Eine Nacht in Bangkok

Désirée Nosbusch, Matthias Brandt, Ramesh, Kaufmann. „Ich war mal dein Freund; ich werd’s immer bleiben“

23.09.2026 20:15 ARD TV-Premiere
23.09.2026 20:15 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
24.09.2026 00:15 ARD
Foto: NDR / Craubner+Hartmann / Stephan Rabold
Foto Rainer Tittelbach

Ein vor zehn Jahren im Zorn auseinandergegangenes Ehepaar ist gezwungen, sich seiner Tochter zuliebe wieder zusammenzuraufen. Sie ist den beiden fremd geworden. Um dies verstehen zu können, treten sie eine Reise in die eigene Vergangenheit an, erinnern sich an eine Zeit, in der sie glücklich waren, sich liebten und noch miteinander getanzt haben. Sie erkennen schließlich, was es – auch über eine Scheidung hinaus – bedeutet, eine liebevolle Familie zu sein. Drehbuchautor Sathyan Ramesh und Regisseur Rainer Kaufmann erzählen in „Eine Nacht in Bangkok“ (NDR / Bavaria Fiction) erfreulich erwachsen – sprich: psychologisch tief, ironisch, auf der Zielgeraden angenehm (alters)milde und mit leichter Hand. Das großartige Duo Nosbusch/Brandt agiert ohne jeden romantischen Schmus. Das anfängliche Zelebrieren einer Nicht-Beziehung hat eher etwas Tragikomisches. Die Intelligenz dieser beiden Charaktere verhindert läppische Interaktionen, fade Dialoge sowie eine Dramaturgie, von der sich die Figuren fernsteuern lassen, sie schützt allerdings nicht vor Konflikten, im Gegenteil. Der Titelsong ist eine Frage des Geschmacks, die Qualität dieses lebensklugen Films ist es nicht: ein seltenes Highlight!

Unverhofft werden Katharina (Désirée Nosbusch) und Hektor (Matthias Brandt) aus ihrem Alltag gerissen. Ihre gemeinsame Tochter Lilith (Clara Vogt) sitzt in U-Haft. Emotional kaum weniger belastend ist der Umstand, dass sich das geschiedene Paar das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen hat. Und jetzt die Wiederbegegnung ausgerechnet im Warteraum eines Untersuchungsgefängnisses. Die Trennung verlief damals unschön, vor allem Katharina kann und will ihre Aggressionen gegenüber ihrem Ex nicht verbergen. Einig sind sich die beiden anfangs allein darin, dass sie einen Justizirrtum vermuten. Doch Lilith wird dreier Einbrüche in Wohnhäuser beschuldigt, erbeutet habe sie dabei wertvollen Schmuck: kein Kavaliersdelikt, bis zum Haftprüfungstermin bleibt sie deshalb inhaftiert. Hektor baut auf eine befreundete Top-Anwältin (Kim Riedle); doch sämtliche Indizien sprechen gegen Lilith. Und so versuchen die Eltern in der Zwischenzeit, mehr herauszubekommen über den Vorfall und das Leben, das ihre Tochter führt. Seit Katharina nach Hamburg gezogen ist, sind Treffen selten geworden. Hektor, der wie Lilith in Berlin lebt, hatte häufiger Kontakt zu ihr, aber bis in ihr WG-Zimmer hat er es in den letzten Jahren auch nicht geschafft. Jetzt stehen die Eltern mittendrin – und sind baff: Psychologiestudium geschmissen, teure Designerklamotten; auch von ihrem fotografischen Talent wussten sie nichts. Sehr viel mehr über sie weiß auch ihr Mitbewohner (Danilo Kamperidis) nicht. Reden ist offenbar keine Stärke dieser Familie. Die Expertin für Yoga und der Mann, der vornehmlich für das Seelenheil seiner Gemeinde sorgt, sind wohl doch nicht die guten Eltern gewesen sind, für die sie sich vor ein paar Tagen noch gehalten haben. Auf den Spuren ihrer fremden Tochter treten sie eine Reise in die eigene Vergangenheit an und erkennen, was es – auch über eine Scheidung hinaus – bedeutet, eine liebevolle Familie zu sein.

Doris Zander erhielt für „Eine Nacht in Bangkok“ beim Filmfest München 2026 den Bernd Burgemeister Fernsehpreis.

Eine Nacht in BangkokFoto: NDR / Stephan Rabold
Die Eltern (Matthias Brandt, Désirée Nosbusch) im Wettstreit um Lilith (Clara Vogt): Wer tröstet besser? Wer zeigt mehr Liebe?

