Kinofilm-Highlights 2024 im Stream

Das neue Independentkino: preisgekrönt & populär, genre- & genderfluid

(tit.) 2024 war endlich wieder ein sehr gutes Jahr für das Qualitätskino. Ob auf der großen Leinwand oder auf dem Flatscreen daheim – die rund 40 Filme, die ich aus dem Jahrgang gesehen habe, taten den Sinnen, der Seele & dem Geist gut und sie kosteten weniger – vor allem Lebenszeit! – als die rund 25 internationalen Serien, die mich im selben Jahr begeisterten. Was auffällt: Die Frauen übernehmen das Kommando, jedenfalls in den Geschichten. Das muss man nicht gleich – wie einige männliche Kritiker – zu einem Kulturkampf hochstilisieren. Tatsache ist aber: ob „Emilia Pérez“, „Anora“, „May December“ oder „Poor Things“ – je komplexer die Geschichten, je wilder ihre ästhetische Umsetzung, umso eher sind Frauen die Hauptfiguren. Selbst im Action-Kino sitzen weibliche Helden seit längerem fest im Sattel. Dieses Jahr überzeugte mich in diesem Genre allein der „Mad Max“-Ableger „Furiosa“. Blockbuster fallen im Übrigen nicht in mein Kinofilm-Beuteschema. Selbst auf „Dune 2“ habe ich verzichtet, weil ich ihn im Kino verpasst habe und ihn mir nicht kleinformatig antun wollte. Es versteht sich, dass ich alle Filme von der ersten bis zur letzten Minute gesehen habe (einige sogar doppelt), am schwersten fiel es mir bei „Joker: Folie à Deux“, obwohl ich gespannt war auf die Musical-Einlagen. Das Ranking ist unter „international“ abgespeichert (hat technische Gründe), enthält aber auch vier deutsche Kinofilme. Mein Fazit: Es tut sich was im Independent- und Qualitätskino. Möglicherweise künftig wieder mehr als im immer mainstreamigeren weltweiten Serien-Fernsehen der Multimedia-Konzerne. Der intellektuelle Gewinn aus 30 Kinofilmen war für mich jedenfalls größer als der von zehn bis 15 Serien, die ähnlich viel Zeit fressen. Ich halte weiterhin die Augen offen. Einen so aufwendigen Kino-Ranking-Knaller wird es aber nicht jedes Jahr geben.

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THE FALL GUY

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Ein in die Jahre gekommener Stuntman kämpft um seine verloren gegangene Liebe, gerät während des Drehs eines SciFi-Spektakels zwischen sämtliche Fronten, ja sogar unter Mordverdacht und schwebt in Lebensgefahr. „The Fall Guy“ von David Leitch („Atomic Blonde“), früher selbst Stuntdouble, ist eine Liebeserklärung an das Actionkino und einen Berufsstand, der konstitutiv für das Genre ist, aber der – den Stars zuliebe – gern vergessen wird. Zwei Stunden Popcorn-Kino ohne Reue. Screwball-Comedy meets Action-Choreografie. Trotz einer Krimithriller-Beigabe nichts für Plot-Liebhaber. Auch darf man nicht auf Nostagieeffekte in Richtung der 80er-Jahre-Serie „Ein Colt für alle Fälle“ hoffen. Dafür geben Ryan Gosling und Emily Blunt das ungleiche Paar selbstironisch und spiegelverkehrt zu den Konventionen des Genres: die Frau ist taff, der Mann von sensiblem Gemüt. Außerdem sorgen lockere popkulturelle Referenzen („Miami Vice“, „Kill Bill“, Taylor Swift, Kiss, „Against All Odds“) und das charmante Spiel-im-Spiel-Szenario für mehr akrobatischen, feinmotorischen Spaß als bei Leitchs hirnrissiger Zerstörungsorgie „Bullet Train“.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Prime Video (Stand: 7.11.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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EIN GLÜCKSFALL

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Woody Allens 50. Film, gedreht in Frankreich, beginnt als romantische Komödie: Eine verheiratete Frau bricht aus ihrem goldenen Käfig aus, nachdem sie einen alten Studienfreund wiedertrifft und mit ihm eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Der werte Gatte, ein windiger Geschäftsmann, der reiche Männer noch reicher macht, will diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen. „Ein Glücksfall“ ist nicht der absolute Glücksfall für den umstrittenen Filmemacher, dessen (Tragi-)Komödien mich mein ganzes Leben lang begleitet haben, aber der 90-Minüter, der sich in der zweiten Hälfte zu einer leichten Kriminalkomödie wandelt, ist unterhaltsam: ein(alters)mildes Gesellschaftsporträt – ein bisschen Boulevard, ein bisschen Bohème-Nostalgie, ein bisschen Bourgeoisie-Kritik.  „Als großer Vorteil erweist sich dabei die französische Besetzung, sie verleiht der Komödie eine ‚Unschuld‘, wo ein amerikanisches Starensemble artifiziell gewirkt hätte“, urteilt epd film (zu Recht). Möglicherweise ist „Ein Glücksfall“ Woody Allens letzter Film.
Wikipedia  |  In der Flatrate bei Magenta TV (Stand: 3.10.25) und auf DVD/Blu-ray erschienen

