Louma – Familie ist kein Kinderspiel

Trystan Pütter, Timur Isik, Christian Schnalke, Mark Monheim. „Keiner von uns kriegt das alleine hin.“

Foto: WDR / Martin Menke
Foto Rainer Tittelbach

Ein Haushalt mit vier halbwüchsigen Kindern und zwei Männern, die kein trautes Liebespaar sind, sondern sich nicht ausstehen können. Die Frau, die jahrelang alles zusammengehalten hat, ist tot. Doch in diesem ungewöhnlichen WG-Konzept lebt die Verstorbene weiter: Ihr Ex, ein ordnungsliebender Mann der Tat, und ihr zweiter Mann, locker und nonchalant, werden sich künftig gemeinsam unter einem Dach um die Kids kümmern. Jetzt muss das Lebensmodell nur noch den Praxistest bestehen. „Louma – Familie ist kein Kinderspiel“ (WDR / Eikon Media) ist alles andere als eines jener TV-Dramaturgie-Monster, für die narrative Setzungen Selbstzweck sind. Der Film ist auch keine jener Dramödien, die Konflikte und Mentalitäts-Gegensätze gnadenlos anhäufen. Vielmehr geht es um die Gemeinschaft, den Zusammenhalt, das Familienexperiment. Bemerkenswert ist der feinsinnige, lange Atem der Geschichte: Erst nach und nach schält sich etwas mehr von der Vorgeschichte heraus. Die ganz großen Enthüllungen wird es zum Glück nicht geben. Die Geschichte lebt von vielen kleinen Momenten und Zwischentönen. Für den Zuschauer heißt das: Hingucken, Zuhören, sich auf so manches seinen eigenen Reim machen.

Ein Haushalt mit vier halbwüchsigen Kindern und zwei Männern, die kein trautes Liebespaar sind, sondern sich nicht ausstehen können. Wie konnte es zu dieser seltsamen Konstellation kommen? Beide liebten dieselbe Frau, Louma (Marie Nasemann); Tristan (Trystan Pütter) war ihr erster und Mo (Timur Isik) ihr zweiter Mann. Aus der ersten Ehe gingen Toni (Lola Höller) und Fabi (Noel Gabriel Kipp) hervor, sie 16, er 14, die zehnjährige Fritte (Emily Kaiser) und Nano (Michel Koch), acht, sind die Kinder von Mo. Die allseits geliebte Mutter Lou ist gerade erst bei einem Autounfall tragisch ums Leben gekommen. Für Tristan ist die Sache klar: Seine Kinder kommen zu ihm, basta! Doch die kennen ihren Workaholic-Vater – und weigern sich. Die vier Kinder, die seit Jahren zusammenwohnen, auseinanderzureißen, ist in der Tat keine gute Idee. Ob Tristan dies auch so sieht oder ob er nur seine Schuldgefühle lindern möchte, wird sich zeigen. Jedenfalls ist er – allen Animositäten Mo gegenüber zum Trotz – durchaus bemüht, den Familienfrieden zu wahren. Die unkonventionelle Lebenskünstlerin Lou hätte es so gewollt. Und mehr noch, in diesem ungewöhnlichen WG-Konzept lebt die Verstorbene weiter, bleibt Teil der Familie. Soweit die Theorie. In der Praxis sieht das alles nicht ganz so ideal aus: Die Aversionen sitzen tief, und Trauer wie Schuldgefühle müssen bewältigt werden.

Louma – Familie ist kein KinderspielFoto: WDR / Martin Menke
Auch die erste Ehe hatte so ihre Momente! Louma (Marie Nasemann) & Tristan (Trystan Pütter) in ihrem ersten eigenen Café.

