Kinofilm-Highlights 2025

(tit.) Auch 2025 war wie 2024 wieder ein gutes Kino-Jahr für Zuschauer, die weniger auf Blockbuster und Mainstream-Genres abfahren. Selten war die Übereinstimmung so groß zwischen meinen eigenen Favoriten und den von der (inter)nationalen Kritik gefeierten Produktionen. „One Battle After Another“ stand überall ganz oben, die Liste der Preise und Nominierungen, die P.T. Andersons Film bekommen hat, ist gigantisch lang (siehe Wikipedia). Auch was den besten europäischen Film angeht, waren sich die Fachleute einig: Joachim Trier hat nach dem famosen „Der schlimmste Mensch der Welt“ (2021) schon wieder einen Film gemacht, der einen nach dem Sehen nicht mehr loslässt, auch weil das, was die Schauspieler in „Sentimental Value“ hier veranstalten, alle Preise der Welt verdient hat. Bemerkenswert, dass es dieses Jahr fünf europäische Filme in meine Top 10 geschafft haben, das Überraschendste ist allerdings, neben dem deutschen Preisabräumer „In die Sonne schauen“ sind es vier norwegische Filme, die an der Spitze mitspielen. Das liegt vor allem an dem Autorenfilmer Dag Johan Haugerud, der mit seiner frankophil anmutenden Oslo-Trilogie formal auf Eric Rohmers Spuren wandelt. Es wird viel geredet, „das aber mit einer cineastischen Qualität, die es leicht macht, den Figuren zuzuhören“ (taz). Dass Brasilien zweimal in meiner Lieblings-Elf vertreten ist, hat mit der unrühmlichen politischen Vergangenheit des Landes zu tun: Sowohl „The Secret Agent“ als auch „Für immer hier“ spielen zur Zeit der Militärdiktatur (1964-1985), besitzen allerdings einen völlig konträren narrativ-ästhetischen Zugang: Der eine Film ist ein Stück Erinnerungskultur im besten Sinne, der andere ist ein 160-minütiger FilmFilm, der sich durch viele Genres arbeitet, mit deren Mustern bricht, (zumindest) Kinofans intelligent in seinen Bann zieht und aktuelle historische Serien um Längen schlägt. Ansonsten: Die üblichen Verdächtigen bei der Regie (Yorgos Lanthimos, Kelly Reichardt, Luca Guadagnino) fehlen ebenso wenig wie jene Stars, die sich auf Qualität fokussiert haben (Emma Stone, Jacob Elordi, Julia Roberts, Cate Blanchett, Nicole Kidman oder Olivia Colman). Von den deutschen Kinofilmen haben es diesmal nur zwei in mein Jahresranking geschafft.

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DIE ROSENSCHLACHT
USA 2025

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Mit Olivia Colman, Benedict Cumberbatch, Andy Samberg. Buch: Tony McNamara. Regie: Jay Roach

Zeitgemäßes Remake des Klassikers „Der Rosenkrieg“ (1989). Da man weiß, was einen erwartet, nämlich ein Geschlechterkampf, der durch die Intelligenz seiner Widersacher an Grausamkeit gewinnt, kann der Plot von Ausnahme-Autor Tony McNamara weniger überraschen als die Handlungsverläufe seiner Meisterstücke „Poor Things“ und „The Favourite“. Zunächst sieht alles ganz liebevoll aus, scheinbar die perfekte Beziehung. Erst ein beruflicher Wendepunkt bringt nicht nur das Beziehungsgebäude zum Einsturz. Jetzt macht SIE Karriere und ER muss sich um Haus und Kinder kümmern. Bis zur Eskalation lässt sich der 105-minütige Film fast ein bisschen zu viel Zeit. Ein Paartherapeut wird erst noch zu Rate gezogen. Der macht den beiden wenig Hoffnung. Spätestens dann schlägt die Stunde von Colman und Cumberbatch. „Es macht Spaß, zu sehen, wie sich die charismatischen Figuren langsam verändern, ihre Leichtigkeit verlieren, zynisch werden und irgendwann ihre hässlichsten Seiten zeigen.“ (FAZ)

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der Disney+-Flatrate und als DVD (ab ca. 13 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

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WAKE UP DEAD MAN: A Knives Out Mystery
USA 2025

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Mit Daniel Craig, Josh O’Connor, Glenn Close, Josh Brolin, Mila Kunis. Buch & Regie: Rian Johnson

Ein tyrannisch autoritärer Gottesmann, der Ähnlichkeiten mit zeitgenössischen Politikern aufweist, weilt alsbald nicht mehr unter den Lebenden. Daniel Craig schlüpft ein drittes Mal in die Rolle des eleganten Meisterdetektivs Benoit Blanc. Der Erzähler, ein abtrünniger junger Geistlicher, fungiert als doppelte Informationsquelle – für den Zuschauer sowie für den Ermittler alter Schule. Das ist clever gemacht, vereint Whodunit und interessante Charaktere zu einem 140-minütigen Krimi-Vergnügen, das deutlich mehr Substanz (Ironie, Psychologie, Subtexte) besitzt als andere Rätselkrimis in der Tradition einer Agatha Christie. Der Komplott in diesem locked room mystery ist erwartungsgemäß komplex, lässt sich durch die exzellenten Rückblenden, die wie Filme im Film wirken, aber gut verstehen. Die Besetzung ist formidabel, neben Craig glänzt vor allem Josh O’Connor, der als schüchterner Priester die eigentliche Sympathiefigur ist.

Der Film lief in ausgewählten Kinos und ist exklusiv bei Netflix zu sehen.

