Meine Lieblings-Alben 2025

Neo-Soul, Indie-Folk, nuancierter Alternative Rock, Britpop, geschmeidiger TripHop, eingängige Beats, Nu Jazz, Funkiges aller Art, Fleetwood-Mac- und Marc-Bolan-Wiedergänger, Crooner-Grandezza, Opernhaftes, Electronica mit & ohne Disco-Groove, viel Americana und noch mehr Sixties-Reminiszenzen. Das sind meine Lieblingsmusikstile und Referenzspuren in die populäre Musikgeschichte, an denen ich immer wieder klebenbleibe. Swingender Rock’n Roll geht auch, mit hartem, lautem Rock habe ich mehr oder weniger abgeschlossen, trotz zweier starker Live-Events (Queens of the Stone Age, Fontaines D.C.). So kommt es, dass Geese, der Rock-Liebling des Jahres, nicht nur bei den Kritikern, es bei mir nicht in die Top 30 geschafft hat. Die Electro-Ikonen Sudan Archives, FKA Twigs oder Blood Orange höre ich zwar auch gern im Sessel, die sind aber eher was für Clubgänger. Für überschätzt hingegen halte ich das neue Album von Lola Young.

Mit meinen persönlichen Musik-Highlights möchte ich weniger meine Popmusik-Kennerschaft zur Schau stellen, sondern vielmehr ästhetisch Gleichgesinnten Tipps geben. Wenn der eine oder andere Song in einem der Soundtracks künftiger TV-Produktionen auftauchen würde, könnte dies meiner Meinung nach ein Gewinn sein. Im nischigen Serien-Bereich hat sich ja erfreulicherweise auch musikalisch einiges getan. In den Komödien und Dramedys werden wahrscheinlich auch noch in zehn Jahren dieselben Pop- und Rock-Evergreens dudeln. Der eine oder andere ernsthaftere Fernsehfilm oder Krimi könnte allerdings schon mal etwas zeitgemäßere Sounds vertragen.

30
Lorde
VIRGIN

2013 war Lorde ein ähnliches Phänomen wie Billie Eilish sechs Jahre später. Auch sie besingt ihre persönlichen Themen (Sexualität, Genderidentität, Essstörung, Befreiung vom patriarchalen Über-Ich). „Virgin“ ist ihr bisher experimentellstes Album, weniger eingängig und glatt; entschleunigt, bisweilen akustisch und mit weniger griffigen Beats, dennoch oder gerade deshalb: sehr intensiv.

29
Paul Weller
FIND EL DORADO

Cover-Alben sind so eine Sache. Bei Paul Weller werden sie für den Hörer zur Wundertüte aus Abseitigem und Neuentdeckungen. Hier singt und interpretiert ein Fan mit Herz und Seele. Kein Herum-Gerocke, eher folkig und melodiös sind die 15 Songs. Als Gäste: Robert Plant oder Noel Gallagher an der Akustikgitarre. Bekanntester Song: „I Started A Joke“ von den Bee Gees.

28
Matt Berninger
GET SUNK

Der Frontman von The National präsentiert sich auf seinem zweiten Soloalbum „Get sunk“ mehr denn je als intellektueller Crooner. Die Tonalität ist ruhig, melancholisch, Mollton-gefärbt, passend zu Matt Berningers unverkennbarem Bariton. Die Texte gern kryptisch, und anders als bei The National sind die Gitarren zurückgenommen. Nachdenklicher Chamber-Pop mit Indie-Rock-Gestus.

27
Robert Forster
STRAWBERRIES

2005 starb Grant McLennan, einer der beiden Köpfe der australischen Kultband Go-Betweens. Robert Forster, das andere Mastermind, veröffentlichte danach fünf Solo-Alben. „Strawberries“ ist weniger besinnlich als der Vorgänger. Nach überstandener Krankheit seiner Frau klingt das Album wie eine leicht melancholische Feier des Lebens: unaufgeregter Songwriter-Pop, fein gezeichneter Indie-Folk.

26
Jerry Leger
WAVES OF DESIRE

Everly Brothers, Roy Orbison, Beach Boys, Beatles – Jerry Leger weiß, was Klasse hat. Seit 20 Jahren hat er sich die ganz Großen zum Vorbild gemacht (für mich ist er Neuland). Mit unironischer Spielfreude nähert sich Leger dem Sixties-Sound an, gespielt allerdings im zeitlosen Americana-Modus, leicht, luftig, klar arrangiert und musikalisch fein akzentuiert, mit wunderbaren Piano-Einlagen.