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DIE HERRLICHKEIT DES LEBENS

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„Alles nur Anfänge. Alles Fragmente. Ich bringe nichts zu Ende.“ So kennt man Franz Kafka, der der Nachtwelt nichts von seinem Werk hinterlassen wollte. „Die Herrlichkeit des Lebens“ zeigt den mit seinem Schaffen unzufriedenen Literaten, schneidet das schwierige Verhältnis zu seinem dominanten Vater und die Freundschaft zu Max Brod an und lässt beiläufig Ausschnitte aus seinem literarischen Werk aufblitzen. Vor allem aber erzählt der 95-minütige Film von der innigen Liebe zwischen Kafka und Dora Diamant. In der Sommerfrische an der Ostsee ist die Lungentuberkulose fast vergessen, im kalten Berlin ist sie nicht mehr aufzuhalten. Ein Jahr „auf der Schwelle des Glücks“, dann ist das Ziel allen Lebens erreicht: der Tod. Georg Maas und Judith Kaufmann (auch Kamera) erzählen unaufgeregt, chronologisch, ausschnitthaft, ohne große Dramatik. Im Zentrum steht das Paar: die schöne Tänzerin, vital & praktisch veranlagt, und der immer blasser werdende, aber durchaus gewitzte Intellektuelle. Henriette Confurius & Sabin Tambrea erwecken sie zum Leben und lassen diese historische Liebe auch sinnlich wahr werden.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Paramount+ + Wow (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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DIE FOTOGRAFIN

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„Die Fotografin“ erzählt aus dem Leben von Lee Miller, die berühmt wurde durch ihre Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg, von „gestellten Bildern“ für die britische Vogue zu mehr und mehr unverblümter Realität: das Leben der Soldaten in den Quartieren, die Kämpfe der Ärzte in den Krankenzelten, die Schmerzen, der Tod, schließlich die Zeugnisse des größten Schreckens, die Bildern der KZ-Gräuel. Millers eigenes Leben verschwindet nach ihrer narzisstischen Phase als Modell auch für sie selbst unter den Bergen von Fotos, die sie gemacht hat, und den Bergen von Leichen, die sie gesehen hat. Der Film arbeitet sich mit Hilfe der realen Fotos durch die Chronologie von Millers früh vom Alkohol begleiteten Geschichte. Für den Normalzuschauer, der wenig von Miller weiß, ist das Erzählte (psychologisch) gut nachvollziehbar. Mehr aber auch nicht. Die Hauptfigur ist das Herz des Films und mit der uneitlen Kate Winslet perfekt besetzt. Ein bilderkritischer Umgang mit dem Schrecken des Holocausts erfolgt nicht. Was bleibt, ist ein Stück Erinnerungskultur. Dazu gehört auch das unvergessliche Bild: Lee Miller, die coole Frau in Hitlers Badewanne.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Prime Video (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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EVIL DOES NOT EXIST

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Vorweg die Warnung: „Evil Does Not Exist“ ist nichts für Anhänger klassisch spannender, Plot-orientierter Geschichten! Das enigmatische Drama von Ryûsuke Matsumoto scheint zunächst eine filmische Meditation über das Leben in einem japanischen Bergdorf zu sein, in dem die Menschen selbstverantwortlich Sorge tragen für das soziale und ökologische Gleichgewicht. Stellvertretend dafür steht ein alleinerziehender Vater, ein schweigsamer Mann, der minutenlang beim Durchstreifen des Waldes und bei seinen Diensten für die Gemeinschaft zu beobachten ist. Ein abstruses Luxuscampingprojekt für erholungsbedürftige Großstädter sorgt für Unruhe. Bei einem Infoabend wird die schlecht informierte Planungsagentur von den Bewohnern regelrecht vorgeführt. Diese fast in Echtzeit gedrehte, dokumentarisch anmutende, ebenso realistische wie wahrhaftige Szene setzt so etwas wie Handlung frei. Es folgt eine überraschende Wendung, eine Vermissung und ein Finale, das das vermeintliche Landidyll (besonders einladend sieht es hier nicht aus) unterläuft und selbst den Profis beim Filmfestival Venedig Rätsel aufgegeben hat. Faszinierende, schwere 105 Minuten.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf MUBI (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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PRISCILLA

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Wie ein Mädchentraum zum Alptraum wird. Im Jahr 1959 lernen sich der 26-jährige Elvis und die 14-jährige Priscilla auf einer Party kennen, fernab von der Heimat, im Westdeutschland der amerikanischen Truppenstationen. Viel zu sagen haben sie sich nicht, sie fühlen sich dennoch zueinander hingezogen, auch ohne sexuelle Ambitionen. In den USA, in Graceland geht die verhinderte Liebesgeschichte weiter – bis Priscilla von den hohlen Showbiz-Protokollen, den Launen & der inneren Leere des „Kings“ mit seinem Mutterkomplex genug hat. Sie rebelliert nicht, sie ist erwachsen geworden. „Priscilla“ ist nach ihrer Autobiografie „Elvis and Me“ entstanden. Sofia Coppola, die weiß, was es heißt, in einer Prominentenblase aufzuwachsen, erzählt psychologisch stimmig, dramaturgisch offen, stilvoll & elegant, konsequent aus der Perspektive der Titelfigur. Elvis ist ohnehin die meiste Zeit abwesend. „Wie in ‚Marie Antoinette‘ und ‚The Bling Ring‘ beweist Coppola erneut ihr besonderes Gespür für den Materialismus und die damit verbundene innere Leere ihrer Helden“ (taz). Wer allerdings Presley-Songs hören will, ist mit Luhrmanns „Elvis“ besser bedient.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Netflix + MUBI (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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STERBEN

