische (der Techno-Fans) heraus, und sie mutet dem ZDF-Primetime-Publikum ein bisschen mehr als die übliche Familiensaga zu. Mögen die Konflikte zwischen einer Unternehmer- und einer Bauernfamilie auch Soap-verdächtig klingen, diese wenig gefällige Musikrichtung, der beiläufig, ohne große Erklärungen dargestellte urbane Lifestyle und ein souverän auf die Länge von drei Stunden präzise abgestimmter Erzählfluss sorgen dafür, dass das Ganze weniger gediegen und kein bisschen abgedroschen wirkt.

München, 1995. Die 21-jährige Linda (Jule Hermann) hält es nicht mehr aus auf dem Land, sie will in der Stadt ihr Glück versuchen. Sie kellnert, träumt aber von einer Karriere als DJ. Der Kontakt zu ihren Eltern (Frederic Linkemann, Marlene Morreis) bricht nicht ab, nach Ismaning ist es ja nur ein Katzensprung und doch liegen Welten zwischen dem alten und dem neuen Zuhause. Das merkt bald auch Lindas Bruder Andi (Ben Münchow), der sie immer öfter besucht und in der Stadt ungeahnte sexuelle Freiheiten entdeckt. Als Linda in München Marius (Klaus Steinbacher) über den Weg läuft, für den sie schon als Teenager geschwärmt hat, werden ihre Träume realer. Und der Unternehmersohn lässt sich von ihrer Euphorie anstecken. In den USA hat er ein Internetprojekt in den Sand gesetzt. Jetzt will er es besser machen. Seine Mutter Alicia (Sophie von Kessel) glaubt an ihn, sein Vater Theo (Tobias Moretti) hält ihn für einen Versager. Aber auch dessen Image als freundlicher, zuverlässiger Unternehmer alter Schule hat gelitten. Sein Knödel-Imperium steht vor dem Verkauf, und seine Vertragsbauern vor dem Nichts. Zu denen gehört auch Jules Familie, die mit dem Pfanni-Besitzer ein geradezu freundschaftliches Verhältnis pflegt; er ist Jules Patenonkel. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, die Werksschließung mit der Aufbruchsstimmung zum Vorteil aller zu koppeln? Die jungen Leute haben da so eine Idee: Bis aus dem Pfanni-Areal ein internationales Geschäftszentrum werden soll, könnte das Gelände zur Zwischennutzung zur Partymeile umgebaut werden. Das lehnt Theo strikt ab. Doch am Ende könnte es viele gute Gründe geben, Marius und Linda machen zu lassen.

München BeatsFoto: ZDF / Mark Reimann
Zwei verschiedene Welten: die alte Heimat, das Land, ihre Eltern (Frederic Linkemann und Marlene Morreis). Ein Teil der neuen Heimat der jungen Frau: Linda (Jule Hermann) bei ihrem ersten Rave in München. Bald weiß sie, was sie will: DJ(ane) werden.

Soundtrack: Titelsong = Prodigy („No Good | Start The Dance“)
Folge 1: Ace of Base („All That She Wants“), Joey Beltram („My Sound“), Moby („Feeling So Real“), Annie Lennox („Little Bird“), Energy 52 („Café Del Mar DJ Kid Paul Mix), Ultrahigh („Speedanimal“)
Folge 2: Hardfloor („Reverberate Opinion“)
Folge 3: Marmion, Mijk van Dijk & Marcos Lopez („Schöneberg“), Saint Etienne („Only Love Can Break Your Heart“)
Folge 4: DJ Rush („Work Your Body“), Mazzy Star („Fade Into You“)

Nicht nur in Berlin steppte in den 1990er Jahren der Bär. Die größte Party-Location Europas hatte München: den Kunstpark Ost (1996-2003). „München Beats“ erinnert 30 Jahre später an das Entstehungsjahr jener kulturellen Kultstätte, die vor allem der Techno-Szene in der weißblauen Metropole ein Zuhause gab. Die Hauptcharaktere sind frei erfunden, das Drumherum setzt auf Lokalkolorit, beispielsweise die Gaststätte Deutsche Eiche, in der die Heldin arbeitet und wohnt und die als Stammkneipe für Künstler und ein queeres Publikum bekannt war. Eine DJane als treibende Kraft gab es ebenso wenig wie einen Juniorchef mit großen Plänen. Gehuldigt wird allerdings dem Initiator und Visionär des Kunstparks, Wolfgang Nöth, den Tim Seyfi unter dem Namen Harald Prell verkörpert: eine kleine, ausgesprochen köstliche Performance. Dass der Eigentümer der Pfanni-Werke die Zwischennutzung ermöglichte, dürfte ein Grund dafür sein, dass das Autorentrio Christian Schnalke, Stefani Straka und Julie Fellmann den Ex-Knödel-König trotz fiktionalisierter familiärer Verfehlungen und eines autoritären Gebarens zu einem fairen Geschäftsmann gemacht hat, der „seinen Bauern“ eine gute Lösung verspricht und eigene Fehler eingesteht. Tobias Moretti verkörpert dies ausgesprochen glaubwürdig. Der Rest ist Fiktion, Land vs. Stadt, die zwei verbandelten Familien, die Formen der Liebe, eine Fiktion allerdings, die sich am Zeitgeist des Jahrzehnts orientiert, an den neuen Freiheitsräumen der Stadt im Gegensatz zum konservativen (homophoben) Oberbayern.