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SIRAT
Frankreich 2025

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Mit Sergi López, Bruno Núñez, Jade Oukid. Buch: Santiago Fillol, Óliver Laxe. Regie: Óliver Laxe

Es beginnt mit einer Gruppe Ravern, die sich in der marokkanischen Wüste dem kollektiven Rausch hingeben. Als die Freaks zum nächsten Event weiterziehen, werden sie begleitet von einem älteren Mann, der zusammen mit seinem kleinen Sohn auf der Suche nach seiner Tochter ist. Mehr und mehr wird es eine Reise in die Dunkelheit. Sirât ist ein Film, der mit Seh- und Hörgewohnheiten bricht. Die karge Handlung wird umso nachhaltiger mit sinnlichen Erfahrungen aufgeladen. Die subjektive Wahrnehmung (des Zuschauers) dominiert über das Diktat der Geschichte. Bei diesem Road-Movie sitzt immer auch die Angst mit im Gepäckfach, denn es herrscht ein kriegsähnlicher Zustand in diesem Land. Die Flucht aus der Realität hat ihre Grenzen, eine Tragödie ist jederzeit denkbar. Und am Ende gibt es doch noch Minuten der Hochspannung heftige Schocks inklusive. Es geht um Leben und Tod. Auf einen einzigen Moment kommt es an.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der MUBI-Flatrate und als DVD (ca. 20 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

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DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH
USA 2025

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Mit Benicio del Toro, Mia Threapleton, Michael Cera, Scarlett Johansson, Tom Hanks. Buch & Regie: Wes Anderson

Der ebenso skrupellose wie charismatische Industrielle Zsa-Zsa Korda, ein Tycoon alter Schule, der zahlreiche Mordanschläge überlebt hat, beschließt nach einer Nahtoderfahrung, seine entfremdete Tochter, eine angehende Nonne, zu seiner Erbin zu machen. Gemeinsam reisen sie durch einen fiktiven Nahost-Staat, um Investoren für Kordas gigantisches Infrastrukturprojekt – den titelgebenden „phönizischen Meisterstreich“ – zu gewinnen. Die Handlung dient Wes Anderson wie gewohnt mehr als Vorwand, um eines seiner schrägen, stilistisch einzigartigen Puppenstuben-Szenarien zu entwerfen. Zwar sind auch ein paar politische Bezüge erkennbar (Trump & andere Technokraten) – am Ende aber ist es einmal mehr das Produktionsdesign mit seinen symmetrischen Bildanordnungen und dem poppigen Retro-Charme, das fasziniert und in Erinnerung bleibt. Und dann sucht man natürlich wie in einem (linear erzählen) Wimmelbild nach den Stars in Mini-Rollen wie Scarlett Johansson, Tom Hanks, Bryan Cranston, Bill Murray, Benedict Cumberbatch, Charlotte Gainsbourg oder Willem Dafoe.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der Wow-Flatrate und als DVD (ab ca. 13 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

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BLACK BAG - DOPPELTES SPIEL
USA 2025

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Mit Cate Blanchett, Michael Fassbender, Marisa Abela, Tom Burke, Pierce Brosnan. Buch: David Koepp. Regie: Steven Soderbergh

Ein britischer Top-Geheimagent soll einen Verräter in den eigenen Reihen aufspüren. Vier Verdächtige stehen zur Auswahl, unter ihnen die eigene Frau. Plot und Beziehungsspiel sind Hitchcock-like; Betrug und Begehren als zwei Seiten einer Medaille, da kommt Misstrauen wie von selbst ins Spiel. Die Inszenierung von „Black Bag“ verweist auf einen echten Soderbergh: reduziert, klar, fokussiert auf das Wesentliche, aber zugleich elegant – und weshalb nicht mit einer Plansequenz den Film beginnen?! Und die Dialoge (von David Koepp) sind geschliffen, jeder bringt sich mit ihnen in Stellung. Die Maulwurf-Suche verläuft ohne Action oder Gewalt, sondern Gentleman-like, ganz kultiviert während zweier Dinner-Abende. Bleibt noch zu klären, was Black Bag im Geheimdienst-Jargon bedeutet: Informationen werden nur an diejenigen weitergegeben, die die notwendige Sicherheitsfreigabe haben. Für die anderen heißt es: „Black Bag“.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der Wow-Flatrate und als DVD (ab ca. 13 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

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BABYGIRL
USA 2025

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Mit Nicole Kidman, Harris Dickinson, Antonio Banderas, Sophie Wilde. Buch & Regie: Halina Reijn

Sie ist CEO eines Robotikunternehmens, hat einen Theaterregisseur als Ehemann, ein Landhaus mit Pool, eine Wohnung in Manhattan, nette Kinder: eine fast perfekte Frau also, wäre da nicht dieses Gefühl sexuellen Unbefriedigtseins. Ein aufreizend selbstbewusster Praktikant erkennt schnell die wahren Begierden dieser Frau: mal nicht stark, perfekt & cool sein müssen, sondern sich dominieren, ja geradezu dressieren, lassen. Auch wenn die Machtausübung vom Mann ausgeht, muss die Affäre in Metoo-Zeiten erwartungsgemäß auch Auswirkungen auf die Karrierewege des ungleichen Paars haben. „In Halina Reijns schlau konstruierter Robotik-Filmwelt wirkt alles, auch der Feminismus, wie programmiert, alle reden ChatGPT-haft von weiblichen Vorbildern und rennen dann zum Botox-Boost.“ (Die Zeit) Nicole Kidman überzeugt als wächserne Schönheit in diesem Erotik-Drama aus weiblicher Sicht, ein Lust-Spiel aus Macht und Unterwerfung. „Babygirl“ spielt mit Kidmans Eisgöttinnen-Mythos. Eine gewagte Rolle für einen Hollywoodstar.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), als DVD (ab ca. 13 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

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BEATING HEARTS
Frankreich 2025

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Mit François Civil, Adèle Exarchopoulos, Mallory Wanecque, Malik Frikah. Buch: Audrey Diwan, Ahmed Hamidi, Julien Lambroschini, Gilles Lellouche. Regie: Gilles Lellouche

Nordfrankreich in den 1980er Jahren, Clotaire und Jackie, zwei Teenager aus unterschiedlichen Milieus, werden ein Paar. Anfangs findet sie seine Aufmüpfigkeit noch sexy, doch das ändert sich, als er sich für eine Kriminellen-Karriere entscheidet und für zehn Jahre unschuldig in den Knast wandert. Jackie versucht, ihn zu vergessen und sich ein bürgerliches Leben aufzubauen. Romantik meets Tragik: „Wild at Heart“ lässt grüßen. Besonders auch, was die energetische Inszenierung angeht. Die ungestüme Liebe lässt die Bilder förmlich explodieren: Gewalt, Liebe und Tod finden ihre sinnlichen Entsprechungen in einem Rausch der Farben. Es wird getanzt, getobt, geliebt. Grandios die Szene, in der das frisch verliebte Paar über das Schulgelände jagt zu den Klängen von The Cures „A Forest“. Das Rekurrieren auf die späten 1980er Jahre legt Referenzspuren zu Jean-Jacques Beneix („Diva“) und Leos Carax („Die Liebenden von Pont-Neuf“).