25
Miles Kane
SUNLIGHT IN THE SHADOWS

„Der heimliche Held der Britrock-Szene, stets im Schatten“, schreibt der Rolling Stone zu Recht. Miles Kanes sechstes Album hat er in Nashville mit Dan Auerbach von den Black Keys aufgenommen. Seinem Classic-Vintage-Rock zwischen Beat & Glam wird dadurch auch eine Spur American Soul beigemischt. Wie gewohnt jede Menge Reminiszenzen. Aber als Marc-Bolan-Wiedergänger ist und bleibt er unschlagbar.

24
Taylor Swift
THE LIFE OF A SHOWGIRL

Wie ihre gigantische „Eras“-Tour steht auch jeder Song ihres Albums „The Life Of A Showgirl“ für eines ihrer zwölf Alben. Da sind alle Taylors versammelt: die poppige, die Country-like, die böse, die verliebte, die poetische, die verletzte Singer-Songwriterin – ja, sogar Elizabeth Taylor. „Taylor Swift holt sich die Deutungshoheit über ihr Leben zurück, indem sie darüber schreibt.“ (Musikexpress)

23
Celeste
WOMAN OF FACES

Eine Stimme zum Dahinschmelzen. Nach ihrem Hit-Album „Not Your Amuse“ (2020) galt sie als die populäre Soul-Hoffnung, irgendwo zwischen Amy Winehouse und Adele. „Woman Of Faces“ ist radikaler, setzt fast ausschließlich auf kummervolle Balladen, in denen Celeste ihre Trümpfe ausspielen kann, reduziert instrumentiert, gelegentlich hochdramatisch, orchestriert wie ein James-Bond-Song.

22
Peter Doherty
FELT BETTER ALIVE

Der jahrelang skandalumwitterte Peter Doherty hat Frau und Kind, lebt in der Normandie – und veröffentlicht alle drei Jahre ein rundum entspanntes Solo-Album. „Felt better alive“ ist kurz und (sehr) gut und bringt es auf den Punkt: klare Kompositionen, Leben statt Kunstanspruch. 11 Songs, 28 Minuten. Keine Tonfolge, keine Strophe zu viel, keine Sekunde Langeweile. Die pure Lust am Leben.

21
Kokoroko
TUFF TIMES NEVER LAST

Drei Jahre nach ihrem Debüt erweitert die Londoner Band Kokoroko mit „Tuff Times Never Last“ unbekümmert und geschmeidig ihre breit gefächerte Palette an Einflüssen: britischer R&B der 80er, Neo-Soul, Afrobeat, Bossa Nova, Funk. Alles locker und herzenswarm angejazzt, mit Bläsern und viel Percussion. „Ein sanfter Aufruf zu Umarmung und Optimismus“ (ME).

20
Emma-Jean Thackray
WEIRDO

„Dialektisch fundierter Jazzfunk-Latin-R’n’B zwischen Dancefloor und Badewanne“, schreibt der Musikexpress über den zweiten Longplayer der britischen Schlafzimmer-Nu-Jazz-Produzentin. Für mich sind Emma-Jean Thackray (Trompete, Flügelhorn, Elektronik, Gitarre, Gesang), geboren 1988, und ihr üppiges, trocken grooviges einstündiges Album „Weirdo“ eine Entdeckung.

19
Baxter Dury
ALLBARONE

Das Prinzip ist immer dasselbe: ein Retro-grooviger Untergrund-Sound zwischen Funk und Disco, dazu ein lakonischer, grummelig-brummelnder Sprechgesang, ein neckischer Frauenchor – und fertig ist die Chose. Dass dies ausreichen kann, beweist Baxter Dury, Sohn des legendären Pubrockers Ian Dury, auf seinem bisher besten Album mit typisch britischem Understatement.

18
Rosalia
LUX

Die Musikkritiker sind hin- und hergerissen von Rosalia. Ist das noch Pop oder schon Klassik? Egal. Man muss sich allerdings einhören als nichtprofessioneller Hörer in diesen Mix aus Oper, Flamenco, Rumba und Pop. „LUX ist die vielstimmige Antwort auf eine vielstimmige Gegenwart“ (ME): Die Spanierin singt in über zehn Sprachen – über Gott, den Tod, aber auch über die Lust am Leben. Bekanntester Titel: „Berghain“.

17
Japanese Breakfast
FOR MELANCHOLY BRUNETTES (SAD WOMEN)

Michelle Zauners Indie-Pop ist dunkler und melancholischer geworden. Man könnte auch sagen: erwachsener – und das nicht nur, weil Jeff Bridges auf der wunderbaren countryesken Mörderballade „Men in Bars“ zu hören ist. Die zehn Songs sind erstmals mit einem Profi-Produzenten (Blake Mills) aufgenommen. Man hört das. Und dennoch ist das Ganze kein glattgebügelter Mainstream-Pop.

