Diese Biografie schreit nach einer Verfilmung. Dr. Ruja Ignatova wurde gefeiert als die „Bitcoin-Killerin“, bis das auf einem Schneeballsystem basierende Kleinanleger-Imperium, das sie 2013 mit dem Promoter Sebastian Greenwood großspurig startete, bereits 2017 ebenso grandios in sich zusammenkrachte. Angetrieben von ihrer Lebensmaxime „Nie wieder arm sein“, verkaufte sie 3,5 Millionen Menschen weltweit nichts als „heiße Luft“ und betrog damit ihre Anleger um über vier Milliarden Euro. Sie selbst sei 20 Milliarden schwer, protzte sie noch ein Jahr zuvor im Londoner Wembley-Stadion bei einer ihrer legendären „Ruja-Shows“, Inbegriff perfekter Selbstinszenierung. Die Deutsche mit bulgarischen Wurzeln, die 1990 mit ihren Eltern in das gelobte westliche Land übersiedelte, wurde zum Popstar: Glaube, Verehrung, Hoffnung & die Sehnsucht, etwas vom großen Kuchen abzubekommen, ließ OneCoin förmlich explodieren. Doch der Goldrausch von Sofia währte nur kurz. Denn Rujas Kryptowährung fehlt die Blockchain, jenes digitale Kassenbuch, in dem alle Einträge, alle Überweisungen unlöschbar gespeichert sind. Ohne Blockchain sind die Coins wertlos. Die „Crypto-Queen“ will die Entwicklung nicht wahrhaben, pokert so lange, bis ein internationaler Haftbefehl gegen sie erwirkt wird – und sie schließlich abtauchen muss. Was folgt, wo sie heute lebt, ob sie ihr Gesicht einer kosmetischen Operation unterzogen hat oder vielleicht Opfer eines Racheakts wurde: alles Spekulation.
Foto: ZDF / Felix Poplawski
„Take the Money and Run“ erzählt vom Aufstieg und Fall dieser schillernden Betrügerin, die heute zu den meist gesuchtesten Personen der Welt gehört; sowohl das FBI als auch Europol fahnden nach ihr. Dass sie über ihre skrupellosen Geschäfts-Methoden hinaus eine Frau ist, die den Machthunger und die autoritären, toxischen Gepflogenheiten einer überkommenen Männerwelt beruflich wie privat übernimmt („Mein Geld ernährt euch alle seit Jahren“), dass ihr Statussymbole wie eine Luxus-Yacht oder eine königliche Residenz mehr bedeuten als Familie, über deren ideellen Wert sie allerdings ständig spricht, dass sie ihr Frau-Sein kämpferisch vertritt und gegenüber ihren Anlegerinnen instrumentalisiert, aber Feminismus so gar nicht ihr Ding ist – das macht diese Ruja Ignatova mehr als unsympathisch. „Eine böse Frau“ nennt denn auch ihre Darstellerin Nilam Farooq („Contra“) ihre Figur. Dabei versucht das Autorenduo Judith Angerbauer und Boris von Sychowski, biografische Ursachen zu finden für die moralische Verkommenheit dieser Frau. Als Kind, im Schwarzwald, schämt sich Ruja für ihre Armut und ihren Vater, für sie der geborene Loser, bestes Beispiel dafür, wie sie niemals werden will. Sie ist hochintelligent, clever und sie weiß sich früh zu wehren – auch mit unlauteren Mitteln. „Lügen wie gedruckt, das konnte ich schon immer“, sagt sie. „Nimm, was du kriegen kannst“, hat ihr die Mutter früh eingeimpft. Erst nimmt sie sich ein insolventes Gusswerk im Allgäu, dann die ganze Welt.
