„Das Festmahl der Mörder hat begonnen“, bemerkt Marleen Baumann (Jeanette Hain) sarkastisch. „Nie und nirgends kann so fröhlich gewütet werden wie in den Sternstunden der Nation.“ Gerade hat die Nachricht, dass Adolf Hitler tot ist, Prag erreicht. Die Situation ist explosiv: Anfang Mai 1945 ist die ehemalige tschechoslowakische Hauptstadt noch von deutschen Truppen besetzt, die auf ihrem Rückzug verbrannte Erde hinterlassen könnten. Gleichzeitig will der tschechische Widerstand mit einem Aufstand Zeichen setzen, ehe alliierte Armeen Prag erreichen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Miniserie „Sternstunde der Mörder“ bereits in der dritten von vier Folgen angekommen. „Gewütet“ wird freilich von Beginn an, nicht nur wegen der häufigen Luftangriffe: Nach ihrem Besuch auf dem Friedhof wird die Witwe eines deutschen Generalobersts in ihrer Wohnung überfallen. Den Täter, gewohnt furchterregend gespielt von Gerhard Liebmann, kennt das Publikum somit seit der Eingangsszene. Antonin Rypl – der klingende Namenswitz ist nicht lustig, sondern eher eine unangemessene Untertreibung – tötet die Witwe und entnimmt ihr das Herz. Bald darauf ermordet er eine zweite Frau, diesmal ist sein Opfer eine Tschechin.
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Erfreulich ist allemal, dass ein (ost-)europäischer Schriftsteller wie Pavel Kohout durch die Verfilmung die gebührende Aufmerksamkeit erhält. Kohout, 1928 in Prag geboren, 1968 einer der Wortführer des „Prager Frühlings“, später als Mit-Autor der „Charta 77“ aus der kommunistischen Tschechoslowakei nach Österreich ausgebürgert, veröffentlichte den Roman „Sternstunde der Mörder“ Mitte der 1990er Jahre. Erstaunlich, dass es 30 Jahre dauerte, ehe diese spannende Mischung aus Krimi und zeitgeschichtlichem Drama verfilmt wurde. Vermutlich dürfte der Erfolg von „Babylon Berlin“ eine Rolle gespielt haben, bei dem allerdings die Kriminalromane von Volker Kutscher noch einmal in eine ganz eigene Serien-Welt überführt wurden. Insofern kommt die deutsch-österreichisch-tschechische Miniserie „Sternstunde der Mörder“ nahezu bescheiden daher – und kann als Beweis dafür dienen, dass auch ein Vierteiler das richtige Maß für einen anspruchsvollen historischen Stoff sein kann. Was nicht automatisch bedeutet, dass hinter den Kulissen alles harmonisch und reibungslos abgelaufen sein muss, zumal hier gleich mehrere Redaktionen involviert waren. Als Drehbuch-Autor wird Klaus Burck angegeben. Den Namen verwendet der vielfach ausgezeichnete Holger Karsten Schmidt („Die Toten von Marnow“, „Gladbeck“, „Auf kurze Distanz“) zumeist dann als Pseudonym, wenn er mit dem filmischen Endergebnis nicht zufrieden ist. Auf der fachkundigen Webseite crew-united.de wird Florian Plumeyer als „Drehbuchbearbeiter ab der vierten Drehbuchfassung“ angegeben.
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Wie auch immer: „Sternstunde der Mörder“ kommt als spannender, dicht und bewegend erzählter Vierteiler auf den Bildschirm, der sich auf einen Zeitraum von wenigen Wochen konzentriert – und mitten hineinführt in eine gemeinsame deutsch-tschechische Vergangenheit, ohne ins Gefällige abzugleiten oder aufdringliche Belehrung zu bieten. Die grausigen Serienmorde fallen in eine Zeit von Krieg und Staatsterror, in der das Leben eines Einzelnen wenig zählt. Im Roman von Pavel Kohout wie auch in den Filmen wird also das individuelle dem organisierten Massentöten gegenübergestellt. Ein simples Gut-Böse-Schema wird allerdings nicht geliefert. Zwar lässt „Sternstunde der Mörder“ keinen Zweifel an einer antifaschistischen Haltung, erzählt aber zum Beispiel auch von gewaltsamer Rache, die Tschechen an einer wehrlosen Deutschen nehmen. Der schlimmste Serienmörder ist allerdings Standartenführer Meckerle (Devid Striesow), der weniger an der Aufklärung der Frauenmorde interessiert ist, sondern daran, die Namen jener in Erfahrung zu bringen, die bei der tschechischen Polizei an der Planung eines Aufstands beteiligt sind. Deshalb beauftragt er Kriminaloberrat Erwin Buback (Nicholas Ofczarek) damit, dem Kommissar Jan Morava (Jonas Nay) bei den Ermittlungen auf Schritt und Tritt zu folgen. Striesow spielt den deutschen Befehlshaber meist als brüllendes Nazi-Klischee. Das ist nicht sehr originell, allerdings glaubt man Striesow den Schurken unbedingt. Meckerle will am Ende Prag dem Erdboden gleich machen – aus Hass, Verachtung und auch aus verletzter männlicher Eitelkeit, denn seine Affäre Marleen Baumann, eine elegante Schauspielerin vom Deutschen Theater in Prag, verliebt sich in Buback.