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der Prime-Video-Flatrate, als DVD (ab ca. 12 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

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DER BRUTALIST
USA 2024

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Mit Adrien Brody, Felicity Jones, Guy Pearce. Buch & Regie: Brady Corbet

Den Holocaust überlebt, wandert der ungarisch-jüdische Architekt László Tóth nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA aus. Als ein wohlhabender Industrieller ihm einen prestigeträchtigen Bauauftrag erteilt, kommt er seinem Traum von künstlerischer Freiheit zwar näher, er stößt aber immer wieder an die Grenzen eines durch und durch kapitalistischen Systems. Der Europäer, für den der Preis des amerikanischen Traums zu hoch ist, wird nie heimisch in dieser Popcorn-Kultur. Der Film erstreckt sich über vier Jahrzehnte, ist mit seinen 215 Minuten ein Kinofilm im Serienformat, der an das epische Erzählkino der 1960er erinnert, gedreht in VistaVision. Die Schauspieler sind großartig, sie wirken nie verkleidet, auch, weil das Szenenbild dem Film eine gewisse Gravitas verleiht. An dieses Monumentale muss man sich jedoch gewöhnen, auch an den Brutalismus, jenen Baustil nach dem Krieg, der auf wuchtige Formen und nackten Sichtbeton setzt. Feingeister müssen nichts befürchten. Vordergründig brutal ist der Film nicht.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der Wow-Flatrate und als DVD (ab ca. 8 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

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EDDINGTON
USA 2025

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Mit Pedro Pascal, Joaquin Phoenix, Emma Stone, Austin Butler. Buch & Regie: Ari Aster

Irgendwo im Nirgendwo von New Mexico gibt es ein Städtchen, in dem die Spaltung der US-amerikanischen Gegenwart unverblümt zu Tage tritt. Effektiver Brandbeschleuniger ist die Corona-Pandemie, die Handlung führt mitten rein ins Jahr 2020. Da ist ein abgehalfterter Sheriff (Joaquin Phoenix), der die Maskenpflicht strikt ablehnt, da ist der Bürgermeister (Pedro Pascal), der sie verordnet hat und um seine Wiederwahl bangen muss. Einen Messias und eine durchgeknallte Ehefrau (Emma Stone) gibt es auch noch. Vom Tonfall eine schwarze Komödie, vom filmischen Look ein moderner Western, der einem den Kulturkampf in Trumps Amerika als realistischen Horrorfilm vorführt. Das ist eher chaotisch als stringent erzählt, einige reale politische Bezüge, beispielsweise zur Black-Lives-Matter-Bewegung, wirken etwas aufgesetzt, aber wer US-Genrekino mit deftigen Zutaten mag, wird Spaß haben. Die SZ-Kritikerin hatte es nicht: „Eddington ist ein konfuses Sammelsurium der Weltübel und führt in einen Gewaltexzess. Ein diffuser Generalhass auf alles und jeden.“

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), als DVD (ab ca. 13 Euro) oder postalisch leihen über Videobuster

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AFTER THE HUNT
USA 2025

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Mit Julia Roberts, Ayo Edebiri, Andrew Garfield, Michael Stuhlbarg. Buch: Nora Garrett. Regie: Luca Guadagnino

Nach einer Feier im Kollegenkreis gerät die Philosophieprofessorin Alma (Julia Roberts) in einen Gewissenskonflikt: Ihre beste Studentin (Ayo Edebiri) behauptet, von Almas Kollegen und Freund (Andrew Garfield) sexuell genötigt worden zu sein. Der erzählt Alma eine ganz andere Version. Was tatsächlich zwischen der Studentin und dem Dozenten passiert ist, wird bis zum Ende nicht zweifelsfrei geklärt werden. Das macht den besonderen Zeitgeist-relevanten Reiz von „After the Hunt“ aus. Der großartige Cast, die scharfsinnig pointierten Dialogwechsel und eine expressive Inszenierung sorgen dafür, dass trotz viel Gerede der Film problemlos über seine zwei Stunden trägt. Auch, weil Guadagnino dem Populismus Komplexität entgegensetzt. Die Cancel-Culture ist nur das Phänomen, an dem etwas Grundsätzlicheres debattiert werden könnte: „ein System, in dem moralisches Handeln zunehmend illusorisch erscheint“. Und so ist „After the Hunt“ am Ende „eine treffsichere Parabel über die Heuchelei vermeintlicher Wokeness-Ideale in einem privilegierten System“. (Filmdienst)

Der Film lief in ausgewählten Kinos und ist exklusiv bei Prime Video zu sehen.

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FRANKENSTEIN
USA 2025

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Mit Oscar Isaac, Jacob Elordi, Mia Goth, Lars Mikkelsen. Buch & Regie: Guillermo del Toro

Guillermo del Toro haucht dem ultimativen Monsterfilm-Klassiker neues Leben ein. Der mexikanische Autorenfilmer war schon immer fasziniert von Fantasy, Märchen und Schauerromantischem. Auch „Frankenstein“ kommt als großer Ausstattungsfilm daher, bisweilen etwas zu groß. Der Oscar-Preisträger für „Shape of Water“ liebt im Gegensatz zu Yorgos Lanthimos‘ „Poor Things“ sein Monster – und er nimmt es ernst, etwas zu ernst. Dies macht den Besetzungscoup mit Jacob Elordi („Euphoria“) zu mehr als einem kalkulierten Zielgruppenmanöver. Der Kunstmensch ist nicht länger ein unförmiges, hässliches Wesen, gefertigt aus Leichenteilen, diese Kreatur bekommt etwas Faszinierend-Attraktives. Eine nicht unbedeutende Rolle in dieser Schöpfungsgeschichte spielt ein deutscher Munitionsfabrikant, den Christoph Waltz gewohnt ambivalent, ja geradezu sardonisch heiter verkörpert. Und so hat diese 150-minütige Monster-Mär durchaus seine Momente. Und die Zweiteilung der Geschichte, zunächst erzählt aus der Perspektive des wahnhaften Dr. Frankenstein, dann aus der seines Geschöpfs, gibt dem Plot Subtext. Nicht erst am Ende stellt sich die Frage, wer eigentlich das wahre Monster ist. Für Fans gotischen Horrors sicher ein Muss.

