1-6/2026: Die Streaming-Qualität lässt sich nicht länger schönreden. Wenige Serien, die meisten überzeugen nicht.

Foto: HR / Sommerhaus / Philipp Sichler
Der erste HR-„Tatort“ mit Melika Foroutan & Edin Hasanovic wurde mehrfach ausgezeichnet. „Fackel“ halte ich noch für stärker!

(tit.) War der Rückgang der Fiction-Premieren, insbesondere im Serienbereich, zwischen dem ersten Halbjahr 2024 und 2025 zu verkraften und konnte man die von mir ausgemachten Qualitätseinbußen noch mit persönlichen Geschmacksvorlieben erklären, so lässt sich das erste Halbjahr 2026 nicht mehr schönreden. Kaum eine Serienüberraschung. Für einen gewissen Wow-Effekt sorgte gerade noch „Unfamiliar“ (Netflix), so von wegen: diesen „Mr. & Mrs. Smith“-Drama-Thriller-Mix mit Verfolgungsjagden, Schlägereien, Schießereien und ernsthaften Beziehungskrisen kriegen die Deutschen nun also auch hin, nicht so locker und entspannt wie die Amis, dafür aber durchaus spannend. Ähnliches erkannte Gangloff für „Banksters“, der ersten deutschen Produktion des neuen Streamers HBO Max, nach einer wahren Begebenheit. Bei dieser etwas anderen Gangsterfilm-Serie um eine junge Bankräuberbande scheiden sich jedoch die (Kritiker-)Geister. „Achtsam Morden“ (Netflix) sowie „Push“ (ZDF) überzeugen immerhin auch in ihren zweiten Staffeln. Das war’s dann aber auch schon. Ob „Kacken an der Havel“ (Netflix), „My Ex“ (ZDF), die „Krypto-Queen“-Dramedy „Take the Money and run“ (ZDF), „Highter & Wolkig“ (RTL+), der Europudding „The Kollektive“ (ZDF) oder „Stardust Hotel“ (ARD/SWR) – alles nicht der Rede wert, geschweige denn interessant für höhere Weihen. Für die beiden letzteren Produktionen hat sich nicht mal mehr jemand gefunden für eine t.tv-Kritik. Wer die Lebenszeit in Bezug zum Wert einer Serie setzt, der hat 2026 wenig zu gucken und nichts zu lachen. Das gilt besonders für „Mermaids to Lovers“ (RTL+), das vierte Projekt des Nachwuchsförderprogramms „Storytellers“. Dies ist umso tragischer, da die Vorgänger außergewöhnliche Dramedys waren; „Angemessen Angry“, mehrfach preisgekrönt, schaffte es in meinem Jahresranking der besten deutschen Serien 2024 auf den fünften Platz. Die neue Miniserie ließ zwei t.tv-Kritiker nach einer Folge genervt und ratlos zurück. Da muss man sich (schmerzvollen) Trost woanders holen: bei der europäischen Ko-Produktion „Etty“ (Arte, SWR), die angelehnt ist an die Schriften der Jüdin Etty Hillesum, die in Auschwitz 1943 ermordet wurde. Kein klassisches, konventionelles Historien-Drama; es spielt im Amsterdam der Gegenwart. Und noch ein Highlight: „Sternstunde der Mörder“ nach Pavel Kohout: Während im Frühjahr 1945 das Ende der deutschen Besatzung naht, geht in Prag ein Serienmörder um. Eine spannende und bewegende Literaturverfilmung – Zeitporträt, Krimi, Melodram, weniger Serie, eher ein typischer Zweiteiler.

Foto: Degeto / NDR / HR / Domenigg / Wesselmann
Linear kein Renner, aber in der ARD-Mediathek dürfte die Pavel-Kohout-Adaption „Sternstunde der Mörder“ eine Chance haben.

