Die magersüchtige Ronnie (Zoe Magdalena) ist mittlerweile sechs Wochen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Nach anfänglichen Flucht- und Leugnungstendenzen hat sie sich gut eingelebt und die Notwendigkeit einer Behandlung erkannt. Doch wenn sie sich im Spiegel betrachtet, kann sie nur heulen. “Ich bin gesund”, strahlt sie – und würde gern vorzeitig entlassen werden. Ihre Therapeutin (Minna Wündrich) weiß, dass das nicht stimmt: Die 17-Jährige hat zwar zugenommen, doch die Essstörung steckt noch immer in ihrem Kopf. Und so geht es weiter mit dem Selbsthass, dem vergeblichen Tricksen bei der Essbegleitung und dem Zusammenleben mit ihrer Social-Media-süchtigen Mitbewohnerin Kimmi (Evelin Schwarz), mit Esta (Saron Degineh), Melly (Felina Zenner), dem zwanghaften „Maskenmann“ Milan (Amadin Piatello) und Gina (Daria Vivien Wolf), die überraschend wieder in der Klinik auftaucht. Dagegen wendet sich ihr „Schwarm“, der bipolare Nick (Alessandro Schuster), zunächst von ihr und den anderen ab. Erst ein therapeutischer Waldausflug verändert die Gruppendynamik zum Guten und sorgt bei Ronnie und Nick erneut für Schmetterlinge im Bauch. Sie isst mehr und fühlt sich leichter. Gäbe es da nur nicht diese Regel: keine Beziehungen unter Patienten! Ronnie würde jetzt gern noch länger bleiben, als es der Therapieplan vorsieht. Dazu beigetragen hat auch das Weihnachtsfest mit ihrer Mutter (Azizè Flittner). Für Ronnie ist jetzt die Klinik ihr Zuhause.
Foto: ZDF / Martin Rottenkolber
„Man ist nie fertig mit Heilen“, reagiert die Therapeutin auf Ronnies Wunsch, den Aufenthalt in der Klinik zu verlängern. Damit ist ein realistischer Schlusspunkt für die ZDFneo-Serie „Hungry“ gesetzt. Die zweite Staffel, bei der nun auch Arte mit im Boot ist, erzählt im gleichen Setting mit dem gleichen Personal die gleiche Geschichte von den für gesunde Menschen schwer nachvollziehbaren Kämpfen und Widersprüchen, die Suchterkrankungen und Zwangsneurosen mit sich bringen, von dem Wunsch nach Heilung und dem steinigen Weg des Erwachsenwerdens. Dennoch sind diese 90 Minuten notwendig, nicht nur, um die Erzählung abzurunden, sondern vor allem, um die in der ersten Staffel gesetzten Themen, die psychischen Erkrankungen von Teenagern, verantwortungsvoll zu einem vorläufigen Ende zu bringen. „Therapie heißt: Du lernst, mit deinen Problemen umzugehen“, bringt es die erfahrene Therapeutin auf den Punkt. Und Ronnie, die immer noch unter Selbstzweifeln leidet und nicht weiß, was ihr Problem ist, hat’s kapiert: „Heilen heißt nicht, dass das Problem kleiner wird. Heilen heißt: Du wächst.“ Ein angemessener Schlusssatz in einer Serie, die sich auch ganz besonders an Betroffene wendet.
