Shopping, Partys, Champagner und ein Liebhaber – jahrelang hat es sich Gloria Almeda (Adele Neuhauser) gutgehen lassen. Was blieb ihr auch anderes übrig – bei diesem Ehemann! Alle haben Victor (Bernhard Schir), dieses zynische Ekelpaket, gehasst – seine erwachsenen Kinder, Severin (Manuel Rubey) und Leonie (Fanny Krausz), seine Schwiegertochter Stella (Stefanie Stappenbeck), sein Anwalt und vermeintlicher Freund Tono (Roland Koch), irgendwann auch dessen reichere Hälfte Bernadette (Elena Uhlig), lange Zeit Glorias beste Freundin, bis sie von dem Verhältnis mit ihrem Mann erfuhr. Und die Beziehung zwischen Victor und seinem Bruder Gaston (Andreas Lust) trug zunehmend urbiblische Züge. Alle hätten einen guten Grund gehabt, diesen Tyrannen aus der Welt zu schaffen. Und eines Abends vor zehn Jahren war es dann soweit: Eine Explosion im Gartenhäuschen tötete ihn, während seine neueste Errungenschaft, die blutjunge Desirée (Miriam Fussenegger), mit schwersten Verbrennungen überlebte. Alle hatten ein Motiv für den Mord, verurteilt wurde Gloria. Sie hatte tatsächlich einen Killer engagiert, den Auftrag aber nach eigener Aussage zurückgezogen. Kommissarin Fritsch (Aglaia Szyszkowitz) konnte sich dies nicht bestätigen lassen, da der gedungene Mörder bei der Explosion mitverbrannte. Und so wurde die unbedarfte Lebedame zu 15 Jahren Haft verurteilt. Jetzt ist sie vorzeitig entlassen worden. Mit einer Fußfessel an das Familienschloss gebunden, ist sie dennoch fest entschlossen, den wahren Mörder zu finden. Für ihren Racheplan hat sie im Knast bereits vorgesorgt – mit Henny (Lara Mandoki) als Hausmädchen und Maria (Edita Malovcic) als die Frau fürs Grobe.
Zu Beginn des ZDF-Zweiteilers „Mama ist die Best(i)e“ steht die Explosion, die das Leben der Almedas, besonders das der Dame des Hauses, tiefgreifend verändern wird. Gloria war und ist schwer enttäuscht von ihrer Familie. Jetzt sinnt die von ihrem oberflächlichen High-Society-Leben geläuterte Witwe auf Rache. Im Gefängnis hat sie gelernt, sich zu behaupten. Das kann für sie bei der eigenen Sippe nur von Nutzen sein. Und die befindet sich alsbald in heller Aufregung. Alle spüren, diese Frau ist nicht mehr ruhigzustellen mit Shopping-Ausflügen, auch die Idee, sie bis aufs Blut zu reizen, damit sie gegen ihre Bewährungsauflagen verstößt, verfängt nicht. Und Gloria scheint sich an ihren Leitspruch zu halten, mit dem sie sich im Knast Respekt verschafft hat: „Ich bin eine richtige Sau.“ Dazu das Gesicht von Adele Neuhauser, gehässig verzogen, ein Blick zum Fürchten – da weiß nicht nur die einst beste Freundin, dass es ernst wird, auch der Zuschauer ahnt, dass hier ein krasser Spaß bevorsteht.
Foto: ZDF / Hubert Mican + Fabio Eppensteiner
Der Zweiteiler von Ute Wieland nach dem Drehbuch von Uli Brée ist zwar auf dem Papier Krimi und Familiendrama, aber die 180 Filmminuten sind durchzogen von Witz, Figuren-Sarkasmus und erzählerischer Ironie. Mit im Spiel ist immer auch ein bisschen Schadenfreude, wie generell beim „Eat the Rich“-Genre, das aus gutem Grund in den USA aktuell Hochkonjunktur hat (siehe Kasten). Das ist typisch Uli Brée. Der Feelgood-Autor mit dem gewissen Kniff in seinen Geschichten hat dem österreichischen und deutschen Fernsehen neben der Ausnahmeserie „Vorstadtweiber“ (seit 2015), an die man sich gelegentlich bei „Mama ist die Best(i)e“ erinnert fühlt, Filmhighlights wie die Neuhauser-Schmankerl „Faltenfrei“, „Ungeschminkt“ & „Makellos“ (alle ARD) oder die grandiose Demenz-Tragikomödie „Für dich dreh’ ich die Zeit zurück“ beschert (die 40 von t.tv kritisierten Brée-Werke). Da Rache einen Menschen nur selten befreie, verabschiedet sich der Autor vom Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Prinzip und hat eine Schlusswendung erdacht, die das Resozialisierungskonzept der Justiz kreativ infrage stellt, inklusive eines augenzwinkernden Deals zwischen der unschuldigen Gloria und der peinlich berührten Kommissarin, deren Unfehlbarkeit-Nimbus gebrochen wird. Der Hintergrund zu dieser moralischen Wende weg vom Racheengel: Gloria ist nicht das einzige Opfer in dieser Geschichte. Einmal fragt sie ihren verbitterten Sohn: „Was ist in deinem Leben schiefgelaufen, dass du so bist?“ Die Antwort kommt umgehend in einer Rückblende: Gloria trifft in einem Restaurant auf Severin und seine kleine Tochter Gretchen und die Mutter, die nie eine Mutter war, beweist in dieser Szene auch als Oma ihre Egozentrik. Und nicht vergessen hat Severin die Situation als er ein Kind war und sie ihn in einer Boutique vergessen hat (und das Schicksal ihm eine Ersatzmama schenkte). Dass das Vergebungsszenario auf Kosten der Sozialkritik geht und so von einer Gesellschaftssatire am Ende nicht viel übrigbleibt, ist schade, wahrscheinlich beabsichtigt, jedoch zu verkraften: Die neue Botschaft – auch wenn sie mit Hinblick auf das Mainstream-Publikum entwickeln worden sein mag – hat auch einen gewissen unkonventionellen Charme. Außerdem bleiben ja noch genug Charaktere, denen ihr Reichtum und ihre Gier im Halse stecken bleiben.
