Panisch irrt ein Mädchen spätabends durch Dresden. Es ist verwirrt, hat eine Schnittwunde am Arm und hält ein blutverschmiertes Skalpell in der Hand, mit dem es Passanten bedroht. Nachdem sie von der Polizei aufgegriffen wurde, sitzt jene Amanda (Emilie Neumeister) Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) gegenüber. Die Kommissarin versucht, sich Klarheit zu verschaffen. Die 16-Jährige ist verstört. Sie erzählt, dass sie und ihre gleichaltrige Schwester Jana von ihrem Vater (Maik Solbach) in einem Keller gefangen gehalten werde, und sie kenne weder ihre Adresse noch ihren Nachnamen. Eine wilde Geschichte: ein Leben in einem Kellerraum, abgeschottet vor „der bösen Welt“. Ihre Blutwerte, die Unterernährung, das könnte zu Amandas Erzählung passen. Trotzdem schreckt Schnabel (Martin Brambach) vor einer großangelegten Suchaktion zurück. Ihm fehlen die Beweise. Winkler ist anderer Meinung: Es könnte Gefahr in Verzug sein, da Amanda befürchtet, dass der Vater den Ärger über ihre Flucht an der Schwester auslassen wird. Die Psychiaterin (Abak Safaei-Rad), die hinzugezogen wird, diagnostiziert eine seelische Störung, deren Schwere sich nur durch eine Therapie bestimmen lasse. Vielleicht ist das ganze Bedrohungsszenario ja nur eine Wahnvorstellung. In weiteren Gesprächen stellt sich heraus, dass die Schwestern nachts schon mal den Keller verlassen, ja, sogar ins Freie durften. Und dann ist plötzlich auch die Rede von ihrer Mutter (Nina Kunzendorf), die meist lieb zu ihnen sei, jedoch auch Angst vor dem Vater habe, denn – so sagt sie – „Papa darf alles.“
Foto: MDR / MadeFor / Junghans
Ist dieses Mädchen psychisch schwer krank oder ist es real, dieses geschilderte Schreckensszenario, an das sich die beiden Schwestern offenbar einigermaßen gewöhnt hatten? „Ihr wart euer Leben lang eingesperrt und dann war auf einmal die Tür auf?“ Das ist nicht die einzige Frage, die das Mädchen nicht genauer beantworten möchte. Die Handlung von „Nachtschatten“, dem zweiten MDR-„Tatort“, in dem Cornelia Gröschel und Martin Brambach als Duo ermitteln, zeigt die Kommissare und mehr noch die Episodenhauptfigur in einer absoluten Ausnahmesituation. Die Befragungen unterscheiden sich grundsätzlich von herkömmlichen Befragungen. Bei Amanda muss man äußerst feinfühlig vorgehen, sonst reagiert sie aggressiv. Winkler bekommt gleich beim ersten Aufeinandertreffen ein Glas ins Gesicht. Gut, dass es nicht das Skalpell war, mit dem das Mädchen geflüchtet ist. Was die Kommissare nicht wissen, der Zuschauer aber gleich zu Beginn sieht: In der Wohnung, aus der das Mädchen mutmaßlich flüchtet, liegt eine Frau in ihrem Blut. Ist Amanda also „eine Hauptverdächtige in einem Tötungsdelikt“, wie es Schnabel zu Beginn des Schlussdrittels formuliert? Bis dahin hat sich das Mehrwissen des Zuschauers gegenüber Winkler & Co noch vergrößert. Immer wieder werden Szenen eingeschnitten, in denen man Amanda im Keller sieht, einem Raum, dessen Mobiliar durchaus etwas von einem Jugendzimmer hat, spartanisch eingerichtet zwar, etwas vorgestrig, aber keinesfalls ein kaltes Loch. Da Jana wie Amanda 16 ist, müsste sie ihre Zwillingsschwester sein. Man kann sich anfangs also auch fragen, ob diese Szenen nicht vielleicht die Gegenwart der gefangenen Jana darstellen? Ende des zweiten Drittels taucht dann die Mutter im Jugendzimmer auf. Wenig später weiß man: Dieses bizarre Beisammensein von Mutter und Tochter ist eine Rückblende.
