Männer würden schreiend davon laufen, wenn sie diese Schmerzen aushalten müssten: Geburten, war das Fazit der sechsteiligen ZDF-Serie „Push“, sind nichts für Feiglinge. Auch die zweite Staffel ist eine klug konzipierte Mischung aus beruflichem Stress und privaten Problemen. Die Handlungen tragen sich größtenteils auf der Geburtenstation einer Berliner Klinik zu und befassen sich gerade dank der vorzüglichen darstellerischen Leistungen erneut äußerst authentisch mit den unterschiedlichsten Problemen, die im Verlauf einer Schwangerschaft oder bei der Niederkunft auftreten können. Die Kombination mit augenscheinlich echten Geburtsszenen unterstreicht den dokumentarischen Charakter der zehn jeweils im Schnitt dreißig Minuten kurzen Episoden.
Darüber hinaus gibt es zwei deutliche Fortschritte gegenüber Staffel eins: Die ersten Folgen legten den Einruck nahe, Luisa Hardenberg habe so viele Komplikationsvarianten wie möglich unterbringen wollen. Außerdem hat die Showrunnerin und Headautorin auf jene Kurzvorträge verzichtet, die sich ohnehin in erster Linie ans Publikum richteten. Auch die zweite Staffel wirkt anfangs etwas atemlos, weil die sprunghafte Konzeption keinen harmonischen Handlungsfluss zustande kommen lässt, aber das legt sich, zumal sich die Erzählung zunächst vor allem auf Nalan (Mariam Hage) konzentriert: Die Hebamme hatte eine Fehlgeburt. Wie sie strahlt, wenn sie einem Baby auf die Welt geholfen hat, ist herzerwärmend; ihre Verbitterung wird erst deutlich, als eine Frau kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes erneut schwanger wird und ausgerechnet mit ihr über eine Abtreibung sprechen will. Erschwerend kommt aus Nalans Sicht hinzu, dass ihr Freund David (Hassan Akkouch) nicht in der Lage ist, mit ihr über den Verlust zu sprechen, und aus Kostengründen zunächst auch eine künstliche Befruchtung ablehnt.
Foto: ZDF / Andrea Hansen
Ansonsten spielen private Themen wie etwa die Liaison zwischen Ärztin Charlotte (Katia Fellin) und Hebammenstudentin Greta (Lydia Lehmann) diesmal jedoch eine deutlich kleinere Rolle. Dafür nimmt sich das dreiköpfige Drehbuchteam mehr Zeit für die medizinischen Herausforderungen. In den meisten Fällen gelingt es den Hebammen, angesichts von Schwangerschaftsvergiftungen, Krampfanfällen nach der Geburt oder der Herzoperation eines soeben geborenen Babys kühlen Kopf zu bewahren, aber mitunter geraten selbst sie an ihre physischen und vor allem psychischen Grenzen. Herzstück der zweiten Staffel und auch bildgestalterisch am dichtesten ist Folge fünf, die Schichtleiterin Elke (Marie Rosa Tietjen) durch einen ganz normalen Arbeitstag begleitet. Nun kommt auch ein Aspekt zur Sprache, den Hardenberg in der ersten Staffel ausgespart hatte: Gewalterfahrungen ausgerechnet im Kreißsaal waren lange Zeit ein Tabuthema und sind erst in den letzten Jahren dank verschiedener Bücher, Interviews und TV-Dokumentationen bekannt geworden. In einer äußerst bedrückenden Szene wird Greta Zeugin, wie Elke mit einer Mutter umspringt, deren Angst vor Spritzen pathologische Züge annimmt. „Geburten können gewaltig sein“, räumt die Schichtleiterin ein, aber den Gewaltvorwurf weist sie weit von sich.