München BeatsFoto: ZDF / Mark Reimann
Noch blicken Linda (Jule Hermann) und Marius (Klaus Steinbacher) gemeinsam in die Zukunft. Unten: Linda hat’s geschafft.

Techno und TV-Primetime – das ist eine ungewöhnliche Verbindung. In Hinblick auf das angestammte ZDF-Publikum hält sich die Serie denn auch mit knalligen Beats zurück. Natürlich wummert und ballert es, wenn Linda ihr Herz an diesen Sound verliert. Doch die Szenen sind nicht allzu lang. Auch wenn sie in ihrem Zimmer mit ihrer preiswert erstandenen Anlage zu mixen beginnt, bleibt das klanglich stets moderat. Auch der sonstige, eher sparsame Soundtrack (Source) klingt eher alternativ poppig als aggressiv elektronisch. Filmsprachlich Experimentelles und Sinnliches wie in den Netflix-Serien „Beat“ oder „Skyline“ darf man sich von „München Beats“ also nicht erhoffen. Trotz der sehr stimmigen Inszenierung der gebürtigen Münchnerin Mimi Kezele (geb. 1975; „Und Ihr schaut zu“) werden die Beats und diese unbeschreibliche Energie nur ganz selten in Töne und Bilder übersetzt, sondern durch die Heldin vermittelt. Sie beschreibt mit Worten den „Ungläubigen“ die Faszination von Techno, diesen Rausch in der Menge, dieses Schweben. Selbst ihr Freund Marius ist kein Fan dieses elektronischen Gepolters; diese Figur ist somit anschlussfähig für die ZDF-Klientel. So wie die Eltern langsam mehr Verständnis für diese besondere Art des „Schallplattenwechselns“ aufbringen, weil sie ihre Linda lieben, so könnte es auch beim nicht-Techno-affinen Publikum funktionieren: über diese begeisterungsfähige junge Frau, die ihr Ding macht und die man einfach sympathisch findet. Jule Hermann spielt das frisch und temperamentvoll; sie erinnert dabei ein wenig an die junge Rosalie Thomass. Klaus Steinbacher hat schon öfter in Hauptrollen überzeugt – beispielsweise als Franz Beckenbauer oder in „Oktoberfest“. Er ist der emotionale Gegenpol zur Heldin: still, gebremst selbstbewusst, immer ein bisschen verunsichert. Für beide gilt: Ein Lächeln sagt mehr als viele Worte. Wenig zu lachen haben die Schauspieler in den tragenden Nebenrollen: Ben Münchow, Marlene Morreis, Frederic Linkemann, Sophie von Kessel – alle, ihre Figuren mehr oder weniger lädiert, bekommen richtig was zu spielen und haben ganz starke Momente.

„München Beats“ ist ein Serien-Hybrid, der eine junge Aufbruchsgeschichte mit einem klassischen Familiendrama verbindet. Die Serie ist ein Spagat, der möglicherweise keinen 100%ig glücklich macht. Dennoch ist es eine mehr als sehenswerte Miniserie, die den gemeinsamen Nenner bestmöglich auslotet, sich sowohl aus der Nische der (Techno-)Fans herausbegibt als auch dem ZDF-Primetime-Publikum mehr als die übliche Familiensaga zumutet. Mögen auf dem Papier die Konflikte zwischen der Unternehmer- und der Bauernfamilie auch Soap-verdächtig klingen, diese wenig gefällige Musikrichtung, der beiläufig, ohne große Erklärungen dargestellte urbane Lifestyle jener Jahre und ein souverän auf die angenehme Länge von drei Stunden präzise abgestimmter Erzählfluss sorgen dafür, dass das Ganze – trotz des biederen Landlebens – weniger gediegen und kein bisschen abgedroschen wirkt. „München Beats“ liefert ein vielstimmiges Zeitpanorama einer äußerst interessanten Dekade inklusive eines Kulturphänomens, das für viele Zuschauer Neuland sein dürfte. Für die anderen kommt am Ende Wehmut auf.

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ZDF

Mit Jule Hermann, Klaus Steinbacher, Tobias Moretti, Ben Münchow, Marlene Morreis, Frederic Linkemann, Sophie von Kessel, Michael A. Grimm, Moritz Jahn, Helge Mark, Simon Pearce, Tim Seyfi, Hanna Scheibe, Bettina Mittendorfer, Ferdinand Dörfler

Kamera: Holly Fink

Szenenbild: Oliver Hoese

Kostüm: Janne Birk, Helena Blank

Schnitt: Marco Pav D’Auria

Musik: Christoph Zirngibl, Andreas Weidinger

Redaktion: Katharina Görtz, Lea Berg

Produktionsfirma: Network Movie

Produktion: Susanne Flor, Wolfgang Cimera

Drehbuch: Christian Schnalke, Stefani Straka, Julie Fellmann

Regie: Mimi Kezele

EA: 07.08.2026 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 26.+27.08.2026 20:15 Uhr | ZDF