Das erste Halbjahr macht 2026 wenig Arbeit. Denn erstens war es bereits Mitte Mai zu Ende (der letzte „Tatort“ lief am 3.5.), zweitens sind auch die preiswürdigen Einzelstücke und Must-see-Reihen-Episoden rar gesät und drittens lassen sich diese ja in den Monatsübersichten nachlesen. An dieser Stelle also nur die außergewöhnlichen oder herausragenden 90-Minüter! Im Januar waren es zwei „Tatorte“, die mich begeisterten: „Nachtschatten“ (MDR) und „Das jüngste Geißlein“ (SWR). Gerne erinnere ich mich an die Februar-Perlen „Damen“ (BR), den multikulturellen Herzenswärmer aus München, den „Polizeiruf 110 – Der Wanderer zieht von dannen“ (MDR) mit Peter Kurth und Peter Schneider und – der guten Unterhaltung wegen – an „Fabian und die mörderische Hochzeit“ (Prime Video) mit Bastian Pastewka, auch wenn bereits 2010/12 Pro Sieben ein ähnliches Miss-Marple-likes Krimi-Konzept für die beiden „Kreutzer kommt“-Filme (2010 + 2012) mit Christoph Maria Herbst ausprobiert hat. Im März überraschte Désirée Nosbusch in dem Drama mit dezentem Thrill, „In fremden Händen“ (ZDF), und auch Adele Neuhauser bewies einmal mehr, was sie alles draufhat, in „Makellos – Eine kurze Welle des Glücks“ (BR, ORF) und zuletzt in dem Familiendrama „Mama ist die Best(i)e“ (ZDF, ORF). Im März gab es außerdem zwei Top-Krimis, der erste davon ist bereits jetzt für meine Jahresbestenliste gesetzt: „Fackel“, der dritte und für mich bislang beste „Tatort“ des neuen Frankfurter Duos, einmal mehr überragend gespielt von Melika Foroutan und Edin Hasanovic, der zweite ist „Ablass“, ein „Polizeiruf“ aus München, mit Johanna Wokalek und Tobias Moretti. Bemerkenswert ist zudem das Thriller-Drama „Eine bessere Welt“ (ZDF), in dem gezeigt wird, wie ein Shitstorm zu einer realen Bedrohung werden kann. Erwähnt werden muss als Beziehungskomödie der (nicht allzu) leichten Art „Louma – Familie ist kein Kinderspiel“ (WDR); und auch „Zwei am Zug“ (ZDF) mit Katharina Wackernagel und Rick Okon kann sich sehen lassen. Immer gut ist auch „Merz gegen Merz“ (ZDF), die ehemalige Serie, die aktuell mit zwei neuen Episoden im Stream aufwartet, mit Christoph Maria Herbst und Annette Frier als Zugpferde für das streamende Publikum. Die linear Zuschauenden, vornehmlich reifere Jahrgänge, dürften indes für (Tragi-)Komödie & lebenskluge Dramedy längst verloren sein. Krimis jeder Qualitätsklasse dominieren mehr denn je das Programm. Damit muss man sich wohl abfinden. Mein Vorschlag: Wem die Entwicklung stinkt, der sollte, anstatt zu jammern, kreative Wege aus der Misere suchen. Konkrete Tipps dafür gibt es auf t.tv im Hochsommer, wenn nach der WM gar nichts mehr geht. Bis dahin kann man sich mit dem umfangreichen Mediatheken-Repertoire über Wasser halten – und hoffen, dass es weiterhin Filme wie „Olivia“ (ZDF) gibt, jenes Biopic über den steinigen Lebensweg von Olivia Jones, das nicht nur dramaturgisch/filmisch alles richtig macht, sondern das auch ein Riesenerfolg beim breiten Publikum ist. Endlich mal wieder ein Fernsehfilm, den man nicht so schnell vergessen wird.

Foto: ZDF / Thomas Leidig
Wer hätte das gedacht? Das Biopic „Olivia“ (ZDF) über das Leben der Dragqueen Olivia Jones (Johannes Hegemann) erntete gute Kritiken, eine ausgezeichnete Einschaltquote und euphorische Zuschauerreaktionen. Geht also doch noch was außer Krimi?!

tittelbach.tv ist mir was wert

Mit Ihrem Beitrag sorgen Sie dafür, dass tittelbach.tv kostenfrei bleibt!

Kaufen bei

und tittelbach.tv unterstützen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert