Linda Belling (Valery Tscheplanowa) hat ihren Mann Ole im Streit von der Dachterrasse in den Tod gestoßen und ist darüber im Nachhinein, wie es scheint, untröstlich. In der U-Haft schlitzt sie sich die Pulsadern auf, und im ersten Gespräch mit Lou Caspari (Andrea Sawatzki) auf der Krankenstation ermahnt sie ihre Pflichtverteidigerin: „Sie sollten nicht versuchen, meine Tat zu relativieren. Ich lasse nicht zu, dass Ole auch noch schlecht gemacht wird.“ Linda Bellings Reue, ihre zerknirscht zur Schau gestellten Schuldgefühle, ihre Reflektiertheit, die sie demütig, und ihre Höflichkeit, die sie sympathisch wirken lassen – Valery Tscheplanowa zieht gleich in der ersten gemeinsamen Szene mit Andrea Sawatzki alle Register. Warum sollte man dieser Frau, die ihre Tat so unumwunden zugibt und damit eine sichere Verurteilung riskiert, nicht glauben wollen? Die Besetzung der Episoden-Hauptrolle mit der vielfach ausgezeichneten Theater- und Film-Schauspielerin Valery Tscheplanowa ist der besondere Trumpf in der ersten Episode der neuen ARD-Reihe „Die Verteidigerin“.
Foto: SWR / Hardy Spitz
Im Januar 2023 hatte der SWR schon einmal angesetzt zu einer gleichnamigen Reihe („Die Verteidigerin – Der Gesang des Raben“), damals noch mit Martina Gedeck in der Titelrolle einer Spezialistin für Wiederaufnahmeverfahren. Im zweiten Anlauf schicken der Sender und die Produktionsfirma Zum Goldenen Lamm die nicht minder populäre Andrea Sawatzki ins Rennen. Die Fortsetzung ist diesmal gewiss: Ein zweiter Film mit Sawatzki als Freiburger Pflichtverteidigerin ist bereits abgedreht. Ohnehin ist die Zahl der Fernseh-Anwältinnen in den vergangenen Jahren gestiegen. Das ZDF setzte zuletzt auf Natalia Wörner („Die Macht der Frauen“) und Désirée Nosbusch („Der Fall Conti“). In der ARD feierte gerade Petra Schmidt-Schaller („Im Namen der Wahrheit“) ihre Premiere als Erfurter Strafverteidigerin. Die verschiedenen Reihen sind in einem weiteren Sinne eher Spielarten des Krimi-Genres, wobei Gerichtsverfahren und juristische Aspekte mal mehr, mal weniger von Bedeutung sind. Dagegen verhandeln klassische Anwaltsserien wie einst „Liebling Kreuzberg“ und „Danni Lowinski“ oder gegenwärtig „Die Heiland“ und „Die Kanzlei“ häufig zwischenmenschliche Alltagskonflikte auf leichtere Art.
Allerdings scheint gleich der erste Fall für Lou Caspari eher untypisch für die neue Reihe zu sein, denn als Pflichtverteidigerin sieht sie sich zu einer besonderen Aufgabe berufen: „Die Menschen, die sich keinen Anwalt leisten können, haben meine Hilfe besonders nötig“, sagt sie. In „Der Fall Belling“ bekommt sie es freilich mit einer beruflich abgesicherten Mandantin zu tun, die ihre Dienste scheinbar widerwillig in Anspruch nimmt, sie aber in Wahrheit instrumentalisiert. Alles läuft glatt aus der Sicht von Linda Belling: Caspari befragt ihre befreundete Arbeitskollegin (Sarah Bauerett), einen Musikerkollegen (Immanuel Humm) ihres Mannes und Oles langjährige Mentorin (Adriana Altaras). So entsteht das Bild eines gewalttätigen Frauenhassers, der Linda schlug und in den sozialen Medien mit frauenverachtenden Beiträgen auffiel. Im Prozess gelingt es Caspari deshalb, für die Angeklagte eine niedrige Bewährungsstrafe herauszuschlagen. Wer ein Gerichtsdrama mit akribischer Wahrheitssuche und pointierten Rede-Duellen erhofft, wird allerdings enttäuscht sein. Die Szenen im Gerichtssaal sind nur ein Vorspiel und auf das Nötigste beschränkt, weil das eigentliche Drama nach dem von Linda Belling und ihren Freunden bejubelten Urteil beginnt: Anwältin Caspari kommen Zweifel, erst recht nachdem Carlo Hessler (Johannes Kühn) ein ganz anderes Bild seiner ehemaligen Partnerin Linda zeichnet. Wie schwer es fällt, sich gegen raffiniert gestreute Lügen und Gerüchte zu wehren, erfährt die Anwältin nun am eigenen Leib.
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Für beklemmende Spannung sorgt vor allem das perfide Spiel der narzisstisch gestörten PR-Agentin Belling, die mit sicherem Instinkt die Schwachstellen der Anwältin aufspürt und auch die im selben Haus lebende Vermieter-Familie und den in der gemeinsamen Kanzlei arbeitenden Ex-Partner (Thomas Limpinsel) gegen Caspari hetzt. Allerdings ist die Geschichte auch recht vorhersehbar konstruiert, alle fallen allzu leicht auf die Lügen herein – und sind am Ende ebenfalls überraschend leicht vom Gegenteil überzeugt. Dagegen wirkt die zuvor als erfahrene und erfolgreiche „Star-Anwältin“ eingeführte Caspari lange Zeit erstaunlich hilf- und tatenlos. Sawatzki spielt ruhig und abgeklärt, aber die Titelfigur könnte noch etwas mehr Profil und ein paar Ecken und Kanten vertragen. Da ist noch Luft nach oben.


3 Antworten
Wie fast immer ein sehr guter Bericht. Ich habe die Folge gesehen und dachte spontan, dass der Stoff für einen Zweiteiler gereicht hätte. Dann hätte man die Auflösung nicht so hektisch in die letzten 10 Minuten legen müssen. l
Ich war fasziniert vom Auftaktfilm, insbesondere der hochmanipulativen Bösartigkeit von Linda Belling. Für mich hatte die Figur nahezu paranoid-schizophre Züge. Eine geniale Fallstudie.
Von daher hätte ich mir auch mehr Zeit, gerne einen Zweiteiliger für diesen grandiosen Fall gewünscht.
Sehr guter Pilotfilm,der Lust auf mehr macht.Zwei grandiose Hauptdarstellerinnen,konsequente Regie und exzellente Kamerafuhrung.Die Musik begleitet raffiniert und gleichzeitig unaufdringlich . Das Drehbuch schlägt so einige überraschendeVolten..Bravo und weiter so !