In Filmen und Serien müssen typische Verlierer, zumal als Hauptfigur, Sympathieträger sein. Deshalb haben sie meistens einen Traum, an den sie mit rührender Hartnäckigkeit glauben. Die ZDF-Serie „Like a Loser“ (2023) mit Ben Münchow hat diese Geschichte als „Plötzlich Papa“-Komödie verpackt: Als seine Hoffnungen auf einen Durchbruch als Musiker platzen, muss Julian mit Anfang dreißig zurück zur Mutter aufs Land; von seiner Schulliebe erfährt er schließlich, dass er seit 15 Jahren Vater ist. Der Handlungskern der neunteiligen Netflix-Serie „Kacken an der Havel“ ist exakt der gleiche: Toni aus Brandenburg, knapp zehn Jahre älter als sein „Loser“-Bruder im Geiste, träumt von einer Karriere als Rapper, fristet sein Dasein jedoch als Pizzabäcker in Berlin. Als er eines Tages nach langer Zeit zum ersten Mal in sein Heimatdorf Kacken zurückkehrt, weil seine Mutter auf tragische Weise ums Leben gekommen ist, stellt sich raus, dass er einen dreizehnjährigen Sohn hat. Fortan kämpft der Junge vergeblich um die Aufmerksamkeit des Vaters: Ausgerechnet am Todestag der Mutter ist Toni bei einer Veranstaltung für Amateure entdeckt worden. Nun soll er innerhalb von zwei Wochen einige Songs abliefern, aber er hat in seinem ganzen Leben noch kein einziges Lied zu Ende getextet. Angesichts des Zeitdrucks befällt ihn prompt eine Schreibblockade. Dass er außerdem ein Meister der Prokrastination ist, macht die Aufgabe nicht leichter.
Foto: Netflix
Die ersten beiden Folgen erinnern an ein Fußballspiel, bei dem der Außenseiter zu Beginn ein derartiges Feuerwerk abbrennt, dass die Fans ahnen: Dieses Niveau lässt sich unmöglich neunzig Minuten lang durchhalten. Bei der Netflix-Serie verhält es sich ähnlich: Die Fülle von Informationen und das wahnwitzige Tempo lassen deutlich nach, dafür schiebt sich die trotz des Comedy-Genres durchaus zu Herzen gehende Beziehung zwischen Vater und Sohn ins Zentrum der Geschichte. Gewöhnungsbedürftig ist die überzogene Art der Darstellung. Doch irgendwann erkennt man, dass sie mit dem Dauerwitz-Gaga-Tonfall der Serie zu tun haben muss. Dimitrij Schaad als Tonis Stiefvater Johnny ist dennoch etwas over the top und bleibt bis zum Ende Geschmackssache. Der Hauptdarsteller der „Känguru“-Komödien“ (2020/22) ist gemeinsam mit seinem Bruder Alex der kreative Kopf hinter der Serie, Alex hat zusammen mit Jano Ben Chabaane Regie geführt. Die ersten Folgen erwecken den Eindruck, als habe das Duo Dimitrij nicht bremsen wollen: Johnny, eine nur schwer erträgliche Heulsuse, ist eine Lachnummer, nicht komisch, aber auch nicht glücklich. „Drüber“ sind nahezu alle Mitwirkenden, bei kleinen Rollen besitzt das einen eher schrägen Charme, so bei Veronica Ferres als schurkische Bürgermeisterin, die um sich einen gigantischen Personenkult etabliert hat, oder Edin Hasanovic als Hit-Produzent mit ausgeprägtem Faible für alles, was aus Gold ist. Diese Vorliebe teilt er zumindest hinsichtlich des Gebisses mit dem Boss der Plattenfirma, den Matthias Brandt mit ständig gebleckten Zähnen verkörpert. Gemessen an den dick aufgetragenen Nebenfiguren ist der von Anton „Fatoni“ Schneider fast schon stoisch verkörperte Toni so etwas wie das Auge des Sturms. Ähnlich sehenswert ist Sky Arndt als sein Sohn; der unglücklich in eine Cousine verliebte 13-jährige Charlie ist der einzige „Erwachsene“ in der ebenso vielköpfigen wie chaotischen Familie. Die immer wieder erklingende Stimme der Vernunft gehört hingegen Runa Greiner als Erzählerin. Sie spricht auch eine kleine Ente namens Tupac; Toni hat ihre Eltern auf dem Gewissen. Das Küken erinnert an animatronische Wesen aus billigen Horrorfilmen, aber seine Kommentare sind oft lustig.
