Die 10 besten Brasch/Michelsen-„Polizeiruf“-Episoden

Erst ohne Groth und ohne Matschke kommt die Ermittlerin richtig in Fahrt.

Ob man den Zweiteiler „Wendemanöver“ (2015) als eine Produktion zählt oder nicht, so oder so steht 2025 ein Jubiläum an: 20 „Polizeiruf“-Episoden aus Magdeburg. Der Einstieg in die Reihe 2013 war ein Versprechen, das der MDR-Ableger zunächst nicht einlösen konnte. Allein Claudia Michelsen und der Hang zum Drama, weg von der Krimi-Konvention, machten einige Zeit den Unterschied. Das zwanghafte Setzen auf zwei Charakter-Gegenpole wurde nach Sylvester Groth (2013-16) mit Matthias Matschke (2016-2019) zwar etwas stimmiger, aber so richtig überzeugen konnte die eigenwillige Kommissarin erst, als sie allein auf Mörderjagd ging, kollegial, fast freundschaftlich unterstützt von ihrem Chef, Kriminalrat Lemp, perfekt besetzt von Anfang an mit Felix Vörtler. Danach ging es bergauf. „Ronny“ (2023), „Du gehörst mir“ (2023), „Widerfahrnis“ (2025) und „Sie sind unter uns“ (2025) gehören mit zum Besten, was das Krimi(drama)genre in den letzten Jahren hierzulande zu bieten hatte.

Foto: MDR / Stefan Erhard

Brasch bekommt es in ihrem zwölften Fall, der sie ins Zocker- und Wettmafia-Milieu führt, mit einem LKA-Mann zu tun, der ihr zwar wichtige Tipps gibt, dem sie aber partout nicht vertrauen mag. In seiner dramaturgischen Anlage erinnert „Totes Rennen“ an die Matthias-Brandt-Ableger der Reihe, in der sich der Kommissar stets mit einer markanten Episoden-Hautfigur konfrontiert sah und Brandt es mit einem hochkarätigen Kollegen zu tun bekam. Der ungemein nuanciert aufspielenden Michelsen wurde Theater-Gigant Michael Maertens an die Seite gestellt.

Foto: MDR / Conny Klein

Am Fuße des Brockens erwartet Kommissarin Brasch ein Schreckensszenario wie aus dem Mittelalter. Eine Frau wurde verbrannt, nachdem ihr Kopf mit Schädelschrauben zum Platzen gebracht wurde. „Hexen brennen“ nimmt alle Hürden, die ein (realistischer) Fernsehkrimi, der sich dem Mystery-Genre verschrieben hat, nehmen muss. Der Film stellt seine seltsame, fremde Welt als einen in sich geschlossenen Mikrokosmos dar. Hinzu kommt, dass Brasch/Michelsen die Zuschauer mitnimmt, indem sie dem mysteriösen Geschehen mit großer Offenheit begegnet.

Foto: MDR / Stefan Erhard

Mit 150 km/h fährt ein nächtlicher Raser eine junge Frau tot, mitten in der Stadt. Wurde sie Opfer eines illegalen Autorennens? Oder hatte es jemand bewusst auf diese Frau abgesehen? „Crash“ behandelt einen Fall, der nicht typisch ist für eine Mordkommission, der sich aber sehr gut eignet für einen Krimi mit deutlicher Drama-Färbung. Außerdem passen die illegalen, sehr telegenen Autorennen zur Tonlage der meist düsteren Krimis aus Magdeburg, in denen es nicht selten um Süchte geht, die den Menschen das Leben vermeintlich erträglicher machen.

Foto: MDR / Stefan Erhard

In diesem Krimidrama dreht sich alles um Liebe, Nähe, Partnerschaft und existentielle Verlusterfahrungen. Und genau das ist es, was Kommissarin Brasch umtreibt, seitdem sie sich dem Polizeipsychologen nicht nur auf der Therapeuten-Couch geöffnet hat. Auch der Fall um eine tatverdächtige Transfrau lässt sie geradezu eine empathische Haltung einnehmen. „Zehn Rosen“ ist typisch für den Magdeburger „Polizeiruf“, bei dem man immer schon etwas genauer hingucken musste, um seine Qualitäten zu entdecken.

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Der Auftakt zur Reihe: Der MDR-Ableger wurde von Halle in den sozialen Brennpunkt von Magdeburg verlegt. Jugendliche jagen Asylbewerber mit Gotcha-Pistolen durch die Nacht. Die gesamte Backstory der Hauptfigur wird in einem von Claudia Michelsen und Vincent Redetzki fulminant gespielten, verbalen Schlagabtausch vermittelt. Starkes Drehbuch. Packende Inszenierung. Physische, Schimanski-like Heldin mit Lederjacke und schwerer Maschine. Danach ging dem Duo Michelsen/Groth erst mal die Puste aus.

