Es ist ein großer Zufall, dass sich Sandra (Katharina Wackernagel) und Otis (Rick Okon) kennenlernen; die Deutsche Bahn macht’s möglich. So wie die beiden auf dem Weg nach Hamburg auf freier Strecke feststecken, so festgefahren sind sie auch in ihren Beziehungen. Ansonsten aber leben die beiden in völlig unterschiedlichen Welten: Sie, Mitte 40, ist verheiratet, aber ihre Ehe hat die guten Zeiten längst hinter sich, und er, etwa zehn Jahre jünger, scheint zwar seine Traumfrau gefunden zu haben, doch ihm fehlt der Mut, damit aus Freundschaft Liebe wird. Wann erhört ihn seine beste Freundin Bill (Jane Chirwa) endlich? Ja, und was muss passieren, damit Christian (Aurel Manthei) Sandras Unzufriedenheit mitbekommt? Weil sich die Zufallsbekanntschaft im Zug für beide „überraschend“ gut anfühlt, und sich jeder von ihnen in die Lage des anderen auffallend gut hineinversetzen kann, beschließen sie, sich wiederzusehen, um sich gegenseitig verhaltenstechnische Hilfestellung zu geben. Das sollen keine Psychoseminare werden, eher so eine Art lockeres verbales Personal Training mit Jogging-Zugabe für Zwei, die auf unterschiedliche Weise die passive, abhängige Rolle in ihren Beziehungen einnehmen. Das Ergebnis: Sandra führt ein Leben, das sie so nie gewollt hat, und Otis schmachtet eine Frau an, die sich seiner sicher ist und die es genießt, auch von anderen begehrt zu werden. Die ersten gegenseitigen Ratschläge scheinen zu fruchten, doch der nächste Zufall bringt das emotionale Gleichgewicht völlig durcheinander: Bei einem Wochenende am Meer kommt es zum Zusammentreffen beider Paare, bei dem sich auch noch Sandras selbstbewusste Tochter Jette (Emilie Neumeister) ins amouröse Spiel einmischt.
Soundtrack: The Cranberries („Dreams“), Bob Dylan („The Man in Me“), Bruce Springsteen („I’m On Fire“), Bright Eyes („First Day of My Life“)
Foto: ZDF / Andrea Küppers
Filme, in denen sich zwei im Zug kennenlernen, sind nicht die schlechtesten. Man denke nur an „Der unsichtbare Dritte“ oder „Der Fremde im Zug“. Sogar ein deutscher Fernsehfilm wählt ein Zugabteil für den Beginn einer wunderbar unkonventionellen Liebesgeschichte: „Für eine Nacht… und immer?“ (2015) mit Juliane Köhler. Der legendärste unter den ungewöhnlichen Kino-Romanzen ist sicherlich „Before Sunrise“ (1995), Auftakt einer Beziehungstrilogie, die mit „Before Midnight“ (2013) endet. „Zwei am Zug“ vereint wie diese zwei Filme von Richard Linklater beide Phasen der „Liebe“. Da ist diese erste Begegnung im Zug, die in schroffem Ton beginnt: „Du steckst hier fest, und Du entschuldigst Dich dauernd dafür!“, fährt Otis Sandra an, die am Telefon ihrem Mann gegenüber „erbärmlich“ kleinlaut ist. Diese Streitmomente sind umso amüsanter, da sie zugleich Aufschluss geben über Otis Innenleben: Ihn nerven Sandras Telefonate mit ihrem ungeduldigen Christian so sehr, weil er darin seine eigenen Verhaltensmuster erkennt. Da beide Charaktere über bessere Menschenkenntnisse, mehr Lebenserfahrung und einen höheren IQ verfügen als die meisten vergleichbaren Fernsehfilmfiguren, treiben die beiden diese nutzlosen Projektionsspielchen allerdings nicht weiter, sondern suchen nach pragmatischen Lösungen für ihre Liebesprobleme. Sie sind offen, locker, und sie können so miteinander reden, wie sie es mit ihren (Möchtegern-)Partnern nicht können. Und weil das so ist, ist da bald spürbar mehr zwischen den beiden, nicht zuletzt auch, weil der Film im ZDF-„Herzkino“ läuft. Dass es lange dauert, bis diese Liebe eine Chance bekommt, ist weniger der Romantic-Comedy-Dramaturgie geschuldet, ergibt sich vielmehr auch aus der Geschichte und ihren Hauptcharakteren: Es sind Menschen, die re-agieren, die sich lieber zurücknehmen, als Beziehungen anderer zu zerstören.
