Nicht ohne Grund lenkt die Kamera den Blick bei Mayas Busfahrt auf die Hände der anderen Passagiere: auf junge und alte, weibliche und männliche, sorgfältig verzierte und faltige, von Arbeit gezeichnete Hände. Mayas besondere Aufmerksamkeit gilt den individuell gestalteten Fingernägeln. Die Symbolkraft ist nicht zu übersehen, aber die Vielfalts-Metapher ergibt auch inhaltlich Sinn. Denn die freiberufliche Maya ist vom Fach. Sie fährt durch München, um die Finger- oder Zehennägel ihrer Kundinnen zu verschönern – eine Arbeit, die auch eine besondere Nähe mit sich bringt. Die Mittdreißigerin Maya, souverän und glaubwürdig gespielt von Salka Weber, ist also als Zuhörerin gefragt, aber ihr zweiter Job zeichnet sie erst recht als künstlerisch-kreatives Talent aus: Fürs Theater arbeitet sie als Maskenbildnerin, ebenfalls freischaffend. Blöd nur, dass die farblichen Vorgaben der launischen Theaterregisseurin für das Paradiesvogel-Kostüm, das Maya erschaffen soll, nahezu täglich wechseln. Aber Maya nimmt den Stress erstaunlich gelassen – vielleicht weil sie an Schauspieler Philip (Patrick Isermeyer), der das Kostüm tragen soll, Gefallen gefunden hat.
Auch der Mikrokosmos des Filmes, in den die Hauptfigur wie in eine wärmende Decke gehüllt ist, ist bunt und vielfältig. Maya lebt mit der Deutsch-Türkin Sema (Şafak Şengül) zusammen, die überdeutlich als zeitgemäßer Gegenentwurf zu den üblichen Ressentiments angelegt ist. Als Optikerin betreibt sie ein eigenes Geschäft, tritt im Netz als meinungsstarke „Frau mit Durchblick“ auf und berät auch ihren Bruder Yunus (Tarek Nassery) resolut in Liebesdingen. Man muss es nicht unbedingt lustig finden, dass Sema als Optikerin eine überdimensionierte Brille trägt. Als emotionale Stütze für Maya ist sie jedenfalls unverzichtbar und hat am Ende außerdem noch einen überraschenden Moment mit ihrem Vater. Şafak Şengül spielt Sema auf eine sympathisch aufgekratzte Weise, die gut in die herzerwärmende Tonlage des Films passt.
Foto: BR / kineo / Lars Nitsch
Ein enger Freund Mayas ist neben Sema noch der aus einer deutsch-vietnamesischen Familie stammende Kim (Viet Pham), der mit seiner Mutter Huyèn (Miriam Hie) eine Apotheke führt und sich als queere Person versteht, dies aber vor seiner Familie geheim hält. Als Maya ihm die Fingernägel bemalt, kommt dies einem Outing gleich. Warum die Maniküre hier zu einem Akt der Emanzipation wird, erscheint allerdings etwas behauptet. Denn von erdrückendem Traditionsbewusstsein ist weit und breit nichts zu sehen. Kims Großmutter Thao (Mai-Phuong Kollath) ist ohnehin eine großzügige Persönlichkeit. Maya, ihrem „besten Azubi“, schenkt sie sogar das gesamte Nagelstudio, das sie gerade aufgegeben hat, um 45 Jahre nach ihrer Flucht aus Vietnam das erste Mal wieder nach Saigon zu reisen. Weniger harmonisch geht es in Mayas eigener Familie zu. Doro (Anja Herden), die unter psychischen Problemen leidende Mutter von Maya, hat sich in ihre zunehmend verwahrlosende Wohnung zurückgezogen und lässt bald nicht einmal mehr die Tochter hinein. Maya sucht Rat bei ihrem weißen Vater Gregor (Thomas Limpinsel), der mittlerweile mit einer anderen Frau zusammenlebt, und der einzigen schwarzen Psychotherapeutin Münchens.
Für den Film nimmt ein, dass ernsthaft und überwiegend glaubwürdig von vielfältigen Biografien, verschiedenen Identitäten und Generationenkonflikten erzählt wird, ohne dass daraus ein trockenes Lehrstück mit erhobenem Zeigefinger geworden wäre. Das Milieu besteht nicht aus den gerne beschworenen Parallelgesellschaften, sondern bildet eine Realität ab, deren Vielfalt in Wahrheit nicht in simple Muster passt: Ihr Opa sei ein schwarzer GI gewesen, „ansonsten sind wir alle Münchenerinnen – erste Erwähnung 1615“, sagt Maya. Philips Mutter stammt aus Angola, sein Vater aus Leipzig. Der Film knüpft damit, wie der Titel „Damen“ schon vermuten lässt, an eine Art Vorgängerfilm an: Der für den Grimme-Preis nominierte Fernsehfilm „Herren“ (2020), deren Hauptcast erstmals im deutschen Fernsehen ausschließlich mit People of Color (PoC) besetzt war, war ebenfalls vom Bayerischen Rundfunk (BR) in Auftrag gegeben und von Peter Hartwig von Kineo Film produziert worden. Stefanie Kremser schrieb für beide Filme das Drehbuch, die Regie bei „Damen“ übernahm konsequenterweise mit Katharina Bischof ebenfalls eine Frau.
Foto: BR / kineo / Lars Nitsch
Der geschlechtsspezifische Perspektiv- und vielleicht auch der Schauplatzwechsel von Berlin in den Münchener Sommer sorgen dafür, dass die Tonlage leichter und harmonischer ausfällt. Die von Tyron Ricketts gespielte Hauptfigur Ezequiel bei „Herren“ ist eher ein typisch männlicher Einzelgänger, seine Probleme mit der eigenen Identität und die Erfahrungen mit dem Alltagsrassismus werden deutlich thematisiert. Auch Maya ringt noch mit offenen Fragen in Liebe, Familie und Beruf, aber allzu dramatische Ausschläge bleiben aus. Trotz des scharfen Konflikts mit ihrer Mutter Doro oder der Enttäuschung über den etwas unzuverlässigen Philip verliert Maja nie die Fassung und die Ruhe, wirkt erwachsener und offener als Ezequiel im „Herren“-Film.
Auch sonst ist der zweite Film weniger konfrontativ angelegt: Während bei „Herren“ rechtsextreme Schläger auftreten, ist die „Damen“-Version zwar nicht frei von typisch unbedachten, ausgrenzenden Aussagen im Alltag, aber der Münchener Stadtteil Sendling wird wie ein buntes, friedliches Viertel in Szene gesetzt. Dem Sexismus, dem insbesondere Frauen überall ausgesetzt sind, wird Rechnung getragen. Er bleibt aber auf wenige Bemerkungen beschränkt und letztlich Nebensache. Der Akzent wird deutlich verschoben, hin zu einer mal ernsthaften, mal sommerlich leichten Dramödie in einem solidarischen, multikulturellen Mikrokosmos. Angesichts der aktuellen Nachrichtenlage und Stimmung liefert das Drama einen höchst willkommenen optimistischen Entwurf. Und was hätte die Welt gerade nötiger als ein Happy End?
Foto: BR / kineo / Lars Nitsch