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Die Besetzung ist prominent und erstklassig, wenn auch nicht sehr überraschend: Jeanette Hain ist in der Rolle der spitzzüngigen Diva ebenso eine sichere Bank wie Striesow als aufgeblasener Nazi-Fiesling. Außerdem wandert Gerhard Liebmann ganz ähnlich wie vor einigen Jahren in der ORF-Serie, die Fritz Langs Filmklassiker neu auflegte, als eine Art zweiter „M“ durch Prag – eine Stadt, die hier allerdings noch mit anderen Dingen beschäftigt ist, als einen Mörder zu suchen. Die düstere, manchmal arg neblige Bildgestaltung von Philip Peschlow verstärkt dieses Déjà-vu. Und auch der undurchsichtige Buback ist für den wuchtigen Österreicher Ofczarek eine Paraderolle, die entfernt an den Kommissar Gedeon Winter aus der preisgekrönten Serie „Der Pass“ erinnert (deren dritte Staffel ebenfalls von Christopher Schier inszeniert wurde). Wie Winter ist Buback der Typ, der ein mehrdeutiges Spiel zwischen den Fronten spielt. Hier tritt er – auch visuell – nach und nach aus dem Schatten. Anfangs eher wortkarger Beobachter, veranlasst den Gestapo-Beamten Buback die Liebe zu Marleen Baumann und sicher auch die aussichtslose Lage der deutschen Besatzer und der eigene Überlebenswille, sich auf die Seite der Tschechen zu schlagen. Wie aktuell dieser historische Roman-Stoff Kohouts ist, verdeutlicht der folgende Buback-Satz: „Wir glauben, dass einige Wenige ein einfaches Rezept für die Zukunft haben. Dabei schreien sie nur lauter und länger, bis sich ihnen die Verzweifelten anschließen.“
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Ein besonderer Fall ist die Besetzung der Hauptrolle des tschechischen Kommissars Jan Morava mit Jonas Nay, der einem Teil des Publikums ebenfalls aus anderen historischen Serien bekannt sein dürfte. In „Deutschland 83“, „Deutschland 86“ und „Deutschland 89“ wirbelte er als DDR-Spion einigen Staub in der deutsch-deutschen Geschichte auf. Und auch wenn sich Erzählweise und die in einer anderen Zeit angesiedelte Rolle stark unterscheiden, ist er in „Sternstunde der Mörder“ doch ebenfalls die sympathische Identifikationsfigur. Als Jan Morava von der Prager Polizei überzeugt er zudem mit besonderer Sprachkompetenz. Denn die tschechischen Figuren sprechen in der Serie zwar vielfach Deutsch, aber ab und zu eben auch in ihrer Muttersprache, was der historischen Authentizität zugutekommt. Jonas Nay ist die angelernte Zweisprachigkeit – jedenfalls für deutsche Ohren – kaum anzumerken. Der eigenen Muttersprache Deutsch fügt er wiederum einen leichten Akzent hinzu, was dagegen schon etwas befremdlich klingt. Davon abgesehen spielt Nay exzellent den zurückhaltenden, aufmerksamen und aufrechten Polizisten – und tragischen Helden, der auch aus persönlichen Gründen die Aufklärung der Serienmorde niemals aus den Augen verliert. Man hätte für die Hauptrolle natürlich gleich einen tschechischen Darsteller auswählen können, aber offenkundig ging bei der Besetzung Popularität vor Authentizität. Immerhin bleiben zwei bedeutende Nebenrollen tschechischen Darstellern vorbehalten: Diana Dulinková spielt die kluge und mutige Polizistin Jitka, in die sich Morava verliebt. Und Karel Dobrý, der bereits in internationalen Produktionen wie „Mission: Impossible“, aber auch in Friedemann Fromms „Die Freibadclique“ mitwirkte, manövriert als Hauptkommissar Beran die Prager Polizei durch die letzten Tage der NS-Herrschaft – und führt sie in einen Aufstand, der nur vorübergehend neue Freiheiten bringt. Am Schluss liegt die tschechische Flagge schon wieder am Boden, während die sowjetische gehisst wird.


1 Antwort
Ja, es war ein sehr interessanter Moment in der tschechischen Geschichte, die mir völlig unbekannt ist. Die Serie selbst ist meiner Meinung nach mittelmäßig, kein Vergleich zu Babylon Berlin. Vor allem die jungen Schauspieler sind weniger interessant. Der junge Ermittler ist geradezu farblos, spielt aber die Hauptrolle. Ich schaue gerade die zweite Folge und warte darauf, dass die Handlung endlich Fahrt aufnimmt. Ich verstehe die Begeisterung und die sehr hohe Bewertung nicht ganz. Bis jetzt 5-6/10.