„Wir würden uns gegenseitig umbringen“, orakelt einer der Streithähne noch zu Beginn von „Louma – Familie ist kein Kinderspiel“. Bei allen sechs reift allerdings zunehmend die Erkenntnis: „Keiner von uns kriegt das alleine hin.“ Die Rivalität der Männer ist natürlich nicht von Tristans Einzug an erledigt, mal tritt sie offen zu Tage, mal wirkt sie ätzend unterschwellig. Auch wenn der ebenso umtriebige wie ordnungsliebende Geschäftsmann alsbald den Anzug ablegt – er bleibt der Macher, der sein nonchalantes Gegenüber nicht ernst zu nehmen scheint. Schon alleine, wie der Garten aussieht: „Willst du da nicht mal was machen?“ Klare Antwort: „No.“ Mo wiederum geht Tristans Tatendrang auf die Nerven: „Langsam verstehe ich, dass Lou deine Nähe nicht mehr ertragen hat.“ Das hat gesessen. „Versuch ja nicht, deine Faulheit zur Tugend zu stilisieren“, schießt Tristan zurück. Später werden die Spitzen beiläufiger: „Sei doch froh, dass es was Leckeres gibt“, kommentiert der Mann der Tat, der partout den eigenen Geschmack seinen Kindern aufs Auge drücken will. Die Betonung von „Leckeres“ impliziert, dass die Suppe, die Mo gekocht hat, nicht lecker ist. Gewinner gibt es nach diesem Essen keine; denn es fehlt die Sojasauce und Nano schmeckt Sushi ohnehin nicht. Dass Tristan wenig über seine Kinder weiß und keine Ahnung hat, wie Teenager ticken, ist ein weiteres Motiv der Handlung. „Alle sitzen ständig in ihren Zimmern rum“, beschwert er sich. Jeder trauert auf seine Weise, und von Abnabelung hat der sich spät auf seine Vaterpflichten Besinnende offenbar noch nie was gehört. Auf der Zielgeraden schlagen die Wogen noch einmal hoch; das liegt an Mos depressiver Disposition und daran, dass brennende Kerzen mit Saugrobotern auf Kriegsfuß stehen. Und dass in einem Film mit kleinen Kindern mindestens eines für ein retardierendes Moment sorgt, indem es seine eigenen Wege geht, ist bekanntlich ein dramaturgisches Muss.

Louma – Familie ist kein KinderspielFoto: WDR / Martin Menke
Vieles, was Mo und die Kinder mit Lou verbindet, versteht Tristan nicht, beispielsweise die emotionale Bedeutung des vom Blitz getroffenen Baums. Ärger gibt es immer dann, wenn diese Intimitätscodes verletzt werden. Mos Liebe zu Lou ist noch greifbarer, näher, während Tristans Ehe Jahre zurückliegt; allerdings hat er keine neue Beziehung. Große Klasse: Trystan Pütter & Timur Isik

„Louma – Familie ist kein Kinderspiel“ ist jedoch alles andere als eines jener TV-Dramaturgie-Monster, für die narrative Setzungen Selbstzweck sind. Der Film ist – entgegen seines Untertitels – auch keine jener Dramödien, die Konflikte und Mentalitätsgegensätze gnadenlos anhäufen, der vermeintlich guten Unterhaltung wegen. Vielmehr geht es um die Gemeinschaft, den Zusammenhalt, das Familienexperiment und es geht um jeden in der Gruppe und weniger nur um die Väter. Im Laufe des Films verschieben sich denn auch die Probleme in Richtung auf die Kinder. So gibt sich beispielsweise Toni die Schuld am Tod ihrer Mutter, und Fritte treibt die kindliche Urangst um, sie könnte auch ihren Vater Mo verlieren; dies passiert zu einem Zeitpunkt, in dem der Zuschauer noch nicht weiß, dass sich Mo und Lou in der Psychiatrie kennen und lieben gelernt haben. Das gute Gespür von Kindern für emotionale Zwischentöne, ohne die Hintergründe vollständig verstehen zu können, wird hier ganz beiläufig ins Spiel gebracht. Bemerkenswert ist der feinsinnige, lange Atem der Geschichte: Erst nach und nach schält sich etwas mehr von der Vorgeschichte heraus. Wer hat wen verlassen und weshalb? Gab es Versuche von Tristans Seite, Lou während ihrer zweiten Ehe zurückzugewinnen? Welche Rolle hat Mo in der Patchworkfamilie die letzten Jahre übernommen? Und ist er tatsächlich der Loser, für den ihn Tristan und für den er sich selbst manchmal hält? Die ganz großen Enthüllungen wird es zum Glück nicht geben. Die Geschichte lebt von vielen kleinen Momenten und Zwischentönen. Manches aus der Vergangenheit wird an- und ausgesprochen, wie im Leben. Aber auch subjektive Rückblenden aus der Sicht der um ihre Liebe trauernden Männer geben dem Zuschauer Aufschlüsse über die Phasen beider Beziehungen. Das ist klug – weil man so als Zuschauer den Verlust besser begreifen kann. Wichtig dabei ist auch, dass Louma nicht nur eine schöngefärbte Projektion ist, sondern Marie Nasemann sie in wenigen Szenen so verkörpert, dass man die Einzigartigkeit dieser Frau spürt und versteht, welche Lücke sie hinterlässt.

