Die Familie kann man sich bekanntlich nicht aussuchen; aber manchmal ist es gut, dass man eine hat. Zu der Erkenntnis kommt Erik (Christoph Maria Herbst), als er überraschend den Ehrenpreis des Industrieverbands erhalten soll, aber nicht weiß, mit wem er zur Preisgala gehen könnte. Am liebsten würde er seine Ex-Frau Anne (Annette Frier) zu dem Wochenende in einem Kölner Luxushotel mitnehmen. Damit es nicht allzu seltsam aussieht, lädt er auch seinen Sohn Leon (Philip Noah Schwarz) und dessen Frau Soraya (Süheyla Ünlü) ein – und Erik fände es schön, wenn auch Ludwig (Michael Wittenborn), Annes Vater und sein Mentor, ohne den er den Preis nie bekommen hätte, dabei sein könnte. Eine ehrenwerte Überlegung, ob es aber realistisch ist: dessen Demenz wird jedenfalls immer unberechenbarer. Mit seiner Frau Maria (Claudia Rieschel) als Aufpasserin könnte es klappen. Die bringt überraschenderweise ihre Freundin Silvia (Alexandra von Schwerin) mit; über die genaue Beziehung der beiden schweigt sie sich vor ihrer Familie aus. Seine Eltern will Erik mit dem Preis beeindrucken, es soll ja sogar der Bundespräsident anwesend sein, aber dabeihaben möchte er sie nicht. Also lädt sich Renate (Carmen-Maja Antoni) selbst ein, und ihr unwilliger Göttergatte Günter (Bernd Stegemann) muss schweren Herzens mit – wenn nur dieser Rollkoffer rollen würde! Das Chaos scheint vorprogrammiert. Dann schlägt irgendwann auch noch Jonas (Nikolaus Benda) im Hotel auf, Annes „neuer Anfasser“. Dafür hat der Bundespräsident kurzfristig abgesagt.
Foto: ZDF / Brendan Uffelmann
Zuletzt, in der Episode „Geheimnisse“, war der dysfunktionale Clan endgültig im Tal der Tränen angekommen. Spaß am Leben hatte kaum noch einer. In „Geständnisse“ gibt es wieder ein paar Lichter am Horizont. Erik scheint zwar beruflich bestens dazustehen, aber in seinem Privatleben herrscht gähnende Leere. Er weiß mittlerweile, was er an Anne hatte. Und auch sie scheint mit ihrem Jungspund nicht mehr allzu glücklich zu sein – und die Event-Agentur, die die beiden gemeinsam mehr schlecht als recht betreiben, dürfte noch eine größere Schnapsidee sein als ihre Beziehung. Da es Probleme bei der Zimmerbuchung gab, ist ein Anfang für Merz und Merz gemacht… Davor gab es schon mal ein Küsschen auf den Mund, weil sich die sonst gern so zynische Anne so herzlich über den Preis für Erik gefreut hat – und der bekommt einen liebevollen Schmatzer auf die Glatze. Sogar in der Sauna hockt das Ex-Paar in trauter Zweisamkeit. Und Anne hat Erik vor einer Blamage bewahrt: „Jedes Schnitzel hat seinen Preis und jetzt hab auch ich einen.“ So wäre es schwierig geworden, sich für höhere Aufgaben zu empfehlen; denn Erik will beruflich noch mal durchstarten. Das zweite Licht am Horizont ist die Lebensplanung von Maria, für die Silvia mehr als die beste Freundin ist. Zwar treibt sie der vom Heim beurlaubte Ludwig an diesem Wochenende an den Rand eines Nervenzusammenbruchs, dennoch schafft sie es endlich, der Familie die Wahrheit und Silvia ihre Zuneigung zu gestehen. Unverhoffte Glücksmomente erlebt auch Renate, die ihre Liebe zu Flitter, Glitter & Pailletten entdeckt, damit sogar Dragqueen Lou (Catherrine Leclery) Konkurrenz macht – und ihren Günter und vor allem Erik in den Erdboden versinken lässt. Als ob Sohn Leon, das ewige Kleinkind, der plappernde Ludwig und die hysterische Maria nicht genügen würden. „Die gehören alle zu Ihnen?“, will der Mann wissen, in dessen Firma Erik gern einsteigen würde. Gespielte Verlegenheit Marke Herbst: „Nee, ich bin hauptsächlich alleine.“