Soundtrack: Fiona Apple („Ladies“), Aimee Mann („One“, „Save Me“), Sophie Hunger („Le vent nous portera“), Elliott Smith („Between The Bars“), Sharon van Etten („Every Time The Sun Comes Up“), Okay Kaya („Believe“), John Parish & PJ Harvey („Is That All There Is?“), Weyes Blood („Seven Words“), CocoRosie („Lemonade“), Mattiel („Count Your Blessings“), Kat Frankie („People“), Lola Young („One Thing“), Daughter („Youth“), Aurora („Running With The Wolves“), Charlotte Day Wilson („Work“), Cat Power („Woman“, „Sea Of Love“), Marleen Lohse („Go Solo“), Father John Misty („Real Love Baby“), Fiffifuzich („Ciao amore mio“), Big Thief („Change“), Dillon („Cry Bebe“), Beach House („Space Song“), Emiliana Torrini („Today Has Been OK“), Adrianne Lenker („No Machines“), Alice Phoebe Lou („Touch“), Some Sprouts („Someone You Love“), The Cranberries („Dreams“), Angel Olsen („Shut Up Kiss Me“, „Spring“)
Foto: ZDF / Andrea Hansen
Deutlich entspannter sind diesmal die beiden Erzählebenen mit Anna Schudt als erfahrene Beleghebamme. Die meisten Spielanteile hat sie außerhalb der Klinik: Ein männliches Paar wirbt mit einer regelrechten Bewerbungsmappe um ihre Unterstützung. Die beiden bekommen demnächst dank einer Leihmutter Nachwuchs. Anna lehnt dieses Konzept grundsätzlich ab, lässt sich aber trotzdem darauf ein, nachdem sie die zwei kennengelernt hat. Diese Szenen enthalten sogar einige kleine heitere Momente, weil die Männer ein bisschen überfordert sind und der Bruder (Oliver Mommsen) des einen kräftig mit ihr flirtet. Ein zweiter Strang ist ungleich ernster: Ein Elternpaar erwartet ein Baby mit dem Gen-Defekt Trisomie 21. Der Vater (Sebastian Urzendowsky) sieht’s gelassen, die Mutter (Ricarda Seifried) hält ihn für realitätsfremd. Schonungslos bringt Anne Katharina Roicke, die Autorin dieser Folge, all’ das zur Sprache, was Eltern angesichts einer solchen Diagnose durch den Kopf gehen mag. Anna arrangiert ein Spielplatztreffen mit der Mutter eines fröhlichen Down-Syndrom-Mädchens. Die Geschichte dieser Familie zieht sich durch die ganze Staffel.
Der Rest ist größtenteils hochdramatisch, aber immer wieder auch berührend. In ihrer Selbsthilfegruppe für Krebspatientinnen hat die Chefärztin (Idil Üner) eine Frau kennengelernt, die keine Kinder mehr bekommen kann. Tara (Lorna Ishema) möchte gern einer Geburt beiwohnen, um mit diesem Kapitel abzuschließen, was zu einer unerwarteten Komplizinnenschaft führt: Sibel (Nuriye Jendroßek) stimmt nicht nur zu, sondern ist auch ausgesprochen dankbar, denn der Vater ihrer Zwillinge liegt daheim krank im Bett. Ihre kernigen Flüche sind ohnehin ein Vergnügen. Bei der ersten Staffel war das Publikum laut ZDF überraschenderweise mehrheitlich männlich (60 zu 40). Als mentale Geburtsvorbereitung ist auch „Push 2“ ohne Einschränkung empfehlenswert, selbst wenn die permanenten Schmusepopsongs auf Dauer nerven (angesichts der Qualität dieser größtenteils Indie-Highlights kann man das auch anders empfinden – tit.). Die zweite Staffelhälfte ist allerdings weniger packend, auch die Inszenierung ist entspannter; dafür rücken die Soap-Anteile stärker in den Vordergrund. Einige Handlungsebenen wären verzichtbar gewesen, zumal die Intensität deutlich nachlässt, aber die Serie bleibt bis zum romantischen Schluss überaus sehenswert.
Foto: ZDF / Andrea Hansen

