Kümmern färbt offensichtlich ab. Je länger Anna Welsendorff (Katerina Jacob) und ihr Untermieter Werner Kurtz (Ernst Stötzner) zusammenwohnen, umso mehr nimmt er vom Verhalten dieser einst so „unmöglichen Person“ an. Jetzt hat er, der ehemalige Chef des Kölner Ordnungsamts, kurzerhand ein Kind bei sich und Anna aufgenommene, ohne die Polizei oder das Jugendamt zu verständigen. Während seines Dienstes bei der „Tafel“ ist die Mutter (Liza Tzschirner) der kleinen Pia (Soraya Maria Efe) im Laden zusammengebrochen. Und was soll ein gerade noch als „netter Mann“ bezeichneter Rentner anderes tun als helfen, wenn diese Frau ihn unter Schmerzen bittet, sich um das Mädchen zu kümmern? Als Anna hört, dass ein Kontaktverbot des Vaters (Philipp Danne) besteht, ist auch für sie die Sache klar. Ausgerechnet jetzt steht Klaus (Max Herbrechter), Kurtz‘ bester, ja, einziger Freund, nach einem Ehestreit auf der Matte. Und der ist ein noch größerer Prinzipienreiter als sein ehemaliger Vorgesetzter… Annas Hilfsbereitschaft färbt auch auf ihre Enkelin Nele (Johanna Schraml) ab, die das „Man muss sich kümmern“ dummerweise auf ihren Großvater Horst (Herbert Knaup) bezieht. Sein Sohn Jens (Golo Euler) und Annas Tochter Karin (Katharina Schlothauer) haben diesen Sonnengott in Weiß, der seine Frau Regine (Anke Sevenich) ein halbes Leben lang gedemütigt hat, nicht zu ihrer Hochzeit eingeladen. Nach Neles Alleingang ist der Familienfrieden nun noch nachhaltiger gestört.
Foto: Degeto / Frank Dicks
„Anna und ihr Untermieter“ geht in die fünfte Runde. Und wieder mischt sich die resolute Rentnerin, Mutter und Großmutter ein, hilft und gewährt Obdach, womit der Episodentitel „Volles Haus“ erklärt wäre. Nach Einsamkeits- und Helfersyndrom in „Aller Anfang ist schwer“ (2020) und nach den schwierigen Beziehungen der Vergangenheit – Annas windiger Ex und Kurtz‘ verhasster Bruder tauchen auf – in „Dicke Luft“ (2022), standen in „Wenn du träumst von der Liebe“ (2023) und „Plötzlich Schwiegermutter“ (2024) Herzensangelegenheiten im Mittelpunkt, mal die eigenen, die sich als bittere Illusionen erwiesen, mal die von Annas Tochter Karin. Mit dieser Liebe geht es diesmal weiter – mit einer Hochzeit, die erwartungs- und genregemäß am Ende steht. Bis dahin müssen jede Menge Probleme aus der Welt geschafft werden. Und dann ist da ja noch die Geschichte um Goldstück Pia, die sicherlich nicht nur die beiden Golden Ager ins Herz schließen werden. Der Film beginnt mit der Festnahme von Werner Kurtz. In der Folge springt die Handlung drei Tage zurück. Dieses überstrapazierte dramaturgische Hilfsmittel erweist sich in diesem Fall als clever: Der Leiter des Ordnungsamts Köln Süd wird festgenommen, ausgerechnet dieser Korrektheitsfanatiker – das wirft Fragen auf und macht mehr als nur neugierig. Mit diesem Trick kann sich Drehbuchautor Martin Rauhaus ohne Druck auf das konzentrieren, was „Anna und ihr Untermieter“ von den kriminalistischen, juristischen, medizinischen und sozialen „Fällen“ der meisten anderen Reihen unterscheidet: den Alltag, das WG- und Familienleben, die launigen Neckereien zwischen dem ungleichen Paar, also alles das, was das einst beliebteste und heute kaum noch im deutschen Fernsehen vorkommende Genre auszeichnete, die Familienserie.
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Dass die Weisheit des Alters und die soziale Ader der Achtundsechziger-Generation die Perspektive der Geschichten vorgibt, ist ein sympathischer Zug der Reihe. Nicht weniger sympathisch ist der Tonlagen-Mix aus moderat ernsthaft, mal leicht ironisch, mal betulich augenzwinkernd bis hin zu gefühligen Momenten. Wenn Erwachsene für einen süßen Dreikäsehoch mit Kulleraugen „Der Mond ist aufgegangen“ anstimmen, menschelt es nicht nur in Richtung Zuschauer, sondern es verändert auch die Art und Weise, wie die beiden Endsechziger miteinander umgehen. Zwar siezt man sich noch immer (was zum dramaturgischen Konzept der Reihe gehört), aber es ergeben sich auch innige, liebevolle Augen-Blicke zwischen ihnen („Auf Sie, Herr Kurtz!“). Nicht zu übersehen ist auch, dass der ehemalige Beamte durch das Zusammenleben mit Anna ein besserer, zufriedenerer Mensch geworden ist. Sein Heiratsantrag in der vorherigen Episode dürfte also nicht allein steuerliche Ursachen gehabt haben. Auch diesmal bringt er das Wort „Doppelhochzeit“ ins Spiel, allerdings eher spielerisch, dafür meldet sich sein Unterbewusstsein umso eindeutiger; er träumt von einer Hochzeit ganz in Weiß. Später (psycho)analysiert Anna ihren „Herrn Kurtz“ zwar wenig freundlich, aber auch nach dieser Situation zeigt sie sich bald einsichtig („Herr Kurtz, Sie sind nicht allein“). Diese Art von Interaktion ist typisch für „Anna und ihr Untermieter“; hier werden die Lösungen für kleinere Meinungsverschiedenheiten oder Beziehungsprobleme nicht auf die lange Bank geschoben. Konflikte werden nicht künstlich erzeugt, um vornehmlich die Geschichte am Laufen zu halten, sondern es sind Probleme, wie sie im Leben von Menschen tagtäglich vorkommen.
Und mehr noch: „Volles Haus“ ist nicht nur ein weiteres Plädoyer im Dramedy-Gewand für das Sich-Kümmern und das Sich-Einmischen „vor der Haustür“, weil es ja kaum noch einer tut, sondern es ist – mehr als seine Vorgänger – auch ein Film über Kommunikation. „Das ist die Lage: eine Fülle von vertrackten Problemen und Konstellationen“, sagt Anna zu ihrem Untermieter und stellt, um sich einen Überblick zu verschaffen, die verschiedenen (außer)familiären Interaktionen mit Wohnungsutensilien bildlich dar. Die weibliche Hauptfigur tritt also aus dem Beziehungschaos heraus und versucht, die Streitfälle, die Konflikte zu analysieren. Ein Coaching für Anfänger, bei dem „Herr Kurtz“ vor allem eines interessiert: „Wieso bin ich ein alter Eimer“; es bleibt also amüsant, locker, schrullig. Bemerkenswert ist es aber schon, dass ausgerechnet die impulsive Anna gegen Ende ihr Augenmerk auf das richtet, was beim Schreiben Autor Martin Rauhaus geschaffen hat: ein enges Beziehungsnetz, bei dem die kleinste Veränderung einer einzigen Interaktion das System mächtig durcheinanderbringt. Für Anna gilt also Ähnliches wie für Kopfmensch Werner: Auch sie hat von ihm etwas angenommen. Das gehört zum Wesen von Beziehung. Und: Die nächste Grundsatzdebatte folgt bestimmt …
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