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Tom (Lars Eidinger) besucht seine kranken Eltern selten. Er schafft es weder zur Beerdigung seines Vaters, noch sieht er sich in der Lage, seiner Schwester Ellen (Lilith Stangenberg), die von Vollrausch zu Vollrausch taumelt, zu helfen, und er empfindet nichts bei dem Gedanken, dass auch seine Mutter (Corinna Harfouch) in Kürze sterben wird. Tom ist freischaffender Dirigent, auf die Kunst zu leben, versteht er sich nicht, immerhin aber mehr als sein suizidgefährdeter Freund Bernard (Robert Gwisdek), dessen Werk er dirigiert. Aktuell fokussiert sich Tom auf zwei Dinge: Bernards neustes Werk „Sterben“ und auf seine Rolle als Vater, obwohl das Baby nicht von ihm und er mit der Mutter seit sieben Jahren nicht mehr zusammen ist … Eine hochgradig dysfunktionale Familie, ein heavy Stoff, biografisch geprägt, den Matthias Glasner dem Zuschauer hier zumutet. Doch wo jeder unter Überforderung leidet, wo Sentimentalität keinen Platz findet, überlebt man mit Galgenhumor. Den haben die Figuren, und der hilft beim Zuschauen. So übersteht man den multiperspektivischen, in Kapitel unterteilten Dreistundenfilm mühelos.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Prime Video (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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KONKLAVE

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Ein neuer Papst muss gewählt werden. Die Kardinäle gehen abgeschottet von allen weltlichen Dingen in Klausur. Der Dekan des Kollegiums führt das Wort. Er gehört zum Kreis der liberalen Geistlichen, die den reformerischen Weg des verstorbenen Papstes weitergehen wollen. Die reaktionären Kräfte aber scheinen die Oberhand zu gewinnen, insbesondere als in Rom eine Autobombe explodiert – und sich einige im Religionskrieg mit dem Islam wähnen. Auch Nichtgläubigen kann „Konklave“ empfohlen werden: Edward Bergers Film nach dem Roman von Robert Harris setzt auf eine packende Thrillerhandlung mit undramatischem Suspense und auf prächtige kirchliche Schauwerte in einer klaren, markanten Bildsprache, er zeigt die erhabene, ehrfurchtgebietende Welt des Vatikans als einen profanen Raum boshafter Intrigen und billiger Ränkespiele. Die Charaktere geben den Ton an, die Besetzung ist formidabel (allen voran: Ralph Fiennes), die Dramaturgie fein ausbalanciert – bis zur überraschenden Schlusspointe, die man als „Happy End für den Fortschritt nehmen darf“ (epd film), als klugen Beitrag zur Gender- und Diversitätsdebatte.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Wow (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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THE DEAD DON'T HURT

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Gleich zu Beginn führt „The Dead Don’t Hurt“ von und mit Viggo Mortensen den Zuschauer ans Totenbett der weiblichen Hauptfigur (großartig: Vicky Krieps), verweist damit auf alles, was kommen wird, und vereint in einer einzigen Einstellung die Qualitäten dieses beschaulichen Post-Western: eine Liebe im Wilden Westen zwischen zwei gleichberechtigten, gleichermaßen eigenwilligen Partnern voller zärtlicher Momente, eine poetische Bildsprache, ein getragener Erzählrhythmus, ein exquisites Spiel mit Farbe & Hell/Dunkel-Kontrasten, das sich an den realen Lichtverhältnissen orientiert. Hinzu kommt eine Lakonie der Erzählung, der Gesten, der Blicke: Ein Lächeln – und schon sind die beiden ein Paar. Der gut zwei Stunden lange Film, der Bewegung vor allem durch ein anregendes, gut nachvollziehbares Springen durch die Zeiten erzeugt, ist ein Western mit europäischer Handschrift, ein Migrations-Epos, was sich (in der Originalfassung) in den Akzenten spiegelt, er baut auf physischen Realismus, ohne dabei in Schlamm, Dreck und Blut zu baden. Und der Film hat natürlich auch einen Schurken, der sich zwischen die Liebe stellt.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Prime Video (Stand: 14.8.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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THE OUTRUN