Man kennt die realen Fälle gefangengehaltener seelischer oder auch sexuell misshandelter Kinder aus den Medien. „Nachtschatten“ erzählt eine nicht primär sadistische, dafür krankhaft-wahnhafte Familiengefängnis-Variante. „Die Welt ist ein böser Ort“ – die Kinder vor ihr zu schützen, sei Aufgabe der Eltern. Neben Verschwörungsnarrativen hat sich die Autorin Viola M.J. Schmidt („Die Schule der magischen Tiere“) für den Unterboden der Geschichte auch psychoanalytischer Modelle bedient: von Selbstschutz- und Abspaltungsmechanismen bis hin zu einer perfiden Variation eines allmächtigen, das Ich manipulierenden Über-Ichs. Wenn die Schwestern nicht brav sind, werden sie bestraft. Und Papa darf nicht nur alles, er sieht auch alles – heißt: Der Kellerraum ist videoüberwacht. Dieser „Tatort“ entwirft ein Zerrbild von Familie: Zum eigenen Schutz werden die Kinder ihrer Freiheiten beraubt. Die Angst der Eltern wird auf die Kinder übertragen, ja, ihnen wird das Misstrauen gegenüber den anderen Menschen da draußen eingeimpft. Und die jahrelange Tortur zeigt Wirkung. „Hier ist alles so seltsam und die Leute machen mir Angst“, sagt Amanda. „Vielleicht ist es auch besser, wenn man mich einsperrt.“ Das Mädchen ist nicht nur unterernährt. Es mangelt ihm auch an Selbstvertrauen. Und weil es bisher so wenige Bezugspersonen hatte, plappert es deren Regeln nach: „Man spricht nicht schlecht über seine Familie.“ Egal, was es getan haben könnte, das Mädchen hat alle Sympathien.
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Wurden im letzten „Tatort – Siebenschläfer“ dem ermittelnden Duo mutmaßlich seine Grenzen aufgezeigt, so beweist „Nachtschatten“, dass es kein prinzipielles Problem von Winkler/Schnabel oder Gröschel/Brambach ist. Dass sich die beiden beim Fall Amanda widersprechen, gehört zwar zu dem dramaturgischen Standard des MDR-Reihen-Ablegers, ist aber durchaus nachvollziehbar: Dass das Mädchen psychische Probleme hat, ist offensichtlich – ob als Opfer jahrelanger Misshandlung, als Opfer einer psychischen Störung oder gar als Täter, das bleibt zunächst offen. Außerdem wird das Verhältnis zwischen Chef und Kommissarin diesmal – passend zur Episodenfiguren-Kommunikation – feiner ausgeleuchtet: Denn auch Schnabel legt Winkler gegenüber etwas Väterliches an den Tag, mal besorgt-umsorgend, mal autoritär-übergriffig, schließlich aber konstruktiv-unterstützend. Ein Stück Familie also auch im Kommissariat. Und was Winkler und Amanda angeht: Ihr fehlt die Schwester, also sucht sie alsbald die Nähe zu der zunehmend umsichtiger agierenden Kommissarin. Das ist eine der vielen Stärken dieser Episode: Winklers Sich-Einlassen auf dieses Problem-Mädchen wirkt durch und durch stimmig. Die Szenen zwischen Cornelia Gröschel und Emilie Neumeister sind sehr intensiv. Beide stecken tief in ihrer Rolle, fernab jeglicher Ermittlerkrimi-Routine. Und Neumeister, die nicht nur mit ihrer Physiognomie, ihrer Statur, ihrer Körpersprache perfekt besetzt ist, sondern deren vielschichtig-doppelbödiges Spiel zutiefst beeindruckt, hat sogar noch zwei besonders dramatische Keller-Szenen mit Nina Kunzendorf. Und dennoch blickt dieser Film unaufgeregt in menschliche Abgründe, sucht nach der Wahrheit in einem Psycho-Drama statt in einem konventionellen Mörderrätsel und verzichtet als Krimi auf die banalen W-Fragen.
Der Filmtitel ist zunächst vor allem auch ästhetisches Programm. Selbst das Kommissariat liegt am Abend im „Halbschatten“. Das Heranrücken an die Figuren, die Großeinstellungen der Gesichter, die ungewöhnlichen Kamerapositionen, auch die angeschnittenen Gesprächsthemen deuten früh an, dass es in diesem Film um Menschen geht, um Gefühle, Sehnsüchte, Ängste, ja, auch um Liebe, wenn auch um fehlgeleitete Liebe. Der Filmeinstieg ist hoch konzentriert, reduziert auf wenige Reize, diese fesseln dafür umso mehr. Die rätselhafte, unklare Ausgangslage und die hoch konzentrierte Inszenierung von Saralisa Volm schaffen eine Exposition, die einen sogartig in den Film hineinzieht. Wer hätte das erwartet nach dem Abgang von Karin Hanczewski: „Nachschatten“, der 20. Dresden-„Tatort“, ist ein Highlight des Reihenablegers – zu Neujahr ein Festtagskrimi.


1 Antwort
„…und verzichtet als Krimi auf die banalen W-Fragen.“
Hoffentlich auch auf diese: „Wer macht denn sowas?“
Wenn Familienangehörige des Opfers das fragen, mag es ja noch angehen, aber das Ermittlungspersonal?! Nein, das denk ich mir nicht aus, neulich habe ich es noch in nem Krimi gehört, und es drängte sich mir spontan diese Frage auf: „Welche Drehbuch- oder Dialogschreiber tun denn sowas?“