Ralf Prange (Bjarne Mädel) lebt seit 55 Jahren in derselben Rotklinkerwohnung in einer Hamburg-Barmbeker Siedlung – und er ist auch sonst ein Gewohnheitstier. Die Hausordnung ist ihm heilig; die anderen Mieter sollen sich gefälligst auch an sie halten. Aber so nörgelig er auch sein kann, für alle im Haus ist er der „Wunschnachbar“ – sprich: die Post(abhol)station. Prange scheint zufrieden zu sein mit seiner eigenbrötlerischen Existenz. Eine Zeitlang hat er seine Mutter in der Wohnung gepflegt, jetzt hat er nur noch eine Schwester (Gabriela Maria Schmeide), die ihn gern etwas mehr ins Leben schubsen würde. Außer einem Faible für Modellboote hat er kein Hobby, und er hat keine Frau. Warum, fragt sich sogar das achtjährige „Arschlochkind“ Malik (Samy Ghariani), das mit seiner Mutter (Angelika Richter) gerade eingezogen ist. Auch Paketbote Micki (Božidar Kocevski), mit dem Prange gelegentlich ein Bier zischt, würde das gern wissen. Ja, warum eigentlich? Ist Prange aus der Übung? Oder hat er noch nie eine Frau gehabt? So oder so, die neue Paketbotin ist für ihn „’ne Frau, an der man dranbleiben könnte“. Diese Dörte (Katharina Marie Schubert) steht zwar weitaus mehr im Leben als dieser Schockverliebte hinter dem Türspion, nach einer Scheidung fühlt sich das Landei in der Stadt allerdings ziemlich einsam. Die Chancen stehen also gar nicht schlecht für Prange. Nur, wie macht man den ersten Schritt: wahllos im Internet bestellen, um die Auserwählte täglich zu sehen? Vielleicht hilft ja die Vinylfaser-Tapete auf dem Weg zum ersten Date. Oder ist Horst von gegenüber (Olli Dittrich) am Ende womöglich schneller als er?
Foto: NDR / Thomas Leidig (o) / Manju Sawhney (u)
Der Fernsehfilm „Prange – Man ist ja Nachbar“ erzählt von einem Sonderling – ein Nachwuchs-Soziopath, ein liebenswerter Meckerkopp, der mächtig unangenehm, aber im nächsten Moment auch wieder freundlich und nett sein kann. Aber er ist nicht der Einzige, der sich seltsam verhält. Sein direkter Nachbar Horst Rohde zum Beispiel: Sobald sich etwas im Hausflur tut, geht sofort seine Wohnungstür auf. Er ist immer zu Hause, ist ein Beobachter, aber auch ein Schnacker; er erzählt viel und umständlich, und er stichelt bei Dörte gern gegen Prange, wohlwissend, dass er selbst bei ihr keinen Stich machen wird. Prange mag’s verbal eigentlich lieber lapidar und knapp („und Sie so?“), ins Plappern verfällt er immer dann, wenn er unsicher ist, wenn er sich außerhalb seiner Routinen bewegt. Und weil er sich etwas mit Dörte erträumt, was auch immer dieses „etwas“ sein mag, redet er viel. Anfangs gelingt ihm bei seiner Krakelunterschrift auf Dörtes Scanner noch ein Witz („Da könnte auch ein Schimpanse für mich unterschreiben“), doch je wichtiger ihm diese Paketbotin mit Prinzipien wird, umso peinlicher sein Verhalten. Erst hält er Vorträge über Vinylfasertapeten, dann prahlt er mit seiner Klebepistole. Und gerät er in doppelten Stress, flippt er völlig aus. Die Psychologie der Titelfigur, ihr Reden und Handeln, ist in jeder Situation stimmig, vom rituellen Scharmützel bis zum spontanen Wutausbruch.
