Tatort – Fackel

Hasanovic, Foroutan, Saleh, Luca, Heyer, Heeg, Schilling, Ostermann. Atmosphäre, Nähe, große Emotionen

22.03.2026 20:20 ARD TV-Premiere
22.03.2026 20:20 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
22.03.2026 21:45 One
Foto: HR / Sommerhaus / Philipp Sichler
Foto Thomas Gehringer

„Fackel“, der dritte Film des Frankfurter „Tatort“-Teams mit Melika Foroutan und Edin Hasanovic, dreht sich um die tragischen Folgen eines Bauskandals. Ein Brand in einem Frankfurter Hochhaus kostete vor fünf Jahren 13 Menschenleben. Weil die Mutter einer Jugendfreundin unter den Opfern war, ist der Fall für den empathischen Kommissar Hamza Kulina eine persönliche Angelegenheit. Herausragend in der eindringlichen Inszenierung von Regisseur Rick Ostermann ist insbesondere das Zusammenspiel von Foroutan und Hasanovic. Schauspieler und Musiker Tom Schilling feiert an der Seite des erfahrenen Sebastian Heeg ein bemerkenswertes Debüt als Drehbuch-Autor.

Der Titel „Fackel“ wirkt nach „Dunkelheit“ und „Licht“ etwas bemüht – so als ob nun unbedingt jede Episode in die einmal begonnene Metapher-Reihe passen müsste. Jedenfalls wecken die Bilder des brennenden Hochhauses zu Beginn der dritten „Tatort“-Episode aus Frankfurt am Main mit Melika Foroutan und Edin Hasanovic schlimme Erinnerungen: Im Juni 2017 ging der Londoner Grenfell Tower in Flammen auf. 72 Menschen starben. Und im November 2025 wurden in Hongkong sieben Wohntürme des Wang Fuk Courts bei einem verheerenden Brand zerstört. 168 Menschen kamen ums Leben. Bei beiden Katastrophen spielte brennendes Dämmmaterial bei der schnellen Ausbreitung des Feuers eine Rolle. Angesichts des Hongkong-Unglücks, das sich erst nach den Dreharbeiten ereignete, ist der „Tatort“ auf makabre Weise aktuell geworden. Denn auch im fiktiven Krimidrama sieht sich die Firma von Steffen Böttcher (Stephan Luca) Vorwürfen ausgesetzt, dass das zur Gebäudedämmung eingesetzte Polystyrol für den Tod von 13 Menschen verantwortlich gewesen sei. Fünf Jahre nach dem Brand versucht ein Untersuchungsausschuss, die offenen Fragen zu klären. Böttcher sagt vor dem Gremium aus und wird anschließend von wütenden Demonstranten attackiert, darunter Almila Adak (herzergreifend gespielt von Seyneb Saleh), die bei dem Feuer ihre Mutter verlor. Im Gegensatz zu dem Manager wirkt seine Frau Simone (Katharina Heyer) cool und unbeeindruckt.

Tatort – FackelFoto: HR / Sommerhaus / Philipp Sichler
Almila Adak (gewohnt ausgezeichnet: Seyneb Saleh) gehört zu den DemonstrantInnen, die Böttcher (Stephan Luca) attackieren.

Almila war laut Kommissar Hamza Kulina (Eden Hasanovic) dessen „erste richtige Freundin“. Und weil sich beide immer noch nahestehen, fällt es Kulina schwer, Almilas Bitte abzuschlagen, sich mit den offenen Fragen des Falls zu befassen – nur drei Tage, bevor der Untersuchungsausschuss seinen Abschlussbericht verkünden will. In einer Nacht arbeitet Kulina die Ermittlungsakten durch und stößt dabei auf den Todesfall eines Materialprüfers ein halbes Jahr nach dem Brand. Trotz einiger Ungereimtheiten legte sich Christian Möller (Michael Schenk) von der Mordkommission damals schnell auf Selbstmord als Ermittlungsergebnis fest. Kulina und Kommissarin Maryam Azadi (Melika Foroutan) können ihre Vorgesetzte Sandra Schatz (Judith Engel) davon überzeugen, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Und die bisher eher reservierte Schatz liefert ihrem Cold-Case-Team etwas überraschend die nötige Rückendeckung. Dafür müssen Azadi und Kulina allerdings mit dem widerspenstigen Möller und seinem Kollegen Brombach (Timo Jacobs) zusammenarbeiten.

