Es wirkt fast immer effekthascherisch, wenn hiesige Filme und Serien englische Titel tragen: als solle vertuscht werden, dass es sich um eine deutsche Produktion handelt. In diesem Fall ist die Wahl nicht bloß plausibel, sondern auch clever. Die Wortverwandtschaft zwischen „Unfamiliar“ und „Family“ ist offenkundig, doch das Adjektiv bedeutet unvertraut, fremd. Gleichzeitig handeln die sechs Folgen von einem Familiendrama, was irritieren mag, schließlich kündigt Netflix die Serie als Spionage-Thriller an. Das ist tatsächlich kein Widerspruch, denn Chefautor Paul Coates ist eine verblüffend schlüssige Kombination gelungen: „Unfamiliar“ hat Verfolgungsjagden, Schlägereien und Schießereien zu bieten, die zum Teil derart heftig ausfallen, dass die Netflix-Empfehlung ab 16 durchaus gerechtfertigt ist; emotionales Zentrum der Handlung sind jedoch die Szenen einer auf den ersten Blick überaus erfüllten Ehe.
Trotzdem erfüllt die Serie alle Erwartungen an eine fesselnde Story aus dem Spionagemilieu: Meret (Susanne Wolff) und Simon (Felix Kramer), Eltern einer überbehüteten Teenager-Tochter (Maja Bons), haben einst für das Russland-Referat des Bundesnachrichtendienstes gearbeitet. Heute betreiben sie in Berlin ein sogenanntes Safehouse, ein Refugium für Menschen, die spontan von der Bildfläche verschwinden müssen; so beginnt die erste Folge auch. Allerdings ist von vornherein klar, dass der neue Gast (Aaron Altaras) nichts Gutes im Schilde führt, denn seine Wunden hat er sich selbst zugefügt: Der ehemalige MI6-Agent arbeitet als Söldner für eine Sicherheitsfirma, deren Chef (Andreas Pietschmann) gern als Problemlöser engagiert wird; zum Beispiel, wenn es darum geht, Menschen aufzuspüren, die nicht gefunden werden wollen. Seine aktuellen Zielpersonen sind Meret und Simon, die offiziell schon lange nicht mehr existieren: „Im Dienst gefallen“ verkündet ein Stempel auf ihren BND-Akten.
Foto: Netflix
Gäbe es nur diese Ebene, würde „Unfamiliar“ eine durchaus interessante und dank der Action-Szenen stellenweise auch aufwändig umgesetzte Geschichte erzählen, aber es geht um deutlich mehr: Viele Jahre zuvor hat sich in Belarus ein Vorfall zugetragen, der das Leben von fünf Menschen für immer verändert hat und nun auch einen sechsten einholt. Damals hatten Meret und Simon den Auftrag, die hochschwangere russische Informantin Katya (Natalia Belitski) über die Grenze zu schmuggeln. Das Unternehmen ging auf tragische Weise schief: Katyas Geliebter, Agent Josef Koleev (Samuel Finzi), sollte auf Geheiß von Gregor (Henry Hübchen), Chef des Russland-Referats, als Doppelagent nach Moskau zurückkehren, wollte aber ebenfalls in den Westen; aus Wut vergiftete er seine Freundin und verletzte Gregor lebensgefährlich.
Gestorben ist damals niemand, aber das weiß nur Simon. Als die Wahrheit ans Licht kommt, erklärt sich auch der Titel: Plötzlich wirkt der Mann an ihrer Seite wie ein Fremder auf Meret. Damit ist die Serie bei zwei Kernfragen: Kann man große Schuld auf sich geladen haben und dennoch ein guter Mensch sein? Kann man jemanden lieben, obwohl er in einem existenziellen Punkt gelogen hat? Das wird jedoch erst mal zweitrangig, denn das Ehepaar steht ebenso wie der längst pensionierte Vorgesetzte auf Koleevs Todesliste, und natürlich gerät auch Tochter Nina in die Wirren der Ereignisse. Um sie aus der Schusslinie zu entfernen, schicken die Eltern sie mit einem Interrail-Ticket nach Paris, aber weil sie gemerkt hat, dass irgendwas nicht stimmt, kehrt sie schon eine Station später wieder um.
Foto: Netflix / Sasha Ostrov
Der Brite Coates, bislang als Serienautor vorwiegend für BBC und ITV tätig, hat die Drehbücher um einige Nebenplots ergänzt, die die Handlung allerdings nur zum Teil bereichern. Eine der interessantesten Fragen betrifft eine Person mit dem Decknamen Seestern: Koleev hat einen Maulwurf im BND. Analystin Julika (Seyneb Saleh) verdächtigt ihren Chef (Laurence Rupp), Gregors Nachfolger. Dass sie zum Nachdenken gern kopfüber von der Decke hängt, ist witzig, und dass sie sich trotz fehlender Einsatzerfahrung ins Getümmel stürzt, sorgt für zusätzliche Spannung. Ihr Beziehungsgedöns mit Kollegin Alice (Sina Martens) ist dagegen zumindest zunachst überflüssig und bringt die Geschichte nicht weiter, ganz im Gegensatz zu dem Aneurysma in Simons Schädel: Dass er sich nicht operieren lassen will, führt prompt in den falschen Momenten zu Aussetzern.
Die Serie bietet eine gute Mischung aus packenden und emotional dramatischen Momenten, doch die wenig melodische Musik (Jessica Jones) bleibt stets im gleichen Rhythmus; wenn sie sich nicht gerade lautstark in den Vordergrund drängt, hält sie die Spannung im Hintergrund hoch. Die zuweilen minutenlangen Action-Szenen, darunter eine ausgiebige Schießerei auf offener Straße, haben dank eines eigens zuständigen Regisseurs (Franco Tozza) und entsprechender Kameraleute hohe Qualität. Die „De-Aging“-Effekte sind ohnehin verblüffend, aber „Unfamiliar“ lebt vor allem von den Charakteren, zumal sich einige vom Schurken zur tragischen Figur und wieder zurück wandeln; eine weiße Weste hat keiner der Männer. Und die letzte Folge ist Hochspannung und Dramatik pur und liefert mit einem allerdings nicht völlig überraschenden Clou die Basis für eine mögliche Fortsetzung.


1 Antwort
Heute hatte ich Zeit und konnte mir die Serie in einem Stück ansehen.
Ich mag dieses Genre und ich wurde nicht enttäuscht. Es hat (fast) alles gepasst… die Besetzung, die Dramaturgie, die Spannung, die Kamera und sogar die Musik.
Das Einzige, was ich bemängele, ist die Tonqualität. Ich weiß gar nicht wie oft ich „zurückgespult“ und die Lautstärke drastisch erhöht habe, um Sätze und Satzteile richtig zu hören.
Bei einer guten Tonqualität sollte man auch leise Gesprochenes, Geflüstertes oder gar Genuscheltes verstehen können.