16
Stereolab
INSTANT HOLOGRAMS ON METAL FILM

Die Klangbastler des elektronischen Postrocks haben nach 15 Jahren wieder zugeschlagen. Stereolab erschaffen noch immer einen unerhörten Sound aus Art Rock, Easy Listening, Avantgarde-Pop mit Krautrock-Anleihen und Chanson. Gesicht und Stimme der Band: die charismatische Laetitia Sadier, mal wohlklingend, mal bewusst schief intonierend. Es dauert, bis sich der magische Sound dem Ohr erschließt.

15
Wet Leg
MOISTURIZER

Aller guten Dinge sind zwei! Die Band Wet Leg, der heiße Scheiß 2022, ruht sich nicht auf ihrem Erfolg aus – und geht schon gar nicht auf Nummer sicher. Weniger Schönklang, weniger Hitpotenzial; viele Songs klingen rauer, punkiger, trotziger als auf ihrem Debüt. „Wet Leg machen den besten, lustigsten Indie-Rock, den es derzeit gibt“, befindet der Rolling Stone.

14
Panda Bear
SINISTER GRIFT

Einige der von der Kritik hochgelobten Panda-Bear-Alben waren mir zu verkopft und zu versponnen psychedelisch.  Umso begeisterter bin ich von „Sinister Grift“, ein musikalisch komplexer Rücksturz in die Sixties und Seventies mit einer vielstimmigen Referenzspur direkt zu den Beach Boys. Erkennbare Songstrukturen, luftige, eingängige Melodien, alles wunderbar entspannt. Ein Sound zum Chillen.

13
Franz Ferdinand
THE HUMAN FEAR

Indie-Rock mit jeder Menge Groove, dazu melodische Hooks, prägnante Gitarrenriffs und der eine oder andere unverschämte Griff in das Zitaten-Kästlein. Reminiszenzen (Bowie, Queen, Scissor Sisters, The Monkees, Justin Timberlake), wohin man hört – und doch sind das unverkennbar Franz Ferdinand: dieser Drive, dieses Vorwärtstreibende, diese Rhythmuswechsel (live mit Ausfallschritt präsentiert)!

12
Haim
I Quit

Ob der Länge des Albums (15 Songs, 53 Minuten) geht es schwerer ins Ohr als seine Vorhänger, wird aber bei jedem Hören besser. Besonders Kenner populärer Musik können sich erfreuen an diesem ebenso vielfältigen wie vielschichtigen Werk der Haim-Schwestern, das das Wissen um die Rock- und Popgeschichte erkennen lässt – mal Westcoast-like tiefenentspannt, mal aufgekratzt wie Fleetwood Mac, und dann gibt es plötzlich diese Schweinegitarren-Intermezzi.

11
King Princess
GIRL VIOLENCE

Vom L.A.-Major zum Indie-Label, zurück nach New York. Für mich ist Mikaela Straus alias King Princess eine Entdeckung. Kenne die Vorgänger-Alben nicht, „Girl Violence“ aber hat mich umgehauen. Diese unwiderstehlichen Songs, kaum länger als drei Minuten, die musikalisch mitunter an die klassischen Girlbands erinnern, textlich aber alles andere als lieb & nett sind. Perfekter Pop mit Grunge-Einlagen.

10
Deradoorian
READY FOR HEAVEN

Die Ex-Sängerin der Dirty Projectors hatte ich bisher nicht auf dem Schirm. Der Sound des Albums ist kühl, schön kühl. Angel Deradoorian (40) folgt „keinem musikalischen Hauptstrom“ (ME), klingt mal groovy wie die jüngere Schwester von Roisin Murphy (Ex-Moloko), mal sanft wie ein Engel, der mit siebziger Softprogrock à la Renaissance („Set Me Free“) ins Heute herüberwinkt. Ein klug konzipiertes Album.

9
The Last Dinnner Party
FROM THE PYRE

Nach ihrem Debüt „Prelude To Ecstasy“ (2024) entbrannte um The Last Dinner Party ein Riesenhype. Aus gutem Grund: „Form The Pyre“ bestätigt Kritiker-Lobeshymnen und Fan-Euphorie. Barock-Pop könnte man den pompösen Sound nennen, der sich um Mythen und Sagen rankt und der musikalisch aus Bekanntem (Fleetwood Mac, Queen, Abba, Kate Bush, Bowie) etwas sehr Spezielles erschafft.

