Mädchenhandel ist für Maria Weinert (Susanne Wuest) ein äußerst lukratives Geschäft. Sie ist der Kopf eines internationalen Netzwerks namens „Pink Rose“, das junge, teilweise minderjährige Frauen sexuell gewaltsam ausbeutet. Sie verspricht ihnen ein glamouröses Leben, doch die Frauen werden gehalten wie moderne Sklavinnen. Weinert steht zwar vor Gericht, doch ihr Prozess endet mit einer Befreiungsaktion. Wochen später führt ihre Spur nach Malta. Zielfahnder Lars Röwer (Hanno Koffler) ist ausgesprochen engagiert in dem Fall, während seine Kollegin Hanna Landauer (Ulrike C. Tscharre) missmutig dem Ruf nach Malta folgt. Dort stoßen die Fahnder auf den Schönheitschirurgen Meingast (Godehard Giese) und dessen Frau Ursel (Kim Riedle). Sie, einst als DJane und Model erfolgreich, scheint Maria Weinert zu kennen. Womöglich will sich die von der Polizei Gesuchte eine neue Identität mit verändertem Aussehen geben. Röwers und Landauers „Kontaktaufnahme“ mit den Meingasts scheitert. Dabei könnte doch der Schutz der Polizei für das nach Malta ausgewanderte Ehepaar hilfreich sein. Denn wie die jungen Frauen von „Pink Rose“ stecken auch diese beiden in der Falle: Weinert könnte Meingast-Tochter Kiki als Faustpfand einsetzen. Weinerts Mutter (Rita Feldmeier) jedenfalls hat sich bereits bei der Familie als Nanny eingeschlichen.
Foto: Degeto / WDR / W&B / Mark Cassar
Nach „Flucht in die Karpaten“ (2016), „Blutiger Tango“ (2019) und „Polarjagd“ (2024) ist auch „Kalte Sonne“ wieder ein fesselnder Thriller aus der losen „Zielfahnder“-Reihe, der sich wohltuend von konventionellen Ermittler-Krimis abhebt. Es muss nicht immer Mord sein. Die Seelen junger Menschen zu töten, bietet vielleicht sogar eine größere Fallhöhe. Bereits die erste Szene, die Anklage und eine Zeugenaussage vor Gericht, gibt hinreichend Auskunft über die „Geschäfte“ dieser skrupellosen Frau. Anschließend werden im Vorspann Bilder gezeigt, die die Ausweglosigkeit der jungen Frauen skizzieren, ihre absolute Ohnmacht. Und so ist der Zuschauer nach vier Filmminuten bestens informiert und emotional eingestimmt auf die Geschichte. Auch Röwer ist sofort auf Betriebstemperatur, während Landauer private Probleme belasten: Gerade hat sie ihre erst kürzlich wiedergefundene Tochter (Alida Bohnen), die sie einst zur Adoption freigegeben hat, einmal mehr vor den Kopf gestoßen. Eine Belastung, die sie Fehler machen lässt. Als sie in ihrem Hotelzimmer von einem Fremden angegriffen wird, ist sie dann aber wieder die Alte. Auch der Kollege muss sich wenig später seiner Haut erwehren, muss dabei allerdings ein paar Schrammen mehr einstecken. Und wie es sich für einen richtigen Thriller mit identifikationsträchtigen Hauptfiguren gehört, werden sich beide noch einmal in einer sehr viel aussichtsloseren Situation wiederfinden. Im Angesicht des Todes, keine Frage, wachsen sie über sich hinaus. Gut auch, dass sich die Verfolger genreüblich dümmlich anstellen.
Foto: Degeto / WDR / W&B / Mark Cassar
Neben Faustkämpfen und der Gefangennahme des Heldengespanns ist alles drin, was das Genre auszeichnet: Tracker, Wanzen, Beschattungs- und Einbruchsszenen, eine Verfolgungsjagd, eine waghalsige Flucht, Todesgefahr-Momente, Schusswechsel – und es stellt sich für die deutschen Fahnder die Frage, ob der ihnen zugeteilte maltesische Kollege (Max Malatesta) möglicherweise für die Gegenseite arbeitet. Nebenbei bemerkt: Die EU-Rechtslage für Kriminalbeamte verbietet selbst schon das Tragen von Schusswaffen im Ausland, geschweige denn ihren Einsatz. Doch darüber werden Genre-Fans der spannenden Unterhaltung wegen gern mal hinwegsehen. Denn spannend ist der Film von Mia Maariel Meyer (Buch) und Stephan Lacant (Regie) auf jeden Fall, allerdings nicht in dem Sinne, dass permanent etwas passiert. Auch der Zielfahnder-Job kann mühsam sein – Rückschläge inklusive. Das unmittelbare Dabeisein bei der Sisyphos-Arbeit sorgt für eine größere Emotionalität beim Zuschauer, als sie bei einem klassischen Ermittler-Krimi üblich ist. Da braucht man weniger Handlungsbrimborium, um das Publikum bei der Stange zu halten. Und es ist auch besonders die Reduktion des Geschehens, die Fixierung auf einen kriminellen Kopf mit ergebener Gefolgschaft, die für eine stringente Jäger/Gejagte-Dramaturgie sorgt. Der besondere psychologische Suspense, der den Film über die vordergründige Genre-Spannung hinaus trägt, ergibt sich allerdings aus den verwickelten Beziehungen. Dass die Meingasts Täter und Opfer zugleich sind, was sich nicht nur auf den aktuellen chirurgischen Eingriff bezieht, verkompliziert die Geschichte, verleiht ihr Plausibilität und gibt ihr etwas Tragisches mit auf dem Weg zum packenden Kugelhagel-Showdown.