Der Film lief in ausgewählten Kinos und ist exklusiv bei Netflix zu sehen.

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KÖLN 75
Deutschland 2025

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Mit Mala Emde, John Magaro, Michael Chernus, Alexander Scheer, Ulrich Tukur. Buch & Regie: Ido Fluk

Es klingt wie ein Märchen und ist doch so ähnlich passiert. Ein Teenager entdeckt den Jazz – und plant ein Konzert in der Kölner Oper mit seinem Idol Keith Jarrett. Der eitle Fatzke ist bis heute kein Freund dieses, seines meistverkauften Albums, das dort 1975 aufgenommen wurde. Warum er schlecht auf das Konzert und die musikalischen Rahmenbedingungen (ein verstimmter Stutzflügel statt des versprochenen Bösendorfer Imperial) schlecht zu sprechen ist, davon erzählt unter anderem auch der Film „Köln 75“. Zunächst geht es um die wahnwitzige Geschichte der Vorbereitung des Konzerts. Erzählt wird aus der Hinter-den-Kulissen-Perspektive und von der jungen Frau, die dieses kleine Wunder vollbracht hat: Vera Brandes, hinreißend von Mala Emde gespielt. Ein selbstbewusster Wirbelwind, der die Aufbruchsstimmung der Zeit verkörpert, ganz ohne Rock ’n’ Roll, geschlagen mit einem Vater, der den 1950er Jahren nachhängt. Der Film macht sich ihr Energielevel zu eigen, hat hohes Tempo, Witz und bringt sogar Nicht-Jazz-Fans die als verkopft verschriene Musik auf sehr unterhaltsame Weise näher. Und mithilfe einer fiktiven Journalistenfigur erfährt man quasi im Vorbeifahren (der Film ist zwischendurch ein Road-Movie) etwas über den großen Pianisten, der seine Originalmusik dem wunderbaren Film nicht zur Verfügung stellte.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der HBO-Max-Flatrate und als DVD (ab ca. 19 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

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THE MASTERMIND
USA 2025

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Mit Josh O’Connor, Alana Haim, Jasper Thompson, Sterling Thompson. Buch & Regie: Kelly Reichardt

So hat sich J.B. sein Leben nicht vorgestellt: Tischler, arbeitslos, Mitte 30, verheiratet, zwei Jungs und ein Vater, der ihm ständig nur Vorhaltungen macht. Vielleicht ist ja sein Kunststudium doch noch für etwas gut. Er hat da so einen Plan: Mit ein paar Kumpels will er aus einem schlecht bewachten Museum vier Gemälde des abstrakten Malers Arthur Dove stehlen. Könnte klappen. Wenn ihm nur jemand die Bilder abnehmen würde. Dieses auf den Kopf gestellte Heist-Movie ist mehr was für Liebhaber des New-Hollywood-Kinos als für „Ocean’s Eleven“-Fans. Der Film spielt denn auch zu Beginn der 70er Jahre, als Kunstwerke noch nicht mit Hightech gesichert waren. Das Erzähltempo ist bedächtig, die jazzige Loser-Stimmung mit den statischen Bildern und langsamen Kamerafahrten ersetzt klassische Spannungsmomente. Der Film wird zum Road-Movie, zeigt so auch ein Stück Amerika zur Zeit des Vietnamkriegs. „Was als Rebellion eines naiven Freigeists gegen die Zwänge des bürgerlichen Lebens beginnt, entpuppt sich als Irrfahrt eines Individualisten, der schließlich vor Gewalt nicht zurückschreckt.“ (epd Film). Ein typischer Kelly-Reichardt-Film.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der MUBI-Flatrate und als DVD (ca. 20 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

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A HOUSE OF DYNAMITE
USA 2025

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Mit Idris Elba, Rebecca Ferguson, Gabriel Basso, Jared Harris. Buch: Noah Oppenheim. Regie: Kathryn Bigelow

Gleich zu Beginn konfrontiert einen dieser Thriller mit den Tatsachen: Die Zeiten der globalen Abrüstung sind vorbei, die Weltgemeinschaft glaubt nicht mehr an deren deeskalierende Wirkung. Wir alle sind Bewohner des titelgebenden „House of Dynamite“. Der Film beginnt wie ein ganz normaler Arbeitstag in Washington D.C., im Umfeld des Weißen Hauses: White House Situation Room, Federal Emergency Management Agency, das Pentagon, Militärbasen – Business as usual. Bis eine im Pazifik abgeschossene Rakete registriert wird. Die Erzählstruktur des Films macht deutlich: Die Katastrophe – sprich: der Atomkrieg – naht unaufhaltbar. Die 30 Minuten vor dem großen Knall werden viermal aus den unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Die letzte, entscheidende Instanz ist der Präsident der Vereinigten Staaten. Der Countdown ist atemberaubend und distanziert zugleich. Da er das Ende früh vermittelt, setzt der Film weniger auf dramaturgische Spannung als vielmehr die physische Anspannung der Charaktere, was gleichzeitig das Augenmerk auf die realistische Darstellung, die Abläufe in Regierung und Militär, richtet. Der eher nüchtern erzählte Film ist nichts für Action-Freunde, auf wohlfeile Identifikationsstrategien wird verzichtet, die Sache dominiert über die Geschichten der Menschen. Die Angst ist dennoch allgegenwärtig. Das ist mutig und anstrengend zugleich.

Der Film lief in ausgewählten Kinos und ist exklusiv bei Netflix zu sehen.