Soundtrack: Etta James („I Just Want To Make Love To You“), Missy Elliott („Work It“), Perry Como („Papa Loves Mambo“), Dinah Washington („What A Difference A Day Made“), Peggy Lee („Fever“), Doris Day („Perhaps, Perhaps, Perhaps“), Nina Simone („Feelin‘ Good“), B illie Eilish („Happier Than Ever“, „Halley’s Comet“), Solomon Burke („Cry To Me“, „You Can’t Love ‚Em All“), Julie London („Sway“), Dionne Warwick („Wishin‘ And Hopin'“)
Foto: ZDF / Brendan Uffelmann
Absolut schief hängt der Haussegen beim jüngsten Paar: Soraya will sich selbstständig machen, ist engagiert, derweil Leon gar nichts auf die Reihe bekommt und befürchtet, abgehängt zu werden. Dass Eriks Eltern im verbalen Dauerclinch liegen, was Loriotschen Charme versprüht, daran hat sich nichts geändert. Dem anderen zuhören ist ein Luxus, den sich die Laubenpieper nach wie vor nicht gönnen. Selbst aus dieser zuletzt auch narrativ festgefahrenen Ehe schlägt das Autorenduo Annekatrin Lang („Like a Loser“) und Ralf Husmann komisches Kapital. „Geständnisse“ ist nach den drei „Merz gegen Merz“-Serien-Staffeln (2019-21) sowie „Hochzeiten“ (2023) und „Geheimnisse“ (2024) der dritte 90-Minüter. Es ist ein Wiedersehen, das Freude macht. Kontinuität und Abwechslung halten sich die Waage. Man kennt die Macken und Marotten der Charaktere, aber wie im richtigen Leben geht es weiter, gibt es Veränderungen, mal mehr, mal weniger dramatisch. Schön, dass das serielle Prinzip auch mal ohne Krimifälle, Krankenakten, Kitsch und überdimensionierte, unrealistische Fallhöhen auskommt. Es gibt aktuell kein vergleichbares intelligentes, Figuren-zentriertes & top besetztes Format im deutschen Fernsehen, das so witzig ist, bissig & voller Ironie steckt. Nach der extrem tragikomischen letzten Episode geht es diesmal bei aller Nachdenklichkeit von Merz & Merz wieder komischer zu – zumindest für den Zuschauer: der kann sich zurücklehnen und dieses Tohuwabohu genießen.
Quell der Erheiterung sind ganz besonders wieder die Dialogwechsel und One-Liner. Da bettelt Erik, um am Tisch jenes Herrn Beermann zu sitzen. Darauf die Eventmanagerin, die Johanna Gastdorf grandios als coole Sau verkörpert: „Und ich würd‘ gern mal mit George Clooney ’ne Wurst essen; das wird wohl auch nichts.“ Köstlich auch der überforderte Jüngling an der Rezeption: „Merz“, mehr bringt der kurzatmige Günter nach seiner Odyssee mit Rollkoffer nicht mehr heraus. Dann diese Antwort: „Sie sind schon eingecheckt.“ Dass Anne Probleme mit ihrer Mutter hat, fließt diesmal nur beiläufig in die Kommunikation ein: Die Tochter wundert sich über Marias „neue“ Kissen: „Die passen gar nicht zu dir.“ Und beiläufig zu Erik: „Guck mal, wie schön die sind.“ Und dem Sakko von Erik fehlen nicht nur einige Knöpfe; „das hat Falten wie Peter Maffay.“ Vergleiche kommen immer gut. „Eine Rede ist wie ’ne Hose, bloß nicht zu kurz, das ist peinlich. Aber auch nicht zu lang, denn das ist richtig lästig.“ Das liest sich schon recht gut, in der Interaktion aber, wie Frier und Herbst sie über die Jahre miteinander spielen, ist das nahezu perfekt. Großartig ist auch die Idee, dass Anne zu Vanessa Schmadtke wird (weil es der Rezeptionist so will) und mit Erik alsbald in der Sauna ein irres Rollenspiel anzettelt, bei dem sich der Ex-Gatte nicht lange bitten lässt und ebenfalls in die Rolle eines anderen schlüpft. So können sie sich spielerisch emotional (und möglicherweise irgendwann auch sexuell) wieder annähern. Als Erik und Anne ist das nicht so leicht möglich: Das bedeutet für beide vor allem viele „schlechte Zeiten“, Zoff, Krisen, Demütigungen, Trennung, Scheidung. Im Hochsommer geht’s weiter. Titel: „Neuanfänge“. Man darf gespannt sein.
Foto: ZDF / Brendan Uffelmann


1 Antwort
Super, vielen Dank!
Fand den neusten „Merz gegen Merz“ spitze und bin schon jetzt gespannt, wie es weitergehn wird…freue mich!