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„Ich werde niemals nüchtern glücklich sein“, sagt die 29-jährige Biologin Rona (überragend: Saoirse Ronan) in „The Outrun“ nach dem autofiktionalen Roman „Nachtlichter“ der Journalistin Amy Liptrot. Rona könnte sich täuschen. Nach traumatischen Rauscherlebnissen in London begibt sie sich schließlich doch in Therapie. „Einfach ist es nie, es wird nur weniger schwer“, sagt man ihr bei den Anonymen Alkoholikern. Gründe zum Trinken gibt es in ihrem Leben, mit dieser Familie jedenfalls genug: Der Vater ist schwer depressiv, die Mutter in den Glauben geflüchtet, der Freund hat sie verlassen. Der Film von Nora Fingscheidt („Systemsprenger“) ist subjektiv erzählt, die Rückblenden wirken wie Erinnerungsfetzen, es herrscht ein wildes Durcheinander, wie in Ronas Kopf. Aus alldem ergibt sich ein suggestiver, dynamischer Flow, der erst zur Ruhe kommt, als sich Rona mehrere Monate auf ein raues Mini-Eiland zurückzieht, wo sie für ein Forschungsprojekt Vögel beobachtet. Obwohl sie auf den Orkney-Inseln aufgewachsen ist, begegnet sie der Natur zum ersten Mal offen. Seelische Heilung ist möglich. Ist auch die Sucht beherrschbar?
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Netflix (Stand: 3.10.25) und auf DVD/Blu-ray erschienen

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GELIEBTE KÖCHIN

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Diesen Film sollte man wohl gesättigt, allenfalls mit einem Glas gutem Rotwein goutieren. Und selbst dann noch wird einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. Gleich der Beginn, der Kochkunst und Filmkunst hochsinnlich vereint, ist eine Herausforderung für den Betrachter. Eine halbe Stunde lang wird ein Festmahl vorbereitet, angerichtet und verköstigt. Alles passiert mit Liebe – denn der Herr des Hauses, der „Napoleon der Gastronomie“, ist seiner Köchin, die seit 20 Jahren seine kulinarischen Ideen mit Fingerspitzengefühl umsetzt, auch in Liebe verbunden. Vor einer Heirat ziert sich die „Geliebte Köchin“ allerdings – noch. Sie genieße die Freiheit, ihre Schlafzimmertüre nächtens nur gelegentlich zu öffnen. Wer mehr Handlung erwartet, der darf hoffen auf ihre Ohnmachtsanfälle. Dennoch ist der Film von Trần Anh Hùng vor allem ein Fest für die Sinne, ein Raum ästhetischer Spannung: ein französisches Herrenhaus der Belle Époche, ein warmgolden ausgeleuchteter Garten, Bilder wie ein Stillleben, die schöne Anmut von Juliette Binoche, der Frühling, der in einer kunstvollen Mise en Scène durch die offene Tür fällt. Bon appetit!
Wikipedia  |  Bei diversen Streamern für 3,99 € zu leihen (Stand: 3.10.25) und auf DVD/Blu-ray erschienen

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A KILLER ROMANCE

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Wie ein Zweitjob aus dem Ruder laufen kann, weiß man seit „Breaking Bad“. Gary (Glen Powell) ist ein biederer Psychologiedozent, der es finanziell nicht nötig hat, für die Polizei den Hitman zu spielen, den aber die Erfahrung reizt, sich aus der Komfortzone seines Lebens zu begeben. Lustvoll ködert er seine diverse Kundschaft mit dem Bild, das jeder mit einem Auftragskiller verbindet. Diese Verkleidungen sind auch für den Zuschauer ein Quell der Freude. Seine Kunden landen zuverlässig hinter Gittern – bis er an die attraktive Madison (Adria Arjona) gerät, deren Mann ein Ekel und deren Gewissensbisse echt sind. Er rät ihr, Scheidungsanwalt statt Killer – und lässt sie vom Haken. Kompliziert wird es, als sie sich ineinander verlieben und der Ex ihr blöd kommt. Richard Linklater („Boyhood“) ist mit „A Killer Romance“ einmal mehr ein intelligenter, komplexer Genrefilm gelungen, der RomCom und Neo-Noir amüsant mixt und sogar Freud ironisch verdichtend einbezieht. Gary wird als Hitman zum besseren Lover („Für herausragenden Sex braucht es einen Mangel an Gedanken“), und Madison erregt es, mit einem Killer zu schlafen.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Wow / Sky (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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THE HOLDOVERS

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Alexander Paynes „The Holdovers“ erzählt von einem gnadenlosen Pauker mit Alkoholproblem und einem unbeliebten Schüler, die möglicherweise ganz anders sind, angesichts der Umstände nur nicht dazu kommen, ihr wahres Ich zu zeigen. In 130 Filmminuten, Weihnachtsemotionen im Gepäck, mit einem grandiosen Altmeister (Paul Giamatti) und einem Nachwuchstalent (Dominic Sessa), gelingen Läuterung und Versöhnung schließlich doch. Über die Generationsschranken hinweg gibt es Gemeinsamkeiten: Beide werden von allen gehasst, und beide gehör(t)en nicht zu den „begünstigten kleinen Scheißern“. Der Film spielt 1970 (und sieht auch so aus, wie ein Ableger des New Hollywood). Die Revolution fand nicht statt, Nixon ist an der Macht, und der Vietnamkrieg tobt. Weshalb der Lehrer eine solche Wut hat auf die Sprösslinge der konservativen Eliten, das hat einen guten Grund. Dieser Wohlfühlfilm spielt die Nostalgie-Karte nie kitschig aus, sondern wird (mir) als lebenskluge, universal humanistische Tragikomödie in Erinnerung bleiben. Und wer rechnen kann, wird sogar einen Bezug zu „Oberscheißer“ Trump herstellen können.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Prime Video (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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IN LIEBE, EURE HILDE