Foto: ZDF / Martin Rottenkolber
Ob man viel oder wenig weiß über Essstörungen, ihre seelischen Ursachen und die Qualen, die diese Krankheit verursachen kann, oder über andere Süchte, Zwänge und manisch-depressive Störungen – die kurzen Episoden mit ihren markanten und doch alltagsnahen Szenen vermitteln jedem ein eindringliches Bild von der Gefühlswelt und den ständigen Stimmungsschwankungen der Protagonist*innen. Auch die Sätze, die die Autorin, Hauptdarstellerin und einst selbst Anorexie-Patientin Zoe Magdalena ihren Figuren in den Mund gelegt hat, lassen etwas erahnen von der Komplexität dieser psychischen Erkrankung. Gleich zu Beginn deutet ein innerer Monolog von Ronnie die Schwere ihrer Störung an. „Ich hasse mich. Ich hasse mich, wenn ich mehr wiege, und ich hasse mich, wenn ich weniger wiege – weil mein Körper nie so ist, wie ich es will, weil ich nie so bin, wie ich es will. Ich will gesund werden. Aber ohne zuzunehmen. Ich hasse mich, weil ich mich selbst hasse.“ Spätestens jetzt sind auch unbedarfte Zuschauer*innen im Bilde: Diese Sucht ist schwer zu fassen. Selbst Bipolarität und das Leid eines Betroffenen sind vermeintlich leichter zu verstehen. „Du bist magersüchtig, du kannst essen, Therapie machen und irgendwann kommst du vielleicht wieder klar“, sagt Nick zu Ronja. „Aber ich bin bipolar. Ich bleib’ mein Leben lang so.“ Für seine Weigerung, in der manischen Phase weiter seine Pillen zu nehmen, hat er verständliche Gründe: „Ich will kein Zombie werden.“ Aber es gibt keine Alternative… „Hungry“ behält auch in Staffel 2 ihren aufklärerischen Impetus. Und das ist gut so. Es gibt genügend fiktionale Produktionen, bei denen die Problemthemen nur dazu da sind, um für mehr Drama und Fallhöhe zu sorgen. Da kann etwas Selbsthilfe für die auf (Außen-)Wirkung fixierte Gen Z nicht verkehrt sein. „Oft glauben wir, dass andere schlecht von uns denken, weil wir unsere eigenen negativen Glaubenssätze auf sie projizieren. Wir wissen aber nicht, was die anderen über uns denken. Außer, wir fragen sie.“ Clever, diese Therapeutin. Clever auch der pädagogisch vorbildliche Plot. Der Tag im Wald – die Natur, die Übungen, die Gespräche – hat allen gutgetan.
Foto: ZDF / Martin Rottenkolber
Auf die Glücksmomente beim Waldausflug oder bei der Weihnachtsfeier folgt garantiert der nächste verzweifelte Aggressionsschub. Ein Ausraster genügt und die Kommunikation aller ist gestört. Dieses Auf und Ab der Stimmungen passt gut zum „Instant-Fiction“-Format, das schnell, preiswert, knapp und auf Augenhöhe mit den Figuren gesellschaftlich relevante Themen anreißt. Die Narration ergibt sich aus Situationen, Momentaufnahmen, Gruppenritualen: Die Handlung resultiert aus den Nuancen in den Interaktionen. Finalisiert werden die sechs Folgen durch das Therapieziel: Heilung. Kern der Erzählung aber sind die Charaktere, insbesondere Ronnie und Nick, deren Probleme am tiefgründigsten behandelt werden. Schmerz und Verzweiflung vermitteln sich unmittelbar – und filmisch überzeugend: Detailaufnahmen, kleine Gesten, raumgreifendes Aufbegehren; dynamisierend und entlastend auch der Soundtrack. Sensibel, ohne jeden Voyeurismus, fängt die Kamera die Ängste und Nöte der Hauptfiguren ein. Einen Hoffnungsschimmer bietet die Gemeinschaft: gemeinsames Backen, Feiern, Natur entdecken, ja selbst eine Verabschiedung macht den Verbliebenen Mut. Und etwas zum Schmunzeln gibt es auch: Denn wieder ergreift zu Beginn jeder Folge die kleine Ronnie (Waris Leonhardt) laut und frech das Wort, um mit Erwachsenenklischees („Wo ein Wille ist, ist trotzdem kein Weg“) und naiven Kinderträumen aufzuräumen. „Kinder glauben an Hoffnung, sie glauben an Liebe, und sie glauben an sich. Wenn sie groß sind, vergessen sie es nur.“ Weniger lustig ist eine starke Szene, in der die große und die kleine Ronja wütend aufeinander sind. Die eine will in Muttis Weihnachtsnostalgie schwelgen, die andere rechnet mit ihrer Kindheit ab: 90 Sekunden „Instant Fiction“ vom Feinsten.

