Achtsam Morden 2

Tom Schilling, Hammelstein, Muslu, Jordan, Doron Wisotzky, Martina Plura. Mein inneres Kind und ich

Foto: Netflix
Foto Tilmann P. Gangloff

In der ersten Staffel der Netflix-Serie „Achtsam Morden“ (Constantin Television) hat Anwalt Björn Diemel (Tom Schilling) mit Hilfe eines Therapeuten (Peter Jordan) seine innere Mitte gefunden, ist aber auf diese Weise selbst zum Verbrecher geworden. In der zweiten rät ihm der Psychologe, sich mit seinem inneren Kind zu versöhnen. Der einst vom Vater regelmäßig gedemütigte kleine Junge wird nun als unsichtbarer Gefährte zu Björns Begleiter und stachelt ihn ständig zu allerlei grobem Unfug an. Zu allem Überfluss muss sich Björn auch noch mit Gangstern und Kita-Eltern herumplagen. Die acht Folgen sind erneut abwechslungsreich, ausgezeichnet gespielt und erfrischend makaber.

Abgesehen von jenem riesigen Hasen, der einst an der Seite von James Stewart in der Komödie „Mein Freund Harvey“ (1950) das Kinopublikum erfreute, sind unsichtbare Gefährten in Filmen und Serien für gewöhnlich ein Kindheitsphänomen. Schon allein deshalb fällt die zweite Staffel der Netflix-Serie „Achtsam Morden“ aus dem allgemeinen Rahmen: Björn Diemels Begleiter ist schätzungsweise zehn Jahre alt. Der Junge kommt und geht, wie er will, mischt sich in den Alltag des Anwalts ein und stiftet ihn zu allerlei Unfug an. Was nach einer heiteren Familienkomödie klingt, ist von Netflix aus gutem Grund mit einer Altersempfehlung ab 16 Jahren versehen.

In den ersten acht Folgen hat Björn (Tom Schilling) mit Hilfe von Psycho-Coach Joschka Breitner (Peter Jordan) gelernt, ein achtsameres Leben zu führen. Das hatte zwar einige Todesfälle zur Folge, aber der Jurist war mit sich im Reinen. Nun folgt Lektion Nummer zwei. Beim Urlaub in Tirol rastet der Berliner Anwalt, der durch eine Laune des Schicksals zum heimlichen Kopf von gleich zwei Verbrechersyndikaten geworden ist, komplett aus, weil ein Almhüttenkellner seinen Job allzu nachlässig erledigt. Eigentlich schwebte dem Familienvater, der seiner kleinen Tochter eine schöne Kindheitserinnerung weitergeben wollte, bloß ein Denkzettel vor, aber der Streich endet tödlich. Er versteht selbst nicht, warum ihn das Verhalten des Kellners derart getriggert hat. Breitner klärt ihn auf: In jedem von uns steckt ein inneres Kind, das in Björns Fall zutiefst verletzt ist, wie entsprechende Rückblenden mit seinem furchtbaren Vater offenbaren. Weckt ein aktuelles Ereignis diese sorgsam verborgenen Erinnerungen, kommt es zu einem scheinbar irrationalen Verhalten. Björn soll sich sein junges Alter Ego vergegenwärtigen, damit er sich mit ihm aussöhnen kann.

Achtsam Morden 2Foto: Netflix
Anwalt Björn (Tom Schilling) hat es nach wie vor mit Gangstern zu tun. Bernd Hölscher, Murathan Muslu u.a. in „Achtsam Morden“

Weil das letztlich eine Frage des Vertrauens ist, darf der große Björn dem kleinen nichts abschlagen; also frönt er fortan dem Kind im Manne, das zur treibenden Kraft der Handlung wird: Als Erstes legt er sich eine spritfressende Dreckschleuder zu, dann klaut das Duo einen Dino-Knochen aus dem Museum. Natürlich kommentiert der Junge auch den Flirt mit der Mutter (Friederike Kempter) des kleinen Max, aber Björn und Gattin Katharina (Emily Cox) leben mittlerweile nicht nur räumlich getrennt voneinander. Max geht in die Kita, die Björn übernommen hat, und ist überzeugt, dass im Keller des Hauses ein Monster haust. Bei dem vermeintlichen Ungeheuer handelt es sich um den gefangenen Clanchef Boris (Luca Maric), und Max ist nicht der einzige, der von seiner Existenz weiß: Ein Erpresser droht Björn damit, die Polizei zu informieren, wenn er Boris nicht umbringt; Kommissarin Eggert (Britta Hammelstein), auch sie Mutter eines Kita-Kinds, war ihm schon in der ersten Staffel unangenehm dicht auf den Fersen.