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Es gibt einige Szenen in Andreas Dresens „In Liebe, Eure Hilde“, die sich ins Gedächtnis einbrennen. An erster Stelle die nahezu in Echtzeit gedrehte Hinrichtungssequenz, vier unerträglich lange Minuten. Das Warten im Hof des Strafgefängnisses, die äußere Ruhe, mit der Hilde Coppi ihrem Schicksal entgegensieht; die Sonne scheint ihr ins Gesicht – und erinnert an bessere Tage, in denen sie und ihr Freund dem Widerstandsnetzwerk „Rote Kapelle“ kleine Dienste leisteten, aber eben auch einen schönen Sommer hatten. In seinen zwei Stunden zeigt der Film viel vom normalen Leben anno 1942 – und holt so nicht nur die Widerständler vom überhöhten Podest, sondern findet auch zu einer menschlichen Haltung denen gegenüber, die im Nationalsozialismus Befehle ausführten, kleine Nummern im System wie die Aufseherin, die beeindruckt davon ist, wie fürsorglich Hilde mit ihrem Baby umgeht. Ein kluger, berührender, preiswürdig von Liv Lisa Fries gespielter Film, der seine zwei Geschichten geschickt verzahnt, die Zeit in Haft bis zur Hinrichtung, und in entgegengesetzter Richtung die Liebesbeziehung, zurück zum Sichkennenlernen.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Prime Video (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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DIE SAAT DES HEILIGEN FEIGENBAUMS

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Ausgangspunkt dieser Tragödie einer Familie sind die blutig niedergeschlagenen Jina-Proteste im Iran im Jahre 2022, bei denen mehrere hundert Menschen hingerichtet wurden. Mitten hinein in die Unruhen wird der Vater zum Ermittlungsrichter befördert. Das heißt: Todesurteile am Fließband, häufig ohne Aktenkenntnis. Anfangs hat er noch Skrupel, später schleicht er wie ein Gespenst durch die Wohnung und reagiert nur noch paranoid: Als seine Dienstwaffe verschwindet, setzt er seine aufmüpfigen Töchter und seine vermittelnde Frau den rabiaten Methoden eines staatlichen Verhörspezialisten aus, bevor er sie selbst vor sein häusliches Gericht zerrt. „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ entwickelt sich vom strengen Familien-Kammerspiel zum Politdrama, bevor die Privatdiktatur in einen (auch visuell) bizarren Outdoor-Thriller im staubigen Italo-Western-Look mündet. Mohammad Rasoulofs preisgekrönter Film, 165 Minuten lang, ist kunstvoll und drastisch zugleich – und er zieht mit seinen überzeitlichen Familienthemen und den nachvollziehbaren Beziehungsdynamiken nach Ausbruch der Proteste früh in seinen Bann.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf MUBI (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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FURIOSA: A MAD MAX SAGA

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Überwältigungskino der besonderen Art, das galt schon für „Fury Road“ (2015). Jetzt geht die Reise mit neuem Personal (Anya Taylor-Joy, Chris Hemsworth, Alyla Browne) und derselben kinematografischen Wucht weiter durch die postapokalyptische Hölle. Etwas unterscheidet George Millers „Furiosa: A Mad Max Saga“, die mit einer Vertreibung aus dem Paradies beginnt, von anderen Blockbustern. Die Revenge-Story ist es nicht. Und der Wonder-Woman-Touch ist fürs Action-Kino zwar kein Novum und doch ist diese öko-feministische Selbstermächtigungs-Parabel, diese Passionsgeschichte vom Kind zur Frau, sehr viel origineller und zeitgemäßer als die Heldenplots der kraftstrotzenden Machos, die einst das Genre bevölkerten. Vor allem aber ist es der Mix aus Digitalem und einer analog anmutenden Filmsprache, der mich fasziniert. Neben den märchenhaften, farbenprächtigen Tableaus aus dem Computer sind es die filmischen Referenzen, die grotesken Kampfkolosse und die perfekt choreografierten Verfolgungsjagden, die dieses Endzeit-Western-Roadmovie trotz seiner 150 Minuten nie langweilig werden lassen.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Wow / Sky (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

1989, zwei Lesben im Macholand New Mexico. Das kann nicht gutgehen. Lou, in der Mucki-Bude ihres Verbrecher-Vaters mürrisch Mädchen für alles, und Jackie, eine leidenschaftliche „Pumperin“, verlieben sich ineinander. Die eine ist nie aus ihrem Kaff rausgekommen, die andere ist auf der Durchreise, bei einem Bodybuilding-Wettbewerb in Las Vegas will sie dick absahnen. Doch ein Mord und die lästige Leiche erschweren solche Träume. „Love Lies Bleeding“ vereint Romanze & Rache-Drama, Thriller & Charakterstudie zu einer „Thelma & Louise“-Variation. Rose Glass spielt mit ästhetischen Möglichkeiten, bedient sich der B-Movies der 80er (Waffenkult, Drogen, Korruption, White Trash), lässt das Muskelspiel zum Body-Horror mutieren, schreckt vor Surrealem nicht zurück und scheint auch „Blue Velvet“ zu mögen. Der Film hält über die gesamten 100 Minuten seine Spannung, weil man mit den zwei Underdogs mitfiebert. Die Männer indes sind zum Gruseln. Gewalt sei keine Lösung, heißt es. Bei den Männern in diesem Film ist es die einzige Sprache, die sie verstehen. „Ohne moralische Partei zu ergreifen, lässt der Film seine Figuren Gefühle auf extreme Weise ausleben: Zuneigung, Eifersucht, Wut und Mordlust“ (General-Anzeiger).
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Wow / Sky (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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THE ZONE OF INTEREST