„Die Erzählung würde Leerstellen aushalten müssen, die Inszenierung Sinnlichkeit und Absurdität dieser abgehobenen Gesellschaft transportieren und gleichzeitig die Methodik des Betrugs definieren. Keine einfache Aufgabe, die am Ende unsere beiden Schnittmeister Bobby Good und Johannes Hubrich lösten, indem sie einzelne Teile oftmals in einer neuen Reihenfolge zusammenfügten und so andere Beziehungen herstellten, die uns neue Erkenntnisse brachten.“ (Elke Müller & Julia Haas, Redaktion)
Foto: ZDF / Felix Poplawski
Dieses Vierteljahrhundert der realen Ruja Ignatova ist also nicht nur ein Stoff, der perfekt erscheint wegen seiner faszinierenden True-Crime-Essenz, sondern auch wegen seiner enormen Subtext-Dichte. Und dann diese Besetzung: Nilam Farooq ist perfekt als Ruja: Sie entwickelt so viele verschiedene Gesichter, die die Ambivalenz dieser Figur spiegeln – mal kühl und klug, mal weich und verführerisch, mal wütend und verletzend, mal eine hässliche Fratze, die den ganzen Glamour zur Fassade werden lässt. True-Crime hin oder her – bemerkenswert ist der Mut, einen eindeutig schlechten Menschen zur Hauptfigur zu machen, ohne ihn zu glorifizieren. Ruja wird als Mega-Star gezeigt, aber die Macher schlagen nicht billig Kapital aus dieser Ikone des (materiellen) Erfolgs. Sie erliegen nicht der Versuchung, sie zu einer Taylor Swift der Krypto-Branche zu machen. Auch auf eine Überhöhung ins Komische, wie es bei anderen Hochstapler-Geschichten aus der Finanzwelt, „Die Affäre Cum-Ex“ (ZDF, 2025) oder „King of Stonks“ (Netflix, 2022), bestens funktioniert hat, wird erfreulicherweise verzichtet. Ein bisschen Süffisanz statt echter Ironie durchzieht Rujas Kommentare aus dem Off: Eine notorische Lügnerin erzählt ihre eigenen Geschichten – da wären möglicherweise noch etwas feinere Spielmöglichkeiten drin gewesen. Obgleich dieses nicht chronologische Erzählen die einzige Option für diese Geschichte darstellt (nichts ist schlimmer als die Verfilmung eines Wikipedia-Eintrags), ist diese sprunghafte Narration auf Dauer auch ein Schwachpunkt dieser Serie.
Auf den Punkt gebracht: „Take the Money and Run“ macht vieles richtig, die Serie besitzt faszinierende Momente, beispielsweise einige köstliche Erklär-Clips Marke Krypto-Philosophie leicht gemacht („Juri explains Blockchain“), und sieht mutmaßlich teurer aus als eine ZDFneo-Serie gekostet haben kann. Der Wechsel von Hochglanz-Werbeästhetik und farblosem Drama-Realismus, der den Gegensatz der zwei Welten, arm vs. reich, signalisiert, mag auf den ersten Blick plakativ erscheinen, geht aber gefühlt mehr und mehr im Tempo der Montage auf, dem filmischen Herz der Serie. Wahrscheinlich würden das dramaturgische Puzzle-Prinzip und die Geschichte, von der vielen Zuschauern einiges bekannt sein dürfte, in 180 Minuten sehr viel besser funktionieren. Über sechs Folgen allerdings nutzt sich diese kurzatmig dynamische Erzählweise ab. Und so muss die „Heldin“ mit ihren Kommentaren aus dem Off immer wieder das zunehmende Chaos um OneCoin und das rastlose Hin und Her der Schauplätze irgendwie zusammenhalten. Auch die Redaktion hat das Problem erkannt (siehe Kasten). Manchmal erscheint die Reihenfolge der Sequenzen und Szenen austauschbar, mal ist sie zwingend und mal dramaturgisch absolut clever. So sorgt Ruja als Kind lange Zeit für Sympathiepunkte, mit der sich über die ersten Anzeichen von Unredlichkeit im Erwachsenenalter hinwegsehen lässt. Ironie des Schicksals: Die kleine Ruja will ihrem Vater helfen, erntet dafür aber keinen Dank, ja, schlimmer noch, sie legt mit ihrer Hilfsaktion den Grundstein für ihren Niedergang, da die Freundin aus der Kindheit 2016/17 zur größten Rivalin wird. Für die vielen Ambivalenzen dieser wahren Geschichte und ihrer Charaktere, für alle offenen Fragen und Leerstellen wäre ein kompakteres Format ideal gewesen.
Foto: ZDF / Oliver Oppitz


1 Antwort
Die Serie interessiert sich nicht die Bohne für die Opfer dieser Betrügerin, wenn man von einem einzigen Beispiel absieht, das wie ein moralisches Alibi wirkt. Aber das ist ja nichts Neues. Die Täter sind eben „interessanter“, selbst wenn sie nicht auch noch glorifiziert werden.