Foto: Degeto / WDR / W&B / Darrin Zammit Lupi
Das große Besteck wird in „Kalte Sonne“ nicht ausgepackt. Hier ist es eher das Tafelsilber: Die beiden Zielfahnder, eigenwillig, anfangs reserviert und doch emotional angefasst vom Schicksal der jungen Frauen und somit für den Zuschauer nahbar, werden psychologisch stimmig verkörpert von Ulrike C. Tscharre und Hanno Koffler. Ihr Verhalten ist auf den Auftrag, die jeweilige Aktion, konzentriert. Wo Blicke und Gesten genügen, wird auf Worte verzichtet. Privat tauscht man sich nur in der „Freizeit“ aus, beispielsweise nachts auf dem Balkon. Da rückt dann auch die Kamera nah an die beiden heran. Noch größer im Bild ist das Gesicht von Landauer/Tscharre und noch leidvoller deren Miene in einem hochemotionalen Ruhemoment nach dem dramaturgischen Höhepunkt dieses nahezu perfekt inszenierten TV-Thrillers. In der Szene geht es um ihr Herzensthema: die Freigabe der Tochter zur Adoption. Diese tragischen Augen-Blicke, ins Spiel gebracht an der dramaturgisch und psychologisch glaubwürdigsten Stelle im Film, werden einen Wimpernschlag später in einer sogar noch filmisch attraktiveren Szene von Ursel Meingast getoppt. Kim Riedle überzeugt hier in einer ähnlichen Rolle wie zuletzt im „Tatort – Ex-It“. Auch hier geht es unter anderem um Mutter-Sein, ein Motiv, das auch die zwei anderen Frauenfiguren in „Kalte Sonne“ etwas angeht: Landauer – wie bereits erwähnt – sehr direkt und schmerzhaft; aber auch die Frau, die das personifizierte Böse verkörpert, reflektiert ein Mal kurz aufs Mutter-Sein: Als Weinert sieht, wie ihre Mutter die kleine Kiki streichelt, wird ihre Sehnsucht geweckt, selbst gestreichelt zu werden, wieder Kind zu sein. Diese Monster-Frau, die durch ihre Gesichtsverbände Assoziationen an Frankensteins Braut weckt, für eine Sekunde ist sie Mensch.


3 Antworten
Schlechte Story, schlecht gespielt, schlecht gedreht und geschnitten und die ganzen „unerklärlichen“ Zwischenschnitte verwirren eher, als dass sie etwas besser erklären. Ebenso finde ich eine Ermittlerin eine völlige Fehlbesetzung, die Privates und Berufliches so wenig trennen kann, dass sie während der Ermittlungen ständig in ihr eigenes, privates Versagen als Mutter getriggert wird. So jemand sollte vielleicht besser den Job wechseln, ebenso wie Frau Tscharre für mich in dieser Rolle sowieso eine Fehlbesetzung ist. Die agiert weitgehend inkompetent und unglaubwürdig und trägt völlig sinnfrei ihren chronischen „alternde Mutter“ Leidensausdruck durch die Gegend und macht einen Fehler nach dem anderen.
Dazwischen hüpfen ein paar schwerbewaffnete Bösewichte durch die Gegend, die aber natürlich gegen zwei deutschen, unbewaffnete Ermittler keine Chance haben. Wie überzeugend!
Dass deutsche Ermittler in Malta Polizeibefugnisse haben, wäre mir auch neu.
Womit eigentlich die ganze Serie wegen sinnfreier Unlogik ohnehin verzichtbar wäre…
Schleierhaft, wie man solch einen völlig realitätsfernen Schwachsinn mit 5 von 6 Sternen bewerten kann.
Der Bewertung kann ich gar nicht folgen. Schauspielerische Leistungen sind nicht zu erkennen, was wohl eher an der Regie als an den Möglichkeiten der Darstellern lag. Durchweg so ein aufgesetztes Drama. Hatte was von einer Schulaufführung. Ich fand es schwer erträglich. Schade um das Geld.