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FÜR IMMER HIER
Brasilien 2024

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Mit Fernanda Torres, Fernanda Montenegro, Selton Mello, Valentina Herszage, Maria Manoella. Buch: Murilo Hauser, Heitor Lorega. Regie: Walter Salles

Der Film erinnert an die brasilianische Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985, und er erinnert an Rubens Paiva (1929-1971), einen ehemaligen Kongressabgeordneten der Arbeiterpartei, der Teil eines Widerstandsnetzwerkes war. Es ist ein sehr persönlich gehaltener Erinnerungsfilm, der weder Paivas Passionsweg nachzeichnet, noch auf Spannungsmomente setzt. Im Zentrum stehen die Überlebenden, allen voran seine Ehefrau Eunice, die ihren fünf Kindern ein normales Leben voller Zuversicht, ohne Angst und Schrecken vermittelt. Auch sie wurde für einige Tage weggesperrt, verhört, aggressiv bedrängt. Was sie dort im Gefängnis hört, die Schreie der Gefolterten, sind die deutlichsten Zeichen dieser Gewaltherrschaft. In der ersten halben Filmstunde gibt es erste Warnsignale: irritierende Hubschraubereinsätze, polternde Militärlastwagen, Straßensperren, Kontrollen. Die Grundstimmung in dieser bildungsbürgerlichen Familie ist ausgelassen. Mehr Pop als Politik, Lebenslust statt Folter. Sonne und Licht beherrschen die luftige Szenerie in Walter Salles Film. Dann wird es auch in den Bildern dunkler, kältere Farben dominieren. Es geht von draußen nach drinnen: Das Überleben der Familie wird als Kammerspiel gezeigt. „Seine widerständige Kraft bezieht der Film aus der erstaunlichen Abwesenheit von Aggression, Wut und Gewalt, aus der Stärke und Präsenz einer einzelnen Frau und aus der demütigen Zurückhaltung aller Gewerke, vom Schauspiel über Schnitt, Kamera bis zu Ausstattung und Kostüm.“ (epd Film) „Für immer hier“ gewann 2025 den Oscar als bester Ausländischer Film und Fernanda Torres den Golden Globe.

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10
SEHNSUCHT - Oslo-Trilogie
Norwegen 2024

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Mit Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen. Buch & Regie: Dag Johan Haugerud

Die Geschichte von „Sehnsucht“, dem dritten Teil der „Oslo-Trilogie“ von Dag Johan Haugerud, klingt wie ein Witz: Unterhalten sich zwei Schornsteinfeger … sagt der eine: Ihn verfolge ein Traum, in dem David Bowie ihn wie eine Frau ansehe, was seltsam, aber eben auch seltsam faszinierend sei. Sagt der andere: Er habe gestern mit einem Kunden Sex gehabt. Ob er schwul sei? „Ich bin nach meinem ersten Bier doch auch kein Alkoholiker.“ Zwei verheiratete Männer mit Familie, die so offen und ehrlich über Intimes reden, noch dazu keine Intellektuellen, das sieht man selten im Kino. Der Film macht – typisch für Haugerud – aus dem, was er zeigt, keine große Sache. Wie selbstverständlich wird über sexuelle Freiheit und klassische Beziehungsformen zwischen den Männern und ihren Frauen diskutiert. Das macht die dialoghaltigen Szenen so erfrischend. Die Widersprüche zwischen Vernunft (sexuelle Freiheiten gewähren) und Gefühl (der Seitensprung wird übelgenommen) sind dagegen so alt wie die Liebe und das Debattieren über sie. Und ein Stück weit sind diese Beziehungsfragen – das wussten nicht nur die Achtundsechziger – immer auch politisch. „Was bedeutet es, (sexuell) frei zu sein in klassischen Beziehungsformen, frei auch von tradierten Gender-Narrativen? Welche Normen und welche (vermeintliche?) Moral definieren unsere Gesellschaft(en)? Mit Blick auf die rechtsnationalistischen und reaktionären Bewegungen weltweit bekommen die Fragen, die Haugerud formuliert, etwas sehr Aktuelles und Politisches.“ (Filmdienst)

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), als DVD (ab ca. 10 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

9
IN DIE SONNE SCHAUEN
Deutschland 2025

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Mit Hanna Heckt, Lea Drinda, Lena Urzendowsky, Susanne Wuest, Luise Heyer. Buch & Regie: Mascha Schilinski

„Schon komisch, dass einem wehtun kann, was nicht mehr da ist“, heißt es in Mascha Schilinskis deutschem Preisabräumer „In die Sonne schauen“. Können Traumata über Generationen in Körpern und Seelen überdauern? Ja, sie können. Vier Geschichten junger Mädchen, jede ausschnitthaft erzählt und alle vier allenfalls assoziativ miteinander verbunden, erzählen von diesem Phänomen. Schauplatz ist ein Bauernhof in der Altmark: Da ist in den 1910er Jahren Alma (Hanna Heckt), die in einer von Religiosität, Aberglauben und Schweigen geprägten Familie aufwächst; da ist in den 1940er Jahren die vom Krieg und vom Missbrauch durch ihren Onkel traumatisierte Erika (Lea Drinda); da ist 40 Jahre später Angelika (Lena Urzendowsky), deren Identitätssuche von einer seltsamen Todessehnsucht geprägt ist; und da sind schließlich in der Gegenwart Nelly und ihre Schwester Lenka – in dieser Geschichte lebt die Vergangenheit in rätselhaften Träumen weiter. Dieser Film hat seine eigene Filmsprache. Die Zeitebenen fließen ineinander, das durchgängige 3:4-Bildformat etabliert die Enge, in der sich die Mädchen befinden, von der titelgebenden Sonne ist nur wenig zu sehen. Der Film wirkt „oftmals wie ein wundersames, eigensinniges Kinogedicht in freiem Versmaß, das sich einer eindeutig vorwärtsschreitenden Narration selbst-bestimmt entzieht“ (Filmdienst). Ja, „In die Sonne schauen“ sollte man lesen wie Literatur und dessen Klangdesign hören wie Musik: den Bildern mit eigenen Bildern begegnen, die Fantasie spielen lassen und immer neugierig bleiben.

