Vermutlich hat es sich nicht exakt so zugetragen, wie der Hinweis „Based on a true Story“ nahelegt, aber wen interessiert das schon: Die erste deutsche Eigenproduktion des Streaming-Angebots HBO Max ist derart raffiniert konzipiert und so mitreißend umgesetzt, dass die gut drei Stunden förmlich verfliegen. Das liegt neben den Drehbüchern von Bernd Lange nicht zuletzt an den ausnahmslos ausgezeichneten jungen Mitwirkenden. Sie bilden ein Sextett, dessen raffinierte Raubzüge die Polizei zum Gespött der Boulevardpresse werden lässt. Die Geschichte ist ähnlich clever wie der Titel, denn die vier arbeiten alle in verschiedenen Filialen einer Berliner Regionalbank: vom Banker zum Gangster gleich „Bankster“.
Foto: HBO Max
Mastermind hinter den Überfällen ist Yusuf (Eren M. Güvercin), ein hochintelligenter Überflieger, dessen kriminelle Energie geweckt wird, als er getreu des berühmten Brecht-Zitats („Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“) erkennt, wo die wahren Verbrecher sitzen: Die Hausbank hat seinem Vater (Numan Acar) gleich mehrere Kredite aufgeschwatzt; insgesamt schuldet er ihr 120.000 Euro. Weil dem System von außen nicht beizukommen ist, versucht’s Yusuf von innen und bewirbt sich um eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Sein schmieriger Chef (Bernd Hölscher) betraut ihn mit einer Spezialaufgabe. Er soll die „Ölaugen“, mit denen Yusuf dank seiner anatolischen Wurzeln Türkisch sprechen kann, über den Tisch ziehen: keine Kontoeröffnung ohne Bausparvertrag. Nebenbei baldowert er einen Plan aus, wie sich die Schwachstellen der Bank ausnutzen lassen. Gemeinsam mit zwei weiteren Azubis, zu denen sich später noch eine Kollegin gesellt, erleichtert er die jeweiligen Filialen des Quartetts um beträchtliche Beträge, die sich schließlich auf über eine Million Euro summieren.
Foto: HBO Max
Lange war unter anderem maßgeblich an den Drehbüchern zu Hans-Christian Schmids ARD-Miniserie „Das Verschwinden“ (2017) über die verzweifelte Suche einer Mutter nach ihrer Tochter beteiligt; in der Serie „Das Netz“ (2022, ARD) hat er das Milliardengeschäft Fußball entlarvt. Er hätte die Geschichte über die jungen „Banksters“ (sie spielt im Jahr 2004) auch chronologisch erzählen können, aber seine Struktur ist viel spannender. Die eigentliche Handlung beginnt mit Yusufs spektakulärer Verhaftung auf dem Fußballplatz: Kommissar Kramer (David Ruland) lässt ihn noch im strömenden Regen ein famoses Freistoßtor schießen, dann nimmt er ihn mit. Seiner Anwältin (Regine Zimmermann) berichtet der junge Mann, was sich in den vergangenen achtzehn Monaten zugetragen hat. Allerdings treibt Lange ein durchtriebenes Spiel mit dem Publikum: Die gern in Pastellfarben getauchten Rückblenden erzählen oftmals nicht die ganze Wahrheit, was mehrfach zu verblüffenden Erkenntnissen führt, wenn sich offenbart, wie die Sache weitergegangen ist.
Natürlich sorgen die Überfälle für ordentlich Nervenkitzel; tatsächlich ist die Abenteuerlust bei einigen Mitgliedern der Bande sogar das eigentliche Motiv. Über allem schwebt jedoch eine Frage: Wer hat Yusuf verraten? Kramer konnte ihn nur verhaften, weil die Polizei einen anonymen Tipp bekommen hat. Außer diesem Hinweis und einem Video, auf dem der junge Mann mehr schlecht als recht zu erkennen ist, hat der Kommissar jedoch nichts in der Hand. Der Beamte, guter Bulle und böser Bulle in einer Person, ist im Gegensatz zu seiner klugen Kollegin (Lisa Hrdina) ohnehin nicht der Hellste, und auch das ist, wie sich am Ende zeigt, Teil einer ausgeklügelten Strategie. Mehr und mehr in den Mittelpunkt rückt jedoch Yusufs ältere Schwester.
Foto: HBO Max
Selda (Anna Bardavelidze) ist überzeugt, dass ihr Bruder von einer Person aus der Gang verpfiffen wurde. Die entsprechenden Gespräche nutzt Lange, um den Rest der Bande näher vorzustellen: Steven (Michelangelo Fortuzzi) kümmert sich um seine depressive Mutter, die seinen Anteil buchstäblich zum Fenster rauswirft, Malte (Merlin Goller von Garnier) betrachtet die Überfälle als Rache am Übervater (Andreas Pietschmann) und hat die Kohle verzockt, Melanie (Maria Dragus) sucht schlicht nach einem Kick in ihrem ereignisarmen Leben und hat das Geld auf denkbar doofe Weise entsorgt. Wirklich kriminell ist allein Yusufs Kick-Kumpan Cem (Omid Memar), aber der würde aus Loyalität eher selbst in den Knast gehen. Später stößt auch noch Maltes Schwester (Zoe Fürmann) dazu; auf diese Weise kann Lange seine Geschichte um eine Romanze bereichern.
Neben der Konzeption sowie dem imposanten Tempo, an dem die enorm schmissige Musik von Robert Henke (alias Schallbauer) und Stefan Will großen Anteil hat, beeindruckt „Banksters“ vor allem durch die Führung der jungen Ensemblemitglieder durch das Regieduo Gregor Schnitzler und Cüneyt Kaya; gerade die Leistung von Eren M. Güvercin ist herausragend. Preiswürdig ist auch das Drehbuch, zumal Lange es am Ende noch mal richtig spannend macht. Die Schlusspointe ist ein echter Clou.

