Erst klingelt das Telefon, kurz darauf fällt ein Schuss. Der angesehene Radiologe Dr. Wolf (Stefan Pohl) wird nachts vor seinem Haus erschossen, seine Frau Sandra (Verena Altenberger) ist Ohrenzeugin des Mordes. Die Tatwaffe: eine historische Pistole, die aus der eigenen Waffensammlung des Opfers stammt und wenige Monate zuvor gestohlen wurde. LKA-Ermittlerin Marion Geyer (Regina Fritsch) und ihr örtlicher Kollege Patrick Brandl (Thomas Prenn) finden heraus, dass Wolf nicht nur Waffensammler, Sohn eines Neonazis und ein esoterischer Influencer war, sondern seine Kontakte weit in die einschlägige rechte Szene reichten. Liegt da der Schlüssel für die Tat? Oder ist der Mörder im privaten Umfeld zu suchen? Wolf, seine Frau und der gemeinsame Sohn Heinrich (Lilian Rosskopf) galten als eine perfekte Familie. Doch die schöne Fassade beginnt zu bröckeln.
Auf „Vier“ (2022) folgt „Acht“: Marie Kreutzer hat ihren zweiten ORF-Landkrimi aus Niederösterreich inszeniert. Die erfolgreiche Drehbuchautorin und Regisseurin („Die Vaterlosen“, „Der Boden unter den Füßen“, „Corsage“) nutzt erneut die Freiheit des Formats, verknüpft den Kriminalfall mit einer aktuell politischen Diskussion und stellt ihr feines Gespür für gesellschaftlich relevante Themen unter Beweis. Ihre Ermittler stehen vor einem brisanten Fall. Zudem stecken sie jeder für sich in privaten Schwierigkeiten, von unverarbeiteten Traumata bis hin zur bevorstehenden Scheidung. Beide sind in ihrem Glauben an Liebe und Partnerschaft erschüttert und bekommen es mit der scheinbar heilen Welt einer perfekten Ehe samt Bilderbuchfamilie zu tun. Daraus entsteht ein Spannungsverhältnis, mit dem die Filmemacherin fast über die gesamten 90 Minuten spielt.
Foto: ZDF, ORF / Felix Vratny
Drei zentrale Figuren hat das Krimidrama: LKA-Ermittlerin Marion Geyer, ihren Kollegen Patrick Brandl und Sandra, die trauernde, undurchsichtige Witwe. Alle drei Charaktere müssen etwas verarbeiten: Marion hat ihren Mann verlassen, Patrick hatte als junger Polizeischüler ein traumatisches Erlebnis mit tödlichen Folgen, Sandra muss mit der Zerbröckelung der Fassade einer Bilderbuch-Ehe fertig werden. Marie Kreutzer blickt diesen Menschen ins Gesicht, ist ihnen ganz nah, man sieht sie atmen, man spürt wie sie grübeln. So lernt man sie kennen und verstehen. Die Filmemacherin seziert ihre Figuren, legt Gefühle offen, zeigt deren Zerrissenheit. Aber sie urteilt, ja, sie verurteilt nicht. Es geht auch um die Frage von Recht und Gerechtigkeit. Der Grat ist schmal. Und auf dem balanciert dieses superbe Krimidrama, das nicht nur mit dem Ende überrascht, sondern mit permanenten Wendungen arbeitet. Es beginnt früh. Man sieht einen Mord, erst langsam begreift man, was und warum er passiert ist. Man geht bei der Suche nach der Wahrheit mit den Ermittlern mit, weiß nicht mehr als die beiden. Die tasten sich vor, im Lauf der Arbeit fordert die Chefin dann ihren jungen Kollegen auf, ihr drei Theorien zu Tat und Täter zu präsentieren. Ein gelungener Kniff, der den Weg öffnet, zu dem, was folgen wird.
„Acht“ hat einen brisanten gesellschaftspolitischen Kontext, verknüpft den geschickt mit einem Kriminalfall, der durch seine Drehungen und Wendungen enorm spannend ist. Angesichts des wuchtigen Themas könnte man drastische Bilder erwarten. Der Film bleibt aber bei dem, was er den Zuschauern zumutet, eher zurückhaltend. Dennoch sind die Bilder spektakulär, aber anders: intensiv, sehr nah an den Personen und atmosphärisch. Wenn die Ermittlerin der joggenden Sandra nachts in den Weinberg folgt, wenn das zwanghafte Morgenritual des Opfers in Rückblenden minutiös abgespult wird, dann sind das Sequenzen, die lange haften bleiben und Marie Kreutzers einzigartige Handschrift unterstreichen. Der Film ist ein Gesamtkunstwerk, er bietet eindrucksvolle Charakterstudien, eine spannungsgetriebene Krimigeschichte, und er bringt die Gewerke Kamera, Montage und Musik wunderbar in Einklang. Hinzu kommen die Schauspieler – allen voran Regina Fritsch, Thomas Prenn und Verena Altenberger. Es ist ein Genuss, diesen Dreien zuzusehen wie sie ihre vielschichtigen und ambivalenten Rollen interpretieren. Zu sehen sind Charaktere mit Brüchen, mit seelischen Verletzungen, mit Zweifeln – ehrlich, offen und intim.
Foto: ZDF, ORF / Felix Vratny