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8
LIEBE - Oslo-Trilogie
Norwegen 2024

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Mit Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Marte Engebrigtsen, Lars Jacob Holm. Buch & Regie: Dag Johan Haugerud

Der Film ist der erste Teil von Dag Johan Haugeruds „Oslo-Trilogie“, in der Begehren, Sex und Liebe von den Charakteren ohne viel äußere Handlung amüsant durchbuchstabiert werden. Egal, ob eine Ärztin und ein Krankenpfleger, die zunächst ein rein berufliches Verhältnis pflegen, ob dieser triebgesteuerte Krankenpfleger und sein Lustobjekt, das aufgrund einer Krankheit nicht zum Sex fähig ist, ob die erfahrungshungrige Ärztin, die sich im Gegensatz zu ihrer (theoretisierenden) Freundin auf bizarre Dates einlässt – alle sprechen weitgehend offen über ihre Gefühle und sexuellen Vorlieben. Die Szenen spielen in Alltagssituationen, irgendwo in Oslo, mal tagsüber, mal spät am Abend, mal auf einer Fähre, mal im Hafen, mal bei der Arbeit, mal zu Hause. Der Filmemacher, der als Bibliothekar gearbeitet, aber auch Romane geschrieben hat, setzt auf die Kraft ausgefeilter, verdichtend alltagsnaher Dialoge und auf Schauspieler, die nicht wie Schauspieler agieren. Daraus entsteht eine warme, den Charakteren zugewandte Erzählung. Gespräche, Flirts, Sex. Darum geht es. Dahinter sichtbar werden immer auch Sehnsüchte, Ängste, Träume und die persönliche Moral.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), als DVD (ab ca. 18 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

7
LIKE A COMPLETE UNKNOWN
USA 2025

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Mit Timothée Chalamet, Edward Norton, Elle Fanning, Monica Barbaro. Buch & Regie: James Mangold

Die Dylan-Legende lebt über die Jahrzehnte, ob live auf der Bühne oder im Film. Nach Todd Haynes „I’m Not There“, einer intellektuellen Annäherung für ein ebensolches Publikum, in dem gleich sechs prominente Schauspieler*innen dem Mythos ein Gesicht gaben, oder der frei erfundenen Dylan-Hommage „Inside Llewyn Davis“ der Coen-Brüder war 2024/25 James Mangold („Walk the Line“) darauf bedacht, den Meister der egozentrischen Grantler einer neuen Zielgruppe näherzubringen. Mit Timothée Chalamet besetzte er nicht nur den aktuellen Superstar der Jugend, sondern er fand auch den Darsteller, der den Dylan der Frühzeit ideal verkörperte: attraktiv und wuschelköpfig, so können wohl selbst (die weiblichen) Vertreter der Gen Z über den charismatischen Kotzbrocken hinter dem genialen Songpoeten hinwegsehen. Hinzu kommt, dass Chalamet auch musikalisch keine Wünsche offenlässt; bisweilen klingt er sogar verständlicher als der Folksänger, der 1965 den „Verrat“ beging, die akustische gegen die elektrische Gitarre auszutauschen. Und das auf dem heiligen Newport-Festival. Nicht nur Dylans Mentor Pete Seeger (stark: Edward Norton) war untröstlich. Auf diesen Moment der Popmusikhistorie läuft der zweieinhalbstündige Film hinaus. „Like a Complete Unknown“ ist also ein Muss für Dylan- und Chalamet-Fans, für Folkrock-Liebhaber und für Filmfreunde, die reduzierte, konzentrierte Biopics mögen, die nicht alles herausplappern, sondern die Songs (autobiografisch) für sich sprechen lassen: Dadurch bekommt der Film quasi zwei Erzählebenen.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), als DVD (ab ca. 13 Euro, inkl. Versand), in der Disney+-Flatrate oder postalisch leihen über Videobuster

6
TRÄUME - Oslo-Trilogie
Norwegen 2024

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Mit Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen. Buch & Regie: Dag Johan Haugerud

Nach „Sehnsucht“ ist „Träume“ der zweite Film der „Oslo-Trilogie“ von Dag Johan Haugerud. Auf der Berlinale wurde er mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Der Autorenfilmer, der jahrelang als Bibliothekar an einer Musikhochschule gearbeitet hat, ist international ein bisher unbeschriebenes Blatt. „Träume“ ist eine Mischung aus Eric Rohmers ebenso poetischen wie dialoglastigen Filmen und den semiotisch-sensualistischen Essays eines Roland Barthes. Es ist eine Art innerer Monolog eines Teenagers, der von seinen Stimmungen und Befindlichkeiten erzählt – und doch alles andere als eine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte. Joanne ist zum ersten Mal verliebt, in ihre Französischlehrerin. Weil sie noch keine Erfahrungen hat mit diesen schmerzhaft-wunderschönen Gefühlen, zieht sie einen Schmöker aus den frühen 1980er Jahren zu Rate, in dem ein älterer Mann ein junges Mädchen liebt. Doch aus Projektion wird Transzendenz: Das Mädchen schreibt über ihre Liebeskrankheit, die sich bald über ein Jahr erstreckt, und gibt das Manuskript ihrer Großmutter zu lesen. Die ist begeistert. Die Mutter indes würde die Lehrerin am liebsten anzeigen, doch irgendwann erkennt auch sie in dem Text „ein kleines, feministisches Juwel“. Dieser norwegische Film mit einem Nouvelle-Vague-liken Score ist kein Liebesfilm, auch kein Film über die Liebe, sondern eher ein sinnlicher Diskurs über die Liebe in den 2020er Jahren – nicht verkopft, sondern leise, zärtlich, intim. Ein Film über Identitätssuche und erwachendes Begehren. Es wird viel geredet, „das aber mit einer cineastischen Qualität, die es leicht macht, den Figuren zuzuhören“, befindet die taz-Kritikerin zu Recht.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), als DVD (ab ca. 18 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

5
BUGONIA
USA 2025

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Mit Emma Stone, Jesse Plemons, Aidan Delbis, Alicia Silverstone. Buch: Will Tracy. Regie: Yorgos Lanthimos