Foto: MDR / Stefan Erhard

Ein Verdächtiger schweigt, flucht, rastet aus – und gesteht in seiner Raserei nicht nur einen aktuellen Mord, sondern auch einen zweiten, dessen Fall erfolgreich abgeschlossen wurde. Wenig später widerruft er. Daraus ergibt sich für Kommissarin Brasch ein sehr persönlicher Fall, der für sie – zwischen Schuldgefühlen und Lebensgefahr – zu einer besonderen Tortur wird. Neben Claudia Michelsen brillieren in dieser hoch spannenden Schuld-und-Sühne-Geschichte, die aus einer konzentrierten, unaufgeregten Erzählung eine immer größere Sogkraft entwickelt, auch die Episodenhauptdarsteller Sascha Gersak und Laura Tonke als Paar des Grauens.

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Ein Zehnjähriger ist verschwunden. Ist er Opfer eines Unfalls oder eines Verbrechens geworden? Bei Kommissarin Brasch wecken die Ermittlungen unliebsame Erinnerungen. Drei Frauen, allesamt Mütter, bestimmen die Geschichte und den Ton von „Ronny“, der siebzehnten „Polizeiruf“-Episode aus Magdeburg. Beziehungs- und gesellschaftskritisch relevant ist dieser „Polizeiruf“ auch ohne pädagogischen Impetus und ohne eindeutige Botschaft. Dramaturgisch auffallend ist die kluge Interdependenz zwischen der Kommissarin und den Episodenfiguren. Die Körpersprache der Schauspieler und die Filmsprache verschmelzen zu einem unaufdringlichen Gesamtkunstwerk.

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Sie sind unter uns (2025)
Foto: MDR / Stefan Erhard

Der „Polizeiruf“ von Esther Bialas nach dem Drehbuch von Jan Braren geht andere Wege als ein Amoklauf-Thriller. Das Sujet sorgt von vornherein für ein hohes Suspense-Niveau; der Zuschauer weiß lange Zeit mehr als die Polizei. Auch in der zweiten Filmhälfte inklusive Finale bedarf die Geschichte keiner spannungssteigernden Methoden. Das unterscheidet „Sie sind unter uns“ von einem Genrefilm, der es allein auf den Nervenkitzel des Zuschauers abgesehen hat. Dieser Sonntagskrimi macht aus einer typischen Thriller-Situation am Ende ein Drama, das umso länger nachwirkt, nicht zuletzt, weil es über die Psychologie hinaus auch eine gesellschaftspolitische Dimension besitzt. Der Film wird im Herbst 2025 ausgestrahlt.

Foto: MDR / Stefan Erhard

Eine Fußgängerin ist von einem Pkw erfasst worden. Ist das überhaupt ein Fall für die Kripo? „Widerfahrnis“ ist der 20. „Polizeiruf“ mit Claudia Michelsen, ein Geschenk an diese Ausnahme-Schauspielerin und der perfekte Fall für ihre empathische Doreen Brasch. Der Titel klingt seltsam altmodisch, auch die Geschichte mit ihren Rückblenden ist ungewöhnlich. Der Film rekonstruiert eine Vita, bevor die Suche nach den Motiven beginnen kann. Auch ohne tödliche Bedrohung und ohne Action wird die Neugier gefüttert – sinnlich und unmittelbar in den Bildern, den Gesichtern, der Angst, dem Schmerz, der Panik, dem Spätherbst-Ambiente.

Foto: MDR / Felix Abraham

Gelegenheit macht Diebin. Eine Frau, die ihr Baby verloren hat, raubt sich ein anderes – und bringt damit nicht nur eine junge Mutter an den Rand der Verzweiflung, sondern setzt auch dem liebenswürdigen Kriminalrat Lemp, den sie in ihre Gewalt bringt, körperlich mächtig zu. „Du gehörst mir“ ist kein handelsüblicher Krimi, sondern ein ebenso vielschichtiges wie hoch spannendes Drama. Die Triebkräfte der Geschichte sind der große Schmerz, der sich Bahn bricht in Gewalt, und die tiefe Verzweiflung, die sich pathologisch auslebt. Durch die kluge Erzähl-Konstruktion und die Beredtheit der Bilder weiß man als Zuschauer mehr als die Figuren, und man beginnt früh zu spekulieren.

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