Am Anfang von „Eine Nacht in Bangkok“ stand für Drehbuchautor Sathyan Ramesh ein Bild: „ein ehemaliges, mittelaltes Paar, das zu dem für mich seltsamsten 80er-Jahre-Hit in der gutbürgerlichen Disco eines vorstädtischen VertreterInnenhotels miteinander tanzt“, sagt er im Presseheft-Interview. Weitere Motive, die um den von Regisseur Rainer Kaufmann im Film sinnlich und unbeschwert umgesetzten Tanz kreisen, sind das Wiedersehen einer früheren Liebe, die langsam aus der Gefrierschockstarre erwacht und die nach diversen Verletzungen (sie hat ihn mehrfach betrogen, er sie dafür rachsüchtig von der Kanzel herab gedemütigt) aus einer verhassten verflossenen Beziehung endlich in die Phase der Freundschaft übergeht. Das alles ist erfreulich erwachsen erzählt – sprich: psychologisch tief, voller ironischer Spitzen, auf der Zielgeraden angenehm (alters)milde und von leichter Hand inszeniert. Désirée Nosbusch und Matthias Brandt agieren ohne jeden romantischen Schmus. Das anfängliche Zelebrieren ihrer Nicht-Beziehung hat eher etwas Tragikomisches, bevor die beiden im Schlussdrittel ernsthaft miteinander reden. Anfangs verbittet sich Katharina das „Wir“. Wenig später spricht Hektor von „Wir sind zusammen gefragt“, was seine Ex sofort berichtigt: „Wir sind beide gefragt.“ Das sind winzige sprachliche Nuancen, in denen sich beiläufig etwas von der einstigen Beziehung der beiden spiegelt: Sie, die macht, er, der wartet(e), dass sie macht, oder auf Gott vertraut oder auf eine Anwältin. Dazu passen denn auch die Bilder: Sie, die mit dem Cabrio angerauscht kommt, er, der gerne schläft oder herumsteht, nachdenklich vor dem JVA-Gebäude oder zu Beginn, heimlich hinter dem Altar, die Lippen am Messwein. Die Bilder der zarten Annäherung der beiden sind ebenso gelungen: „Keine Berührungen, keine Umarmungen“, heißt es in der JVA. Gleiches gilt zunächst auch für die Eltern. Doch später liegt sein Kopf auf ihrer Schulter, gibt er ihr einen Abschiedskuss, schläft er in ihren Armen ein.

Eine Nacht in BangkokFoto: NDR / Stephan Rabold
Ikonografie der Annäherung. Oben: immerhin schon mal einen Platz weitergerückt in Richtung der Ex. Unten: One Night, nicht in Bangkok, sondern in einer biederen Diskothek eines VertreterInnenhotels. Einmal mehr zum Niederknien: Nosbusch & Brandt

Das stets Erfreuliche an Rameshs Drehbüchern sind Charaktere, deren IQ weit über dem Durchschnitt liegen. Das verhindert gleichsam läppische Interaktionen, fade Dialoge sowie eine Dramaturgie, von der sich die Figuren fernsteuern lassen. Dass Intelligenz aber nicht vor Konflikten schützt, im Gegenteil, der Kopf die meisten Übel (nicht nur in Film oder Literatur) noch komplizierter macht: Dieser Widerspruch gebiert oft die schönsten Geschichten. Außerdem befindet sich das Erzählte auf der Höhe des aktuellen Beziehungsdiskurses. Dass Ramesh Frauen möglicherweise für das „bessere“ Geschlecht hält, zumindest aber für das interessantere oder lebensfähigere, hat er jedenfalls mit dem Zeitgeist gemein. Es ist wunderbar zu sehen, wie das Spiel von Nosbusch und Brandt in diesem alltagsnahen Beziehungsmuster aufgeht. Gleichzeitig besitzen beide Charaktere/Schauspieler auf ihre Art, etwas nicht nur oberflächlich Attraktives. Hektor hat die Trennung trotz neuer Partnerin (Bettina Lamprecht) mit Kind nicht gut verkraftet, wirkt lustlos und als Ersatz-Papa überfordert. Katharina kommt offenbar besser zurecht, aber die Beziehung zu ihrem neuen Mann (Aleksandar Jovanovic) scheint bereits in die Jahre gekommen zu sein. Von ihm kommt der erste Satz im Film: „Wir sollten mal wieder Sex haben.“ Darauf sie: „Wieso?“ Es sieht so aus, als würde sich das Manko der alten Familie in den neuen Beziehungen fortschreiben. Sich zu wenig interessieren für die Belange des anderen. Sich anschweigen, bis es nicht mehr geht. Doch vielleicht nehmen beide etwas mit in ihre neuen „Familien“ von der erfahrungsintensiven Begegnung mit dem Ex-Partner und dem ersten ernsthaften Austausch mit der Tochter, die – ihrer Schuld zum Trotz – endlich das Gefühl haben kann, nicht mehr allein zu sein.

