Jemand rast in einem Porsche durch das nächtliche München. Plötzlich ein Knall, ein Mensch bleibt auf der Straße liegen. Der Fahrer oder die Fahrerin verharrt einige Sekunden, ohne auszusteigen, dann gibt er/sie wieder Gas. Das Unfallopfer, der 34 Jahre alte Kai Lorenz, stirbt, weil niemand Hilfe holt. Die Mordkommission lässt sich den Fall angesichts eines personellen Engpasses bei der Polizei aufschwatzen, obwohl Kommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek) und ihr Kollege Dennis Eden (Stephan Zinner) gerade mit einem „cold case“ beschäftigt sind: Bei Wartungsarbeiten im Staubecken des Isarkanals wird die in Plastik eingewickelte Leiche der 19-jährigen Sonja gefunden. Die junge Frau war vor zwei Jahren erwürgt worden, außerdem finden sich Spuren einer möglichen Vergewaltigung an der Leiche.
Foto: BR / die film gmbh / Susanne Bernhard
Seltsam ist allerdings, dass Léon Kamara (Yoli Fuller), der vor zwei Jahren verurteilte Täter, behauptet hatte, er habe Sonjas Leiche zerstückelt. Als Blohm und Eden den aus Burkina Faso stammenden Mann im Gefängnis besuchen, beharrt Kamara auf seinem Geständnis, streitet aber eine Vergewaltigung vehement ab. Der Gebrauchtwagenhändler hat zwar von der Justiz nichts zu befürchten, weil er nicht für dieselbe Tat ein zweites Mal verurteilt werden kann, allerdings spricht sich im Gefängnis herum, dass er, der Schwarze aus Afrika, die junge Deutsche ermordet und vergewaltigt haben soll. Der zweite Fall, die Unfallflucht mit Todesfolge, weist ebenfalls Ungereimtheiten auf: Der Porsche wird von den Haltern, der Familie Assauer, als gestohlen gemeldet, allerdings erst zwei Tage nach dem Unfall. Die Polizei findet zahlreiche Fingerabdrücke des wegen Autodiebstahls vorbestraften Victor Reisinger (Shenja Lacher) am Wagen. Der verschuldete Familienvater räumt seine Schuld umgehend ein, allerdings legen die unscharfen Bilder einer Überwachungskamera nahe, dass eine andere Person am Steuer saß.
Schnell wird deutlich, dass die beiden Fälle eines gemeinsam haben: falsche Geständnisse. Dass die wahren Schuldigen noch nicht überführt wurden, liegt also auf der Hand. Dass Geld im Spiel ist, ebenso. Insofern bedient der fünfte „Polizeiruf“ mit Johanna Wokalek die klassischen Anforderungen an einen Whodunit-Krimi – und geht doch darüber hinaus. Neben der Tätersuche wirft Drehbuchautor und Regisseur Christian Bach weitere, mindestens ebenso spannende Fragen auf: Welche Folgen hat der „perverse Ablasshandel“ (Blohm), mit dem sich wohlhabende Täter:innen von ihrer Schuld freikaufen? Was bedeuten solche Deals für die Täter selbst, für die Angehörigen der Opfer, etwa die schwangere Witwe (Sophie Rogall) des bei dem Unfall getöteten Fahrers, sowie für die vermeintlichen Täter und deren Familien? Bach gelingt ein vielschichtiges Drama aus verschiedenen Perspektiven, das nebenbei die sozialen Gegensätze (nicht nur) in Deutschland thematisiert. Auch das Szenenbild (Debora Reischmann) unterstreicht die Botschaft, unter anderem durch den Kontrast zwischen der schicken Villa der Familie Assauer und den bescheidenen Wohnverhältnissen der Familie Reisinger. Das mag plakativ erscheinen – aber die immer weiter auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich ist eben Realität.
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Während anfangs der impulsive Kommissar Eden das Wort führt, nimmt Cris Blohm mit der Zeit freundlich, aber bestimmt das Heft in die Hand. Erfrischend und sehenswert, wie Wokalek als eine Art weiblicher Columbo mit einem gewinnenden Lächeln scheinbar harmlose Fragen nur „für die Akten“ stellt. Aber Cris Blohm ist in „Ablass“ auch deutlicher als bisher eine wache Ermittlerin mit klarem Werte-Kompass, die sich nicht scheut, große Worte wie Moral und Gerechtigkeit im Munde zu führen. Das kann im Krimi leicht aufgesetzt wirken, hier aber ergeben sich die scharfen Dialoge zwischen Blohm und Anwalt August Schellenberg folgerichtig aus einer Handlung, die nicht zuletzt die Funktionsfähigkeit von Strafverfolgung und Rechtsprechung in Rede stellt. Und wenn Johanna Wokalek in diesen Szenen einen Spielpartner wie Tobias Moretti hat, sind Spannung und Vergnügen umso größer. Bemerkenswert auch das nichts beschönigende Ende. So kann es mit dem Münchener „Polizeiruf“ gerne weitergehen.