Die Tonart, in der „Louma – Familie ist kein Kinderspiel“ erzählt ist, lässt von vornherein erahnen, dass diese sechs kleinen und großen Individualisten das irgendwann hinkriegen werden mit dem liebe- und respektvollen Umgang miteinander. Alleine schon der Kinder wegen ist ein Happy End erwünscht. Dem Zuschauer kommt dabei die Beobachterrolle zu: Man ist quasi Besucher im Haus dieser ungewöhnlichen Patchworkfamilie. Das ist nie wirklich aufregend, dramatisch oder existenzbedrohend. Aber genau das macht den besonderen Reiz dieses Films aus: Hingucken, Zuhören, möglicherweise übertragbare Beziehungsmuster erkennen – und auf einige Szenen der Vergangenheit sich seinen eigenen Reim machen. Die Männer-Charaktere mögen nah am Klischee gebaut sein, doch wie sich Tristan und Mo aus ihren festgefahrenen Rollenbildern lösen und Vorurteile aufgeben, ist das, was am Ende in dieser Geschichte zählt. Sich entschuldigen und sich bedanken können, das sind für Tristan, Mo & Co kleine Schritte mit großer Wirkung. Jene bereits erwähnten Dramödien tragen solche Botschaften auch häufig vor sich her. Doch wo diese eine dramaturgische Leichtbauweise bevorzugen, setzen Christian Schnalke, der aus seinem eigenen Roman das Drehbuch verfasste, und Regisseur Mark Monheim („Alles Isy?“), der nach viel Thrill & Crime endlich mal wieder einen realistischen Fernsehfilm voller Beziehungsalltag inszenieren konnte, ganz auf ihre Figuren. Dieser Blick in die Keimzelle der Gesellschaft ist luftig und sommerlich frisch erzählt. Wenn nur alle Keimzellen so klug wären wie diese Familie!

Louma – Familie ist kein KinderspielFoto: WDR / Martin Menke
Nach Tristans Einzug sitzen wenigstens mal alle zusammen am Tisch. Und die Kommunikation? Das wird schon! Es ist nicht nur der „neue Vater“, der plötzlich mitreden will, es ist vor allem auch der Verlust der Mutter, der alle sprachlos macht. Toni (Lola Höller), Fabi (Noél Gabriel Kipp), Fritte (Emily Kaiser), Nano (Michel Koch), Mo (Timur Isik). „Keiner von uns kriegt das alleine hin.“

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4 Antworten

  1. „Louma-Familie ist kein Kinderspiel“ ist ein berührender und tiefgründiger Film, der Humor mit Ernsthaftigkeit und einem ernsten Hintergrund vereint.
    Ich würde mir öfters Filme dieser Kategorie im Fernsehen wünschen, auch mit weiteren ernsten Themen und Tragik. Ich wünsche mir mehr Filme wie: „Die Welt steht still“ (ZDF), „Aus dem Leben“ (ARD), „Allein zwischen den Fronten“ (ZDF) oder „Louma“.