Soundtrack: Daniel Norgren („Howling Around My Happy Home“), George Baker Selection („Little Green Bag“), Michael Kiwanuka („One More Night“), Booker T. & The M.G.’s („Green Onions“), Paul Simon („50 Ways To Leave Your Lover“), Fleetwood Mac („Dreams“), Murray Head („One Night in Bangkok“). Leise im Hintergrund: Edwyn Collins („A Girl Like You“), Culture Club („Karma Chameleon“), Depeche Mode („I Can’t Get Enough“) und Abba („Lay All Your Love On Me“)

Eine Nacht in BangkokFoto: NDR / Stephan Rabold
Bizarr-apokalyptisches Ambiente. Endlich sprechen Katharina (Désirée Nosbusch) & Hektor (Matthias Brandt) über ihre gegenseitigen Verletzungen. Die Bildebene des Films spiegelt wunderbar den jeweiligen Stand der Beziehung der beiden.

Diese Lilith ist dramaturgisch das Medium, das die Eltern wieder zusammenbringt, ist aber mehr als nur ein Katalysator für diese Wiederbegegnung, diese heilsame Erinnerungsarbeit: Durch sie vermittelt die Geschichte ein Bild von Familie, wie es sich zu häufig in der Realität zeigt, und eines, wie es sein sollte. Das Abdriften in die Kriminalität ist ein Umweg, ein Mittel zum Zweck, entsprechend interessiert in „Eine Nacht in Bangkok“ der juristische Ausgang dieses kriminellen Ausrutschers nicht. Tröstliche Sätze wie „Du bleibst nicht mehr allein“ oder „Ich war mal dein Freund; ich werd’s immer bleiben“ werden stattdessen im Gedächtnis der Zuschauer hängenbleiben. Ebenso wie viele Bilder: die bizarren, gespenstigen Bäume am Meer, ein Traum in einem lichten Birkenhain, das Spiel zwischen Nähe und Distanz im Warte- wie Besuchsraum der JVA. Der Film fließt von Bewusstseinsstufe zu Bewusstseinsstufe der beiden Hauptcharaktere ebenso stimmig wie stimmungsvoll voran. Nach 30 Minuten hat Katharina die erste Lektion gelernt: „Wie geht es dir?“, fragt sie Hektor nach dem niederschmetternden Intermezzo in Liliths WG. „Ich weiß nicht, ich hab‘ keine Ahnung.“ 40 Filmminuten später wissen beide zumindest mehr, was ihre verlorene Beziehung angeht. Beide haben getrunken, sie im Hotelzimmer geraucht, jetzt tanzen sie. Erst nimmt er ihre, dann sie seine Hand. „One Night in Bangkok“ – in dem Song geht es eher weniger um die thailändische Metropole, im Film „Eine Nacht in Bangkok“ offensichtlich noch viel weniger. Eher geht es um die Erinnerung an eine Zeit, in der man miteinander getanzt hat, glücklich war, sich geliebt hat. Warum es ausgerechnet dieser blödsinnige Song im Film sein musste? Sathyan Ramesh gibt die Antwort: „Ich habe das Lied damals sofort geliebt und liebe es bis heute. Es hat Schmiss und so eine schepperige Beklopptheit wie kaum ein anderer Song.“ Mag sein, nur, nach dem Film kriegt man diesen bekloppten Hit nicht mehr raus aus dem Ohr.

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Fernsehfilm

NDR

Mit Désirée Nosbusch, Matthias Brandt, Clara Vogt, Kim Riedle, Danilo Kamperidis, Bettina Lamprecht, Susanne Wuest, Aleksandar Jovanovic

Kamera: Martin Farkas

Szenenbild: Monika Nix

Kostüm: Maria Schicker

Schnitt: Julia Steinke

Musik: Ali N. Askin

Redaktion: Christian Granderath, Philine Rosenberg

Produktionsfirma: Bavaria Fiction

Produktion: Doris Zander

Drehbuch: Sathyan Ramesh

Regie: Rainer Kaufmann

EA: 23.09.2026 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 23.09.2026 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

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