Mit „Fackel“ tritt Schauspiel-Star und Musiker Tom Schilling („Achtsam Morden“, „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“, „Brecht“, „Oh Boy“) erstmals als Drehbuch-Autor in Erscheinung. Gemeinsam mit Sebastian Heeg („Criminal“, „Fremdkörper“), der hier sein „Tatort“-Debüt gibt, erzählt er von einem Korruptionsskandal mit schwerwiegenden Folgen – allerdings nicht als klassischen Verschwörungsthriller, in dem ein verbrecherisches Netzwerk aus Wirtschaft und Politik enttarnt wird. Sondern als eindringliches Drama aus der persönlichen Perspektive eines Kommissars, der sich der Angehörigen eines Opfers verbunden und verpflichtet fühlt. Kulina wirkt angespannt und ruhelos, vergreift sich auch mal im Ton, doch Edin Hasanovic übertreibt seine hochemotionale Rolle nicht und bleibt als professionell agierender Ermittler sowie als ausgesprochen empathischer Typ immer glaubwürdig. Auch ist das Zusammenspiel mit Melika Foroutan als brillante und souveräne Chefin im Frankfurter Cold-Case-Keller ein großes Vergnügen. Kulina und Azadi verbindet bereits eine Art blindes Verständnis, das nicht vieler Worte bedarf – und das im Gegensatz zu vielen Filmen, in denen die betont bedeutungsschweren Blicke von Darstellern ziemlich aufgesetzt wirken können, überzeugend inszeniert und gespielt wird.

Tatort – FackelFoto: HR / Sommerhaus / Philipp Sichler
Whodunit ja, konventioneller Krimi nein, und das Zusammenspiel von Foroutan & Hasanovic ist sogar noch besser geworden!

Ohnehin legt Regisseur Rick Ostermann („Hundertdreizehn“, „Fremder Feind“), der auch den zweiten Fall („Licht“) des neuen Frankfurter Teams inszeniert hatte, mehr Wert auf Atmosphäre, Nähe und Intensität – unterstützt durch Bildgestaltung und Musik – denn auf penible Aneinanderreihung von Fakten oder lückenlose Aufklärung. Das Ermittlerduo wird verfolgt und erhält Drohbotschaften, bei Schatz sagt sich der Justizminister an – all das wird nicht bis ins Detail auserzählt. Auch die klassischen Befragungen und Verhöre haben ungewöhnliche Qualität, bieten neben den typischen Ermittlerfragen überraschende Manöver und spannende Psychoduelle. Ebenfalls nur angedeutet wird, wie Azadi und Kulina am Ende auf die Lösung des Falls gekommen sind. Insofern ist „Fackel“ trotz klassischer Whodunit-Mord-Ermittlung alles andere als konventionelle Krimi-Kost. Und der Zeitdruck, der durch eine Art Countdown im Zusammenhang mit den Sitzungen des Untersuchungsausschusses erzeugt wird, erscheint lange Zeit eher konstruiert, ergibt dann aber angesichts des Finales auf tragische Weise Sinn.

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ARD Degeto, HR

Mit Edin Hasanovic, Melika Foroutan, Seyneb Saleh, Stephan Luca, Katharina Heyer, Michael Schenk, Timo Jacobs, Judith Engel, Nadja Bobyleva, Gordana Boban

Kamera: Philipp Sichler

Szenenbild: Anette Reuther

Kostüm: Sabine Keller

Schnitt: Benjamin Kaubisch

Musik: Christoph M. Kaiser, Julian Maas

Redaktion: Jörg Himstedt, Erin Högerle, Birgit Titze

Produktionsfirma: Sommerhaus Filmproduktion

Produktion: Jochen Laube, Fabian Maubach, Annie Schilling

Drehbuch: Sebastian Heeg, Tom Schilling

Regie: Rick Ostermann

EA: 22.03.2026 20:20 Uhr | ARD

weitere EA: 22.03.2026 20:20 Uhr | ARD-Mediathek

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