Die auf der Romanreihe von Karsten Dusse basierenden Drehbücher von Doron Wisotzky erfreuen erneut durch einen eindrucksvollen Facettenreichtum. Die Geschichten sind mal Krimi, mal Romanze, gegen Ende ein spannender Thriller und überdies oft witzig; die Auszeichnung als beste Comedy-Serie beim Deutschen Fernsehpreis 2025 wirkte trotzdem wie eine Notlösung. Ungewöhnlich, zumindest für eine deutsche Produktion, ist auch die unverhohlene Zuneigung zur Hauptfigur. Björn versichert zwar, er wolle nicht mehr in Mordfälle verwickelt werden, hat aber keine Skrupel, über Leichen zu gehen, wenn ihm keine andere Wahl bleibt. Die Typen, die allnächtlich auf einem Spielplatz vor seinem Haus Party machen, müssen ihre Lärmbelästigung jedenfalls teuer bezahlen. Die verabreichte Prügel ist mit dem „Tanz der Schwäne“ aus dem Tschaikowski-Ballett „Schwanensee“ unterlegt; das ist durchaus typisch für den speziellen Humor von „Achtsam Morden“.

Achtsam Morden 2Foto: Netflix
Die Eltern der Kita, die Björn übernommen hat, nerven. Zwischen ihm und einer Mutter (Friederike Kempter) knistert es dagegen.

Natürlich trägt auch das innere Kind zur Identifikation bei, schließlich schlummern in nahezu jedem Menschen Verletzungen aus jungen Jahren, und als eine Lügengeschichte Björns über die Krawallgestalten eine fatale Eigendynamik entwickelt, lassen sich seine entsprechenden Taten und indirekt auch das überaus grimmige Ende durchaus nachvollziehen. Für Sympathie mit dem Teufel sorgen dennoch nicht zuletzt die kleinen Momente, etwa Björns kurzen Seitenblicke in die Kamera, wenn er wieder mal sehr nachvollziehbar von den Öko-Plänen des Elternbeirats genervt ist. Die beste Szene in dieser Hinsicht hat allerdings Murathan Muslu als loyaler Ex-Ganove und jetziger Kita-Leiter, der den Eltern nicht nur das Segel aus dem Wind nimmt, sondern gleich das ganze Boot versenkt.

Ohnehin ist das gesamte Ensemble sehenswert, zumal auch der junge Franz Schmidt als junger Björn seine Sache gut macht; die Musik ist ebenfalls vorzüglich. Handwerklich erfreut die Serie von Martina Plura (Regie) und Monika Plura (Kamera) nicht zuletzt durch überraschende Gestaltungsideen: Als neben dem joggenden Björn wie aus dem Nichts sein Therapeut auftaucht, hält Breitner auf wundersame Weise mühelos Schritt, obwohl er sich bloß betont gemächlich fortbewegt. Jump-Cuts und Splitscreen sorgen an den richtigen Stellen für Dynamik. Sehr hübsch sind zudem die liebevollen Details. Eine Boulevardzeitung verkündet: „Zwillingsschwestern Monika und Martina Plura wurden bei der Geburt vertauscht“.

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1 Antwort

  1. Naja, die 2. Staffel fällt sehr deutlich hinter der Ersten zurück. Nicht im Ansatz den skurrilen Witz und über weite Strecken seeehr laaangatmig und weichgespült. Auch die Auswahl der Nebendarsteller ist mehr als dürftig. Die Sache mit dem „inneren Kind“ war sehr schlecht umgesetzt. Bis auf die erste Folge und die letzte Folge eine große Enttäuschung.

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Mit Tom Schilling, Britta Hammelstein, Murathan Muslu, Peter Jordan, Franz Schmidt, Bastian Reiber, Emily Cox, Friederike Kempter, Luca Maric, Bernd Hölscher, Sahin Eryilmaz, Yasin El Harrouk, Pamuk Pilavci, Julia Hartmann, Leonard Kunz, Tina Pfurr

Kamera: Monika Plura

Szenenbild: Alexandra Pilhatsch

Kostüm: Ramona Petersen

Schnitt: Tobias Haas

Musik: Konstantin Gropper, Ziggy Has Ardeur

Soundtrack: Guns N’ Roses („Sweet Child Of Mine“), FKM („Hey Pippi Langstrumpf“) Pjotr Iljitsch Tschaikowski („Tanz der Schwäne“ aus „Schwanensee“), The Fall („Totally Wired“), Haftbefehl & Bazzazian („Lass die Affen aus’m Zoo“), Ziggy Has Ardeur („My Way“), Konstantin Gropper („Hush, Little Baby“)

Produktionsfirma: Constantin Television

Produktion: Jan Ehlert

Drehbuch: Doron Wisotzky – nach der Romanreihe von Karsten Dusse

Regie: Martina Plura

EA: 28.05.2026 10:00 Uhr | Netflix