Die Phase der zunehmenden Entfremdung wird dem Zuschauer weniger psychologisch tiefschürfend und spielerisch sophisticated als in Linklaters „Before Midnight“ präsentiert, aber nicht weniger realitätsnah. Katharina Wackernagel und Aurel Manthei spielen etwas, was der Großteil der Zuschauer schon mal selbst erlebt haben dürfte: Ohne es zu merken, ist die Liebe weg, und man hat sich auseinandergelebt. Christian ist Kneipier, der im Beruf wie in der Ehe nur ein Motto kennt: Es muss laufen. „Aber hast Du nicht das Gefühl, dass wir festhängen?“, fragt ihn Sandra. „Mir fehlt nichts“, erwidert Christian schroff. Sandra will ihm keinen Vorwurf machen. Und auch er bemüht sich, kommt ihr entgegen – ein freier Tag, ein Romantik-Wochenende. Aber es passt einfach nicht mehr. Sie will ein anderes Leben. Keine Kneipe, sondern ein Kino mit Bistro. Kino, ein Raum, in dem man sich auf das Schöne, eine fremde Welt besinnen kann. Für pragmatisch denkende Menschen ein Auslaufmodell. Es ist natürlich kein Zufall, dass Otis in einem kleinen, urigen Reisebüro arbeitet – und er genießt es, bei seinen Kunden das Fernweh zu wecken. Da passt mal wieder vieles zusammen in dieser Geschichte von Sathyan Ramesh, dem Autor für die lebensklugen Beziehungsgeschichten: Die geschlechtsspezifischen Rollen, die typischen Spannungen in Beziehungen, das, was Frauen sich erträumen und woran Männer festhalten, wenn eine Ehe Routine geworden ist, das spiegelt sowohl Mentalitäten als auch Realitäten. In „Zwei am Zug“ sind auch die Altersunterschiede gut getroffen: Zu den Oldies und dem „Bübchen“, wie Sandra einmal Otis nennt, gesellt sich zudem noch Jette, Mitte 20, die eine Generation verkörpert, die mit ihrer direkten, spontanen und unverstellten Art zwischenzeitlich neuen Schwung in das krisengebeutelte Beziehungsquartett bringt.
Foto: ZDF / Andrea Küppers
Für Frische und Schwung sorgt im Übrigen auch Constanze Knoches luftig sommerliche Inszenierung, die vor allem die Schauspieler immer optimal im Blick hat. Mal im scharfen Schuss/Gegenschuss wie zu Beginn des Films, vor dem Ausstieg aus dem Zug, wo das Problem beider, das sich ewige Kleinmachen, mit einem charmanten Lächeln auf den Punkt gebracht wird. Mal in einer Einstellung wie in einer späteren Trennungsszene, in der Wackernagel und Okon frontal zu sehen sind: Das Personal Training wird für beendet erklärt, weil das Liebesleben der beiden vermeintlich repariert ist. Der traurige Gesichtsausdruck der beiden und das melancholische „Vergiss mich nicht“ sagen etwas anderes.
Da „Zwei am Zug“ von dem Danach und dem Davor einer Liebesbeziehung erzählt, ist der Film keine klassische Romantic Comedy, sondern eher ein romantisches Drama, das bei aller tragikomischer Note eine insgesamt leichte Gangart besitzt. Es liegt im Wesen des Genres, dass hier viel geredet wird. Doch bei dieser Besetzung und diesen Dialogen ist das sogar ein dicker Pluspunkt. Irgendwann katapultieren sich Otis und Sandra wieder in einen Streit, bei dem – wie zu Beginn – wieder reichlich auf das Gegenüber projiziert wird. Dem „Ich hasse es, dass Christian Dich traurig macht“ kontert Sandra mit „Und ich hasse es, dass Bill Dich nicht erkennt.“ In puncto wütend sein hat Letztere die Nase vorn: „Wie gesellig Du sein kannst und lustig und großzügig, wenn’s darum geht, schöne, junge Frauen zu beeindrucken“, wirft sie Christian vor, und der versteht mal wieder gar nichts. Und so endet die Romantiknacht am Meer sogar noch desillusionierender als das Pendant in „Before Midnight“. Das Ende des Films führt das Paar, das jetzt am Zug ist, wieder in einen Zug; der bleibt natürlich auch wieder stehen und es gibt noch weitere hübsche Symmetrien in dieser Schlusssequenz.
Foto: ZDF / Andrea Küppers


3 Antworten
Schreckliche Dialoge in der Sprache von Teenies, verkrampfte Charaktere, die nur in ihrem Mikrokosmos leben können. Und wenig schöne Bilder.
Nicht sehenswert
Liebevoll gespielt.
Eine sehr treffende Besprechung des wirklich sehr schönen Films.