Die Filme von Yorgos Lanthimos sind Wundertüten. In „Bugonia“ lässt er den Verschwörungstheorien zweier Hinterwäldler freien Lauf. Irgendwo in Georgia planen Teddy (Jesse Plemons) und sein Cousin Don (Aidan Delbis) einen ganz großen Coup: die Entführung der aalglatten CEO eines Chemie- und Pharma-Unternehmens, Michelle Fuller (Emma Stone). Nicht die Verbesserung seiner prekären Lebensumstände, er arbeitet als Paketpacker für ein Subunternehmen ihres Biotech-Konzerns, hat er damit im Sinn, nein, die Rettung der Erde ist sein Anliegen. Er ist fest davon überzeugt, dass Aliens den Planeten bedrohen – und Fuller eine von ihnen sei. Er entführt die Frau, schneidet ihr eine Glatze und hält sie im Keller seines heruntergekommenen Farmhauses gefangen. Der von seiner Arbeit und seinem Hobby der Bienenzucht schwer frustrierte Mann treibt auch die von Fullers Firma verursachten Umweltschäden um, und er will, dass sie zugibt, dass ihre menschliche Hülle Fake ist. Es entwickelt sich ein wahnwitziges Duell, bei dem die Gefangene – trotz diverser Foltermethoden – selbst noch in Handschellen ihren Entführer zu manipulieren versteht. Lanthimos‘ Kammerspiel-Groteske ist wie die meisten seiner Filme auch eine Zeit- und Gesellschaftsanalyse. „Der Film wäre allerdings kein echter Lanthimos würde er nicht mit subtilen filmästhetischen Mitteln das vordergründig Gezeigte gleichsam kommentieren und so etwas wie einen mitunter gegenläufigen Subtext dazu kreieren“ (Filmdienst). Der aberwitzige Spagat von filmischem Essay über die essenziellen ökologischen und gesellschaftskritischen Themen unserer Zeit und einem Meta-Genrefilm, der zwischen Science-Fiction, Märchen und Rachedrama pendelt, ist „Bugonia“ unterhaltsam gelungen. Auch dank Jesse Plemons & Emma Stone (sie bekam dafür ihre siebte Oscar-Nominierung).

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der Wow-Flatrate und als DVD (ab ca. 11 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

4
BLOOD AND SINNERS
USA 2025

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Mit Michael B. Jordan, Hailee Steinfeld, Miles Caton, Jack O’Connell. Buch & Regie: Ryan Coogler

Ein Tag und eine Nacht, 138 Minuten, mehr erzählte Zeit benötigt „Blood and Sinners“ nicht, um das Leben im Jahre 1932 in einem Ort wie Clarksdale, Mississippi, zu umreißen. Die Große Depression, Prohibition, Rassengesetze, Ku-Klux-Klan, Lynchjustiz, die kapitalistische Macht des Geldes – die Geißeln der Zeit. Auf der anderen Seite steht die magische Kraft der afroamerikanischen Musik. Der Blues hat es allen angetan. Sogar Weiße lassen „die Nigger“ für sich spielen. Die Handlung ist überschaubar: Die beiden Zwillinge Smoke und Stack (Michael B. Jordan in einer Doppelrolle) kommen von Chicago, wo sie die irischen und italienischen Clans übers Ohr gehauen haben, zurück in ihre Heimat und wollen mit einem Nachtclub für Schwarze durchstarten, für sie ein großes Geschäft, für ihre Brüder und Schwestern eine kleine Insel der Freiheit und Glückseligkeit. Doch es könnte anders kommen. Eine Scheune voller feiernder Schwarzer, das ist ein gefundenes Fressen für weiße Rassisten. „Blood and Sinners“ setzt auf die Macht der Bilder, auf Horrorfilm-Effekte und vor allem die identitätsstiftende Kraft einer populären Musikrichtung. In der Mitte des Films lässt eine Plansequenz den Zuschauer staunen: vom Delta Blues über Funk und Soul zu Hiphop, wie ihn die Rapper-DJs in den Achtzigern spielten. Es ist die vielleicht magischste Film-Sequenz aus dem Kino-Jahr 2025. Aber es wird nicht nur großartig musiziert in diesem Film, bald sind auch die Vampire los: Fanatismus und Faschismus gehen Hand in Hand, mit Voodoo-Zauber, Gitarren und dem Licht der Sonne könnte die schwarze Community eine Chance haben. Politik, Milieu, History, Mystery, Action, ein Top-Score, ein wunderbarer Blues- und Gospel-Soundtrack – so ein cleveres Mainstreamkino-Genre-Meisterwerk gab es noch nie. 16 Oscar-Nominierungen: auch das ein Novum.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der Wow-Flatrate und als DVD (ab ca. 10 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

3
THE SECRET AGENT
Brasilien 2025

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Mit Wagner Moura, Maria Fernanda Cândido, Gabriel Leone. Buch & Regie: Kleber Mendonça Filho

Brasilien ist im Jahr 1977 ein durch und durch korruptes Land, Haie verseuchen hier nicht nur das Meer. In der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur verschwanden Hunderte politischer Verfolgter. Davon erzählt „The Secret Agent“ nur am Rande, aber nicht weniger eindrücklich. Hier stimmen vor allem (die Tonlagen der) Details. An einer Tankstelle in der Wüste liegt eine Leiche, keiner holt sie ab. In einem Land, in dem der Karneval an die 100 Tote kostet, wen interessiert da schon ein einzelner Toter? Die zwei Provinz-Bullen jedenfalls nicht. Die haben ein Auge auf den Mann gerichtet, der sie auf den Toten aufmerksam gemacht hat. Der fährt einen gelben VW-Käfer, trägt einen Vollbart, was ihn politisch verdächtig macht. Sie können ihm allerdings keine Ordnungswidrigkeit nachweisen. Am Ende fragen sie ihn noch nach einer Spende für die Karnevalskasse. Diese Verkommenheit im zwischenmenschlichen Umgang ist Marcelo Alves alias Fernando fremd. Er gehört zu den Guten, er war Forscher, arbeitet als Archivar, bis ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt ist, dann geht er in den Untergrund. Zwei junge Frauen rekonstruieren in der Gegenwart das Leben und den Tod dieses Mannes. Entsprechend kurvenreich ist die Narration, die sich anfangs viel Zeit lässt für die Erzählstränge, die Charaktere und die Zeichnung des linken Milieus. Später entwickelt Kleber Mendonça Filho eine unbändige Lust an der Fiktion (der Film ist in drei Kapitel gegliedert) und an wilden Genrekino-Reminiszenzen. Das Cinemascope-Format verpflichtet. „The Secret Agent ist eher ein Rache-Film, ein Gangster-Film, ein Widerstandsfilm, ein politischer Thriller, Splatter-Comedy, ein Film-Film. Eine Hommage ans Kino selbst“ (SZ). Ein buntes Personal bevölkert diesen 160-minütigen Film, feiste Fressen, korrupte Verbrecher-Visagen, Profi-Killer, schöne Revolutionärinnen, ein sanfter, melancholischer Held, abgründig gespielt von Wagner Moura („Narcos“). Dieser Film zieht (zumindest) Filmfans intelligent in seinen Bann, bricht mit Genre-Mustern und schlägt aktuelle historische Serien um Längen.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der MUBI-Flatrate und als DVD (ab ca. 16 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