Einige Beispiele für das zu Recht aktuell sehr beliebte „Eat the Rich“-Genre
Serien: „Succession“, „The White Lotus“, „Empire“, „House of Guinness“, „Your Friends and Neighbors“, „Sirens“, „Beef 2“
Kinofilme: „Triangle of Sadness“, „The Menu“, „Infinity Pool“, „Glass Onion: A Night Out Mystery“, „Saltburn“ und – ganz frisch im Kino – „Rosebush Pruning“
Foto: ZDF / Fabio Eppensteiner
Der besondere Flow des Zweiteilers entsteht durch die geschickte Verzahnung von Gegenwart und Vergangenheit. Immer wenn im Hier und Jetzt etwas nicht vollständig zu verstehen ist, springt die Erzählung zurück in eine ganz typische Situation. Die Rückblenden sind mehr als bloße Informationsquelle, sie haben bald ihre eigene Logik. Und sie haben ihre eigene Ästhetik. Bunt, schrill und aufgekratzt sind Look und Stimmung in der Vorknast-Phase. Im Heute dagegen dominiert das Familienschloss, außen efeuumrankt, innen düster, Brauntöne herrschen vor und schwere Eiche schlägt aufs Gemüt. Die rückwärtsgewandten Einschübe sind kürzer, rasanter geschnitten als die Gegenwartssequenzen. Dadurch entsteht eine gute Dynamik, ein Erzählrhythmus, dem man sich nur schwer entziehen kann. Und so empfindet man die 180 Minuten als das richtige Format für diesen Stoff, aus dem manch anderer eine doppelt so lange Serie machen würde, und für eine Krimikonstruktion, die mehr Psychologie und Charaktertiefe wohl nicht vertragen hätte. So ist dieser Zweiteiler, was er sein will: süffige Unterhaltung, bei der niemand nach „Glaubwürdigkeit“ fragen wird (selbst bei Severins widersprüchlichem Verhalten gegenüber Desirée nicht: „Die hat’s verdient“). Alles wirkt Genre-like überhöht, inklusive des Geschachers um 15 Millionen Euro: gepackt in zwei Taschen werden sie durch Wien kutschiert.
„Mama ist die Best(i)e“ ist ein weiteres Beispiel für die kreative deutsch-österreichische Zusammenarbeit, hier zwischen ZDF und Servus TV. Man muss sich fragen: Was wäre die deutsche Fiktion ohne die Expertise des Nachbarlandes? Ohne diese kostensparenden (2026 bisher ca. zwanzig) Koproduktionen gäbe es noch mehr Wiederholungen. Aber auch die Qualität würde leiden. In dem ZDF-Zweiteiler gehören entsprechend österreichische Top-Mimen wie Bernhard Schir, Manuel Rubey, Andreas Lust, Aglaia Szyszkowitz und Neuhauser als Zugpferd zum Ensemble. Eine kleine Rolle hat Miriam Fussenegger, die ab 2027 gemeinsam mit Laurence Rupp die Nachfolge des Wiener „Tatort“-Duos Krassnitzer/Neuhauser antreten wird. Die Produktion ist bis in die kleineren Rollen namhaft besetzt; für ZDF-Krimi-Reihen-Fans dürfte der Erkennungswert extrem hoch sein – mit Namen wie Stefanie Stappenbeck („Ein starkes Team“), Fanny Krausz („Die Toten von Salzburg“) und Lara Mandoki („Der Erzgebirgskrimi“). Das prächtige Ensemble zahlt sich aus, besonders in einigen Gruppenszenen. Zu Beginn des ersten Teils gibt es ein grusliges Familien-Dinner zum Gedenken des Ermordeten, bei dem sich besonders Rubeys Severin mit Geschmacklosigkeiten auszeichnet. Am Ende schließlich gibt es ein mit der Waffe erzwungenes Familientreffen, bei dem der etwas andere Whodunit aufgelöst wird, verschnitten mit einer spannenden Rückblende in die Mordnacht. So kann man sich das überstrapazierte Genre gefallen lassen.
Foto: ZDF / Fabio Eppensteiner

