Eins ist mal sicher: „Etty“ zu schauen, ist ein Gewinn. Aber der Sechsteiler ist keine Serie, die man mal eben gemütlich „wegguckt“. Zu Beginn ist die Amsterdamer Slawistik-Studentin Etty Hillesum eine verunsicherte, mit Depressionen kämpfende junge Frau. Halt sucht sie bei älteren Männern, bei ihrem Vermieter Han Wegerif (Leopold Witte) und vor allem bei dem „Psychochirologen“ Julius Spier (Sebastian Koch). Seine Analysemethode Handlesen, manche Tagebucheintragung Ettys („Seine dunklen, trüben Augen, unglaublich klug, ruhen auf mir“) und eine distanzlose Übung zwischen dem Psycho-Guru und der jungen Frau lösen Irritationen aus – was aber im Grunde keine schlechte Ausgangsbasis für eine Serie ist, die sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt hat: die umfangreichen Schriften von Etty Hillesum in eine filmische Fiktion zu verwandeln. Die 1914 in Middelburg geborene Tochter eines Niederländers und einer Russin studiert nach ihrem Jura-Abschluss Slawistik und beginnt 1941 zur Überwindung einer persönlichen Krise mit einem Tagebuch, in dem sie die Schilderung des Lebens unter deutscher Besatzung mit intellektuellem Anspruch verbindet. „Das Schreiben ist das, was ich vom Leben will“, sagt sie. Nachdem sie eine Weile beim Amsterdamer Judenrat tätig ist, meldet sie sich freiwillig, um im Durchgangslager Westerbork die dorthin deportierten Menschen zu unterstützen.
Während Etty Hillesum in den Niederlanden, aber auch in anderen Ländern längst bekannt war, wurden ihre Schriften in Deutschland („Ich will die Chronistin dieser Zeit werden“, C.H. Beck Verlag, München) erst 2023 komplett veröffentlicht, „mit einer kaum begreiflichen Verspätung von fast 40 Jahren“, wie Elisabeth von Thadden in der „Zeit“ schrieb. Hillesums Gesamtwerk von fast tausend Seiten wurde von der Literaturkritik teils überschwänglich empfohlen. Die FAZ bezeichnete ihre Arbeiten als „Literatur von Weltrang“. Und die „Zeit“-Kritikerin schrieb: „Das Besondere an ihr ist allerdings nicht im Bekannten, sondern im Eigenwilligen und auch im Befremdlichen zu entdecken, im Unvergleichlichen eben. Diese Frau hat tatsächlich mit Herz, Leib und Seele gedacht.“ Natürlich drängt sich ein Vergleich zum Beispiel mit der in Amsterdam untergetauchten und später ermordeten Anne Frank auf, deren Tagebücher weltweit enorme Aufmerksamkeit erzielten. Allerdings ist Etty Hillesum mehr als 15 Jahre älter und schreibt auch ausführlich über ihre Beziehungen zu Männern, insbesondere zu Julius Spier. Somit wird der israelische Drehbuch-Autor und Regisseur Hagai Levi („In Therapie“) dem literarischen Erbe der Autorin durchaus gerecht, wenn er der Annäherung und Liebe zwischen Etty und Julius viel Zeit einräumt. Anfangs übt der charismatische Ältere großen Einfluss auf die verunsicherte, lebensmüde wirkende Jüngere aus. Doch später vertauschen sich die Rollen, dann ist Etty diejenige, die ihm die Hand liest. Ihre Liebe wird zu einer intellektuellen und spirituellen Beziehung auf Augenhöhe, innig und glaubwürdig gespielt von Julia Windischbauer und Sebastian Koch.
Foto: Arte France / Anne Wilk, Mark de Blok
Als historische Fiktion unterscheidet sich „Etty“ von den meisten Filmen und Serien über die Nazizeit fundamental, denn Levi verzichtet auf ein Szenenbild, das die 1940er Jahre nachbaut. Zwar ist das heutige Amsterdam die Kulisse, aber um ein authentisches Gegenwartsbild handelt es sich auch wieder nicht: So benutzt zum Beispiel niemand ein Handy oder einen Computer. Die faschistische Herrschaft wird anfangs nur angedeutet, das Gefühl der Bedrohung mit wenigen Mitteln heraufbeschworen. Wobei die beklemmende Atmosphäre mit den aus der Ferne zu hörenden Polizeisirenen, den gepanzerten Fahrzeugen auf der Straße und den Lautsprecherdurchsagen wie ein Zitat aus „The Handmaid’s Tale“ wirkt. Dass in Europa Krieg herrscht, wird praktisch vollständig ausgeblendet. Einmal donnern Düsenjäger über Amsterdam hinweg, und wenn Etty in der fünften Folge ein russisches Wiegenlied auflegt, in dem eine Mutter ihrem Sohn erklären muss, dass sein Vater im Krieg gefallen sei, denkt man gleichermaßen an Vergangenheit und Gegenwart. Insofern ist „Etty“ im Grunde in einer undefinierbaren Zeit angesiedelt, oder anders gesagt: in mehreren Zeiten zugleich, in der nahen Vergangenheit, in der Gegenwart und auch in einer dystopischen Zukunft.
