Mit der Einführungsszene wird bereits die Kernbotschaft des Thrillerdramas „Eine bessere Welt“ präsentiert: Eine junge, verängstigte Frau namens Lara fühlt sich verfolgt, blickt sich auf dem Fahrrad permanent um. Ihre Gedanken sind begleitend aus dem Off zu hören: „Sie werden versuchen dich kleinzukriegen. (…) Sie wollen etwas in dir kaputt machen. Damit du abhaust, den Mund hältst. Aber ich werde den Mund nicht halten, bis zum Ende nicht.“ Kurz bevor sie ihren Durchhaltewillen bekundet, stürzt sie mit dem Fahrrad zu Boden. Später wird Lara dem Publikum als entschlossene Kämpferin gegen Hatespeech wiederbegegnen, ein gutes Ende nimmt es mit der Figur aber nicht. Gespielt wird sie von Kayla Shyx, die 2023 mit einem YouTube-Video über die Partys nach Rammstein-Konzerten und über Missbrauchsvorwürfe gegen Sänger Till Lindemann selbst zur Zielscheibe von Hassbotschaften wurde. Auch eine zweite Rollenbesetzung weist reale Bezüge auf. Lara muss wegen ihres Rad-Unfalls einen Auftritt in der Talkshow „Talk & Themen“ absagen. Dunja Hayali, die als prominente ZDF-Journalistin ebenfalls in der Realität massiv angefeindet wird, spielt die Moderatorin.
Foto: ZDF / Julia Feldhagen / Willi Weber
Statt Lara wurde die Biologin Dr. Elena Stanat (Peri Baumeister) eingeladen. Sie plädiert sowohl in ihrem gerade veröffentlichten Buch „Eine bessere Welt“ als auch in der Sendung dafür, dass jedem Einzelnen zur Bekämpfung der Klimakrise ein festes Co2-Budget zugewiesen wird. Im Duell mit einem Lobbyisten der Privatwirtschaft erweist sie sich als schlagfertig, ohne sich auf eine unsachliche Ebene locken zu lassen. Das inhaltliche Thema, der sich zur Katastrophe auswachsende Klimawandel, bleibt in der weiteren Handlung ausgeblendet. Stattdessen erzählt der Film, wie die Grenzen zwischen virtueller und realer Gewalt verschwimmen. Dass die zahlreichen Kommentare, die die Wissenschaftlerin nun im Sekundentakt erhält, nicht einfach eingeblendet werden, sondern von (fast ausschließlich) männlichen Stimmen aus dem Off zu hören sind, ist eine clevere Idee. Umso persönlicher und schockierender wirken die abschätzigen, häufig sexistischen Aussagen. Und umso bedrohlicher klingt es, wenn ein „bester Freund“ mit vermeintlich freundlicher Stimme einen „Hausbesuch von qualifiziertem Personal“ bei der „sehr geehrten Frau Dr. Stanat“ ankündigt.
Die Biologin hat gerade mit ihrem Partner Deniz (Serkan Kaya) und den beiden Kindern Ada (Soraya Marie Efe) und Sami (Elias Efe) ein altes Haus mit Garten bezogen. Der idyllische Schauplatz steht für den Traum der Familie von einer heilen Welt, die von außen bedroht wird. Gleichzeitig schafft die Inszenierung mit den Hinterlassenschaften des Vorbesitzers, der ausgestopfte Vögel sammelte und Vogelfüße in Einmachgläsern aufbewahrte, eine geheimnisvolle, leicht schaurige Atmosphäre. Der Mann galt seinen Angehörigen zuletzt als durchgeknallter Opa, der sich in seiner unermüdlichen Suche nach dem Goldregenpfeifer selbst verlor. Auch die Biologin stöbert gerne in seiner Sammlung im Dachboden. Es wird ziemlich offenkundig suggeriert, dass Elena Stanat ebenfalls dazu neigen könnte, den Bezug zur Realität zu verlieren. Denn genau das scheint zu geschehen: Ihre Verunsicherung wird durch die anhaltenden Hasskommentare, durch irritierende Begegnungen und zunehmend bedrohliche Ereignisse zu nackter Angst.
Foto: ZDF / Willi Weber
Geschickt lässt die Inszenierung von Sebastian Hilger offen, ob die Wissenschaftlerin sich verdächtige Geräusche und schattenhafte Gestalten nur einbildet oder ob sie vielleicht doch real sind. Spannend ist das allemal, auch wenn man sicher davon ausgehen darf, dass hier nicht das Klischee einer hysterisch übergeschnappten Frau bemüht werden dürfte. Eindringlich wird jedenfalls deutlich, wie tief- und weitgehend Hassbotschaften wirken, wie Menschen verunsichert und entmutigt werden, wie sogar deren Leib und Leben in Gefahr gerät. Woran es mangelt im Kampf gegen Hatespeech im Netz und wie sich Menschen wehren können, wird dagegen nur ansatzweise skizziert, etwa in Szenen an Elenas Uni-Institut und auf einer Polizeiwache. Leider ist es bittere Wahrheit, dass die Adressen der Betroffenen durch die von Anwälten beantragte Akteneinsicht in die Hände der Hatespeech-Absender geraden können. Und ein gemeinsam aufgenommenes Video von Frauen gegen Hatespeech führt im Film nur zu noch mehr üblen Attacken. So hinterlässt das Drama einen ziemlich fatalistischen Eindruck, als wäre gegen den Hass des Internet-Mobs kein Kraut gewachsen, jedenfalls bei der gegenwärtigen Rechtslage. Bleibt nur der Appell an Politik, Polizei und Justiz, die Betroffenen besser zu schützen. Das Thema wird durch die ergänzende Dokumentation „Hass im Netz: Eine bessere Welt“ (ZDF, 23. März, 22.15 Uhr, sowie ab 14. März in der Mediathek) vertieft.