2
SENTIMENTAL VALUE
Norwegen 2025

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Mit Stellan Skarsgard, Renate Reinsve, Inga Ibsdotter Lilleaas, Elle Fanning. Buch & Regie: Joachim Trier

Eine Villa, in der ein norwegischer Regisseur aufgewachsen ist, später mit seiner Familie lebte und in der sich seine Mutter das Leben nahm, eben jener hochgelobte Autorenfilmer Gustav Borg (Stellan Skarsgard), dessen Eitelkeit größer ist als der Erfolg seiner letzten Filme, seine zwei erwachsenen Töchter, die Theaterschauspielerin Nora (Renate Reinsve) und die Archivarin Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas), zu denen er nur noch wenig Kontakt hat, sind das Zentrum von Joachim Triers vielfach preisgekröntem Familiendrama „Sentimental Value“. Die Mutter der jungen Frauen, eine Psychotherapeutin, ist gestorben. Auch der Ex-Mann ist zur Trauerfeier gekommen, vor allem, weil er ein neues, vielleicht letztes autobiografisches Projekt realisieren will: einen Film über seine Mutter. Und er weiß, niemand anderes kann diese Rolle spielen als seine Tochter Nora, die selbst einen Suizidversuch hinter sich hat und die heute immer noch vor Auftritten von Panikattacken geritten wird. Als sie ablehnt, übernimmt ein Hollywood-Starlett (Elle Fanning), das Borgs Filme zutiefst bewundert, die Rolle. „Sentimental Value“ ist ein auf seine tragenden Rollen reduziertes Beziehungsdrama, das der Inhaltsangabe zum Trotz auf jede Küchenpsychologie verzichtet. Das Ensemble ist durchweg preiswürdig, weil dessen fein nuanciertes Spiel die Charaktere jeglicher (voreiliger) moralischer Bewertung entzieht. So ist Borg eben nicht nur der stets abwesende Vater oder der egomanische Filmemacher und die Tochter nicht nur die Enkelin, die die Depressionen der Großmutter geerbt hat. Und auch das Schwere hat eine schöne Leichtigkeit. Der SZ-Kritiker erkannte: „Das klingt nach einem dieser schrecklichen Familienaufstellungsfilme … Der Ton aber, den Joachim Trier für diese Geschichte findet und gut zwei Stunden lang fast schon unverschämt perfekt durchhält, ist von einer heiteren, aufrichtigen, rührenden Melancholie geprägt, wie man sie nur selten im Kino sieht.“ Fazit: „Der schönste Film des Jahres.“

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der HBO-Max-Flatrate und als DVD (ab ca. 15 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

1
ONE BATTLE AFTER ANOTHER
USA 2025

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Mit Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Chase Infiniti, Regina Hall, Benicio del Toro. Buch & Regie: P.T. Anderson

Visionär sind sie beide: der Thomas-Pynchon-Roman „Vineland“ (1990) und das, was P.T. Anderson ein Vierteljahrhundert später in „One Battle After Another“ sehr frei daraus gemacht hat. Wohin könnte die USA abdriften, wenn Abschottungsbefürworter und Militärs das Sagen haben? Der Film war lange vor Trumps zweiter Amtszeit fertiggestellt – und doch glaubt man, hier eine fiktionalisierte Version des Amerikas im Jahre 2025 zu sehen. „Das Amerika dieses Films ist ein Amerika der Zäune und des Stacheldrahts, der Plexiglasscheiben und Container, des Tränengases und der Paranoia.“ (SZ) Eine Widerstandsgruppe kämpft gegen ein Regime, das vom Polizeistaat träumt. Nachdem die revolutionäre Gruppe zerschlagen wurde, geht der Kampf 16 Jahre später weiter: Ein einst eher zufällig in den Black-Power-Kampf geratener Weißer, Experte für Sprengsätze aller Art, mittlerweile alleinerziehender Vater einer 16-jährigen Tochter, bei dem ohne Joint und ein paar Gläser Rotwein nichts geht, sieht sich und seine Tochter plötzlich im Fadenkreuz eines erzkonservativen Obersts. Da beide Figuren – und wie sie DiCaprio und Penn (Nebendarsteller-Oscar) verkörpern – ein enorm komisches Potenzial besitzen, entwickelt sich der vermeintliche Politthriller alsbald in eine Action-Groteske, die sich zum absurden Road-Movie auswächst. Anderson zeigt Sex und Revolution als zwei Seiten einer Medaille: Geilheit kommt vor Weltanschauung. Penns „Schwanzgesicht“ kriegt die ersten Lacher, wenig später ist es der eingerostete Revoluzzer, der schmunzeln lässt. Ein Verlorener, ein Verzweifelter, ein Verfolgter, dem keine Zeit bleibt, um seinen speckigen Bademantel durch ein Flucht-gemäßes Outfit zu ersetzen. Leonardo DiCaprio spielt das mit seinem verschreckten Blick zum Niederknien komisch, bringt im Umgang mit seiner Filmtochter aber auch die richtige Portion Gefühl ins Spiel. Ebenso (landschaftlich) atemberaubend wie absurd ist im Schlussteil die entschleunigte Rauf-und-Runter-Verfolgungsjagd in der Wüste, die mit ihren Blechkarossen wie ein gigantisches Versteckspiel inszeniert ist.

Erhältlich über diverse Streamer (VoD), in der HBO-Max- und RTL+-Flatrate und als DVD (gebraucht, ab ca. 12 Euro, inkl. Versand) oder postalisch leihen über Videobuster

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