  2. Der Film „Louma-Familie ist kein Kinderspiel“ verarbeitet die Trauer um die verlorene Partnerin und Mutter auf eindrucksvolle Art und Weise. Sehr bewegend und excellent verkörpert.
    Warum gibt es nicht öfters Filme dieses Genres? Stattdessen gibt es fast nur noch Krimis, Quizshows oder Talentshows. Dabei sind diese Art von Filmen für uns alle wertvoller und wichtig.
    Ich würde mich sehr über eine Chronik der gesamten Corona-Pandemie in Tragikspielfilmform freuen (ähnlich dem Spielfilmdrama „Die Welt steht still“, doch dieses mal über alle Phasen der Pandemie, auf Deutschland bezogen). Z.B. der erste Lockdown mit den täglichen Pressekonferenzen von Prof. Wieler, dem Tönniesskandal, der versuchten Erstürmung des Reichstagsgebäudes, dem 2. Lockdown, mit dem schlimmen Weihnachtsfest 2020 (wo unglaublich viele Menschen an Corona verstarben), dem Impfen, dann im Sommer glaubten wir, wir hätten die Pandemie überstanden, doch dann folgte im Sommer 2021 die DELTA-Variante und die Infektionszahlen stiegen wieder. Im Herbst 2021 hielt Prof. Wieler seine Brandrede und kurz darauf startete „die Operation Kleeblatt“ (dort wurden Coronapatienten, die z.B. in Bayern kein Beatmungsbett mehr bekamen, weil die Krankenhäuser mit Corona-Patienten überfüllt waren, mit Hilfe der Luftwaffe in andere Krankenhäuser innerhalb Deutschlands ausgeflogen)…..bis zum heutigen Tag mit Long Covid usw. Das alles könnte man aus unterschiedlichen Perspektiven darstellen, angefangen von der Politik, über das RKI, die Ärzte und Pflegekräfte in den Krankenhäusern…bis zu uns (vom Querdenker bis zum Kind).

  3. „Louma-Familie ist kein Kinderspiel“, Filme, die es öfters braucht im deutschen Fernsehen. Schade, wenn wir mit Krimis „überflutet werden“ oder mit Filmen, bei denen das Niveau „auf der Strecke bleibt“. Dabei gibt es viel Potenzial für Filme und Serien mit einem ernsten, realistischen und authentischen Backround, so wie eben „Louma-Familie ist kein Kinderspiel“.
    Sehr gerne würde ich eine Serie zur COVID-Pandemie im Fernsehen sehen. Ich würde gerne Filme wie den Kinofilm „Heldin“ im Fernsehen sehen können. Ich würde gerne Filme über aktuelle Themen, wie Angriffe auf die Polizei und die Rettungskräfte an Silvester oder am 1. Mai sehen können…….
    Danke für den Film „Louma-Familie ist kein Kinderspiel“. Ein Highlight unter wenigen Filmen.

  4. Ein unglaublich bewegender Film „Louma-Familie ist kein Kinderspiel“. Jede Rolle wurde optimal besetzt und ausgefüllt. Der plötzliche und tragische Tod wurde mit Witz und Charme, aber auch gleichzeitig mit Traurigkeit und Nachdenklichkeit gepaart.
    Wenn ich Wünsche frei hätte so würde ich mir mindestens einmal im Monat einen Film mit diesem Hintergrund im Fernsehen wünschen. Ich wünsche mir eine Serie über die SARS-CoV-2 Pandemie, vielleicht sogar eine 5. Staffel der ARD-Serie „Charité“ über alle Ereignisse der Pandemie aus unterschiedlichen Blickrichtungen.
    Ich wünsche mir Filme über die Amokfahrt von Magedburg. Ich wünsche mir Filme über Angriffe auf Bahnmitarbeiter, die Polizei, die Rettungskräfte usw. Über Armut, auch bei uns in Deutschland. Wir brauchen mehr Filme mit aktuellen und wichtigen Themen. So leidet meine jüngste Tochter seit 4 Jahren unter Post-COVID, auch das wäre ein Filmthema.

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Fernsehfilm

WDR

Mit Trystan Pütter, Timur Isik, Marie Nasemann, Lola Höller, Noel Gabriel Kipp, Emily Kaiser, Michel Koch, Pablo Vuletic, Annabelle Mandeng

Kamera: Markus Schott

Szenenbild: Alexander Scherer

Kostüm: Sandra Jones

Schnitt: Ina Tangermann

Musik: Vanessa Donelly

Soundtrack: The Baboon Show („Radio Rebelde“, „Rolling“)

Redaktion: Elke Kimmlinger

Produktionsfirma: Eikon Media

Produktion: Mario Krebs, Tina Schröder

Drehbuch: Christian Schnalke – nach seinem gleichnamigen Roman

Regie: Mark Monheim

Quote: 2,70 Mio. Zuschauer (12% MA)

EA: 18.03.2026 10:00 Uhr | Arte-Mediathek

weitere EA: 25.03.2026 20:15 Uhr | ARD

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