Außerdem schildert Levi den zunehmenden Terror gegen die jüdische Bevölkerung ohne Nazi-Gebrüll und flatternde Hakenkreuzfahnen – nur die SS-Runen an den schwarzen Uniformen und später der gelbe Stern verweisen auf die 1940er Jahre. Stattdessen erzählt der Regisseur in eher leisen, eindringlichen Szenen davon, wie sich Ausgrenzung und Gewalt ausbreiten. So in der dritten Folge, in der Etty und Julius trotz des „Voor Joden verboden“-Schilds eine Apotheke betreten und dort von einem Kunden ruhig und scheinbar sachlich auf die neue Vorschrift aufmerksam gemacht werden. Oder zu Beginn der vierten Folge, in der Etty mal wieder auf dem Fahrrad zu sehen ist, als wäre es ein ganz normaler Tag. Doch dann fädelt sie sich in eine Gruppe ein, die immer größer wird und, sichtbar für alle, durch die Stadt zu einem gemeinsamen Ziel fährt. Die schweigende Menschenmenge überlässt dabei der Musik von Oscar-Preisträger Volker Bertelmann („Im Westen nichts Neues“) das Feld. Es bedarf in dieser Szene ohnehin keines Wortes und keiner physischen Gewalt, um Assoziationen zur mörderischen Vergangenheit zu wecken. Am Ziel angekommen, steigt Rauch aus Schornsteinen auf.
Foto: Arte France / Anne Wilk/Mark de Blok
Im Mittelpunkt aber steht jederzeit Etty Hillesum: Als Studentin, die der Selbstmord ihres vom neuen Regime entlassenen Professors schockt. Als Tochter, die mit ihrer russischen Mutter zweisprachig streitet, und als Schwester, die sich um ihren psychisch kranken Bruder sorgt. Als Freundin von Spiers Assistentin Lizzie (Claire Bender), die von ihrem Mann zur Flucht ins Ausland gedrängt wird. Schließlich als Büro-Angestellte in den überfüllten Gängen und Zimmern des Jüdischen Rats, wo die verzweifelten Menschen auf Schutz vor einer Deportation in den Osten hoffen. Die Bildgestaltung von Martijn van Broekhuizen arbeitet mit vielen Naheinstellungen – was man manchmal auch als etwas aufdringlich empfinden kann. So ist jedenfalls Julia Windischbauers Gesicht der eigentliche zentrale Ort des Geschehens, und wie sich darin die Entwicklung der Figur spiegelt, zeugt von der Qualität dieser jungen Schauspielerin, die die herausfordernde Rolle mit Präzision und Hingabe verkörpert.
Und dann ist da natürlich die Autorin Etty Hillesum, die mit zahlreichen Auszügen aus den Tagebüchern zitiert wird. Dabei tritt eine sensible, intelligente junge Frau hervor, die gleichzeitig auch in der Serie eine Figur bleibt, deren Besonderheit „im Eigenwilligen und auch im Befremdlichen“ liegt, wie die „Zeit“ einst schrieb. Das Befremdlichste ist weder das Handlesen noch ihre spirituelle Neigung oder die Liebe zu älteren Männern, sondern dass Etty gerade dann zu sich selbst findet und jede Angst verliert, als die Gefahren immer realer werden und der Tod immer näher rückt. Dank der Anstellung beim Jüdischen Rat entgeht sie vorerst der Deportation – und fühlt sich angesichts ihres Privilegs schuldig. Schließlich wählt sie freiwillig den Weg nach Westerbork, obwohl sie gleichzeitig unbedingt „das Leben nach dem Krieg erleben“ will, wie sie zu dem befreundeten Journalisten Klaas Smelik (Gijs Naber) sagt. Der emotionale Schlüsseldialog von Etty und Klaas über Gott und die „Kunst des Leidens“ gibt in der fünften Folge einen tiefen Einblick in ihre Gedankenwelt. „Mitunter kann die Art, wie man stirbt, der Welt auch etwas geben“, sagt sie. Und: Die Nazis seien keine Monster. Was sie abscheuliche Dinge tun lasse, „ist auch in uns, in uns allen Menschen“. Im September 1943 wurde Etty Hillesum gemeinsam mit den Eltern und ihrem Bruder Mischa von Westerbork aus nach Auschwitz deportiert, wo Etty am 30. November 1943 ermordet wurde. Ihre gesamte Familie kam in den Vernichtungslagern ums Leben.

