Es sollte ein entspanntes Wochenende werden, eine kleine Auszeit, die die sieben Freunde gut gebrauchen können. Alle stecken in einer Krise. Die Ehe von Ex-Moderatorin Ines (Brigitte Hobmeier) und Ex-Journalist Edwin (Felix Hellmann) ist am Ende. Bei Paula (Friederike Kempter) und Pascal (Maximilian Brückner) hilft allein eine üppige Erbschaft über deren Beziehungsprobleme hinweg. Sanne (Katrin Wichmann) und Harry (Marcel Mohab) scheint indes ihr existenzieller Kummer zusammenzuschweißen – er ist bankrott, sie schwer krank. Allein Juliane (Julia Koschitz) kann nicht klagen; mittlerweile wieder Single kann sie beruflich jetzt richtig durchstarten. Ihr gehört das abgelegene Chalet in den Bergen, in dem es sich alle gutgehen lassen wollen. Endlich mal keine Probleme wälzen. Doch dort angekommen, haben sie ein ganz dickes Problem. Drei junge Leute haben sich in Julianes Haus eingenistet. Und dieses polyamore Trio macht keine Anstalten, das Feld zu räumen. Erschwerend hinzu kommt, dass Alma (Camille Dombrowsky), die Frau im kapitalismuskritischen Bunde, hochschwanger ist. Als Sanne noch sinniert, ob der nette Tomek (Simon Morzé) oder der düstere Vince (Slavko Popadic) der Vater sei, ruft die wütende Paula zum Kampf auf, während Edwin den Konflikt gern diplomatisch lösen würde. Juliane sieht’s prinzipiell: „Das ist mein Haus!“ Sie will ihre Ruhe, und sie will in ihrem „Bettchen“ schlafen – bis (nicht nur) ihre Emotionen mit ihren Weltanschauungen kollidieren.
Foto: ZDF / Stefanie Leo
Die Fassaden bröckeln in dem ZDF-Drama „Nix ist fix“. Mehr und mehr wirken die Freundschaften wie ein marodes, notdürftig bewohnbar gehaltenes Gebäude, das kurz vor dem Einsturz steht. Jahrelang hat man sich nicht die Wahrheit gesagt, es sich im Schönreden bequem gemacht. Die drei Störenfriede provozieren die Gruppe zunächst mit ihrer politischen Agenda; Eigentum und Besitz halten sie für obsolet. Mit ihren extremen Ansichten spalten sie die sieben Freunde, lassen die Paare auseinanderdriften – und sind doch mehr als ein Katalysator. Die Argumente der Gen-Y-Vertreter stoßen allein bei Edwin auf offene Türen, die anderen reagieren allergisch auf Sätze wie „Es ist Platz genug für uns alle“ oder „So ein Besitz ist unmoralisch“, gemeint ist das Chalet, das die meiste Zeit im Jahr leer steht. „Veränderung ist was Großartiges“, heißt es später. Veränderung ist auch der Leitfaden der Geschichte – in diesem Fall: der Charaktere. Die Sieben werden gestört in ihren Gewohnheiten, sie werden konfrontiert mit ihren zementierten, jahrelang nicht hinterfragten Haltungen. Die Situation bringt sie zum Nachdenken. Werden sie ihre besseren Seiten – auch im Umgang mit dem Partner und den Freunden – entdecken? „Vielleicht können wir es uns gar nicht mehr leisten, uns nicht zu verändern“, sagt Juliane eher beiläufig auf der Zielgeraden des Films, als urplötzlich Probleme wetter- und klimatechnischer Art dramatisch ins Zentrum der Handlung rücken. Von einem „Erdrutsch“ war anfangs nur die Rede. Ganz am Ende brechen Schnee und Geröll aus dem Berg. Daraufhin die bange Frage: „Kommt es bis zu uns?!“
Foto: ZDF / Stefanie Leo
Erfreulicherweise verändert Drehbuchautorin Dominique Lorenz in „Nix ist fix“ – nomen est omen – auch die Narrative. Die in liberaler (nicht klassenkämpferischer) Boomer-Logik absurd wirkende Ausgangssituation, mit der auch sechs der sieben Vertreter der pragmatischen Generation X nichts anfangen können, ist eine wunderbar provokative Setzung, an der sich gesellschaftlich Grundsätzliches entzündet. Der Film ist ein Gedankenexperiment. Dass die Figuren dazu neigen, Träger von Ideen zu sein, liegt im Wesen einer solchen Erzählung. Etwas weniger ideologische Eindeutigkeit hätte man sich bei dieser Versuchsanordnung allerdings gewünscht. Jede Figur ist einer bestimmten Haltung zugeordnet, die sie überdeutlich auf der Zunge trägt („Weg von dir, hin zum großen Ganzen“, „Der Staat frisst seine Kinder“). Dieser Thesenhaftigkeit zum Trotz bleibt die Situation spannend. Der Zuschauer wird Zeuge eines Konflikts, der hier zwischenmenschlich entbrennt und übertragbar ist auf aktuelle Kriege und Krisen. Die Lage ist ähnlich verfahren. „Raus!“, schreien die einen. „Wir haben nicht vor zu gehen“, sagen die anderen. Keiner will nachgeben. Ist die kleine Lösung am Ende fernsehfilmgerecht erwartbar (die großen Probleme hängen nach wie vor wie ein Damoklesschwert über Staat, Gesellschaft und Zivilisation), so ist die Zwischenlösung unvorhersehbar und ausgesprochen charmant. Reich an Widersprüchen sind die Figuren ohnehin schon. Weshalb also nicht noch einen Widerspruch draufsetzen. Und so kommen Komik und Leidenschaft ins Spiel, die die unumstößlichen Standpunkte lustvoll relativieren. Die einen stöhnen, die anderen miauen – und am nächsten Morgen sieht die (kleine) Welt schon ein bisschen anders aus.
Der Film bietet die besagten Spiegelungen auf die Weltpolitik, auf raffinierte Subtexte wird verzichtet. Alle haben voreinander Geheimnisse, aber jeder ist, was er ist. Es wird kein doppelter Boden in die Narration eingezogen, wie es beispielsweise gern die Autoren Daniel Nocke oder Magnus Vattrodt in ihren Ensemble-Stücken tun. Eine Ausnahmesituation veranlasst zum Nachdenken, eine Extremsituation sorgt für ein Läuterungsfestival. Natalie Spinell („Servus Baby“) hat das unaufgeregt inszeniert, stets mit dem Blick für ihr vorzügliches Ensemble. Landschaft und Innenräume sind Funktionen des Dramas, sie bringen die bedrohliche Situation zum Ausdruck: die Enge, das Ausgeliefertsein an die Situation ohne jede Fluchtmöglichkeit; Nebel, Schneeregen, ein aufkommendes Unwetter. Dass die Schauspieler hier nicht rhetorisch und intellektuell glänzen, passt zu den Rollen – Menschen in der Mitte des Lebens, aus der Mitte der Gesellschaft – und es passt zur Intention des Films. „Nix ist fix“ ist weniger Beziehungsdrama, mehr Gesellschaftstragikomödie, die ein paar Diskurse der Zeit herunterbricht auf das Leben ganz normaler Menschen, die ihre Ruhe haben wollen. Darin ähneln sie den Fernsehzuschauern. Mal sehen, ob die zumindest gedanklich zur Läuterung bereit sind.
Foto: ZDF / Stefanie Leo