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Mutter Hedwig (Sandra Hüller) ist begeistert von ihrem Domizil. Man habe hier alles direkt vor der Haustür. Dass da gleich hinter der Grundstücksmauer die Wachtürme, Gaskammern und unablässig rauchenden Schornsteine von Auschwitz zu sehen sind, nimmt sie nicht mehr wahr. Sie schwärmt von ihrem „Paradiesgarten“ und will partout nicht weg von diesem schönen Flecken Erde, selbst als ihr Mann, KZ-Kommandant Rudolf Höß (Christian Friedel), 1943 versetzt wird. Jonathan Glazers „The Zone of Interest“ macht dem Zuschauer wenig narrative Vorgaben. Der Alltag im Hause Höß bestimmt das Geschehen: ein Familienausflug, Mahlzeiten bei Tisch, Triezen der Dienstboten, das Aufteilen von Kleidungsstücke der KZ-Insassen. Abends mutiert der Massenmörder zum Märchenonkel, und zum guten Gedeihen der Blumen wird Asche verteilt. Die Opfer bleiben unsichtbar, die Realität der Vernichtung dringt über die Tonspur in den Film: Rufe, Schüsse, Schreie, Bellen und ein unangenehmes Grundrauschen sind zu hören. Die Täter werden begleitet bei ihren Verrichtungen, distanziert, fast dokumentarisch. Werten muss der Zuschauer.
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THE SUBSTANCE

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Von heute auf morgen wird der Aerobic-TV-Star Elisabeth Sparkle (Demi Moore) von ihrem Sender ausrangiert. Das will die ehemalige Filmdiva nicht auf sich sitzenlassen. „Schaffe eine bessere Version von dir“, wirbt eine mysteriöse Agentur – und Elisabeth greift zu. Im Sieben-Tage-Rhythmus wechselt sie nun ihre Erscheinung. Die junge Version ist Sue (Margaret Qualley), hübsch, sexy, lasziv, genau das, was der Sender als ihre Nachfolgerin sucht. Elisabeth ist wieder im Geschäft. Dumm nur, dass Sue das süße Leben zu Kopf steigt – und sie „ihre Zeit“ überzieht. Das Serum, das sie sich zu viel spritzt, fehlt später Elisabeth – was erst mal nur zu einem Schrumpelfinger führt. Bei weiterem Missbrauch aber könnte sich ihr Verfall rapide beschleunigen. „The Substance“ lässt sich als Body-Horror-Thriller mit Botschaft lesen, erzählt wird von der Allmacht der Jugend, dem unerbittlichen Kampf der Generationen (ausgetragen in einem Körper), dem Selbsthass des Alters. Ist man Splatterfilm-resistent, Cronenberg-gestählt und bereit, sich auf diesen wilden, blutigen, etwas zu langen 140-minütigen Ritt einzulassen, dann ist Coralie Fargeats Werk ein unverschämtes, surreal fantastisches, auf der Zielgeraden geradezu experimentelles Stück Genrekunst, wie man es seit Jahren nicht mehr im großen Kino gesehen hat. Ein Stück wahr(haftig)er Horror, der ans Eingemachte geht.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf MUBI (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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ALL OF US STRANGERS

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Ein Hochhaus, in dem nur zwei Menschen wohnen: Adam (Andrew Scott), Ende 40, Autor, einsam, traumatisiert, und Harry (Paul Mescal), um die 30, auch er einsam, der Schnaps sein bester Freund. Sie verbringen einige Nächte miteinander, kommen sich näher. Tagsüber versucht Adam, über seine Eltern zu schreiben, die bei einem Autounfall ums Leben kamen, als er noch ein Kind war. Und dann stehen sie plötzlich vor ihm, jünger als er und freudig erregt. Adam trifft sie mehrmals, das ist Balsam für seine Seele, obgleich sich die Mutter über sein Schwulsein befremdet zeigt. Das alles irritiert nur kurz: Geistergeschichte? Ausgelebte Träume? Visualisierung seiner Drehbuch-Ideen? Völlig egal. Was zählt: „All of Us Stranger“ erzählt von einer tiefen Sinnkrise, von Trauerarbeit und einer zu Tränen rührenden Heilung. Zum ersten Mal kann Adam, der in den Begegnungen mit den Eltern zum kleinen Jungen regrediert, mit ihnen über seine Ängste, sein Schwulsein, das Gemobbtwerden sprechen. Nebenbei reflektiert Andrew Haigh die wachsende gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität. „Es ist alles anders heute“, beruhigt er seine Mutter, „und doch irgendwie auch nicht“, ergänzt er später im Gespräch mit Harry. Den hat Adam etwas aus den Augen verloren. Lässt sich das mit Imaginationskraft wieder hinbiegen? Fazit: ein Film, der nicht zuletzt dank seiner konzentrierten Narration, der stilvoll reduzierten Inszenierung & großartiger Schauspieler lange nachwirkt.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Disney+ (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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MAY DECEMBER