8
Saint Etienne
INTERNATIONAL

Das definitiv letzte Album von Saint Etienne. „Partytauglich“ wollte es das Trio machen, das seit über 30 Jahren immer wieder hinreißenden Pop liefert. Ein für Fans bittersüßes Finale, intelligente Musik für den Dancefloor, lebensfroh, stilvoll, elegant. Die Melodien setzen sich fest, ohne simple Ohrwürmer zu sein. „Wer verbindet fortan Style und Cleverness, Kitsch und Sozialreportage?“ (ME), ja, wer?!

7
Wolf Alice
THE CLEANING

Von London nach Los Angeles, vom Indie-Rock ein Stück weit in Richtung Mainstream, was bei Wolf Alice nicht Beliebigkeit, sondern musikalische Vielfalt und fette Produktion bedeutet, und was Frontfrau Ellie Roswell noch näher in Richtung Stevie Nicks rücken lässt. Da sind dann schon mal ein paar Streicher mehr im Spiel, dank schwerer Bässe ist „The Cleaning“ aber nie glatt oder vorhersehbar.

6
Curtis Harding
DEPARTURE & ARRIVALS - ADVENTURES OF CAPTAIN CURT

Auch auf seinem vierten Album schafft es Curtis Harding, klassischen Soul in den Sound der Gegenwart zu übersetzen, schnörkellos, elegant und ohne falsche Nostalgie. „Zwischen Funk, R&B und Psychedelic-Resten aus den 70er Jahren erzählt er Geschichten mit schwerem Bass und samtig-rauer Stimme“ (Rolling Stone). Besser lässt es sich kaum sagen.

5
Greentea Peng
TELL DEM IT'S SUNNY

UK-Neo-Soul jenseits des Mainstreams. Im Bereich ihrer magischen Soundwelten – irgendwo zwischen TripHop, Acid Jazz, Deep Soul, Dub, UK Rap & Roots Reggae – gibt es in der Post-Corona-Zeit nichts Besseres. Klingt mitunter so, wie man sich eine neue Platte von Neneh Cherry vorstellen könnte, mit der Aria Rachel Adrienne Wells alias Greentea Peng zusammengearbeitet hat. „Rotzige Selbstbetrachtung, Auseinandersetzung mit dem Politischen da draußen und dem Spirituellen da drinnen“ (ME).

4
Big Thief
DOUBLE INFINITY

Mit Indie-Americana-Folk hat man die Musik von Big Thief immer schon unzureichend charakterisiert. Loops, Geräusche und atmosphärische Klänge sind so harmonisch integriert in Adrianne Lenkers sensiblen Gesang und die etwas rockigere Tonalität der meisten Songs, sodass ein geradezu magischer Flow entsteht – „fließend, wuchernd, ein warmer Strom, der sich hebt und senkt“ (ME).

3
Pulp
MORE

„More“ setzt da an, wo Pulp vor 23 Jahren aufhörte. So Pop-New-Wave-Disco-like wie auf ihrem Erfolgsalbum „Different Class“ (1995) klingen sie nicht mehr. Die Songs und komplexer geworden. Jarvis Cocker war immer schon ein kluger Kopf. Mal Bowie-esk, mal wunderschöner Crooner-Pop, mal knallig Brit-Poppiges – trotz solcher Reminiszenzen und dieser Cocker-typischen Melancholie weint die Band nicht den alten Zeiten hinterher. Viel besser als Oasis.

2
Little Simz
LOTUS

Wenn die smarte Londoner Sängerin über den klassischen, mehrstimmigen Sixties-Soul rappt, entstehen magische Momente, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben – was auch an der stilistisch stimmigen, coolen Art der Präsentation liegt. Ähnliches gilt für die Texte: Bei Little Simz wird die Selbstreflexion über Liebe, Sex & Abschiedsschmerz nie peinlich. „Lotus“ ist ihr bislang bestes Album: traditionsbewusst und innovativ.

1
Jeff Tweedy
TWILIGHT OVERRIDE

Musikmachen ist für Jeff Tweedy (Wilco) Überlebensstrategie in finsteren Zeiten. „Denn ich kann nicht singen und gleichzeitig Angst haben.“ Dass er nun gleich ein Dreieralbum aufgenommen hat, sagt etwas über die weltpolitische Stimmungslage, aber auch über seine musikalische Kreativität. 30 Songs, gefühlvoll, melancholisch, skeptisch, brüchig oder einfach nur schön. Softrock, Seventies-Pop, akustischer Folk, Americana, ja sogar ein Punktitel ist dabei. Alles sorgfältig in Handarbeit, mit Freunden und Familie erstellt. Ein Album, das sich trotz seiner Länge zum Durchhören empfiehlt. Eine gesunde, heilsame Alternative zur Welt da draußen.

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