Kein schöner Tod: eine Kugel ins Auge – und eine Feder, in Wachs getränkt, noch dazu. Leander Lost (Jan Krauter) sieht darin eine Anspielung auf Ikarus. Hat sich das Opfer, ein deutscher Auswanderer, zu sehr der Wahrheit genähert? Bei dem Täter könnte es sich um einen Serienmörder handeln, der vor wenigen Jahren in Sevilla sein Unwesen trieb. Doch weshalb jetzt auf einmal in Fuseta? fragen sich Lost und die Sub-Inspektoren Graciana Rosado (Eva Meckbach) und Carlos Esteves (Daniel Christensen). Während ihr Kollege Miguel Duarte (Anton Weil) in Sevilla als Soko-Leiter auf dicke Hose macht, gibt es in der portugiesischen Pampa schon wieder eine Leiche, eine pensionierte Lehrerin; alles spricht für Raubmord. Die beiden Toten haben also offenbar nichts miteinander zu tun. Oder hat hier der Drogenbaron Pablo Delgado (André Gago) seine Finger im Spiel? Der lässt es sich im Gefängnis gutgehen und zieht womöglich von dort aus seine Fäden. Irgendwann dämmert es Lost – und er erkennt in beiden Mordszenarien ein cleveres Vertuschungsmanöver, um die Policia Judicária auf falsche Fährten zu locken. Als Toninho (André Leitão), der Freund von Losts Ziehtochter Zara (Bianca Nawrath), die Rolle des Polizeispitzels übernimmt, gerät er in akute Lebensgefahr, denn er hat etwas gesehen, was er besser nicht gesehen hätte. Und er weiß etwas, was für die Überführung einer mörderischen Drogenschmugglerbande Gold wert sein könnte.
Foto: Degeto / 307 production / João Guimarães
In der portugiesischen Provinz ermittelt es sich entspannter als in mitteleuropäischen Großstädten, und weil die ARD-Krimireihe „Lost in Fuseta“ auf den Romanen von Gil Ribeiro alias Holger Karsten Schmidt basiert, gehört die südländisch gelassene und moderat epische Erzählweise umso mehr noch zum Konzept der 180-minütigen Premium-Movies am Samstag. Sie wollen erkennbar mehr sein als die mittelprächtigen Degeto-Auslandskrimis am Donnerstag. Landschaft, Meer und das Ambiente sind keine vornehmlich dekorativen Elemente, sie gehören ebenso zum Wesen der Erzählung wie ihre Hauptfigur: Leander Lost, der deutsch zugeknöpfte Austausch-Ermittler in Anzug und Krawatte, der als Asperger-Autist nur schwer die Mimik seines Gegenübers lesen kann und der weder Ironie noch Subtexte versteht. Dafür aber funktionieren seine Kombinationsgabe und sein fotografisches Gedächtnis umso besser. Nachdem die portugiesischen Kollegen sich anfangs reichlich wunderten über den Sonderling, wollen sie ihn jetzt gar nicht mehr gehen lassen. Anders als der Kollege Manz (Konstantin Lindhorst) aus Hamburg, der in Fuseta Amtshilfe leistet und sich immer noch gern über Lost lustig macht, wissen der lässige Carlos und die dynamische Graciana Losts besondere Fähigkeiten zu schätzen. In „Weiße Fracht“, Zweiteiler Nr. drei, gibt er abermals die entscheidenden Impulse für die Aufklärung des Falls. Auch mit der Waffe weiß er umzugehen. Nur die Tatsache, dass er nicht lügen kann, ist keine ideale Voraussetzung für einen Polizisten und wird im Verlauf des Falls mehrfach zur Herausforderung. Eine Herausforderung ganz anderer Art sind seine Gefühle für Gracianas Schwester Soraia (Filipa Areosa). Gefühle sind nicht Losts Kernkompetenz. Wegen seiner in ihrer Anwesenheit erhöhten Herzfrequenz will er sogar einen Kardiologen zu Rate ziehen. Weil das Europol-Austauschprogramm endet, könnte sich die Sache mit der komplizierten Liebe allerdings von selbst erledigen.