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Und das sagen andere Kritiker:
„Gründe, die Serie einzuschalten, gibt es auch ohne Rap einige. Der groteske Witz, die liebevolle Ausstattung – und nicht zuallerletzt Veronika (sic!) Ferres. Dass wir das einmal schreiben würden, das hätten wir auch nicht gedacht.“ (FAZ)„Das ist manchmal ganz lustig, oft niedlich und fast immer seltsam. Man kann sich gut vorstellen, wie ein Haufen nicht ganz nüchterner Kindsköpfe acht (sic!) Folgen lang aus dem Lachen gar nicht mehr herauskommt. Ohne die Zuhilfenahme bewusstseinsverändernder Substanzen weiß man aber doch nicht so recht, wohin mit seinen Gefühlen im Angesicht dieser Parade der Eigenartigkeiten.“ (Süddeutsche Zeitung)
„Jede Gelegenheit, „Kacke“ zu sagen, wird genutzt … Eine gewisse humoristische Unerschrockenheit braucht man. Eine Rosa- und Türkisallergie darf man nicht haben. Das ist schrecklich und schick, grauenvoll und genial. Das hält man nicht aus und kommt davon nicht los. Und das sehen jetzt potenziell 190 Länder. Völker der Welt, schaut auf diese Serie. Das ist deutscher Humor.“ (Die Welt)
„Die Serie schraubt sich durch ihre Überdrehtheit in einen veritablen Wahnwitz hinein, der bestens zu unterhalten weiß und hinter der klamaukigen Oberfläche tiefgründige Themen wie Vater-Sohn-Konflikte, Stadt-Land-Gefälle, Ansprüche allerorten und die stets präsente Angst vor dem Scheitern umkreist.“ (Filmdienst)
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Die Handlung tritt schon mal auf der Stelle. Selbst die flotte Bildgestaltung mit Splitscreen und Jump Cuts kann nicht verhindern, dass sich einige Folgen ziehen, weil einzelne Kernideen zu breit ausgewalzt werden. Dass „Kacken an der Havel“ – Pipi wird gegen Ende auch noch eine Rolle spielen – trotzdem keine Zeitverschwendung ist, liegt an der kaum überschaubaren Vielzahl origineller Einfälle. Das gilt neben dem ungemein liebevoll arrangierten Szenenbild und gelegentlichen kunstvollen Übergängen vor allem für die selbstironischen Momente. Nicht selten offenbaren sich die Details erst auf den zweiten Blick: Toni soll sein Leben nach dem bereits fertigen Drehbuch eines „Biopics“ ausrichten, Axel Stein wird ihn verkörpern; allerdings hält sich seine Begeisterung in Grenzen, als er sieht, dass „MC Papa“ eine Netflix-Produktion sein wird. Wenn ihn seine Schwester (Jördis Triebel) anruft, erscheint auf dem Display die Info „Große Schwester, mit der ich kein gutes Verhältnis habe“. In seinem original erhaltenen Jugendzimmer stößt Toni auf eine VHS-Kassette, auf der eine in den Neunzigern ziemlich bekannte Klappmaulpuppe Tipps für eine Karriere als Rapper gibt; dummerweise hat er sie an der entscheidenden Stelle mit seinem Lieblingsfilm „Armageddon“ (2012) mit Bruce Willis überspielt. Später lässt ihn der Boss der Plattenfirma mit einer protzigen Limousine abholen; das Auto spricht zu seiner großen Freude mit Willis’ Stimme (Manfred Lehmann). Überraschend ist auch die Selbstironie, mit der sich Veronica Ferres in Szene setzen lässt. Die amüsantesten Gags sind allerdings rein optischer Natur. Mitunter ist das wie im Kinderfernsehen: Ein „großer Scheck“ ist in der Tat riesig, und wenn jemand als „Lappen“ bezeichnet wird, liegt da auch ein Lappen auf dem Stuhl. Pure Blödelei, aber trotzdem komisch. Kacken hat keinen Empfang, aber einen Hauptbahnhof, ein Laubbläsermuseum und eine Zucht für Steppenläufer, für die es sogar einen eigenen Zebrastreifen gibt. Auf der einzigen Straße nach Berlin steht ein entsprechendes Schild („Einzige Straße nach Berlin“). Sounddesign und Musik zeugen ebenfalls von großer Sorgfalt. Das Ende legt selbstredend eine Fortsetzung nahe.

