Vor gut siebzig Jahren, als das Fernsehen hierzulande seinen Regelbetrieb aufnahm, war die Drei-Generationen-Familie das dominierende Modell des gesellschaftlichen Zusammenlebens: Eltern, Kinder und Großeltern, alle unter einem Dach. Heutzutage ist die häufigste Daseinsform der Single-Haushalt. Das erklärt vielleicht das Aussterben der klassischen Familienserie. Was 1954 mit der live übertragenen Spielreihe „Unsere Nachbarn heute Abend: Familie Schölermann“ (NWDR) begann, hat in den folgenden Jahrzehnten unendlich viele Nachahmungen gefunden. Weil sich das Familienbild mittlerweile radikal gewandelt hat, ist auch das TV-Programm von Wahlverwandtschaften geprägt: In Krimis und Medicals sind die jeweiligen Teams zur Ersatzfamilie geworden.
Ausgerechnet Ralf Husmann, der einst mit Bernd Stromberg (seit 2004) den Prototypen eines in jeder nur denkbaren Hinsicht toxischen Chefs geschaffen hat, verhindert seit 2019 mit „Merz gegen Merz“, dass echte Familiengeschichten gänzlich aus dem Programm verschwinden. Mittlerweile gibt es drei Staffeln und vier Filme, und im Rückblick wirkt es, als habe sich das Paket immer weiter vom anfänglichen Comedy-Status emanzipiert. Die Handlungsereignisse waren auch früher nicht rundum komisch, schließlich ging eine langjährige Ehe in die Brüche, aber das prägende Etikett war nicht zuletzt wegen der gleichermaßen hitzigen wie kurzweiligen Wortgefechte zwischen Erik und Anne Merz sowie des ständigen Kleinkriegs zwischen Anne und ihrer Mutter Maria pure Dramedy.
Foto: ZDF / Brendan Uffelmann
Mit den Filmen änderte sich der Tonfall jedoch. „Hochzeiten“ (2023) und „Geheimnisse“ (2024) hatte Husmann noch allein geschrieben. Seit „Geständnisse“ (2026) wird Annkathrin Lang als erste Autorin genannt. Ob die erst retrospektiv deutlich gewordene Verschiebung des Vorzeichens ihr Verdienst ist, sei dahingestellt, aber sie ist unverkennbar. „Merz gegen Merz“ hatte von Anfang an einen Humor, der im Grunde nicht leicht & lustig ist, aber „Entscheidungen“ ist endgültig eine Tragödie in kurzweiliger Verpackung. In sämtlichen Beziehungen hat es immer schon gekriselt, doch nun stehen alle vor dem Aus. Motor der Handlung ist jedoch ein ganz anderes Thema: Diesmal geht es um den Tod. Wie es Lang und Husmann dennoch gelingt, der existenziellsten aller Fragen heitere Seiten abzutrotzen, ist höchst respektabel. Neben den Topstars Annette Frier und Christoph Maria Herbst wurde Michael Wittenborn gerade in den Filmen mehr und mehr zum wichtigsten Darsteller, zumal Annes dementer Vater die tragikomische Dimension der Familiengeschichten verkörperte. Die Szenen waren einerseits komisch, weil Ludwig mit seinem durch die Krankheit getrübten Blick ständig für Missverständnisse sorgt, andererseits wegen seiner seltenen Momente großer Klarheit sehr ergreifend; Wittenborns Darbietungen wurden von Film zu Film preiswürdiger.
„Entscheidungen“ beginnt mit den Vorbereitungen für eine Art Verlobungsfest: Nachdem Maria (Claudia Rieschel) in „Geständnisse“ endlich öffentlich bekannt hat, dass sie eine Frau liebt, soll Annes neuer Lebensgefährte Jonas (Nikolaus Benda) eine pompöse Feier organisieren. Maria hofft, dass ihr Mann, von dem sie noch gar nicht geschieden ist, durch die Teilnahme seinen Segen zur Liaison mit Silvia (Alexandra von Schwerin) gibt. Ludwig jedoch, der sich nun gänzlich überflüssig fühlt („Am liebsten wär’ ich am besten weg“), bittet Eriks Mutter Renate (Carmen-Maja Antoni), ihn auf seiner letzten Reise nach Holland in eine Einrichtung für Sterbehilfe zu begleiten. So wird der Film in der zweiten Hälfte zum Roadmovie, weil die gesamte Sippe in mehreren Autos hinterherfährt; und sämtliche Probleme kommen selbstverständlich mit.
Foto: ZDF / Brendan Uffelmann
Jenseits der verschiedenen Beziehungskrisen, des seelischen Leids, des stellenweise schwarzen Humors und des einen oder anderen Slapsticks ist „Entscheidungen“ ein Film über das Finden und Verlieren der großen Liebe, die die meisten Menschen, wenn überhaupt, nur einmal im Leben erleben. In einer berührenden Schlüsselszene erklären Anne und Erik der beziehungsmüden Schwiegertochter (Süheyla Ünlü), was Liebe ist; dieser Moment ist grandios geschrieben und kongenial gespielt. Abgerundet wird die zwar mit wenig optischem Aufwand, aber dank Ensemble und Handlung durchgehend fesselnde Tragikomödie (Regie führte wie stets Felix Stienz) durch eine sorgfältige Song-Auswahl mit bekannten und weniger bekannten melancholischen Liedern, die größtenteils aus den Fünfzigerjahren stammen; ein weiteres untrügliches Merkmal dafür, dass sich dieser Film an ein in vielerlei Hinsicht eher erwachsenes Publikum richtet.