Das Herzstück sowohl der Romanvorlage „Man ist ja Nachbar – Prange nimmt an“ als auch des kongenial von Lars Jessen („Für immer Sommer 90“) in Szene gesetzten Fernsehfilms sind die mentalen Tücken der Kommunikation. Dabei geht es um menschliches Verhalten im Allgemeinen, um vom Alltag abgeschaute und trocken humorig verdichtete Situationen, allein, zu zweit oder in Gruppe. Für den Zuschauer und Zuhörer aber geht es um die viel kleineren Teilchen des Lebens, um Zwischentöne, um Pausen, um emotionale Aussetzer, um Augen-Blicke, um Dialogwechsel, ja, um Worte. In den vermeintlichen Nebensächlichkeiten steckt die Wahrheit dieser Tragikomödie. In der präzisen Analyse des Moments erinnert „Prange“ an Loriots Komik, obgleich Andreas Altenburg, der nach dem Roman nun auch das Drehbuch geschrieben hat, weniger den Lacher, die Pointe, den Running Gag im Auge hat. Beiden geht es um die menschliche Natur, beobachtet in einem originären Milieu. Mal kurz und präzise, mal langatmig und plappermäulig, und immer ist eine Menge Unsicherheit im Spiel. „Prange“ ist alltagsnah in vieler Hinsicht. Es ist ein Film über die Einsamkeit, über den unschätzbaren Wert der Gemeinschaft, über die Möglichkeit zur Zweisamkeit oder „über das Gelingen“ (Lars Jessen). Die wahre Größe dieses – verkappten – Weihnachtsfilms steckt im Detail. Man muss nur genau hinhören und hinsehen, auf jede feine Nuance, jeden Blick, jeden Satz, jede Betonung von Bjarne Mädel und Katharina Marie Schubert achten (mit Olli Dittrich zusammen ein Trio zum Niederknien). Dann erkennt man, wie Lakonie den Alltag aufmischt und wie sie Sehnsüchte kitschfrei präsentiert. Der Film hat Herz, kommt jedoch ohne Gefühlsverstärker aus.
Foto: NDR / Manju Sawhney (o) / Thomas Leidig (u)
„Prange“ braucht keine klassische Handlung. Der Film hat Charaktere, ein (Treppen-)Haus, eine Wohnung, als weitere Hauptdarsteller, und als roter Faden genügt der Wunsch nach Nähe. Da lässt sich ein 55-Jähriger von einem Achtjährigen Tipps fürs erste Date geben. Da wird der Baumarkt zum Schauplatz geheimer Begierden. Die Interaktion dort beginnt nervös, eher Beratungsgespräch als Date. Als dann Pranges Klebepistole ins Spiel kommt, ist das Eis gebrochen. „Das spielt sich ja alles unter der Tapete ab“, sagt der Verliebte mit einem Augenaufschlag, als habe er „unter der Bettdecke“ gemeint. Als Dörte ähnlich frech zurückblickt, ahnt man als Zuschauer: Die Sache mit der Tapete an die Wand, klack, klack, ist offenbar tatsächlich eine sexuelle Metapher. Dörte erhofft sich, dass das mit dem Zusammenkleistern noch am selben Tag klappt. Prange wirkt erst mal überrumpelt. Dann steht er seinen Mann. Fred Astaire tanzte, Privatier Prange tapeziert. Doch die Klebepistole versagt auf der ganzen Linie. Zuvor hatte Dörte zu ihm noch den vielschichtig genialen Satz gesagt: „Was macht eigentlich einer wie Du an Silvester?“ Und komisch geht’s weiter. „Vielleicht leg‘ ich auf.“ Dörte: „Als DJ?“. Ralf (man ist schließlich beim Du): „‘ne, auf’m Grill, bei uns im Haus.“ Eine Antwort, die Dörte auch gern hört; schließlich mag sie den Geruch von Geräuchertem, „so richtig schön mit Holzkohle“. Es besiegelt die Affinität zwischen ihr und diesem schrulligen Typen, der mal in einer Räucherei gearbeitet hat.
Immer wieder finden Altenburg und Jessen solche stimmigen Situationen und Metaphern für das Anderssein ihrer Charaktere. Haben sie auf den ersten Blick wenig Gemeinsamkeiten, so strafen einen die Bilder Lügen: einmal sitzen die beiden in einer Parallelmontage in ihren Küchen, allein und in sich gekehrt. Und auch die erste Szene, Prange hockt in der Wohnung, mucksmäuschenstill, mit dem Rücken zur Wohnungstür, während draußen zu Halloween die Kinder auf Süßes oder Saures hoffen, wird später variiert, dann ist es allerdings Dörte, die sich nach draußen hin abschirmt. Deutlich wird auch immer wieder, dass beide das Besondere am anderen erkennen und wertschätzen – versinnbildlicht in einer Szene, in der Prange im Treppenhaus den Nikolaus für die Hausgemeinschaft gibt und Dörte ihm dabei heimlich zuschaut. Und er macht etwas, was er noch nie für jemanden getan hat. Er geht mit den Hausschuhen auf die Straße. Das erste Mal in seinem Leben. Dazu noch bei Regen. Er baut ihr kein Schloss; keine falschen Versprechungen, keine Riesenerwartungen. Leise Sympathie statt Riesen-Match. Die beiden pfeifen auf das neumodische Algorithmus-Zeugs.


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Der beste Film seit langem. War super.