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„Es ist die Komplexität, es sind die moralischen Grauzonen, die interessant sind“, antwortet die Schauspielerin Elizabeth Berry (Natalie Portman) auf die Frage, welche Rollen sie am meisten faszinieren. Deshalb spielt sie wohl auch jene Gracie (Julianne Moore), die mit 36 Jahren eine sexuelle Beziehung zu einem 13-Jährigen hatte. Dass die beiden heute, 20 Jahre später, noch immer ein Paar sind, könnte der Beweis dafür sein, dass Gracies Aussage „Wir haben uns verliebt“ stimmt. Elizabeth nähert sich dieser Frau und ihrer Familie, bei der sie als Vorbereitung auf die Rolle einige Tage verbringt, unvoreingenommen, sie fragt viel und jeden, will sich aber auch in die Ereignisse von damals einfühlen. Dabei nähern sich die Frauen an, stoßen sich aber auch immer wieder ab. Es ist Elizabeths (neu)gieriger Blick, dem der Zuschauer in Todd Haynes „May December“ folgt. Ihre Recherchen legen immer mehr Schichten dieser ungewöhnlichen, asymmetrische Ehebeziehung frei. Aber gibt es noch heute Missbrauchsindizien? Schuld, Scham, Zweifel, Reue, diese Begriffe stehen im Raum. Gracie scheint sie nicht zu kennen. Das grandios von Natalie Portmann wie Julianne Moore gespielte Katz-und-Mausspiel endet klug, so, dass sich jeder Zuschauer selbst ein Bild machen kann.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Prime Video (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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CHALLENGERS - RIVALEN

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Spielfilme können von Mord und Totschlag erzählen – und erzählen am Ende doch von Liebe und Sex. In „Challengers – Rivalen“, dem achten Film des italienischen Ausnahmeregisseurs Luca Guadagnino („Call Me By Your Name“), könnte es umgekehrt sein: Patrick (Josh O’Connor) und Art (Mike Faist) schmachten die hinreißende Tennis-Granate Tashi (Zendaya) an, die über die gesamten 130 Filmminuten die Zügel in dieser Subtext-reichen Dreiecksbeziehung fest im Griff hält. „Tennis ist eine Beziehung“, ist ihre Lieblingsmaxime. Erotik und Amore sind für sie, die soziale Aufsteigerin, womöglich nur ein Weg zum Erfolg. Sie genießt es zwar durchaus, wenn Patrick und Art – ob als Teenager oder 13 Jahre später als vermeintlich gestandene Männer – auf dem Centre-Court um sie spielen, doch Tashi lässt sich nicht erbeuten. Auch bei den Männern, verwöhnte Bengels aus reichem Hause, ist weniger Liebe im Spiel als bei konventionellen Dreiecksplots: Die Leidenschaft für Tennis schwindet, es bleibt ein diffuses Begehren nach Tashi. Und die hat ihre eigene Theorie über ihre „Jungs“, wenn sie sagt: „Ich dräng‘ mich nicht in Beziehungen rein.“ Zwischen diesem Trio kann jederzeit alles passieren. Das sorgt für Spannung. Die Bälle werden durch die Jahre gedroschen, knallen von einer Szene in die nächste. Das sorgt für Dynamik. So sexy sah Tennis im Kino noch nie aus.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf RTL+ (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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ANORA

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Sean Bakers „Anora“, der Oscar-Abräumer für das Kinojahr 2024, beginnt als die realistischere, weniger romantisierte Version von „Pretty Woman“. Ani (Mikey Madison), eine Sexarbeiterin in einem New Yorker Edel-Etablissement, glaubt, das große Los gezogen zu haben mit Vanya alias Ivan (Mark Eidelschtein), einem verwöhnten Oligarchen-Sprössling, bei dem Geld keine Rolle spielt. 15.000 Dollar blättert er für eine Woche mit seiner Fick-Prinzessin hin. Berauscht von Sex und Drogen geht’s nach Las Vegas – und plötzlich sind die beiden Mann und Frau. Das sieht der Geldgeber in der Heimat gar nicht gern – und schickt eine dreiköpfige Eingreiftruppe, um die Heirat zu annullieren. Doch die Rechnung hat der Papa ohne Ani gemacht: die flucht, schreit, kratzt, beißt und tritt um sich (dass es eine Freude ist) – und bald liegt sein Luxusanwesen in Schutt und Asche. So wird aus der Sexy-Romanze eine furiose physische Komödie, die den Dialog-Wirrwarr jeder Screwball-Comedy in den Schatten stellt. Danach geht es auf der Suche nach Ivan nicht weniger chaotisch durchs New Yorker Nachtleben. „Anora“, diese zauberhafte, schräge Mischung aus Überhöhung und Realismus, macht Spaß. Wer sich an der Titelfigur festbeißt, der muss Anis Mut und Kampfeswille bewundern und der kann bestaunen, wie sie allen das Fürchten lehrt. Auch wenn das ein Ritt gegen Windmühlen der Klassengesellschaft ist, so ist es doch gut für Anoras Ego – ja vielleicht sogar für eine echtere Liebe.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Wow / Sky (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen 