Foto: Degeto / 307 production / João Guimarães
Die beiden Morde ereignen sich im ersten Teil von „Weiße Fracht“; es werden nicht die einzigen bleiben. Der erste wird nicht im Bild gezeigt. Ein Streifenpolizist ruft vielmehr das ungleiche Trio zu Hilfe, weil im Haus des deutschen Tischlers Verdächtiges vorgeht. Die unklare Situation, die Sicherung der Räume, wird spannungsvoll ausgekostet; zugleich stellt die Szene den neu hinzugekommenen ZuschauerInnen das Team vor. Anschließend Tatort-Begehung, es folgt der Serienmord-Verdacht, der die Kommissare erst mal freistellt für private Begegnungen – bis zum zweiten Mord: Der wird in einer klassischen Suspense-Szene vorbereitet. Der Täter, ein Profikiller wie aus dem Tarantino-„Fargo“-Lehrbuch, wartet im Haus seines weiblichen Opfers auf dessen Rückkehr. Wirkungsvoll auch hier: die Dehnung der Zeit. Der Killer will sich eben diese mit Zeitungslesen vertreiben, doch eine Fliege verleidet ihm die Lektüre. Fast eineinhalb Minuten dauert diese köstlich komische, weil erfolglose Fliegenjagd, dann betritt das eigentliche Zielobjekt das Haus. Jetzt schwingt der Mann seinen Schlips, ähnlich fachmännisch wie einst der Krawattenmörder in Hitchcocks „Frenzy“ (und die Fliege schaut womöglich zu). Spätestens diese Szene hebt „Lost in Fuseta III“– im Vergleich zu anderen Genrekrimis – endgültig auf ein anderes Niveau. Umso mehr, als der Beginn der Tötungssequenz mit einer ebenfalls sehr markanten Szene verschnitten wird: dem Höhepunkt und zugleich dem vorläufigen Ende der Romanze zwischen Leander und Soraia. In der Folge konzentriert sich die Krimihandlung auf die Machenschaften Toninhos: Er ist jung, liebt Zara und braucht das Geld für ihre gemeinsame Zukunft. Dieser Spannungsbogen wird in Teil 2 Thriller-gemäß weitergeführt. Doch davor fahren Holger Karsten Schmidt und vor allem Regisseur Felix Herzogenrath, Kameramann Dominik Berg und Schnittmeister Vincent Assmann alles auf, was an Action im Fernsehen derzeit realisierbar ist. Erst sorgt eine „Schlüsselloch-Szene“ für emotionales Mitfiebern, danach wird geballert aus allen Rohren. High Noon in der Algarve.
Foto: Degeto / 307 production / João Guimarães
Über die hohe Qualität der Ensemble-Besetzung, allen voran Jan Krauter, und die ausgezeichnete Arbeit der Gewerke wurde in den Kritiken zu den vorherigen Zweiteilern bereits alles gesagt: „Lost in Fuseta“ (ARD, 10.9.2022) + „Lost in Fuseta – ein Krimi aus Portugal: Spur der Schatten“ (ARD, 4.4.2024). Die Synchronisation der portugiesischen Schauspieler ist diesmal weitgehend unauffällig, was mitunter auch an einem Schnitt (in die Dialoge) zur rechten Zeit liegt.
Beide Teile von „Weiße Fracht“ setzen dramaturgisch immer wieder auf Ruhemomente, in denen sich die Ermittler in angespannter Wartehaltung befinden oder in denen Privates verhandelt wird. Insgesamt aber liegt im zweiten Teil der Spannungspegel durchweg höher, da die Bedrohungslage steigt, liebgewonnene Figuren in Gefahr geraten und ein klassisches Thriller-Dilemma den Handlungsverlauf bestimmt. Auf der Zielgeraden gibt es zwei Szenen mit Hochspannungspotential. In beiden dominiert die Anspannung vor dem gefährlichen, dem möglicherweise tödlichen Moment. Diese Szenen enden nicht in einem Action-Showdown wie im ersten Teil, sondern so, wie es der Situation entspricht: Realismus statt Spektakel. Das passt auch besser zu den letzten neun Minuten des Films: Die gehören den Gefühlen. Gefühle, wie sie für Leander Lost möglich sind. Aus vermeintlicher Schwäche wird Stärke: Seine Naivität in Sachen Liebe & Beziehung treibt jeglichen Kitsch aus dieser sanften Lovestory, bricht mit den üblichen romantischen Klischees und ermöglicht eine der schönsten Liebeserklärungen in einer TV-Produktion der letzten Jahre („Lass uns ins Ungewisse springen“). Das Asperger-Syndrom motiviert das Gegen-den-Strich-Bürsten des Liebesmotivs. Und Familie wird von Schmidt sympathischer erzählt als in anderen Krimi-Reihen. Familie ist in „Lost in Fuseta“ weniger ein emotionales Minen-Feld, in dem vergangene Traumata oder gegenwärtige Verfehlungen vorherrschen, sondern Familie ist der wärmende Gegenpol zur kalten Welt des Verbrechens.
Foto: Degeto / 307 production / João Guimarães