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EMILIA PÉREZ

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Ein Drama mit faustischem Pakt als Ausgangspunkt, ein schillerndes Melodram mit Musical-Einlagen und einer Geschlechtsangleichung als zentrales Narrativ, ein bisschen Sozialdrama und schließlich ein blutiger Gangster-Thriller auf Leben & Tod: „Emilia Pérez“ von Jacques Audiard ist ein ebenso ambitionierter wie atemberaubender Genre-Bastard, der seine Zutaten mit cineastischer Euphorie – sprich: unamerikanisch – miteinander verschmelzen lässt. Er erzählt die Geschichte eines mexikanischen Kartellbosses, der nicht nur nicht länger ein Mann sein will, sondern auch sein bisheriges Leben zutiefst verabscheut, den Machismo und den Drogenhandel, und damit Schluss machen will. Blut klebt an seinen Händen, mit seinem märchenhaften Reichtum will er helfen: Er gründet eine Organisation, die die 100.000 vermissten Opfer des mexikanischen Drogenkrieges aufspürt, um den Familien einen würdevollen Abschied zu ermöglichen. Und er will ein guter Vater sein, auch wenn seine Frau und seine Kinder weiterhin im Glauben gelassen werden sollen, dass er tot sei. Bei alldem steht ihm eine Anwältin zur Seite. Sie wird ebenfalls reich, kommt aber irgendwann in Teufels Küche. Aus ihrer Perspektive wird der 130-minütige Film erzählt. „In dem melodramatischen Plot, der sich an Telenovela-Formate anlehnt und gleichzeitig an die Filme von Pedro Almodóvar erinnert, verhandelt Audiard auf höchst lebendige und kollegiale Weise Grundsatzfragen von Schuld, Reue und Sühne, von Geschlechteridentität und persönlicher Veränderung, von Freundschaft, Mutterschaft, Liebe, Politik und Gewalt“ (General-Anzeiger). Das ist wahrlich viel. Aber nicht zu viel. Sehen Sie selbst, möglichst im Kino!
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Prime Video (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

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POOR THINGS

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„Was für eine bezaubernde Schwachsinnige“, heißt es zu Beginn von Yorgos Lathimos‘ feministischer Frankenstein-Variation „Poor Things“. Am Ende ist „God“ (Willem Dafoe), ihr Schöpfer, tot und SIE, Bella Baxter, dessen Kreatur, lebendiger denn je – und selbst Ärztin. Die Geschichte einer Selbstermächtigung wird erzählt als irrwitzige Heldinnen-Reise. Sie beginnt mit einer schwangeren Frau, die sich das Leben nehmen will und die von Godwin Baxter gerettet wird, indem er ihr das Hirn ihres ungeborenen Babys implantiert. Das Kind im Erwachsenenkörper lernt schnell; Bella saugt Erfahrungen auf und zieht ihre eigenen logischen Schlüsse daraus. Scham und „Anstand“ sind ihr fremd, sie versteht auch nicht, weshalb ihr männlicher Begleiter, mit dem sie nach ihrer sexuellen Erleuchtung London nur „für den Spaß“ verlassen habe, so übelgelaunt ist, weil sie das „furiously jumping“ jetzt auch mit anderen Männern haben will. Ihr Lernprozess macht selbst vor Prostitution nicht halt, und sie erfährt auch von der sozialen Ungerechtigkeit in der Welt und macht sich sozialistisches Gedankengut zu eigen. Diese clevere Idee von der unbeschriebenen seelischen Festplatte, bei der sich eine vermeintlich naiv wahrnehmende Person zu einer allseits klugen, integren Frau wandelt, die sich von der (Männer-)Gesellschaft nicht korrumpieren lässt, findet ihre ästhetische Entsprechung in einer fulminanten Inszenierung, bei der alle Gewerke auf Oscar-Niveau agieren. Der surreal bebilderte Film nimmt seinen Weg vom schwarzweißen retro-futuristischen London ins farbenprächig überladene Lissabon, macht Halt auf einem exklusiven Ozeandampfer, bevor es ins „Irma-la-Douce“-like Paris weitergeht. Emma Stone ist zum Niederknien (komisch); sie hat den Goldjungen gekriegt.
Wikipedia  |  In der Flatrate auf Disney+ (Stand: 3.10.25) zu sehen und auf DVD/Blu-ray erschienen

Bonus: FLORA AND SON

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Wikipedia  |  In der Flatrate auf Apple TV+ zu sehen (Stand: 3.10.25)

Bonus: MAXXXINE

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Bonus: THE APPRENTICE - THE TRUMP STORY

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Wikipedia  |  Bei diversen Streamern für 3,99 € zu leihen (Stand: 3.10.25) und auf DVD/Blu-ray erschienen

Bonus: WICKED

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Bonus: KLEINE, SCHMUTZIGE BRIEFE

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